Bildende Kunst
Augusta Oddsdottir, Mosi Kristjans, Egill Saebjörnsson „Pain & Other Recyclables". Foto: Florian Maaß

Die lettische Künstlerin Zaiga Putrāma benötigt keine Worte, um das Publikum zum Mitmachen einzuladen. Sie streckt die Hand aus, macht einen Schritt vor, einen zurück – mitten im Foyer der Rigaer Kongresshalle, unter jenem sechs Meter hohen Kronleuchter, der einst sowjetische Parteikader beeindrucken sollte.

 

Wer sich auf ihren Tango einlässt, erhält danach kein Kompliment, sondern ein Bild: Aus ihren abstrakten Punktgemälden wählt jeder Tanzpartner spontan jenes aus, das der eigenen Stimmung am nächsten kommt – geschenkt bekommt man es meist gleich dazu. Es ist eine der leisesten, aber eindrücklichsten Szenen des Eröffnungsabends des Survival Kit 17, des lettischen Kunstfestivals, das in diesem Jahr der heilenden Kraft der Kunst nachspürt.

 

Baulichen Leerstand als kreativen Freiraum zu nutzen, war die pragmatische und charmante Gründungsidee der lettischen Kuratorin Solvita Krese für das Festival. Mitten in der Wirtschaftskrise 2009 wollte die Direktorin des LCCA (Latvian Centre for Contemporary Art) pleitegegangene Ladengeschäfte und vernachlässigte Hinterhöfe mit Kunst beleben. Seitdem wird das „Überlebenspaket“ jedes Jahr an einem anderen, ungewöhnlichen Ort geschnürt: in alten Markthallen, in aufgegebenen Fabrikhallen. Die 17. Ausgabe findet dort statt, wo wir Putrāma gerade beim Tanzen zugesehen haben: im Kongresszentrum.

Der spätmodernistische Prestigebau liegt prominent am Übergang von der Altstadt zum Jugendstilviertel, wird von Touristen jedoch eher übersehen. Dabei steckt der graue Klotz voller Geschichte: Er wurde 1982 (Architekten: Juris Gertmanis und Valērijs Kadirkovs) im Auftrag der Kommunistischen Partei gebaut, um die Kader bei Kongressen und Bildungsveranstaltungen auf Kurs und bei Laune zu halten. Fassade aus rosafarbenem Dolomit, drinnen Prunk aus Marmor und jener Kronleuchter, ganz nach Moskauer Vorbild.

 

Nur sechs Jahre später nutzte die Unabhängigkeitsbewegung das Haus als zentralen Treffpunkt. Hier sprach der Journalist Mavriks Vulfsons (1918–2004) im Juni 1988 beim Schriftstellerkongress erstmals öffentlich eine historische Wahrheit aus: Lettland sei der Sowjetunion 1940 nicht beigetreten, sondern von ihr besetzt worden. Vier Monate später gründete sich hier die Volksfront, die 1991 zur Unabhängigkeit führte.

 

Putin Transparent in RigaHeute findet die Auseinandersetzung mit dem aggressiven Nachbarn direkt vor der Tür statt: Gegenüber dem Kongresszentrum liegt die russische Botschaft. Auf dem Vorplatz erinnert seit Beginn des russischen Angriffskriegs ein improvisierter Opferschrein mit Kerzenweg an die Toten in der Ukraine. Am benachbarten Pauls Stradiņš-Museum für Medizingeschichte hängt – der Botschaft zugewandt – das ikonische Totenkopf-Putin-Porträt von Kriss Salmanis.

 

Auch für das baltische Land selbst wird die Bedrohung immer konkreter: wiederholtes Eindringen russischer Kampfjets in den baltischen Luftraum, über die Grenze treibende Drohnen, dazu das – schon in der Ukraine dem imperialistischen Angriffskrieg vorgeschobene – Kreml-Narrativ von der angeblich unterdrückten russischsprachigen Minderheit. Die Antwort der internationalen Kunstwelt auf die rund 20.000 ukrainischen Zivilisten, die die russische Armee allein im Jahr 2026 ermordet hat? Die laufende Biennale von Venedig nahm Russland wieder im eigenen Pavillon mit offenen Armen auf.

 

Solvita Krese hat sich dagegen positioniert: Als Kommissarin des lettischen Pavillons in Venedig organisierte sie in diesem Frühjahr gemeinsam mit dem litauischen und dem estnischen Pavillon einen Protestmarsch gegen Russlands Teilnahme, unter dem Motto „Death in Venice“. Verteilt wurden Schals mit einem weiteren, kongenialen Protestmotiv von Kriss Salmanis – auf dem Festivalgelände verwandelten sie sich in politische Banner.

