Theater & Tanz in und um Hamburg
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- Geschrieben von: Frauke Hartmann -
Agota Kristofs Roman „Das große Heft“ führt die Mechanismen des Kriegstraumas vor. Jetzt konfrontiert Karin Henkel am Deutschen Schauspielhaus die Literatur mit den Erlebnissen von Zeitzeugen des Hamburger Feuersturms.
Zunächst entsteht der Eindruck, in einem merkwürdigen schwarzen Konzertsaal zu sitzen: Notenständer, eine Dirigentin im karierten Hosenanzug mit 70er-Jahre-Brille, die herumläuft, aber keine Musiker, die spielen. Über allem schwebt eine überdimensionale Überwachungsanlage, ein metallener Ring, der an eine Drohne erinnert, bestückt mit Scheinwerfern, Lautsprechern, Kameras, Flutlicht. Dieser Raum von Katrin Brack ist schon mal alles andere als einladend.
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- Geschrieben von: Frauke Hartmann -
Christoph Marthaler hat einen Abend mit frühen Texten von Elfriede Jelinek im Malersaal des Deutschen Schauspielhauses gestaltet und damit seine Trilogie über zurückgezogene Künstlergenies vollendet.
Star des Abends ist eine angerostete Wäscheschleuder der Firma Zanker, Boomern wahrscheinlich wohlvertraut aus der elterlichen Waschküche und heute als gute deutsche Wertarbeit immer noch im Ebay-Angebot.
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- Geschrieben von: Isabelle Hofmann -
Hannah Arendt (1906–1975) hat sich selbst nie als Philosophin verstanden. Gleichwohl war sie die bedeutendste politische Theoretikerin des 20. Jahrhundert.
Im Hamburger Thalia Theater lässt Rhea Lemans Stück „Arendt – Denken in finsteren Zeiten“[1] mit Corinna Harfouch in der Titelrolle das Leben dieser so klarsichtigen, furcht- und kompromisslosen deutsch-amerikanischen Jüdin Revue passieren. Und dieses Wort „Revue“ ist wörtlich zu nehmen.
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- Geschrieben von: Isabelle Hofmann -
Eine derartige Abrechnung mit Europa, seinen politischen, sozialen, kulturellen und religiösen Errungenschaften, hat das Theater noch nicht erlebt: Frank Castorfs gut sechs Stunden langer „Hamlet“ am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg lässt keinen Zweifel daran, dass die Erste Welt am Ende ist.
Dieser „Hamlet“ ist eine Zumutung, keine Frage. Für Zuschauer wie für die fantastischen Schauspieler, die hier an ihre physischen und psychischen Grenzen gehen.
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- Geschrieben von: Frauke Hartmann -
Shakespeare ganz vorn auf Hamburgs Bühnen. Kampnagel und Thalia Theater eröffnen die Saison, das Schauspielhaus folgt.
Wo, wenn nicht im Theater, kann verhandelt werden, was jenseits von Normen und Paradigmen existiert, was sie in Frage stellt und damit wiederum deren Existenz bestätigt? Ist es nicht sogar die Kernkompetenz des Theaters, alles sein zu können, was es nicht ist? Man darf gespannt sein auf den „Hamlet“ des Regie-Titans Frank Castorf und wohl letzten Vertreters eines unverbildeten Machismo im Deutschen Schauspielhaus.
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- Geschrieben von: Isabelle Hofmann -
Die schreibende Zunft tut gut daran, mit Superlativen sparsam umzugehen, wenn sie jedoch ein Theaterabend verdient hat, dann dieser: „Böhm“, Gastspiel beim diesjährigen Hamburger Theaterfestival, inszeniert und auf die Bühne des St. Pauli Theaters gebracht von dem genialen österreichischen Multitalent Nikolaus Habjan und seinen elf ausdrucksstarken, selbstgebauten Puppen
Ja, genau, „Böhm“ ist Puppentheater. Aber eines, für das man eine neue Begrifflichkeit finden müsste. Standing Ovation, Gejohle und minutenlanger Stakkato-Beifall für eine überwältigende, absolut hinreißende, ebenso tiefgründige wie urkomische, atemberaubend intensive Geschichtsstunde in Sachen „Musik und Macht“.
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- Geschrieben von: Frauke Hartmann -
Das neue Mixed-Media-Projekt „Oh Europa! Dangerous Games“ des deutsch-italienischen Künstlerpärchens TÒ SU zeigt, wie politisch und berührend Theater sein kann.
Sie alle haben, jede und jeder für sich, eine Odyssee erlebt. Die 19jährige Abiturientin Yona, geboren in Palästina und aufgewachsen in Syrien, der 33jährige Frisörmeister Masoud, der als Afghane in Teheran nicht mehr sicher war, die 53jährige Irakerin Kafiya, die als 12jährige verheiratet wurde und einem Frauen und Menschen verachtenden System entfloh, der 15jährige, in Damaskus geborene und mittlerweile fünfsprachige Karim, der mit seiner Mutter zehn Jahre durch die Türkei irrte, und die 27jährige Mohadeseh aus Teheran, die mit ihrem Exfreund an der Grenze zu Griechenland selbst nach zehn brutalen Pushbacks nicht den Mut verlor.
