Film
Isle of Dogs Ataris Reise

Wieder gilt die Liebe von Wes Anderson den Vertriebenen, den politisch Verfolgten: der amerikanische Kultregisseur lehrt uns das Erinnern, während er von der Zukunft erzählt und die Gegenwart alles überschattet.
Der skurrile Humor seiner dystopischen Stop-Motion-Parabel „Isle of Dogs – Ataris Reise” ist um vieles düsterer als in der melancholisch grotesken Gaunerkomödie „The Budapest Hotel”. Trotzdem lachen wir, sind hingerissen von dem überbordenden bizarren Zauber dieses neu entdeckten Miniaturkosmos zwischen schillernden Müllhalden und fernöstlicher Kunst, Diktatur und Rebellion, Wuff und Wau. Ein Tanz auf dem Vulkan.

 
Film
7 Tage in Entebbe

27. Juni 1976- deutsche und palästinensische Terroristen kapern die Air France Maschine 139 auf ihrem Flug von Tel Aviv nach Paris und erzwingen eine Landung in Entebbe, Uganda. Unter Androhung, die Passagiere nacheinander zu töten, fordern die Entführer fünf Millionen Dollar Lösegeld und die Freilassung von mehr als 50 inhaftierten Palästinensern.
José Padilha inszeniert sein kontroverses Geiseldrama „7 Tage in Entebbe” bewusst nicht als spannungsgeladenen Action-Thriller sondern als gefährliche Gratwanderung zwischen den Ideologien, nie bezieht er, der brasilianische Regisseur, selber politisch Position. Wie ein rast- und ratloser Unterhändler pendelt er zwischen Fronten und Gegnern, Fiktion und Fakten, die Perspektive auf das Geschehen wechselt ständig.

 
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A Beautiful Day

Lynne Ramsay inszeniert ihre virtuosen Thriller-Impressionen als Exkursion in die Abgründe der Seele.
Ein Auftragskiller ist Joe (Joaquin Phoenix) nicht, er tötet, nur wenn es sein muss: schnell, effizient, ohne zu zögern mit einem Rundhammer. Der Kriegsveteran und ehemalige FBI-Agent hat sich spezialisiert auf die Rettung entführter Minderjähriger, Mädchen, die in Nobel-Bordellen zur Prostitution gezwungen werden wie die dreizehnjährige Nina (Ekaterina Samsonov), Tochter des ambitionierten New Yorker Senators Votto. Joes Klientel zahlt gut, begrüßt Gewalt als Lösung und dementsprechend fließt viel Blut, aber außerhalb unseres Blickfeldes.

 
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Film 3 Tage in Quiberon Romy Schneider

Ein felsiger Strand in der Bretagne. Das Rauschen der Wellen wird übertönt vom Geschrei der Möwen. Eine Familie lässt einen Drachen steigen. Etwas weiter weg sitzt Romy Schneider auf der Hotelterrasse, unverwechselbar ihr Stil, Trenchcoat, Pferdeschwanz, Zigarette, sehnsüchtige Ausstrahlung. So beginnt Emily Atefs Film „3 Tage in Quiberon" über die damals berühmteste europäische Schauspielerin und jenes legendäre letzte Interview 1981 mit dem Magazin ‚Stern’.
Es ist das Porträt eines verzweifelten Befreiungsversuchs: intensiv, leidenschaftlich, schmerzvoll, ungeschminkt in der Tradition von John Cassavetes’ „A Woman Under the Influence” (1974). Momentaufnahmen hinreißend melancholischer Schönheit und doch erschreckend realistisch, die Traumrolle par excellence für Marie Bäumer.

 
Film
Transit

Geheimnisvoll suggestives Flüchtlings-Melodram um Liebe, Verrat und Lüge. Atemberaubende Bilder, überraschend, herzzerreißend, sie lassen uns nicht mehr los, vielleicht wird sich das wundervoll komponierte, filigrane Neo-Noir-Konstrukt in unserem Gedächtnis einnisten wie einst das Hollywood-Epos „Casablanca”.
„Transit” entstand nach dem gleichnamigen Roman von Anna Seghers. Der Film spielt 1940, aber Regisseur Christian Petzold macht das heutige Marseille zu seiner Kulisse, hebt so die Kluft auf zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Ein genialer Kunstgriff, Historie wird zu unmittelbarer Realität.