 

Baltic protest Venice F Kristine Madjare

Baltischer Protest auf der Biennale in Venedig. Foto: Kristine Madjare

 

Bei diesem bedrohlichen Dauergrollen versteht sich Survival Kit 17 nicht als eskapistisch, sondern als notwendiges Heilsangebot: „Bei all den schlechten Nachrichten, die wir täglich lesen, sehnen wir uns nach Heilung“, spannt Krese den Bogen. Die Kuratorin Elean Sorokina ergänzt: „Wir glauben fest an die heilende Wirkung der Kunst auf individueller und kollektiver Ebene.“

 

Verzauberte Kunstformel

Der Titel „Arrow of the Wind“ klingt nach Ausstellungspoesie, ist aber einem alten lettischen Zauberspruch entlehnt: Er beschwört die Mutter des Windes, die Menschen vor dem leidbringenden Windpfeil zu schützen. Der Spruch entstammt einer vorchristlichen Heiltradition, die Kräuterwissen mit rituellen Gesten und der Beobachtung der Jahreszeiten verband – und die bis heute Kern der lettischen Identität ist, überliefert in Märchen und in den Dainas, den Abertausenden lettischen Volksliedern.

 

Während der jahrhundertelangen deutschen, schwedischen und russischen Fremdherrschaft wurden die Dainas selbst zum Survival-Kit, zur kulturellen Überlebensstrategie. Die alten Lieder, Symbole und die gemeinsame Sprache hielten auch die lettischen Exilgemeinschaften zusammen, denen prägende Künstlerinnen und Künstler der Nachkriegszeit entstammen.

 

Heilung als Medium

Survival Kit zeigt unterschiedliche künstlerische Heilsansätze im Kontext des Exils: Die lettisch-amerikanische Malerin Daina Dagnija (1937–2019) verarbeitete in ihren Bildern Flucht und Verlust der kulturellen Identität – eine Erfahrung, die sie mit vielen lettischen Künstlerinnen und Künstlern ihrer Generation teilte. Die im australischen Exil geborenen Künstler Imants Tillers und Brigita Stroda gehören der nachfolgenden Generation an. Sie gehen daher den umgekehrten Weg: Für sie ist die Suche nach der verschütteten Kultur ihrer Vorfahren selbst der heilende Prozess.

 

Strodas Bernstein-Halsband „Arranging Fractuals“ spielt dabei auf mehreren Heils-Ebenen: Der Bernstein, den ihre Mutter ins Exil rettete, konserviert einerseits die kulturelle Identität, andererseits wirkt Bernsteinsäure in kleinen Dosen entzündungshemmend. Die künstlerische Auseinandersetzung half Stroda zudem, Frieden mit einem Werkstoff zu schließen, der im exilbaltischen Bewusstsein ihrer Familie allzu gegenwärtig war.

 

Eine zentrale Rolle für die lettische Identität spielt der Fluss Daugava. Die junge Künstlerin Shivay La Multiple folgt seit Jahren Flüssen: dem Maroni in Französisch-Guayana, dem Kongo, der Rhône. Für jeden Ausstellungsort passen die Farben und Muster ihrer wandfüllenden, altarähnlichen Installation dem jeweiligen Fluss an.

 

Shivay La Multiple AncestralidaguaShivay La Multiple „Ancestralidagua", Ausstellungsansicht. Foto: Florian Maaß

 

Um den Charakter der Daugava einfließen zu lassen, verbrachte sie mehrere Wochen in Riga und sammelte Pflanzen direkt aus dem Fluss. Diese Annäherung, sagt sie, sei für sie selbst schon eine heilende Praxis – nicht nur ein künstlerisches Verfahren.

Auch für Zaiga Putrāma, die eingangs beschriebene Tangopartnerin, ist der Weg der eigentliche Heilungsprozess. Nach 20 Jahren als Malerin fand sie in einer Lebenskrise beim Erlernen des Tangotanzens das fehlende Puzzlestück. „Es war, als ob ich plötzlich Schwarz-Weiß-Bilder in Farbe sah“, erklärt sie. Daher bietet sie ihren Tango dem Publikum als Therapieform an.

