Fotografie
Links: Junge mit Bass, Balaton, Ungarn, 1931. Rechts: Starnberger Straße, Berlin, 1931. © Eva Besnyö / Maria Austria Institut

Eine der bislang größten Retrospektiven mit dem Titel „The Liberated Camera“ (Dt.: Die befreite Kamera) der Fotografin Eva Besnyö, die dem 20. Jahrhundert ein Gesicht gab, ist ab morgen im Fotomuseum in Den Haag zu sehen.

 

Die Fotografin Eva Besnyö (1910–2003) war nicht nur Zeugin, sondern auch eine treibende Kraft der Emanzipation der Fotografie. Gemeinsam mit ihren Zeitgenossen experimentierte sie frei mit einer neuen Bildsprache, die sich von der Malerei weg und hin zur Realität bewegte und von echter Dynamik und Unmittelbarkeit geprägt war.

 

Eva Besnyö wurde in Budapest geboren. Als Teenager erhielt sie von ihrem Vater eine Kamera – ein schicksalhafter Moment, der den weiteren Verlauf ihres Lebens bestimmen sollte. Sie nahm in der ungarischen Hauptstadt Unterricht bei József Pécsi (1889–1956), einem bekannten Fotografen. Er gehörte zu denjenigen, die sie ermutigten, 1930 nach Berlin zu ziehen, um ihre fotografische Karriere fortzusetzen.

 

Der Aufstieg des Faschismus veranlasste sie 1932 dazu, in die Niederlande zu ziehen, wo sie sich schnell einen Namen als professionelle Fotografin machte.

 

Besnyö spielte eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung der niederländischen Fotografie im 20. Jahrhundert. Sie gehörte zu den bekanntesten Vertretern der Bewegung der „Neuen Fotografie“ in den Niederlanden, einer Gruppe, die sich durch einen modernen, experimentellen Ansatz und die Konzentration auf alltägliche Motive auszeichnete.

 

Neben ihrer künstlerischen Arbeit engagierte sich Besnyö auch in sozialen Bewegungen. In den 1970er Jahren setzte sie ihre Fotografie ein, um auf Frauenrechte aufmerksam zu machen. Ihr fotografisches Œuvre umfasst ein breites Spektrum an Themen, von Porträts und Straßenfotografie bis hin zu Landschaften und abstrakten Kompositionen. Eva Besnyö starb am 12. Dezember 2003 in Laren (Nordholland).

 

In diesem Herbst präsentiert das Fotomuseum Den Haag eine der bislang größten Retrospektiven zum Werk von Eva Besnyö. Sie wurde aus Fotografien zusammengestellt, die in der eigenen musealen Sammlung aufbewahrt werden – dem weltweit größten Konglomerat ihrer Werke. Vor dem Hintergrund eines sich radikal wandelnden Europas zeichnet die Ausstellung den Lebensweg von Besnyö nach: von ihren ersten Erfahrungen mit der Kamera in Budapest und ihren prägenden Jahren im rauen Berlin der 1930er Jahre bis hin zu ihrem Leben und ihrer Karriere in Bergen (Nordholland) und später in Amsterdam, wo sie Teil eines progressiven Künstlerkreises war.

 

Ebenfalls thematisiert werden der Zweite Weltkrieg, der tiefe Spuren hinterlassen hat, sowie das Engagement der Künstlerin bei den „Dolle Minas“, einer feministischen Bewegung der 1970er Jahre. Anhand von historischen Abzügen, Archivmaterial, Zeitschriften, Briefen und persönlichen Dokumenten zeichnet die Ausstellung ein facettenreiches Bild sowohl von Besnyös Œuvre als auch vom 20. Jahrhundert, in dem politische Ereignisse und der Kampf um die Emanzipation der Frauen eng mit ihrem Leben und Werk verflochten sind.

 

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„Besnyö verfügte nicht nur über ein außergewöhnliches Talent für die Fotografie, sondern auch über einen ausgeprägten unternehmerischen Instinkt. Aus ihrer Position als Migrantin heraus gelang es ihr immer wieder, sich einen Platz in führenden Künstlerkreisen zu erobern, durch Fotoaufträge ihre eigene Karriere aufzubauen und Initiativen zu verwirklichen, die die Fotografie als Kunstform vorantrieben, wie beispielsweise die bahnbrechende Ausstellung ‚Foto ’37‘ im Stedelijk Museum Amsterdam, erläutert Margriet Schavemaker, Generaldirektorin des Kunstmuseums Den Haag und des Fotomuseums Den Haag.