 
Film
I, Tonya

„Jeder hat seine eigene Wahrheit,“ erklärt trotzig die Protagonistin, genau deshalb schildert Regisseur Craig Gillespie Aufstieg und Scheitern der amerikanischen Eiskunstläuferin Tonya Harding (Margot Robbie) aus den verschiedenen Perspektiven der Beteiligten.
Entstanden ist eine irrwitzige Mockumentary: Biopic-Mix aus bizarren Interviews, Trash-Drama, skrupelloser Comedy und brutaler Familien-Agonie. Hochintelligent, absurd, amüsant, aber eigentlich unendlich verstörend, zeigt es doch wie tief verwurzelt, oft unüberwindlich Klassenschranken sein können in unserer Gesellschaft. Rotzig, flapsig, extrem aggressiv und schauspielerisch brillant Allison Janney als Inbegriff mütterlicher Kälte.

 
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The Florida Project

Nur das Dröhnen der Helikopter erinnert an den nah gelegenen Vergnügungspark „Magic Kingdom” und dessen florierende Touristikindustrie. Jene Welt bleibt unerreichbar für die Kids des Prekariats und doch winken sie fröhlich den Piloten zu. Noch ignorieren sie die Armut um sich herum, quietschen, lachen, sind immer in Bewegung, übermütig, frech, ausgelassen.
Das herrlich eigenwillige Sozialdrama mit seinen bonbonfarbenen Sonnenuntergängen und architektonischen Absurditäten ist eine Hommage an Hal Roachs Filmserie „Die Kleinen Strolche” (ab 1922). US-Regisseur Sean Baker erzählt in „The Florida Project” die Geschichte jenes Sommers aus der Perspektive seiner altklugen sechsjährigen Protagonistin, hautnah, herzzerreißend und gnadenlos unsentimental, authentisch ähnlich „Tangerine L.A.”, aber nicht wie damals mit dem iPhone gedreht sondern in wundervollen Breitwand-Landschaften. Pop verité nennt Baker, ein Meister der Improvisation, seinen hyperstilisierten Realismus.

 
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Call Me by Your Name

Eine hinreißende subtile Liebesgeschichte, ihr melancholischer Zauber ist überwältigend, unwiderstehlich: Jene unerträgliche Sehnsucht, das schmerzhafte Verlangen zwischen Scham, Stolz, Angst, Sprachlosigkeit und dem ach so fragilen Glück fühlt sich an, als wären es die eigenen, fast vergessenen Erinnerungen.
Wir spüren die wundervoll träge Mattigkeit am Ende heißer Sommertage und eine nie überwundene Wehmut. Strahlte Luca Guadagninos Film „A Bigger Splash” (2016) eher die elegant erotische Kühle eines Hitchcock-Thrillers aus, „Call Me by Your Name”, diese sinnliche behutsame Coming-of-Age-Romanze eines altklugen Siebzehnjährigen ist genau das Gegenteil und wurde für vier Oscars nominiert.

 
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Die Verlegerin Filmstill

Grandioses Polit-Kino als beschwörendes Fanal.
Das Doku-Drama „Die Verlegerin” ist Steven Spielbergs unmittelbare Reaktion auf das Jahr Eins der Ära Trump, jenes US-Präsidenten, der in geifernder Polemik Journalisten als „scum” bezeichnet oder „unehrlich”, der Meinungs- und Pressefreiheit zur Farce reduziert, während er selbst täglich für neue Schlagzeilen sorgt. Regisseur Spielberg steckte 2017 mitten in den Dreharbeiten seines Science-Fiction-Thrillers „Ready Player One”, aber kurz entschlossen schob er den Film über die umstrittene Veröffentlichung der geheimen „Pentagon-Papiere” dazwischen. Es ging um die Lage im Vietnamkrieg, der jahrzehntelange Vertuschungsskandal des Weißen Hauses erschütterte 1971 die Vereinigten Staaten ähnlich wie wenig später die Watergate-Affäre. Die Parallelen zur Gegenwart sind nur zu offensichtlich, die Zeit drängt, es gilt Widerstand zu leisten. Jetzt genau wie damals.

 
Film
Shape of Water Das Fluestern des Wassers

Betörender Genre-Mix aus Märchen, Musical, Spionagethriller, Liebesgeschichte, Neo Noir. Guillermo del Toro verändert nachhaltig den magischen Kosmos von ‚La Belle et la Bête’ und auch ein wenig unsere Welt. Die ästhetisch frappierende Fantasy-Burleske mit unverkennbar politischer Message wurde nominiert für 13 Oscars.
Das melancholische bildgewaltige Außenseiter-Epos als Hommage an die Unsterblichkeit des Kinos ist wohl der persönlichste Film des mexikanischen Regisseurs und Autors. „Shape of Water – Das Flüstern des Wassers” erzählt von der stummen Putzfrau Elisa Esposito (Sally Hawkins), die in einem streng geheimen unterirdischen Forschungslabor der US-Regierung Toiletten und Böden schrubbt.

