Mit der ersten Saison unter dem neuen Generalmusikdirektor Omer Meir Wellber begibt sich das Philharmonische Staatsorchester Hamburg auf eine spielerische und zugleich tiefgehende Reise zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Unter dem Titel ZeitSpiele entstehen neue Perspektiven auf das klassische Repertoire: Für alle Philharmonischen Konzerte der Saison wurden zeitgenössische Komponist:innen eingeladen, einen neuen Satz zu bestehenden Werken zu schreiben – ein bewusst offener Dialog zwischen Tradition und Gegenwart.
Das 10. Philharmonische Konzert bildet den Abschluss dieser Reihe und vereint zwei große sinfonische Erzählungen: Max Bruchs Violinkonzert Nr. 1 g-Moll op. 26 sowie Antonín Dvořáks Sinfonie Nr. 9 e-Moll op. 95 „Aus der Neuen Welt“. Als Solistin in Bruchs Violinkonzert ist die vielfach ausgezeichnete US-amerikanische Geigerin Hilary Hahn zu erleben, die international zu den herausragendsten Künstlerpersönlichkeiten ihres Fachs zählt und seit Jahrzehnten die großen Konzertpodien der Welt prägt.
Im Mittelpunkt steht eine besondere musikalische Überschreibung: Für den ersten Satz von Bruchs Violinkonzert hat die kanadische Komponistin Barbara Assiginaak das Werk „Niibaashkaa – Travels at Night“ geschaffen. Der Titel entstammt dem Ojibwe (Anishinaabemowin), einer indigenen Sprache Nordamerikas. Assiginaak beschreibt ihre Komposition als eine Art Zeitreise, in der ein musikalischer Dialog mit dem ursprünglichen Werk entsteht und das Publikum durch „vier Träume“ führt – mit Begegnungen von Natur, Erinnerung und Imagination.
Die zweite Konzerthälfte erweitert das Thema der Reise in globale Dimensionen: Antonín Dvořáks berühmte Sinfonie Nr. 9 entstand während seines Aufenthalts in den USA und verbindet europäische Tradition mit musikalischen Eindrücken des amerikanischen Kontinents. Dvořák setzte sich intensiv mit afroamerikanischen Spirituals, indigener Musik und den Liedtraditionen europäischer Einwanderer auseinander – und formte daraus eine der ikonischsten Sinfonien der Musikgeschichte.
Zitat Omer Meir Wellber:
„Ich kann kaum glauben, dass unsere erste gemeinsame Saison bereits zu Ende geht. Es war ein intensives Jahr voller Risiko, Freude, Fantasie und Kreativität – getragen von großer Offenheit und gegenseitiger Wertschätzung. Ich bin sehr stolz auf mein Orchester und ebenso dankbar für unser Publikum. Sein Vertrauen und seine Neugier sind alles andere als selbstverständlich und etwas ganz Besonderes. Umso mehr freue ich mich auf die kommende Saison, in der uns Beethoven als Wegweiser durch die dunklen wie auch die hellen, süßen Pfade der musikalischen Welt begleiten wird.“
Zitat Barbara Assiginaak:
„Es ist eine Art Zeitreise, bei der man eine Unterhaltung mit dem Komponisten führt. Ich habe solche dialogischen Formen bereits früher erprobt, etwa mit Beethovens Zweiter Sinfonie. In meiner Vorstellung wird das zu einer imaginären Reise in die Gedankenwelt des Komponisten – zu seinen Ideen, seinem Humor, und seinen innersten musikalischen Vorstellungen. Für mich ist das Spielen von Musik etwas Körperliches: Ich stelle mir nicht nur die Klänge vor, die von den Musiker:innen geschaffen werden, sondern welche Art von Choreografie damit einhergeht, die all diese Klänge verkörpert. Für mich ist Orchestermusik wie Theater - mit den Solist:innen als Erzählfiguren!“
ZEITSPIEL ZEHN
Was heißt Reise, wenn sie Musik wird – und was, wenn Musik selbst unterwegs ist?
Das 10. ZeitSpiel verbindet unterschiedliche kulturelle Perspektiven und eröffnet einen Raum, in dem musikalische Identität als etwas Bewegliches erscheint. Zwischen Bruchs romantischer Virtuosität, Assiginaaks zeitgenössischer Überschreibung und Dvořáks sinfonischem Weltenentwurf entsteht ein vielschichtiger Dialog über Herkunft, Erinnerung und Transformation.
Das Programm
10. Philharmonisches Konzert
MAX BRUCH / BARBARA ASSIGINAAK
Max Bruch – Violinkonzert Nr. 1 g-Moll op. 26
o I. „Niibaashkaa – Travels at Night“ (Überschreibung von Barbara Assiginaak, UA)
o II. Adagio
o III. Finale. Allegro energico
Pause
Antonín Dvořák – Sinfonie Nr. 9 e-Moll op. 95 „Aus der Neuen Welt“
o I. Adagio – Allegro molto
o II. Largo
o III. Scherzo. Molto vivace
o IV. Allegro con fuoco
Besetzung & Rahmen:
Violine: Hilary Hahn
Dirigent: Omer Meir Wellber
Orchester: Philharmonisches Staatsorchester Hamburg
Dauer inkl. Pause: ca. 90 Minuten
Einführungsgespräch: mit Lucilla Schmidinger und Künstler:innen jeweils eine Stunde vor Konzertbeginn im Großen Saal. Kurzer Schnack mit Omer Meir Wellber zu Beginn des Konzerts.
