Film & Kino aktuell
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- Geschrieben von: Anna Grillet -
Das Ende der Amtszeit von Mariano De Santis (berührend gespielt von Toni Servillo) als Präsident der italienischen Republik rückt näher. Der katholische Jurist, Witwer und Einzelgänger, muss noch über zwei Gnadengesuche entscheiden. Er grübelt, schiebt die Entscheidungen immer wieder hinaus. Persönliches und Politisches überschneiden sich.
Die Trauer um seine vor acht Jahren verstorbene Frau Aurora quält ihn Tag für Tag, aber mehr noch die Tatsache, dass sie fremd gegangen ist und er nicht weiß, mit wem. Dieser Verrat hat seine Beziehung zu Macht und Vergebung erschüttert. Regisseur Paolo Sorrentino („La Grande Bellezza“ 2013) konzentriert sich auf die Verlorenheit des Protagonisten; die Kamera verwandelt in frostigen Totalen die großen weitläufigen Räume des Amtssitzes in düstren Bastionen der Einsamkeit und formaler Strenge.
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- Geschrieben von: Anna Grillet -
Masha (Marya Imbro), ein belarussisches Model, träumt von einer Karriere in China. Ihre androgyne, fast unwirkliche Schönheit provoziert und erregt Missgunst. Misha (Mikhail Senkov) hat Malerei studiert, arbeitet seit zwanzig Jahren in einer Minsker Leichenhalle. Seine monumentalen Ölgemälde spiegeln Verfall, Leid, den Schmerz, mit dem er Tag und Nacht konfrontiert wird.
„White Snail“ ist der erste Spielfilm von Elsa Kremser und Levin Peter. Das deutsch-österreichische Regie-Duo erlangte bereits mit seinen berührenden poetischen Dokumentar-Essays „Space Dogs“ (2019) und „Dreaming Dogs" (2024) internationale Erfolge. Hier erzählen die Filmemacher vom Wendepunkt im Leben ihrer beiden Protagonisten, dem Widerstand gegen Stigma und Ausgrenzung. Das Drehbuch ist tief verwurzelt in den realen Biografien, Situationen wurden vorgegeben, Dialoge nicht: Die beiden Darsteller sollten einander gegenseitig entdecken, herausfordern, während die kontrastreichen Welten im fiktionalen Gefühlschaos gezielt aufeinander prallen.
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- Geschrieben von: Claus Friede -
Was bedeutet es in Zeiten politischer Willkür, Unrecht und Menschenverachtung, standhaft zu sein und zu bleiben? Mit welchen inneren Zweifeln haben Individuen zu kämpfen, wenn es um Widerstand geht und es gilt, das Richtige zu tun? Und was ist das Richtige?
Zwar spielt der Plot von „Nie Allein“ während des Zweiten Weltkriegs, doch das, was verhandelt wird, ist allgemeingültig und zeitlos: die Geschichte des Widerstands. Gerade in der heutigen Situation, im Weltgeschehen, in den politischen Entwicklungen, im Gegeneinander statt Miteinander und in der Verachtung der Empathie für Mitmenschen, im nationalistischen Gefasel und Ideologiegewitter sowie in der vermeintlichen Rettung des Abendlandes sollten wir uns alle fragen, wann wir standhaft zu unseren Überzeugungen eines zeitgenössischen, zivilisierten und transkulturellen Humanismus stehen. Dreiste Geschichtsklitterung, Unkenntnis, Verdrehungen und Kombinationen aus ungenierten Lügen bei gleichzeitigen unmaskierten Wahrheiten, Opportunismus und Gier sind das scheinbar probate Handwerkzeug politischer Narrationen, ob in Ost oder West.
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- Geschrieben von: Anna Grillet -
Mit dem Film „Silent Friend“ der ungarischen Regisseurin Ildikó Enyedi („Körper und Seele“, 2017) entdecken wir unsere Welt neu, und vielleicht auch uns selbst. Worte erweisen sich als wenig tauglich, um den Zauber, die Sinnlichkeit und die betörende Schönheit der zögerlichen, unbeholfenen Begegnungen zwischen Mensch und Natur zu beschreiben.
Im Herzen des botanischen Gartens der mittelalterlichen Universitätsstadt Marburg steht ein majestätischer Ginkgobaum. Seit über 100 Jahren ist er stiller Zeuge und Beobachter der leisen, tiefgreifenden Veränderungen unserer Protagonisten. Die miteinander verflochtenen Handlungsstränge und Zeitebenen öffnen den Blick auf die radikal unterschiedlichen Wahrnehmungen. Jede Epoche hat Ihren eigenen unverwechselbaren Stil, ihre eigene Ästhetik.