 

Das passt gut zum Verständnis der Kuratorinnen. Sie deuten die Heilkraft der Kunst als Bewegung, die nicht linear verläuft, sondern durch Räume und Zeiten schwingt: Therapie, Ritual und künstlerische Praxis hätten historisch immer ineinandergegriffen, von schamanischen Zeremonien bis zur klinischen Kunsttherapie. Wichtiger als das fertige Werk sind Putrāma und die meisten der ausgestellten Künstler und Künstlerinnen daher, was die Kuratorinnen „lebensbejahende Praktiken“ nennen: kreative Prozesse, bei denen die Beziehungen im Mittelpunkt stehen, die sie zu Menschen, zu Vorfahren, zum Land knüpfen.

 

Das mag etwas esoterisch klingen. Doch auch die Wissenschaft interessiert sich für die heilsame Wirkung musealer Kunst: Am Berliner Bode-Museum untersuchen Charité und Max-Delbrück-Centrum im Projekt „Das heilende Museum“, ob Achtsamkeitsübungen zwischen den Skulpturen den Stresspegel senken – der Psychologe Stefano Mastandrea hatte zuvor bereits gezeigt, dass Museumsbesuche den Blutdruck senken können.

 

In der Schweiz ist daraus längst Praxis geworden: Im Kanton Neuchâtel können Hausärztinnen und Hausärzte seit 2024 eine ordonnance muséale ausstellen, ein Rezept für kostenlosen Museumseintritt gegen Einsamkeit und Depression; im Tessin läuft seit diesem Jahr ein ähnliches Pilotprojekt für über 65-Jährige mit chronischen Erkrankungen.

 

Solvita Krese erkundet seit mehreren Jahren die Überschneidungen von Wissenschaft, Kunst und Gesundheit, in Kooperation mit dem anfangs erwähnten Stradiņš-Museum, etwa zu psychischer Gesundheit oder zuletzt zu ökologisch verletzten Körpern.

 

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Mehrgenerationenkunst zum Knuddeln

Auch ein Höhepunkt von Survival Kit 17 – und Favorit der jüngsten Besucherinnen und Besucher – verbindet medizinische Praxis mit Kunst: die begehbare 2D-Installation dreier Generationen einer isländischen Künstlerfamilie, Egill Sæbjörnsson, Ágústa Oddsdóttir und Mosi Kristján. Kern von „Pain & Other Recyclables“ ist das Lebenswerk der Großmutter, Sigríður Björnsdóttir, die jahrzehntelang zwischen Atelier und Krankenhaus schwer kranke Kinder mit künstlerischen Methoden begleitet hat. Neben Geschichten aus ihren Kunsttherapie-Sitzungen, Kinderbildern und archivierten Broschüren befinden sich in der Installation auch Objekte aus dieser Praxis – etwa ein großer Stofftintenfisch, Kunst zum Knuddeln.

 

Wie immer ist Survival Kit auch eine künstlerische Wundertüte: Zhanna Kadyrova arbeitet mit Fliesen, Beton und Baumaterialien aus zerstörten Häusern; seit ihrer Flucht aus Kyjiw 2022 tauchen darin Risse, Trümmer und notdürftige Reparaturen auf. Angelica Mesitis Film zeigt Körper, die sich ohne Worte verständigen – über Trommelrhythmen, Zeichensprache, Blickkontakt. Jessie Kleemann bemalt und beschmiert in Videos den eigenen Körper mit Robbenfett und Farbe und verschränkt grönländische Maskentänze mit der kolonialen Geschichte der Insel. Anna Hulačová gießt Beton in dekorative Plastiken, die tschechische Volkskunst, religiöse Symbolik und organische Materialien wie Wachs oder Bienenwaben verbinden. Das spanische Kollektiv INLAND Campo Adentro hat in einem verlassenen asturischen Bergdorf seinen Kultur- und Lebensort gefunden und dokumentiert Landflucht, samt Hirtenschule und eigener Käserei, als gelebte Kunstpraxis.

 

Imants Tillers Nature Speaks

Imants Tillers „Nature Speaks". Foto: Florian Maaß

 

Museum kontra Konzerthalle

In Riga wartet die zeitgenössische Kunst noch auf ein derart behagliches Zuhause. Mit der Wahl des Veranstaltungsortes legt Survival Kit den Finger in diese Dauerwunde.

 

Seit rund 30 Jahren plant Lettland ein eigenes Museum für zeitgenössische Kunst; Krese berät das Vorhaben seit Beginn an. Gebaut wurde es nie. Ein Grund: Das Museumsprojekt sollte wesentlich von der privaten ABLV-Bank getragen werden, die als Grundstock ihre Kunstsammlung und das Baugrundstück einbringen wollte. 2018 brach die Bank zusammen, nachdem US-Behörden ihr „institutionalisierte Geldwäsche", etwa für Nordkorea, vorgeworfen hatten. Die Sammlung und das Grundstück befinden sich bis heute in der Konkursmasse.