 

Neue Fotografie

Stilistisch wird ein Großteil von Eva Besnyös Werk der „Neuen Fotografie“ zugeordnet, einer Bewegung, die die Kamera als Mittel nutzte, um die Welt auf neue, objektive und experimentelle Weise zu erschließen. Unerwartete Kamerawinkel, markante diagonale Linien und klare Kompositionen waren die Markenzeichen dieser Bewegung. Mit scharfem Blick hielt Besnyö Menschen, Städte, Architektur und gesellschaftliche Veränderungen fest. Ihre Fotografien zeigen die Welt, wie sie sie wahrnahm: modern, dynamisch und in ständigem Wandel.

 

Auf den Spuren eines Jahrhunderts

Die Ausstellung zeichnet den Lebensweg von Besnyö nach, beginnend mit ihrer Jugend in Budapest und ihrem Umzug nach Berlin. Zusammen mit ihrem damaligen Partner John Fernhout (1913–1987) verließ sie 1932 Berlin und zog nach Bergen. Dort entwickelte sie eine enge, langjährige Freundschaft mit Fernhouts Mutter, der Malerin und Lithographin Charley Toorop (1891–1955). Über ihre Schwiegereltern fand sie Zugang zur Avantgarde der niederländischen Kunstszene. Der Zweite Weltkrieg bedeutete einen Bruch in ihrem Leben. Besnyö, die jüdischer Herkunft war, musste ihre Arbeit vorübergehend aufgeben und untertauchen. Nach dem Krieg richtete sie in den Niederlanden ihre Kamera auf eine Gesellschaft im Wandel – von der Zeit des Wiederaufbaus bis zur Frauenemanzipation; ihre Bilder der „Dolle Minas“ haben seitdem Kultstatus erlangt. Neben Besnyös Fotografien und persönlichen Dokumenten umfasst die Ausstellung auch ein Selbstporträt von Charley Toorop sowie Stühle von Gerrit Rietveld. Diese Ergänzungen unterstreichen, in welchem Maße Besnyö in den 1930er Jahren Teil der niederländischen Kunstszene war.

 

Größte Besnyö-Sammlung

Im Jahr 2023 erwarb das Fotomuseum Den Haag / Kunstmuseum Den Haag eine bedeutende Sammlung von 341 Abzügen der Fotografin Eva Besnyö. Jede dieser Fotografien wurde in einer Dunkelkammer gedruckt, entweder von Besnyö selbst oder unter ihrer Aufsicht. Die Sammlung umfasst das bekannte Porträt eines Jungen mit einem Kontrabass, Porträts anderer Künstler, mit denen sie befreundet war (wie Charley Toorop und Violette Cornelius), sowie die in der Starnberger Straße in Berlin aufgenommene Stadtansicht, die das für ihr Werk typische Wechselspiel diagonaler Linien zeigt.

 

Diese Werke befanden sich zuvor im Besitz von Besnyös Tochter Iara Brusse. Der Erwerb der Sammlung wurde durch eine Kombination aus Ankäufen und Schenkungen sowie durch die Unterstützung des Erik-Bos-Fonds ermöglicht.


Eva Besnyö: The Liberated Camera

Zu sehen bis zum 31. Januar 2027 im Fotomuseum Den Haag, Stadhouderslaan 43

2517 HV Den Haag, Niederlande

Geöffnet täglich außer montags von 11:00 – 17:00 Uhr

Weitere Informationen (Fotomuseum, engl.)

 

Die Ausstellung wird von einer gleichnamigen Publikation begleitet: „Eva Besnyö: The Liberated Camera“.

Diese Ausstellung wurde unter anderem durch die Unterstützung der Stadt Den Haag, der Vrienden Loterij, des Erik-Bos-Fonds, des Vereins der Freunde des Kunstmuseums Den Haag (Vereniging Vrienden van Kunstmuseum Den Haag) und des V-Fonds ermöglicht.

Die der Ausstellung und der Publikation vorausgegangene Forschungsarbeit wurde durch die Unterstützung der Rembrandt-Gesellschaft ermöglicht (unter anderem dank ihres Fonds für Forschung im Bereich moderner und zeitgenössischer Kunst).

 

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Eva Besnyö – Photographin. Budapest, Berlin, Amsterdam

Geschrieben von: Christel Busch - Montag, 21. Januar 2019

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