Fotografie
Lars Klingenberg und Julius C. Schreiner: Schlafquartier, Berlin-Tiergarten, 2017 (Detail)

Mit der Ausstellung „Schlafquartier“ lenkt der 11. Hamburger Architektursommer den Blick auf das Thema Obdachlosigkeit, ohne dabei auch nur einen einzigen obdachlosen Menschen zu zeigen.

 

Die Fotografen Lars Klingenberg und Julius C. Schreiner zeigen in den Schaufenstern des Architekturbüros Fehlig Moshfegi Aufnahmen öffentlicher Orte deutscher und europäischer Großstädte, die das Leben auf der Straße erfahrbar machen.

 

Lars Klingenberg hat die Schlafstellen obdachloser Menschen fotografiert. Es sind sachliche Bilder, streng komponiert und mit bewusst gesetzten Farbakzenten. Man sieht z.B. den Ausschnitt eines unscheinbaren Hausdurchgangs mit ehemals weiß verputzten Wänden und einer verschlossenen Eisentür. Davor liegt auf dem Pflaster – wie eine Art Kokon - ein in weißen Tüchern und einer grünen Decke gewickelter Mensch, eine rote Tasche lehnt am grauen Wandsockel. Es sind ruhige, ästhetisch ansprechende Fotos: ein pinkfarbener Schlafsack vor einem prächtigen Kirchenportal oder ein türkiser Schlafsack unter einem blauen, weißgepunkteten Regenschirm an einer überdachten Glasfassade, in jedem steckt vermutlich ein Mensch. Klingenberg hat die Fotos zwischen 4 und 8 Uhr morgens aufgenommen. Denn bevor das geschäftige Straßenleben wieder beginnt, müssen die hier Schlafenden verschwunden sein. Sie sind bestenfalls geduldet, aber nur solange sie keinen Müll hinterlassen. In Hamburgs Einkaufsstraßen z.B. führt die Polizei morgens einen euphemistisch genannten „Weckdienst“ durch, damit in den Einkaufszeiten shopping-freudige Flaneure nicht durch den Anblick bettelnder, offensichtlich aus der Normalität herausgefallener Menschen gestört werden.

 

Klingenberg fotografiert heimlich, um die wenigen Ruhestunden der Obdachlosen nicht zu stören. Indem er sie nicht zeigt, respektiert er ihre Persönlichkeitsrechte. Er will keine Einzelschicksale darstellen, sondern die Bedingungen des Straßenlebens vermitteln. Dazu lässt er die Betroffenen selbst sprechen, indem er sie auf Texttafeln zitiert. Sie erzählen u.a. von den Schmerzen und Krankheiten, die das häufige Schlafen im Sitzen verursacht, weil sie z.B. in Bahnhöfen vortäuschen müssen, normale Reisende zu sein, um nicht verjagt zu werden.

 

Seit über zehn Jahren recherchiert Klingenberg zu dem Thema und hat viele Gespräche mit Betroffenen, Sozialarbeitern und Wissenschaftlern geführt. Da seine Fotos nicht aufschrecken, sondern still und subtil auf die verlorene, schutzlose Position ausgegrenzter Menschen verweisen, entsteht bei den Betrachtern eher die Bereitschaft, das Phänomen nicht nur als persönliches Problem Einzelner wahrzunehmen, sondern auch die strukturellen Bedingungen zur Kenntnis zu nehmen. Fehlende Sozialwohnungen, Gentrifizierung und überhöhte Mieten haben in Deutschland zu über einer Million wohnungsloser Menschen geführt, Tendenz steigend.  Frauen haben zwar oft ein gutes soziales Netz, wohnen bei Freunden und können so für längere Zeit vermeiden, auf der Straße zu landen, aber wenn es dann passiert, werden sie häufiger Opfer von Gewalt. Daher versuchen sie, sich zu verstecken und unsichtbar zu werden, und arbeiten angestrengt an ihrem äußeren Erscheinungsbild, um nicht als obdachlos aufzufallen.