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- Geschrieben von: Anna Grillet -
Während Grace (überragend Jennifer Lawrence) und Jackson (Robert Pattinson) noch hemmungslos leidenschaftlich auf dem verdreckten Küchenboden vögeln, bewegt sich die Kamera durch den Wald in Richtung Zukunft: Bildgewaltig gehen riesige alte Bäume in Flammen auf.
In „Die, My Love“ inszeniert die schottische Regisseurin und Drehbuchautorin Lynne Ramsay („A Beautiful Day“) das Porträt einer scheiternden Liebe als beklemmenden Mystery-Thriller: radikal, erschütternd, herzzerreißend und von makabrer Komik.
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- Geschrieben von: Anna Grillet -
In Todesnähe entdecken, wer wir wirklich sind: „Sirāt“ ist ein dystopisches Roadmovie, surreal, spirituell und zugleich von radikaler verstörender Authentizität. Der französisch-spanische Regisseur Óliver Laxe („Fire Will Come“, 2019) kreiert Bilder, die uns wie ein Blitz durchbohren.
Die Wüste, ihre gespenstische Erscheinung und Kangding Rays Kompositionen verwandeln sich zu Landschaften unseres Bewusstseins. Ästhetisch wie inhaltlich sperrt sich das Rave-Drama gegen jede Art der Vorhersehbarkeit. Wenn, dann erinnert es uns vielleicht an Millers „Mad Max“-Reihe oder Antonionis „Zabriskie Point“. In Cannes wurde „Sirāt“ mit dem Preis der Jury ausgezeichnet.
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- Geschrieben von: Anna Grillet -
Familie und die mit ihr verbundenen Verluste, Enttäuschungen und Schmerzen standen immer wieder im Mittelpunkt der skurrilen Tragikomödien von Wes Anderson. „Die Royal Tenenbaums“ machten 2001 den Anfang, doch nun bricht mit „Der phönizische Meisterstreich" eine neue Ära an.
Wenn auch das Universum des US-amerikanischen Kultregisseurs gleichermaßen betört durch seine bühnenbildartigen Sets, symmetrischen Bildkompositionen und überbordende exzentrische Komik mitten im größten Chaos, erzählt Anderson ungewohnt linear und chronologisch von den Tücken moralischen Handelns im kapitalistischen System. Und von einer Vater-Tochter Beziehung, die auch unsere Welt verändern könnte.
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- Geschrieben von: Gloria Lauri-Lucente, Gaetana Marrone. Übersetzung: Dagmar Reichardt -
Der italienische Filmregisseur Francesco Rosi (1922–2015) hat sie alle gehabt: vom Goldenen Löwen von Venedig für „Die Hände über der Stadt“ („Le mani sulla città“, 1963) über die Goldene Palme in Cannes für „Der Fall Mattei“ („Il caso Mattei“, 1972) bis hin zum British Academy Film Award für „Christus kam nur bis Eboli“ („Cristo si è fermato a Eboli“, 1979).
Unter den mehr als 30 internationalen Film- und Festivalpreisen fehlen auch die Internationalen Filmfestspiele Berlin nicht, die Rosi 1962 gleich zum Karrierestart mit dem Silbernen Bären für die Kategorie Beste Regie von „Wer erschoss Salvatore G.?“ („Salvatore Giuliano“, 1961) und 2008 – sieben Jahre vor seinem Ableben – mit dem Goldenen Ehrenbären für sein Lebenswerk auszeichneten.
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- Geschrieben von: Anna Grillet -
Regisseur Jan-Ole Gerster („O Boy“, 2012, „Lara“, 2019) faszinierten schon immer Charaktere, die ein gewissen Gefühl von Einsamkeit und Verlorenheit in sich tragen. Sie hadern mit verpassten Chancen, sehnen sich nach Nähe und sind doch unfähig dazu.
„Islands“ ist Gersters erster in Englisch gedrehter Film, ein subtiler Psychothriller mit frappierenden Twists in der Tradition von Patricia Highsmith und Alfred Hitchcock, aber grade diese scheinbare Ähnlichkeit verführt zu voreiligen Rückschlüssen. Immer wieder schleichen sich Referenzen ein aus Michelangelo Antonionis Drama „L’avventura“ (1959). Bestechend die Bildkompositionen aus Bewegung und Licht, sie erzeugen eine tagtraumartige Qualität von seltsam vertrauter Bedrohlichkeit.
