Insgesamt 34 Jahre lang hat Wilfried Eckstein für das Goethe-Institut gearbeitet, leitete sechs der Vertretungen in fünf Ländern. In seinem Buch „Freunde finden für Deutschland“ zieht er eine persönliche Bilanz und ermöglicht dadurch einen aufschlussreichen Blick auf die Grenzen und Möglichkeiten internationaler Kulturarbeit.
Als Wilfried Eckstein 1991 seinen Dienst als Leiter des Goethe-Instituts in Moskau antritt, ist der sogenannte Eiserne Vorhang gefallen, und in Europa keimt die Hoffnung auf ein Leben in Frieden und Demokratie.
Als er 2022 von Hanoi nach München zurückkehrte, war diese Hoffnung zerschlagen; islamistische Terroranschläge bedrohten das Sicherheitsgefühl in Europa; Russland überfiel die Ukraine, und in den USA wurde 2024 Donald Trump zum zweiten Mal zum Präsidenten gewählt.
An einer „Welt, in der Regeln und die Einhaltung von Verträgen einschließlich der UN-Menschenrechtscharta verbindlich sind … mitzuarbeiten, war - und ist - die Mission des Goethe-Instituts, wie ich sie verstehe“, schreibt Eckstein in seinem Vorwort. Auf den folgenden insgesamt 153 Seiten erzählt er, wie er versucht hat, dieser Mission unter jeweils unterschiedlichen politischen und kulturellen Bedingungen gerecht zu werden. Chronologisch referiert er in acht Abschnitten die Stationen seines Berufslebens: Moskau, München, St. Petersburg, Bangkok, Shanghai und Hanoi. Das hat den Charakter eines Rechenschaftsberichts oder auch einer Leistungsschau. Denn er benennt die wichtigsten Kulturereignisse und Projekte wie Festivals, Workshops, Filmreihen, Ausstellungen und Aufführungen, beschreibt dazu die jeweiligen Begegnungen und Kooperationen, um auch seine Wertschätzung und Dankbarkeit gegenüber Kollegen, Partnern und Künstlern auszudrücken. Die Leser werden mit einer Fülle von bekannten und unbekannten Namen konfrontiert und erleben einen Parcours durch die Entwicklungen in Kunst, Theater, Film, Musik und Stadtentwicklungsdebatten der vergangenen dreieinhalb Jahrzehnte.
Das ist manchmal überfordernd, aber gleichzeitig interessant und spannend. Man erfährt, wie im Bereich der Kultur die Überwindung einer selbstbezogenen, manchmal arroganten Perspektive möglich wird, wie in repressiven Verhältnissen Freiräume entstehen können, wie einander fremde Menschen an universellen Fragestellungen arbeiten, sich verständigen oder zumindest sich annähern, um gemeinsam etwas Neues zu kreieren.
Exemplarisch und sehr anschaulich dafür ist das Kapitel über die internationale Theaterarbeit am vietnamesischen Nationalepos Truyen Kieu – Das Mädchen Kieu: „Theater schreibt sich besser vor dem Hintergrund von Diktatur“ lautet die Kapitelüberschrift, ein Zitat des ostdeutschen Dramatikers Heiner Müller. Schon im Jahr 2006 hatte das Goethe-Institut in Hanoi gegen die Widerstände der Zensurbehörde eine sehr erfolgreiche Theateraufführung des über 200 Jahre alten literarischen Epos durchgesetzt – eine Kooperation zwischen der Schweiz und Vietnam.
Mit Antritt seines Dienstes in Hanoi 2017 begann Wilfried Eckstein, sich intensiv mit diesem literarischen Stoff auseinanderzusetzen, und entwickelte daraus über einen längeren Zeitraum ein umfangreiches internationales Projekt. Es beinhaltete eine Ausstellung mit Bildern von Franca Batholomäi, ein internationales Symposium, ein Filmprogramm über ikonische Frauenfiguren und einen Zeichenwettbewerb. Im Zentrum stand jedoch die Aufführung von vier Theaterproduktionen. Zwei Regisseurinnen – die Deutsche Amélie Niermeyer und die Vietnamesin Ngo Dang Hong Van – und zwei vietnamesische Theaterleute – Tran Luc und Bui Nhu Lai – zeigten ihre unterschiedlichen Interpretationen der Geschichte dieser legendären vietnamesischen Frauenfigur. Das Mädchen Kieu kommt aus gutem Hause, willigt in eine Heirat ein, um ihren Vater aus dem Schuldturm zu befreien, gerät in die Hände von Zuhältern, durchlebt schreckliche Leiden, kann sich am Ende aber befreien. Es geht um aktuelle globale Themen wie Trafficking (Menschenhandel), um Unterordnung und Aufbegehren einer Frau gegen patriarchale Macht- und Gewaltverhältnisse, um Resilienz und die Aufrechterhaltung des Anspruchs auf ein würdevolles Leben in Frieden.
