Mit dem Einsatz des widerstrebend-ringenden ersten Akkords von Mozarts Don-Giovanni-Ouvertüre entlud sich die von Schleswig-Holsteins Windrädern an diesem Tag erzeugte und offensichtlich in Omer Meir Wellber gespeicherte Energie klangprächtig.
Ein beeindruckend intensiver Konzertauftakt von Dirigent und Orchester.
Lebendige Auseinandersetzung mit dem Tod
Die Oper „Don Giovanni“ von Mozart ist ein Dramma giocoso, also ein fröhliches Drama, so tragisch auch die dramatische Aussage sein mag. Es ist eine opera buffa. Dafür sprechen Struktur, Form und Typologie der Personen. Und diese stellen uns Wellber und „Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen“ bereits in der Ouvertüre äußerst farbig vor. Da werden zum Beispiel gleich zu Beginn vier aufeinanderfolgende spannungsreiche, im Aufbau identische sforzato-Akkorde vierfach unterschiedlich gefärbt: durch verschiedene Härtegrade, durch Nuancierung der Dynamik, durch Veränderung der Registerbalance, durch zeitliche Dehnung. Verbunden mit höchst leidenschaftlichem Musizieren aller Beteiligten führte das zu einem äußerst lebendigen, emotional differenzierten Klangerlebnis. Das nährte die Sehnsucht, die ganze Oper zu hören. Die hörten wir an diesem Abend natürlich nicht. Der eigentlich folgenden buffonesken Arie des Leporello beraubt, werden wir allerdings durch den folgenden Auftritt von Hilary Hahn überbordend belohnt.
Hilary Hahn – musikalische Himmelsgestalt
So haben wir Max Bruchs Violinkonzert Nr. 1 g-Moll, op.26, noch nie gehört! Ein dramatischer Erzählbogen größter Geschlossenheit bei gleichzeitig großer Spannkraft. Überzeugende Tempogestaltungen, ob in Übergängen oder im feinsten inneren Satzgefüge. Sinnstiftung durch dynamische Fingerzeige. Gelassene Überlegenheit dank faszinierender Technik. Ruhig atmende Bogenführung, transparente, ausdrucksstarke Triller. Selbst größte Sprünge gestaltet Hilary Hahn intonationssicher und entschieden. Doppelgriffe klingen glasklar. Das Zusammenspiel zwischen Philharmonikern, Wellber und Hahn ist geprägt von Harmonie und ernsthafter Heiterkeit. Der Geigenton klingt in allen Lagen wunderschön. Das Publikum geht jubelnd und beseelt in die Pause.
Liebevolle Gestaltung zeitgenössischer Musik
Nach der Pause gibt es mit „Labyrinthe du temps“ von Aziza Sadikova erfreulicherweise nicht den erwarteten Schock, den zeitgenössische Kompositionen mitunter auslösen. Durch den geschickt sparsamen Einsatz musikalischer Zitate aus Werken von Couperin und Bach werden uns Möglichkeiten der Verankerung gegeben. Solche tonalen Erinnerungsinseln werden verblüffend homogen eingebettet, dann aber auch genauso verblüffend weiterentwickelt und in ferne Klangwelten geführt, sodass vermutlich selbst ein Brahms seine Freude daran gehabt hätte.
Dank bemerkenswert klanglicher Phantasie entstehen immer neue Klangbilder, die in ihrer Dramatik Spannungsabläufen ähneln, wie wir sie sonst nur aus tonaler Musik und der damit verbundenen Spannungs-Entspannungstektonik kennen. Dabei erleben wir überraschend schöne, neue Klangräume. Hier ein Cluster aus schwingendem „Gläserton“, Geigenflageolett und gestrichenem Becken, dort ein erst virtuos flirrendes, dann ausdrucksstark atmendes Akkordeon. Das Zusammenspiel der beiden Solisten (Hilary Hahn/Violine, Geir Draugsvoll/Akkordeon) ist betörend, die äußerst virtuose Darbietung ernsthaft und liebevoll zugleich. Eine Uraufführung, die schon beim ersten Hören beeindruckt.
Zauberhaft, geheimnisvoll, mitreißend
Wollte Aziza Sadikova in ihrer Komposition eine skurrile Reise in die Vergangenheit darstellen, so ist die 4. Sinfonie von Robert Schumann „in einem Satz“ eine faszinierende Zeitreise von der hintergründigen Vorzeit (mit mehreren werkinternen und musikhistorischen Rückblenden) bis in die Gegenwart der Coda des Finales. Sie erreicht in mehreren Wellen einen Abschluss, der den gesamten Zyklus verbindet. Wellber und der Philharmonie Bremen gelingen dabei die überzeugende Darstellung der beiden Schumann‘schen Wesenszüge: die des träumerischen Eusebius und des stürmischen Floristan. Schroff akzentuiert herausgearbeitete Motivgestaltung wechselt mit lyrisch-verhaltener Seufzerarchitektur. Brillante Streicherfiguren durch alle Register wechseln mit pastoralen Bläserfarben in Oboe und Horn. Bei aller Verschiedenheit, bei allen bis ins größte Extrem geführten Gegensätzen, schafft Wellber durch inwendig erlebte Zeitabläufe erzählerischen Zusammenhalt. Zauberhaft, geheimnisvoll, mitreißend. Jubelnder Applaus.

Foto: Marion Hinz
Zum Abschluss ein weiteres Geschenk
An diesem außergewöhnlichen Abend gibt es auch eine Zugabe vom Orchester: Der langsame Satz aus Mozarts 1. Sinfonie, komponiert im Alter von acht Jahren. Wellber schlägt in seiner launigen Schlussansprache den Bogen von der eingangs gespielten Ouvertüre (komponiert nach dem Tod des Vaters) zur 1. Sinfonie (komponiert während eines London-Aufenthalts mit dem Vater). Schon hier – wie im späten Don Giovanni – erleben wir Leichtigkeit ohne Oberflächlichkeit. Schon hier einen detailreich durchgearbeiteten Mittelteil. Schon hier Überraschung und Folgerichtigkeit in Balance. Die größte Anerkennung der über tausend Besucher in der Rendsburger Christkirche für die großartige Leistung der Künstler war an diesem Abend die absolute Stille während des gesamten Konzerts.
Hilary Hahn
Das Konzert fand am 24. Juli 2026 in der Christkirche Rendsburg im Rahmen des Schleswig-Holstein Musik Festivals (bis 30.08.2026) statt.
Hilary Hahn, Violine | Geir Draugsvoll, Akkordeon | Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen | Omer Meir Wellber, Dirigent
Programm:
Wolfgang Amadeus Mozart: Ouvertüre zu „Don Giovanni“ KV 527
Max Bruch: Violinkonzert Nr. 1 g-Moll op. 26
Aziza Sadikova: Doppelkonzert für Violine und Akkordeon „Labyrinthe du temps“
Robert Schumann: Sinfonie Nr. 4 d-Moll op.120
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