 

Und da kommt die Kongresshalle ins Spiel: Das Museumsprojekt konkurrierte stets mit dem Wunsch nach einer zeitgemäßen Konzerthalle um die verfügbaren Ressourcen. Wegen der Missklänge um das favorisierte Museumsprojekt schlug das Pendel schließlich in Richtung Philharmonie aus. Die entsteht nun in der Kongresshalle, die dafür umgebaut wird.

 

Daher liegt es weiterhin wesentlich an Solvita Kreses LCCA, die zeitgenössische Kunst in Riga mit dem Survival Kit sichtbar am Leben zu halten. Auch das Kunstzentrum KIM mit der vielversprechend gestarteten Contemporary Art Fair, die Riga Art Space sowie das private Zuzeum-Museum füllen die klaffende Lücke. Und 2027, wenn Liepāja Europäische Kulturhauptstadt ist, hält das LCCA mit dem Projekt „Locus Mundi" dort die Fahne der zeitgenössischen Kunst hoch: Der Spitzname der Hafenstadt, „die Stadt, in der der Wind geboren wird“, ist schon mal sehr anschlussfähig an den Survival-Kit-Titel. Natürlich ist auch er in einem Lied verewigt.

 

Von der Anarchie zur Champions-League

Aus dem improvisierten Happening der Anfangsjahre ist eine international beachtete Kunstveranstaltung geworden. „Die Kuratorinnen und Kuratoren unserer letzten fünf Ausgaben spielen in der Champions League des Kunstbetriebs", bemerkt Krese selbstbewusst. Elena Sorokina ist hierzulande etwa als Kuratorin der Documenta 14 in Erinnerung. Verloren gegangen ist dabei der raue Charme der Anfangsjahre.

 

Das war unvermeidlich, so Krese, denn um aus dem spontanen Happening eine alljährlich wiederkehrende Veranstaltung zu machen, „mussten wir den Standard erhöhen und Survival Kit auf ein internationales Level bringen“. Außerdem bekennt sie, keine Lust mehr zu haben, „dass wir erst mal alle Infrastruktur in einem Abbruchhaus selbst installieren müssen und Angst haben müssen, dass uns die Decke auf den Kopf fällt". Zwar sei es heute schwerer, überhaupt noch ungenutzte Gebäude zu finden – dafür aber leichter, mit deren Eigentümern Verträge zu schließen.

 

Vermittlung als eigene Praxis

Das Begleitprogramm – mit Diskussionen zur Kunsterziehung, Tanzperformances geflüchteter Frauen sowie von Künstlerinnen und Künstlern geführten Spaziergängen – reicht noch bis weit in den September hinein. Am 12. September führt etwa die Künstlerin Agnese Krivade den Spaziergang „A Walk in an Ugly Landscape“ an, am 17. September diskutiert Ilva Skulte mit Vertreterinnen von Kunstinstitutionen über „Art Education as a Form of Care“.

 

Donnerstags und freitags stehen durchgängig Kunstvermittlerinnen und -vermittler bereit: Der Pool von rund 30 Freiwilligen – darunter Lehrerinnen, Wissenschaftler, Pensionäre – wird vom LCCA in Kunstgeschichte und -vermittlung geschult und arbeitet inzwischen weitgehend selbstorganisiert. Sie haben, sagt Krese, auch das Publikum verändert: War es anfangs eher studentisch geprägt, umfasst es inzwischen alle Generationen. Auch der Eintrittspreis von acht Euro ist für lettische Verhältnisse (durchschnittlicher Monatslohn: 1.400 EUR netto) inzwischen arriviert.


Survival Kit 17

Zu sehen bis zum 27. September 2026 im Riga Kongresszentrum, Krišjāņa Valdemāra iela 5, Riga/Lettland. (Weitere Ausstellungsorte)

Die Ausstellung ist mittwochs bis samstags von 12 bis 20 Uhr sowie sonntags von 12 bis 18 Uhr geöffnet, montags und dienstags geschlossen.

Weitere Informationen (LCCA, engl.)

 

Lesen Sie bei KulturPort.De zum Thema Kunst und Heilung auch:
Heilende Kunst – Wege zu einem besseren Leben
Geschrieben von: Claus Friede und Redaktion - Donnerstag, 21. November 2024

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