So viele Möglichkeiten, die Kulturarbeit auch bietet, setzt die Politik ihre Grenzen. Auch wenn in den Räumen des Goethe-Instituts in autokratisch regierten Ländern manches gezeigt oder gesagt werden konnte, was anderenorts nicht möglich war, stand seine Arbeit ständig unter politischer Kontrolle. Mit Spitzeln war immer zu rechnen. Wilfried Eckstein berichtet anschaulich über die politische und kulturelle Situation und Atmosphäre seiner Gastländer, bleibt im Ton immer sachlich und hält sich mit Bewertungen zurück. Ab und an wird deutlich, dass er sich von manchen deutschen Vertretern aus Wirtschaft und Politik weniger Selbstzufriedenheit und stattdessen mehr Sensibilität bei der Wahrnehmung von Entwicklungen, z.B. in China, gewünscht hätte. Denn schon während seines Aufenthalts in Shanghai von 2009 bis 2011 konnte man sehen, dass die Chinesen – auch ohne Demokratie – die Zeichen der Zeit erkannten und im Bereich umweltfreundlicher und digitaler Technologien begannen, voranzuschreiten.
Grundsätzlich geht es Wilfried Eckstein bei seinem Rückblick darum, zu illustrieren, welche Chancen ein freier Austausch auf Augenhöhe eröffnet. Jede Bevormundung lehnt er strikt ab. Auf dieser Grundlage bezieht er gegen Ende des Buches sehr klar Position und kritisiert den Umgang mit der umstrittenen indonesischen Künstlergruppe ruangrupa, die 2022 die documenta XV kuratiert hat. Das dort aufgestellte haushohe Spannplakat „people’s justice“ des Künstlerkollektivs Taring Padi führte zu einem öffentlichen Eklat, weil es antisemitische Codes zeigte, und wurde abgehängt. Diese Entscheidung widerspricht Ecksteins Ideal eines herrschaftsfreien Diskurses. Statt die Darstellung antisemitischer Klischees zu verstecken oder zu entfernen, hätte man eine öffentliche Auseinandersetzung entwickeln können und sich mit der Entstehungsgeschichte des Plakats und den unterschiedlichen kulturellen Codes beschäftigen müssen – so sein Plädoyer.
Für sich persönlich zieht er am Schluss ein positives Resümee. Was in den ökonomisch schwierigen 1990er Jahren mit der deutsch-russischen Kulturarbeit in Moskau und St. Petersburg hoffnungsvoll begann, endete im Jahre 2022 mit der Sperrung der Konten des Goethe-Instituts durch die russische Regierung. Der ursprüngliche Plan, nochmal nach Moskau zu gehen, ist zerplatzt. 80% der Russen unterstützen Putins Krieg gegen die Ukraine. Doch 1,5 Millionen Bewohner haben ihr Land verlassen, darunter viele ehemalige Partner des Goethe-Instituts. Auf sie und die restlichen 20 % bezieht sich Eckstein und erinnert an die Galerien und Kunstzentren, die in den Aufbruchsjahren entstanden sind, an die Kataloge, Filme, an das erarbeitete Wissen, das noch existiert und weitergegeben werden kann. „Wir haben … junge Generationen erreicht und ihnen Angebote gemacht, die als Erfahrung weiterlebt“, schreibt Wilfried Eckstein und schließt sein Buch mit dem Satz: „Ich wüsste nicht, was wir hätten besser machen können.“
Wilfried Eckstein: Freunde finden für Deutschland
34 Jahre Kulturarbeit am Goethe-Institut in Russland, Thailand, China, Vietnam und den USA
Ergon Verlag 2026
Gebundene Ausgabe: 171 Seiten, eBook
ISBN-13: 978-3-9874029-0-6
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