Schuhe spielen eine zentrale Rolle im Buch „Ich erröte vom Schaft bis zur Sohle“. In dieser Sammlung von Schuhgeschichten sind sie nicht einfach nur Fußbekleidung, sondern Hauptdarsteller, also Dreh- und Angelpunkt der jeweiligen Handlung.
In dreißig Geschichten wird unterhaltsam, humorvoll, mitunter sogar Schicksale prägend von Schuhen und deren Trägern erzählt.
Ausgangspunkt für dieses Buch war eine Lesereise durch Österreich, die die Herausgeber Wolfram Schneider-Lastin und Christa Prameshuber im November 2024 unternahmen. Im Linzer Schuhmuseum wurden die beiden von Museumsleiter Sigfried Hain durch dessen Sammlung von Schuhen aller Epochen geführt. Angeregt von „Sigi“ Hains Erzählungen entstand die Idee, eine Anthologie von Schuhgeschichten herauszugeben. Gedacht, getan – und alle angefragten Autorinnen und Autoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz sagten begeistert zu, schrieben jeweils eine Schuhgeschichte. Die Herausgeber selbst haben je zwei Geschichten beigesteuert. Herausgekommen ist ein ideen- und facettenreiches Buch rund um das Thema Schuhe.
Schuhe erzählen hier von denen, die sie tragen, von deren Leben und Schicksal. Manchmal übernimmt ein Schuh(paar) die Funktion des Erzählers, überwiegend aber werden die Geschichten von deren Trägern, also von Menschen, erzählt. Mal geht es um die Schuhe einer gefeierten Opernsängerin, mal um die eines Trickbetrügers. Erstere werden einzeln nach New York versandt – warum das so ist, erfahren die Leser im Verlauf der Geschichte „Die getrennten Brüder“ (Wolfram Schneider-Lastin). Und die Schuhe des Betrügers in „Der Trick“ (Christa Prameshuber) sind nicht nur elegant. Sie sind geradezu raffiniert ausgearbeitet für den - allerdings nur scheinbar - perfekten Juwelenraub. Diese Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit. Die titelgebenden Schuhe stehen heute im Linzer Schuhmuseum:… ich erröte bei so viel Lob stets vom Schaft bis zur Sohle, heißt es an einer Stelle. Wir erfahren in diesem Buch auch wissenswerte Fakten, beispielsweise woher sich das italienische Wort „stiletto“ ableitet und was der aus dem Englischen stammende Begriff „concealed shoes“ bedeutet.
In der kurzen Erzählung „Die meisten Gottheiten sind barfuß unterwegs“ (Autor: Martin Kunz) lesen wir: Unglaublich, wozu wir, richtig beschuht, in der Lage wären. Aber wir sind eben keine Götter. Nicht einmal gestiefelte Kater. Das zeigt den Humor und die gedankliche Vielfalt, die uns erwartet in dieser und anderen Geschichten. Auch Tragik kommt vor, wie schon der erste Satz in „Ein Kilo Butter“ (Alice Grünfelder) andeutet: Sogar die Schuhe haben sie mitgenommen! In „Die Aufreger“ (Sigfried Hain) erfahren wir, wie die Schuhleidenschaft des späteren Schuhmuseumsleiters begann. In „Wer ich sein will“ (Lea Catrina) werden wir Leser gleich zu Beginn neugierig gemacht: Jeder hat eine Schuhgeschichte. Ich habe fünf. Natürlich wollen und werden wir alle fünf Geschichten lesen, die wir im Buch versammelt in einer einzigen Story vorfinden.
Jeder Leser, jede Leserin wird hier Lieblingsgeschichten finden. Meine schönsten Geschichten in diesem Buch will ich gerne preisgeben. Eine davon ist „Die Enttäuschung“ (Anja Siouda). Eine Touristin lernt den jungen Kenianer Paddy in Mombasa kennen und verliebt sich in ihn. Ein reger Briefwechsel entsteht, Fotos werden ausgetauscht. Paddy’s Wunsch nach einem Paar eleganter Lederschuhe wird von der Ich-Erzählerin erfüllt. Wir tauchen kurz in die Vergangenheit der Protagonistin ein und landen in deren Gegenwart. So viel darf verraten werden: Ein unerwartetes Ende erwartet uns. Freude macht die „Schuhparade“ (Daniel Zahno), weil diese Geschichte sozusagen von Kopf bis zur Sohle gedacht und als eine Geschichte durch Überschriften (Die Sohle, Der Zeh, Budapester, Tigerfinkli, Das Regal, Riemchen, Der Bändel, Der Dackel, Chucks) in mehrere Schuhgeschichten gegliedert wird. Hier berührte mich vor allem „Das Regal“, wo drei linke Schuhe einträchtig nebeneinander stehen. Wenn er lange genug auf das Regal mit den linken Schuhen schaute, meinte er, seinen weggesprengten Fuß wieder zu spüren. Die linken Schuhe trugen ihn, auch wenn er sie nicht anhatte. Das tut weh beim Lesen, wohingegen der Part „Riemchen“ poetisch berührt.
Oft ist es der erste Satz, der neugierig auf den Fortgang der Geschichte macht. So auch beim Lesen des ersten Satzes in „Im Schaufenster“ (Sunil Mann): Dreizehn Minuten nach acht. – Was hat es mit diesen dreizehn Minuten auf sich? Und wie endet die Story, in denen von Frauen wie sie, die im Leben nicht stolpern, erzählt wird und von der Faszination, die von ihnen ausgeht? Die Ich-Erzählerin ist eine Schuhverkäuferin, die im Laden zwar wahrgenommen, im Leben aber oft übersehen wird. Sie beichtet uns ein tiefes Geheimnis und ein starkes Gefühl: Seit ich sie zum ersten Mal sah, habe ich versucht, ihre Aufmerksamkeit auf das Geschäft zu lenken. Endlich gelingt ihr Vorhaben: Innerlich juble ich, gleichzeitig klopft mir mein Herz bis zum Hals, der Mund ist staubtrocken. Die Spannung wird hier bis zum überraschenden, logischen Schluss gehalten.
Ebenfalls in einem Laden, genauer gesagt, in einem Gemischtwarenladen, spielt die Geschichte „Gehen“ (Susanna Binder). Sie handelt vom Weggehen, Ankommen und nicht weit genug gehen. In „Unschuhverlässig“ (Christian Ruch) freut sich ein Mann besonders auf das Alter, in dem ich endlich Schuhe mit Klettverschluss tragen kann. Der Frau in „Wie auf Wolken“ (Gerda Sengstbratl) hingegen ist egal, ob ich gehe oder laufe, ob ich tanze oder springe oder fliege: Immer bleiben die Schuhe Wolken. […] Mein Schritt ist flockig und leicht. Wie Federn über der Erde. Flockig und leicht sind viele Geschichten dieser willkommenen Frühsommerlektüre mit Schuhgeschichten aller Art.
„Ich erröte vom Schaft bis zur Sohle“
Schuhgeschichten
Herausgeber: Wolfram Schneider-Lastin und Christa Prameshuber
Aris Verlag
Gebundene Ausgabe, 254 Seiten
ISBN 978-3-907238-52-3

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