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- Geschrieben von: Anna Grillet -
Paris, September 1977. „La Divina", die Göttliche nannten ihre Bewunderer sie, dann schlug die Publikumsgunst in Hass um: Maria Callas ist 53 und seit vier Jahren nicht mehr öffentlich aufgetreten. Ihr Apartment in der Avenue Georges Mandel ähnelt pompösen Opernkulissen, ein goldener Käfig als sicherer Rückzugsort von Realität und Außenwelt.
In „Spencer“ (2022) und „Jackie “ (2016) befreite der chilenische Regisseur Pablo Larraín seine Protagonistinnen vom Ballast ihres schwindelerregenden gesellschaftlichen Status, dem Druck von Öffentlichkeit und Konvention. Sie durften sich verlieren, neu definieren. „Maria“ ist fatalistischer, düsterer und der überragendste Film der Trilogie. Die kühle Distanziertheit der griechischen Sopranistin, gespielt von Angelina Jolie, schmerzt mehr als jeder Gefühlsausbruch.
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- Geschrieben von: Anna Grillet -
„Der Brutalist“ erzählt von Gier, Macht, dem Kampf zweier Männer, erzählt von Hoffnung, Emigration, dem vergifteten amerikanischen Traum, von Antisemitismus, Ausbeutung und Aufbegehren, von Architektur und Ästhetik als Reaktion auf den Holocaust.
US-Regisseur Brady Corbet („Vox Lux“, 2018) kreiert mit der dreieinhalbstündigen fiktiven Biografie des jüdische Architekten Lázló Toth (grandios Adrien Brody) ein authentisches Monumental-Epos von schmerzhafter Intensität, radikal, erschütternd, visionär, meisterhaft inszeniert, voll ungelöster Rätsel und überragend in seiner visuellen Wucht und Schönheit. „Der Brutalist“ ist für zehn Academy Awards nominiert unter anderem als Bester Film und gilt aus Oscar-Favorit
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- Geschrieben von: Anna Grillet -
Der Norweger Halfdan Ullmann Tøndel ist der Enkel des legendären Regisseurs Ingmar Bergman und der Schauspielikone Liv Ullmann. Vielleicht wollte er grade deshalb eigentlich nie zum Film.
Sein beklemmendes satirisches Psychodrama „Armand“ expandiert zur surrealen Choreographie, einem frappierenden Labyrinth aus Lügen und Intrigen. In Cannes wurde der facettenreiche Debütfilm als Gewinner der Sektion Un Certain Regard ausgezeichnet, in Deutschland leider noch ein Geheimtipp.
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- Geschrieben von: Anna Grillet -
Drei Jahrzehnte nach „Forrest Gump“ überlistet uns US-Regisseur Robert Zemeckis zu einer höchst ungewöhnlichen cineastischen Exkursion. Sein Fantasy-Drama „Here“ bricht mit der Einheit von Zeit, Raum und Handlung.
Zur Schnittstelle der Schicksale im Verlauf von mehr als hundert Jahren entwickelt sich das gutbürgerliche Wohnzimmer einer amerikanischen Vorstadtvilla. Die Bewohner wechseln, werden älter, sind ständig in Bewegung, die Kamera rührt sich nicht. Das schillernde Kaleidoskop der Emotionen polarisiert: Kitsch, Kolportage oder erzwungene Versuchsanordnung behaupten die einen, die anderen sehen in „Here“ das spannendste Oeuvre des 72 jährigen Filmemachers.
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- Geschrieben von: Anna Grillet -
Regisseur Guan Hu inszeniert mit „Black Dog“ am Rande der Wüste Gobi die post-industrielle Odyssee zweier Außenseiter: einem bissigem Windhund-Mischling und dem wortkargen Ex-Häftling Lang (überragend Eddie Peng). Was die beiden verbindet, ist anfangs nur jener Argwohn der Gescheiterten und Verfolgten.
Das atemberaubende, ästhetisch virtuose Erlöser-Epos zwischen Noir Melancholie, Slapstick Komik und der rauen Poesie eines Neo-Westerns reflektiert die gesellschaftlichen Spannungen innerhalb Chinas. Der Fortschritt fordert seine Opfer grade unter den Ärmsten. „Black Dog“ wurde bei den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes mit dem Hauptpreis der Sektion „Un Certain Regard“ ausgezeichnet.
