Literatur

Was für ein Glück, ein Buch wie dieses zu lesen! „Wir alle“ von Kerstin Preiwuß ist ein feinsinniger, ästhetischer Roman über Menschen, die etwas anders ticken als „wir alle“.

 

Wir lernen vier Menschen kennen, deren Gedanken, Taten und Zustände möglicherweise über das normale Maß hinausschießen. Sie muten sich zu viel zu oder gar nichts mehr, sind in Schockstarre verfallen, vielleicht für immer. Vielleicht aber wollen sie am liebsten doch wieder ins Leben zurückgeholt werden…

 

In diesem Buch begegnen uns also vier Menschen, viele Vorbehalte, Möglichkeiten und kleine und große Katastrophen. Gerade weil jede und jeder dieser vier Menschen ein schweres Päckchen zu tragen hat, gerade weil jedes dieser vier Schicksale uns anfänglich zutiefst rätselhaft erscheint, sich uns glücklicherweise im Laufe der Lektüre mehr und mehr öffnet und erschließt, ist dieser Roman so liebens- und lesenswert. Gerade weil wir nach und nach auch die Schattenseiten der vier Protagonisten kennenlernen, ihre Ängste, Traumata, Hoffnungen und Sehnsüchte. Zu verdanken haben wir all dies Kerstin Preiwuß, mehrfach ausgezeichnete Romanautorin und Lyrikerin, zudem Professorin für „Literarische Ästhetik“ am Literaturinstitut Leipzig.

 

Preiwuß F Isolde Ohlbaum

Kerstin Preiwuß. Foto: Isolde Ohlbaum

 

Das Buch ist in vier Abschnitte und diverse Kapitel unterteilt. Der erste Part ist übertitelt mit „Das lange Jetzt“, Teil zwei: „Die große Beschleunigung“, Teil drei: „Es staut sich“, Teil vier: „Es vergeht Zeit“. Eine Ich-Erzählerin führt uns in die Handlung ein. Es ist ein heißer Apriltag in einer im Osten Deutschlands gelegenen Stadt. Die Erzählerin schlendert durch den Park und durch die Stadt, beobachtet Menschen und Umgebung und denkt dabei Sachen wie: Das ist das Leben, ein ständiges Hallo, aber es hängt auch an einem, es tritt sich fest und bildet Haufen. Ich kann nur nicht näher ran, dann würde ich zu jemandem. Es sind verstörende, zerstörende Gedanken von einer, die nicht dazugehört, nicht dazugehören will. Oder doch?

 

Diese Beobachtungen, die wir Lesende teilen müssen – besser gesagt, teilen dürfen, sind ziemlich crazy, schweifen von einem schrägen Gedanken zum anderen, von einer unerwarteten Folgerung in die nächste Beschreibung, in die nächste (erdachte) Möglichkeit, Situation. Das geschieht in einer eher negativ geprägten Erwartungs- und Grundhaltung, die zugleich menschen- und weltfeindlich ist. Diese pessimistisch geprägte Person (es sei an dieser Stelle verraten, es handelt sich um Vivian) lernt erstaunlicherweise sicherheitshalber den Stadtplan auswendig. Denn: Sie will sich auch dann noch durch die Stadt bewegen können, wenn das Netz ausgefallen ist. Dies darf beruhigend als positives Zeichen gelesen werden: Vivian möchte trotz allem am Leben bleiben.

 

Nach und nach lernen wir alle vier Protagonisten kennen. Jeder von ihnen lebt allein und ist einsam: Vivian und Sonja, der Häuptling und der Stichling. Vivian zeigt sich uns als jemand, der sich nicht entscheiden kann. […] wie entscheidet man richtig, die Welt soll doch allen Bedürfnissen gerecht werden, nur geht das gerade nicht, es ist viel zu voll dafür. Sie schaut ständig aufs Handy, es ersetzt ihr jegliche mögliche – für sie unmögliche – menschliche Gesellschaft. Sie sieht sich auch Videos von Eisbergen an, die in sich zusammenfallen, oder von Flüssen, die durch Dörfer rasen, oder von Drohnen, die Soldaten in ihren Löchern aufspüren. Die Asche ihrer Mutter hat Vivian auf deren letzten Wunsch im Ausland zum Diamanten pressen lassen und trägt sie fortan immer bei sich. Irgendwann will sie dessen Wert wissen. Sodann betritt sie die Pfandleihe und lernt Sonja kennen.

 

Denn Sonja ist Pfandleiherin. Ihr heimisches Bett ist groß genug für zwei. Sie schläft gerne diagonal darin, aber allein. Sie unterhält sich gerne mit einem imaginären Kind, das oft herumtollt oder ihr im Nacken sitzt. Für das Kind deckt sie stets den Tisch. Für das Kind hat sie Puppen gekauft. Die Puppen sitzen aufgereiht auf dem Sofa im Wohnzimmer und werden jeden Morgen von Sonja herzlich begrüßt. Ansonsten versteht Sonja die Welt nicht mehr. Ebenso wie Vivian denkt Sonja viel nach. Ebenso wie Vivian und die beiden männlichen Hauptpersonen dieses Romans denkt sie Gedanken wie: Je mehr man sich spürt, desto häufiger sitzt man beim Arzt. Sich nicht zu spüren, hilft ihr dabei, allein zu sein, allein sein zu wollen…

 

