In den Räumen des Lübecker St. Annen-Museums wird in den nächsten Monaten eine farbige und perspektivenreiche Schau über die Seidenstraße ausgestellt.
Von der Seidenstraße wird nicht allein in historischen Zusammenhängen gesprochen, sondern seit einigen Jahren auch in der aktuellen Politik, denn die Bemühungen der chinesischen Regierung um die Verkehrswege in westliche wie auch in südliche Länder werden als „Neue Seidenstraße“ zusammengefasst.
In Lübeck geht es allerdings überhaupt nicht um das Heute, sondern allein um die Geschichte. Und dafür ist das dem Mittelalter gewidmete St. Annen-Museum ein perfekter Ort.
Eine einzige Seidenstraße gab es nie, sondern immer ein Netzwerk verschiedener Verbindungen – mal mehr nördlich, mal mehr südlich. Sogar von einer maritimen Seidenstraße ist die Rede. Und alles nur nach Europa? Aber mitnichten! Vielmehr zeigte sich schon früher, nicht erst heute, dass China am Handel mit Afrika interessiert ist. Alle diese verschiedenen Aspekte der berühmten Verbindung zwischen dem äußersten Osten und dem Rest der Welt werden in der Lübecker Ausstellung angesprochen. Dabei greift der Kurator nicht nur auf Objekte zurück – viele davon ästhetisch sehr reizvoll, andere kulturgeschichtlich bedeutend –, sondern auch auf großformatige Fotos, bevorzugt solche, die uns die gewaltigen Landschaften auf der langen Strecke vor Augen führen. Insofern bietet die Ausstellung ein ästhetisches Gesamterlebnis.
Die Lübecker Sammlung Kulturen der Welt hat schon seit Jahren keine Dauerausstellung mehr, sondern wird in wechselnden Sonderausstellungen an verschiedenen Orten präsentiert. Meist werden sie vom Direktor der Sammlung, Lars Frühsorge, kuratiert, aber in diesem Fall zeichnet Olaf Günther verantwortlich, ein Spezialist für Mittelasien und insbesondere ein Kenner von Usbekistan. Wohl auch deshalb findet Ulugh Beg (1394–1449), ein Timuriden-Fürst, seinen Platz – und er verdient ihn auch wirklich, denn der als Herrscher wenig erfolgreiche Mann war ein bedeutender Förderer der Wissenschaft, insbesondere der Mathematik und der Astronomie. In einem islamischen Land! Eben deshalb wird bis heute in Samarkand, das als eine der schönsten Städte der Welt gilt, an ihn erinnert.
Asiatische Hochkulturen übten und üben seit Jahrhunderten einen großen Reiz und entsprechenden Einfluss auf Europa aus. In den Tagen August des Starken war es das Design von Teeservices, das vom Einfluss Chinas ausging, und später kam die Literatur dazu. Goethes Gedichtsammlung „West-Östlicher Divan“ entstand in einer Zeit, als sich Forscher, Dichter und Intellektuelle aller Richtungen nach Osten wandten. Und nur wenig später reisten vermehrt Kaufleute und Forscher durch Asien. Auch solche aus Lübeck.
Sollten wir deshalb von Globalisierung sprechen? Mir scheint das fragwürdig. Natürlich fand sich auch damals schon ein Konnex zwischen voneinander weit entfernten Kulturen, aber es gab ja keine Gleichzeitigkeit – wie heute, da Menschen in allen Teilen der Welt dieselben Fernsehserien gucken –, es gab keine Verwobenheit, kein ökonomisches oder technisches Aufeinander-angewiesen-Sein, wie es heute ist, sondern es fanden sich nur ganz wenige und immer sehr zarte Kontakte, die allein für einen Teil des Lebens wichtig waren; und auch nur für einen sehr kleinen Teil der Bevölkerung.
Ein früher Asienforscher war der in Lübeck geborene Adam Brand (1692–1746), der als Diplomat in preußischen Diensten in den Osten reiste und später in einem barock betitelten Buch (ich zitiere nur den Anfang des sehr langen Titels) von seiner Reise berichtete, in „Adam Brands Neu-vermehrter Beschreibung seiner großen chinesischen Reise“, von der es heute leider nur eine französische (!) Ausgabe gibt, aber keine deutsche. Immerhin kann, wer mag, das Buch auch online auf Deutsch studieren.
Die Lübecker Sammlung bietet erstaunlich viele Funde der unterschiedlichsten Art. Der wichtigste Grund für diesen Reichtum ist das Engagement des ersten Direktors der Völkerkundesammlung, Richard Karutz (1867–1945), der zwischen 1903 und 1907 mehrfach Zentralasien bereiste und zu diesem Thema zwei Bücher publizierte, die sich bis heute als antiquarisch wertvoll erweisen. In seiner Lübecker Zeit – später lehrte er am Goetheanum in Dornach, hatte sich also der Anthroposophie genähert – bat Karutz Lübecker Kaufleute um Gaben für sein Museum und stieß auf eine sehr große Bereitschaft, die sich in der Ausstellung widerspiegelt. Denn einen kleinen Teil dieser Gaben davon können wir jetzt in einer interessanten und schönen Ausstellung bewundern.
Der Lübecker Divan. Ein Reiseführer für die Seidenstraße.
Sammlung Kulturen der Welt, Lübeck
Zu sehen bis Sonntag, 30. August 2026 im St. Annen-Museum, St. Annen-Straße 15, 23552 Lübeck
Öffnungszeiten: Bis 31.03.: 11–17 Uhr. 01.04. bis 31.12.: 10–17 Uhr
- Weitere Informationen (Lübecker Museen)
- Weitere Informationen (Divan Community)

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