 

Schlafquartier_01_Koln_Schildergasse_2018.jpg

 

Wie subtil und zugleich brutal die Ausgrenzung obdachloser Menschen funktioniert, zeigt Julius C. Schreiner in einer kleinen Fotoserie. Auch er arbeitet schon seit Jahren an diesem Thema. Seine Fotos entstehen nachts, wenn die Straßen und Plätze europäischer Großstädte leer sind. Für jede Aufnahme braucht er zwei Stunden. Fünf bis acht Blitze baut er auf, um die richtige Lichtwirkung für die Darstellung der Objekte sogenannter feindlicher Architektur (im Fachjargon auch „Defensive Architecture“, „Hostile Architecture“ oder „Feindliches Design“) zu erzielen. Auf seinen Bildern glänzen sie wie auf einem Werbefoto, vor allem die metallischen Sitzflächen von Bänken ohne Lehne sowie die vielfältigen Metallgitter, die die städtischen Nischen und ungenutzten Restflächen versperren. Sie wirken so edel wie kalt und abweisend. Das gilt auch für die Betonpoller, die den Platz unter einer Brücke versperren, oder für den vergoldeten Felsbrocken, der vor einer gekachelten Wand inmitten rundgeschliffener Kieselsteine liegt. Das Foto entstand in Paris.

 

In allen europäischen Großstädten werden Bushaltestellen, Wartezonen an Bahnhöfen, Ruhesitze auf Stadtplätzen, Brückenunterführungen, Restplätze und Zwischenräume von Verkehrswegen so gestaltet, dass sich niemand dort hinlegen kann oder auch nur aufhalten mag. Touristen und normale Reisende wundern und ärgern sich vielleicht nur über die Unbequemlichkeit mancher Bänke und Straßenmöbel. Obdachlose dagegen erleben sie als existenzbedrohend und als Werkzeuge ihrer Vertreibung. Polizisten und andere Ordnungskräfte sind in diesen abweisend gestalteten öffentlichen Räumen überflüssig; die architektonische Gestaltung ersetzt sie: „Silent agents“ nennt Julius C. Schreiner deshalb seine Serie.

 

Was passiert mit den Menschen, die von Ort zu Ort gescheucht werden, weil sie im Stadtbild niemanden sehen möchten? Anfangs schämen sie sich noch, weil sie sich an den Maßstäben der „Normalgesellschaft“ orientieren. Doch um zu überleben und die massive Ablehnung aushalten zu können, müssen sie ihr neues Leben auf der Straße akzeptieren. Sie vergessen schließlich ihr vormaliges Leben und entwickeln eine sogenannte Obdachlosenidentität mit ihren eigenen Regeln.

 

Lars Klingenberg und Julius C. Schreiner wollen beide mit ihren künstlerisch gestalteten Fotos mehr Aufmerksamkeit für die gesamtgesellschaftlichen Ursachen der Obdachlosigkeit erzeugen. „Ich will erreichen, dass es eine größere Akzeptanz für diese Menschen gibt, es sind ja Menschen wie du und ich“, sagt Lars Klingenberg, „wie schnell kann man einen Job und eine Wohnung verlieren, es ist ja gar nicht so weit weg.“


Lars Klingenberg und Julius C. Schreiner: Schlafquartier – Obdachlosigkeit in deutschen Großstädten

Schaufensterausstellung

Zu sehen bis 18. Juni 2026 bei Fehlig Moshfeghi Architekten, Neuer Steinweg 2, 20459 Hamburg

 

Am 16.06.2026 finden um 18 Uhr eine szenische Lesung und anschließend eine Podiumsdiskussion mit Experten statt.

Weitere Informationen (Hamburger Architektursommer)

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

Kommentare powered by CComment


Wir benutzen Cookies

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.