BIOGRAFIEN
Barbara Assiginaak, C.M., O.Ont. – Komponistin
Die Komponistin und Musikerin Barbara Assiginaak ist Anishinaabekwe (Odawa, Ojibwe und Potawatomi) und verbindet indigene Musiktraditionen mit einer klassischen Ausbildung. Sie studierte unter anderem an der University of Toronto sowie an der Hochschule für Musik und Theater München und komponiert seit ihrer Kindheit für traditionelle Instrumente der Anishinaabe ebenso wie für klassische Besetzungen. Seit 1995 ist sie international tätig. Ihr Schaffen umfasst Solo-, Kammer-, Chor- und Orchestermusik sowie Werke für Theater, Tanz, Film und interdisziplinäre Projekte. Häufig tritt sie selbst als Solistin mit Stimme, Flöte und traditionellen Instrumenten auf. Viele ihrer Arbeiten beschäftigen sich mit Erinnerung, Geschichte und Versöhnung und sind von ihrer Herkunft als Nachfahrin indigener Vertragsunterzeichner sowie von den Erfahrungen ihrer Familie mit den kanadischen Residential Schools geprägt. Barbara Assiginaak lehrt als Assistant Professor und Koordinatorin für Komposition an der Faculty of Music der Wilfrid Laurier University.
HILARY HAHN – Violine
Hilary Hahn verbindet ausdrucksstarke Musikalität und technisches Können mit einem vielfältigen, von künstlerischer Neugier geprägten Repertoire. In den vergangenen Spielzeiten war sie die erste Artist-in-Residence des Chicago Symphony Orchestra, Artist-in-Residence der New Yorker Philharmoniker sowie Curating Artist des Festivals Hilary Hahn & Friends am Konzerthaus Dortmund. Seit 2024 ist sie Dozentin für Violine an der Juilliard School. Hilary Hahn hat persönlich Werke von über 40 zeitgenössischen Komponistinnen und Komponisten in Auftrag gegeben und sich nachhaltig für deren Aufführung eingesetzt, darunter Steven Banks, Jennifer Higdon, Jessie Montgomery und Carlos Simon. Ihr 2021 erschienenes Album Paris enthält die Weltersteinspielung von Einojuhani Rautavaaras Deux Sérénades, einem Werk, das eigens für Hahn komponiert und 2019 von ihr uraufgeführt wurde. Hahn ist eine erfolgreiche Aufnahmekünstlerin. Drei ihrer Alben wurden mit einem Grammy ausgezeichnet: das Konzert-Album mit Werken von Brahms und Strawinsky, eine Aufnahme der Violinkonzerte von Schönberg und Sibelius sowie In 27 Pieces: The Hilary Hahn Encores.
OMER MEIR WELLBER – Dirigent
Omer Meir Wellber ist seit der Saison 2025/26 Generalmusikdirektor der Staatsoper Hamburg und des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg – mit einem künstlerischen Profil, das für Grenzüberschreitungen, Offenheit und mutige
Perspektivwechsel steht. Er begann seine musikalische Ausbildung mit Akkordeon und Klavier und studierte außerdem Komposition. Früh war er Assistent von Daniel Barenboim und debütierte an Häusern wie der Scala, der Bayerischen Staatsoper und der Metropolitan Opera New York. Es folgten Stationen als Music Director der Oper in Valencia als Nachfolger von Lorin Maazel, erster Gastdirigent der Semperoper Dresden, Music Director am Teatro Massimo Palermo und Musikdirektor der Volksoper Wien. Er gastiert regelmäßig bei Orchestern wie dem Gewandhausorchester Leipzig, dem London Philharmonic Orchestra, den Wiener Symphonikern, dem Swedish Radio Orchestra und dem Orchestre de Paris. Seine Leidenschaft ist das Schreiben: 2017 veröffentlichte er Die Angst, das Risiko und die Liebe: Momente mit Mozart, 2019 folgte mit Die vier Ohnmachten des Chaim Birkner sein erster Roman.
Philharmonisches Staatsorchester
Hamburgs ältestes Orchester mit Wurzeln bis 1828, prägt seit 1934 als Konzert-, Opern- und Ballettorchester die Klanglandschaft der Hansestadt. Seit der Spielzeit 2025/26 ist Omer Meir Wellber der neue Generalmusikdirektor und setzt frische künstlerische Akzente. In der Reihe ZeitSpiele führt er mit zeitgenössischen Komponist:innen musikalische Dialoge zwischen Vergangenheit und Gegenwart: Klassiker wie Beethoven werden bewusst unterbrochen und um neue Sätze ergänzt. In der neuen Blauen Woche beleuchtet das Orchester Verwandlung und Innovation in besonderen Konzertformaten. Auch die Philharmonischen Kammerkonzerte spannen einen weiten Bogen von Raritäten bis zu modernen Klangexperimenten. Sonderprojekte wie Peter und der Wolf von St. Pauli verbinden Klassik und Kriminalfall im Tivoli, während das partizipative Programm CLICK in und die renommierte Orchesterakademie jungen Menschen den Zugang zur klassischen Musikwelt öffnen.
SPIELSTÄTTE & TERMINE:
Elbphilharmonie, Großer Saal
• Sonntag, 5. Juli 2026, 11:00
• Montag, 6. Juli 2026, 20:00
Quelle: Philharmonisches Staatsorchester Hamburg

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