 
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Alles Geld der Welt

Elegantes Kidnapping-Drama als Psychogramm menschlicher Gier.
Rom, Juli 1973. „Bambino” nennen ihn die Prostituierten vom Piazza Farnese ironisch-mitleidig, locken zu nächtlicher Stunde mit einer Portion Pasta am heimischen Herde. Der magere 16jährige mit dem selbstbewussten Lächeln ist John Paul Getty III (Charlie Plummer), Enkel des berühmten Ölmagnaten und reichsten Mannes des Planeten. Gerade noch hat das arrogante Kerlchen für eventuelle Dienste Rabatt gefordert, da bremst ein Wagen, Maskierte springen heraus, zerren ihn ins Innere des Fahrzeugs und rasen davon. Die Entführer verlangen 17 Millionen Dollar Lösegeld. Gail Harris, Pauls Mutter (Michelle Williams), hält den Anruf zunächst für einen Scherz, sie hat grade noch genug für die Miete. Ihr kauziger Ex-Schwiegervater (Cristopher Plummer) weigert sich standhaft, auch nur einen Cent herauszurücken, er fürchtet Nachahmer, hat er doch 14 Enkelkinder.

 
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„The Disaster Artist”. James Franco und der Kult um das Scheitern

Vor vierzehn Jahren erlangte Tommy Wiseaus Leinwand-Epos „The Room” in Hollywood zweifelhafte Berühmtheit als „schlechtester Film aller Zeiten”. Lächerlichkeit, was könnte ein Künstler mehr fürchten in einer erbarmungslos auf Erfolg fixierten Welt. Nur zweihundert Zuschauer erschienen damals, aber irgendwann fanden die Cineasten Gefallen an dem absurd-dilettantischen Machwerk, es avancierte zum viel frequentierten Happening-Spektakel wie einst „The Rocky Horror Picture Show”.
„The Disaster Artist” ist weder Karikatur noch Parodie, fast liebevoll nimmt sich Regisseur und Schauspieler James Franco des glücklosen untalentierten Träumers an. Er verkörpert ihn mit akribischer Intensität, wurde dafür mit dem Golden Globe ausgezeichnet. Auch wenn Tommy Wiseau immer ein Fremder bleibt, sein unbegreiflicher Gedanken-Kosmos ein Minenfeld, steckt doch ein Hauch jener bizarren verzweifelten Selbstüberschätzung in vielen von uns, – notgedrungen.

 
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Die dunkelste Stunde

Joe Wrights eleganter Politthriller „Die dunkelste Stunde” ist das Gegenstück zu Christoper Nolans überwältigendem Suspense-Epos „Dunkirk”. Zwei Filme, die verschiedener nicht sein könnten, und doch gehören sie zusammen, ergänzen sich. Ob Kammerspiel oder Genresprengstoff, es geht um die gleiche folgenschwere Entscheidung des Kriegsjahres 1940 in England: das Überleben unzähliger Menschen, den Fortbestand einer Demokratie, die Entscheidung, lieber kämpfen und sterben, als sich der Diktatur des Nationalsozialismus beugen.
Spontane Standing Ovations in den Kinos Großbritanniens, wenn Gary Oldman in der Rolle des Premierministers Winston Churchill jene legendäre „We shall fight on the beaches”-Rede hält.

 
Film
Three Billboards Outside Ebbing Missouri

Genialer Genre-Mix aus Neo-Western und Kleinstadt-Satire.
Manchmal ist es leichter einen Molotow-Cocktail zu werfen als zu weinen. Mildred Hayes (Frances McDormand) will Gerechtigkeit um jeden Preis: Vor sieben Monaten wurde ihre Tochter vergewaltigt und ermordet, vom Täter keine Spur. Unbändige Wut verdrängt alle Gefühle selbst Trauer. Die furchtlose zynische 50jährige mietet für 5000 Dollar den Monat drei riesige Werbetafeln am Ortsausgang und beschuldigt weithin sichtbar Sheriff Bill Willoughby (Woody Harrelson) der Untätigkeit. Mildreds Überzeugung nach foltern Cops lieber Schwarze statt echte Verbrechen aufzuklären. Vom ersten Moment an gehört unsere Sympathie der taffen Protagonistin, die mit lakonischen, köstlich vulgären Sprüchen ihre potenziellen Gegner außer Gefecht setzt.

 

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