Die Pfandleihe wird eher zufällig zum zentralen Treffpunkt für die Vier. Wobei der Häuptling immer nur so in der Pfandleihe vorbeikommt. Über den sind schon mehrere Messer zu Staub geworden. Der Stichling hingegen bringt ihr (Sonja) seine Fundstücke und will, dass sie die zu einem Schatz erklärt. Er nennt Sonja meine Sonne. Er glaubt an das große Erlebnis und Ergebnis seiner beständigen Schatzsuche und an seine Zuneigung zu Sonja: […] eines Tages wird mich erst ein Schatz anlachen und dann du und Ende der Aufnahme. Der Stichling wohnt in einer Gartenlaube, hier guckt die Stadt dich mit dem Arsch nicht an. Man kann sich in Ruhe totsaufen und im Späti seine Drogen abholen und Morde gibt es auch in den guten Vierteln […]. Der Stichling ist nicht faul, er hat Projekte. Täglich kontrolliert und durchsucht er beispielsweise die Mülleimer der Stadt nach Pfandflaschen und anderen verwertbaren Sachen. Er nimmt dafür den Bus, fährt die Haltestellen immer zügig ab und hält an jeder nur kurz an.

 

Und dann gibt es in diesem vibrierenden Zeitroman noch den Häuptling. Der ist immer in den Aufbruch gefahren. Als die Bagger bei uns aufhörten, fing ich bei euch wieder mit ihnen an. […] Das hier ist sein Sanierungsgebiet, ist es immer gewesen. […]er brauchte was zu tun. Er brauchte Taktung, am besten ununterbrochen. Er kann Schach spielen und nicht aufhören zu arbeiten. Gemeinsam mit dem Stichling hat der Häuptling ein Projekt am Laufen: Sie wollen ein Tinyhouse für Everyone planen. Der Stichling soll den Prototyp entwerfen, danach will der Häuptling die Elektrik planen und den Firmeninternetauftritt. Aber erstmal ist Schachspielen im Gartenhaus angesagt…

 

Das sind dann auch schon alle handelnden Personen dieses faszinierenden Romans. Alle anderen Personen sind einfach nur da, sind wahrgenommene und beschriebene Masse. Sind Menschen wie du und ich, wenn auch namenlos. Menschen, die Kriege führen, die schießen, Bomben werfen, Katastrophen auslösen, so oder so Menschen töten, sie begraben oder verscharren unter verbrannter Erde. Von Flammen und Rauchschwaden und auch vom unkontrollierbaren, unkontrollierten Verhalten des Wassers ist schon ziemlich früh die bedrohliche Rede, wenn auch (noch) verhalten: Das ist dieses Grün, das kommt vom See oder Fluss, eher fedrig, nicht fleischig, das muss nicht lange an sich halten oder sich aufbewahren, das transpiriert und transportiert Wasser im Überfluss.

 

Gegen Ende des ersten Drittels des Buches kündigt sich alsdann Fürchterliches an: Nichts ist mehr sicher, die Brücken stürzen ein, die Züge fahren nicht, die Piloten streiken. Als würde alles auf einmal verschleißen, also warum nicht auch sie. Ihr (Vivian) bricht der Schweiß aus. Die Katastrophe nimmt ihren Lauf. Sie führt diese uns nun bereits bekannten vier Menschen zusammen, die gemeinsam zu einem Sehnsuchtsort an der Ostsee aufbrechen, um dort der Apokalypse zu entgehen. Es gibt auch Gutes, mitunter sogar Humorvolles in diesem hellsichtigen Roman, der von Überforderung und Würde erzählt und von Ritualen, die uns helfen am Leben zu bleiben.

 

Cover RodeoZu guter Letzt sei noch verraten: Vorangestellt ist dem Buch ein Gedicht von Jane Taylor: Twinkle, twinkle, little star/How I wonder what you are!/Up above the world so high,/Like a diamond in the sky. Gefolgt wird dieses Gedicht von einem neugierig machenden Statement, in Versform dargestellt: Das erzählst du nur einmal./Und niemandem sonst./Geht auch niemanden etwas an./Dass das klar ist./Nun fang schon an./Es dauert, bis das Wasser kommt. Es dauert auch, bis wir ahnen, was uns dieses Buch sagen will, bis wir etwas mehr Klarheit gewinnen. Vielleicht verstehen wir am Ende nicht alles. Zum Trost sei gesagt: Wir können das Buch ja noch einmal lesen und möglicherweise auch die letzten Geheimnisse dieses poetisch-realistischen-futuristischen Romans lüften. Wir können die ungelösten Rätsel aber auch als solche einfach (be)stehenlassen. Der Qualität des Buches tut weder das eine noch das andere Abbruch. Sie leidet nicht darunter. Womöglich aber leiden wir unter dem Leid der Menschen, von denen hier die Rede ist. Und das sind „Wir alle“.


Kerstin Preiwuß: „Wir alle“

Roman. Berlin Verlag.

Gebunden. 240 Seiten.

ISBN 978-3-8270-1466-5

Weitere Informationen zum Buch, zu Leseterminen und eine Leseprobe (Verlag)

 

Die Buchvorstellung findet am 17. September um 19.30 Uhr im Literarischen Colloquium Berlin, Am Sandwerder 5 statt.

Zeitgleich ist der Lyrikband „Rodeo“ von Kerstin Preiwuß beim Berlin Verlag erschienen.

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