Sie alle schafften es nach Hamburg und stehen Anfang Mai 2025 auf der Kampnagel-Bühne, um ihre haarsträubenden Geschichten zu erzählen, von denen jede einzelne schon abendfüllend sein könnte.
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- Geschrieben von: Marion Hinz -
Man lese und staune: Die deutsche Erstaufführung des Musicals „Cabaret“ fand am Theater Lübeck statt. Das war im Jahr 1971, fünf Jahre nach der Uraufführung am Broadway. 2005 war das Musical noch einmal in Lübeck zu erleben.
Jetzt bringt Schauspieldirektor Malte C. Lachmann das Stück hier erneut auf die Bühne des Großen Hauses - und findet erschreckende Parallelen im Heute. Besonders deutlich wird dies am Ende des Abends, wenn alles in Unordnung gerät: Die Szenerie kippt, die Elemente auf der Drehbühne kreisen um sich selbst und umeinander, die Menschen wirken desorientiert und desillusioniert, ihr Gesang klingt schräg, die Töne reiben sich aneinander. Betroffenheit, Chaos und Ratlosigkeit beherrschen die Szene, erreichen und ergreifen auch das Publikum. Regisseur Malte C. Lachmann dürfte sein Ziel erreicht haben. Wir gehen nachdenklich nach Hause.
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- Geschrieben von: Isabelle Hofmann -
Same Procedure As Every Year! Man mag sich gar nicht mehr vorstellen, wie eine Theatersaison ohne das HANSA-Theater ausgesehen hat.
130 Jahre alt wird Hamburgs Varieté-Juwel in diesem Jahr, das Thomas Collien und Ulrich Waller vor gut 15 Jahren wiederbelebten und das in über 2200 Vorstellungen mittlerweile fast eine Million Besucher verzeichnet – Grund genug für Kultursenator Carsten Brosda vor der Premiere selbst die Bühne zu betreten und seine Begeisterung für die atemberaubenden Darbietungen der zwölf Artistinnen und Artisten kundzutun: „Wie großartig ist das denn, dass Menschen so etwas können!
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- Geschrieben von: Isabelle Hofmann -
Lautstarke Bravos und Standing Ovation zur Eröffnung der Ära Demis Volpi in der Staatsoper Hamburg.
Keine Frage, der vierteilige Ballettabend „The Times Are Racing“ mit Werken von Pina Bausch, Hans van Manen, Demis Volpi und Justin Peck war ein rundum gelungener Einstand für den neuen Intendanten des Hamburg Balletts.
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- Geschrieben von: Isabelle Hofmann -
Ganz neue Töne beim letzten Gastspiel der letzten, 49. Hamburger Balletttage unter ihrem scheidenden Chef John Neumeier – und das im doppelten Sinn: „Black Sabbath – The Ballet“ vom fantastischen Birmingham Royal Ballet war ein echter Kracher.
Das ohrenbetäubende Gejohle und Gepfeife, das im Anschluss die Hamburg Oper erfüllte, passten dann auch mehr zu einem Rockkonzert als zu einer Ballettaufführung.
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- Geschrieben von: Isabelle Hofmann -
Das war’s nun also: Ende der Ära John Neumeier. Wer kann sich das Hamburg Ballett ohne den gebürtigen Amerikaner vorstellen? Wohl kaum jemand unter 60.
Wird es sein Renommée als eine der weltbesten Compagnien halten können? Das wird sich zeigen.
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- Geschrieben von: Marion Hinz -
Skepsis schien angebracht: Kann das funktionieren, an einem (Theater-)Abend aus dem Leben mehrerer bedeutender Lübecker Frauen zu erzählen?
Fest steht, ob die Beginen, Catharina Ustings, Dorothea Schlözer, Ida Boy-Ed, Maria Slavona oder Isa Vermehren: All diese Frauen aus der Lübecker Vergangenheit haben Großes geleistet. Lässt sich tatsächlich innerhalb von knapp zwei Stunden ein sinnvolles, stimmiges Gesamtbild dieser Frauen darstellen? Vorweggesagt: Ja, es funktioniert! Dies stellte die Lübecker Theatergruppe „MissGefallen“ kürzlich im Studio des Lübecker Theaters unter Beweis. Weitere Vorstellungen, diesmal am Hoftheater Lübeck, folgen in Kürze.
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- Geschrieben von: Isabelle Hofmann -
Darf man über den Tod lachen? Man darf – aber nur im St. Pauli Theater! Dort hatte die neue Komödie „1h22 vor dem Ende“ von Matthieu Delaporte umjubelte Premiere.
Tolles Stück, tolle Regie, tolle Schauspieler. Und sehr Französisch.
Was für einen makabren Humor der Film- und Drehbuchautor Matthieu Delaporte besitzt, hat er bereits in seinem Bühnen- und Kinohit „Der Vorname“ bewiesen. Sein jüngstes Stück „1 h22 vor dem Ende“ ist noch deutlich schwärzer und absurder. Aber nicht weniger amüsant.
