Es ist doch immer so im Leben: Die einen haben zu viel, die anderen zu wenig. Das lässt sich vom Geld sagen und vom Glück und von fast allem anderen auch. So in etwa werden auch Bes und Vetter gedacht und gefühlt haben, die für Sophie wie Großeltern sind.
Sophie wächst in Armut in einem oberfränkischen Dorf der 1930er Jahre auf. Ihre Lebensgeschichte wird uns auf mitreißende, poesievolle Weise in „Mittelberge“ erzählt. Es ist der erste, von Anfang bis Ende überzeugende Roman der Theaterautorin Kerstin Specht, deren Stücke vielfach übersetzt und ausgezeichnet wurden.
In Mittelberge kennt jeder jeden und jedes Schicksal liegt offen zutage. Natürlich bleibt jedes dieser Schicksale dennoch geheimnisvoll in einem Roman, der so gut gearbeitet ist wie dieser. Bes und Vetter beispielsweise: Von ihnen erfahren wir gleich zu Beginn, auf der ersten Seite des Romans: Sie schliefen ein Leben lang gemeinsam in einem Zimmer, aber nie in einem Bett. Sie bewohnen zusammen ein Haus, schlafen in einer Dachkammer, in der ihnen in der kalten Zeit der Wind um die Ohren weht. Im Sommer brennt die Sonne durch die Lücken zwischen den Dachziegeln so sehr, dass es selbst den Mücken zu viel wurde und sie tot von den Wänden fielen. Von einer Kuh ist auf der ersten Seite die Rede, von einem Leiterwagen und von einer Fuhre gipsener Puppenkopfformen, mit denen Vetter das Zimmer auskleidet und von vielem anderen mehr. Erstaunlich, wie viel Wesentliches auf ein einziges weißes Blatt Papier geschrieben werden kann!
„Kaltwarm“ ist dieses erste, einseitige Kapitel benannt, das so kurz ist wie fast alle anderen auch. Die meisten kommen mit ein bis zwei Seiten aus, wenige benötigen etwas mehr Platz, höchstens fünf bis sechs Seiten. Jedes Kapitel ist vielsagend, sagt viel aus. Jedes Kapitel erzählt eine Geschichte, die nicht immer – genauer gesagt: nur in seltenen Fällen – erfreulich ist. Lesenswert aber sind alle diese Geschichten. Manche lesen sich wie ein Märchen mit gutem Ende, andere wie eine Tragödie mit tödlichem Ausgang. In den ersten „Geschichten“ werden wir mit dem Personal vertraut gemacht. Das ist nicht ungewöhnlich. Dass allerdings jemand, den wir in einem Roman gerade erst kennengelernt haben, uns gleich wieder für immer verlässt, ist für uns Lesende schockierend. Und es ist ein kluger Schachzug, der sein Ziel erreicht: In keinem Satz, auf keiner Seite dieses Buches, lässt unsere Aufmerksamkeit, unser Interesse, unsere Neugierde nach. Wir bleiben dran, wir leben und leiden mit Sophie und allen anderen, die in ihrem Leben eine Rolle spielen.
Sophie hat es von Anfang an schwer: Vier Jahre vor ihrer Geburt starb ihr Bruder Robert. Er hatte draußen im Garten gespielt. Ein feiner, gläserner Regen kam, seine Mutter ging schnell ins Haus, um ihm ein Jäckchen zu holen, damit er sich nicht erkälte. Zum Garten gehörte ein Teich. Da lief Robert hin, schneller und immer schneller lief er zu dem finsteren stillen Auge. Wie ein Magnet zog es ihn an. […] Als die Mutter wieder zurückkam und ihn suchte, trieb er schon im Wasser. Vier Jahre später wird Sophie geboren, ein krankes Bündel, rot aussätzig, mit eitrigen Beulen liegt da in einem Korb, wimmert Tag und Nacht, bringt alle Nachbarn um den Schlaf… Doch – entgegen aller Erwartungen: Sophie wächst und gedeiht. Wir dürfen also an dieser Stelle kurz aufatmen. Obwohl Asthma Sophie ein Leben lang plagen wird…
Schön ist nicht schön, aber schöne Taten sind schön, heißt es in einem nicht einmal eine Seite langen Kapitel, das mit dem ersten Teil dieses Satzes übertitelt ist (Merksatz von Sophies Mutter). Schön ist nicht schön, aber schöne Sätze, können schön sein! Es gibt viele schöne Sätze in diesem Buch. Sätze, die so poetisch sind, dass einem beim Lesen vor lauter Bewunderung vor so viel Schönheit beinahe die Luft zum Atmen wegbleibt. Sätze, die scheinbar unscheinbar daherkommen und mächtig nachwirken. Sätze wie: Der Weg spult sich aus ihren Schürzentaschen heraus und wird länger und länger. […] Sie bläst sacht in die Wolken und treibt sie vor sich her. Oder: Ihr (Reif) Leben ist schwer wie ein Stein und deswegen wirft sie anderen Steine in den Weg. Es mag sie keiner und deswegen mag sie die anderen noch weniger. Meist sind es kurze Sätze, die uns viel erzählen. Schönes und weniger Schönes, zusammengewirkt zum kunstvollen Webstück.
In „Nachtsonne“ schauen alle Nachbarn mit offenem Mund nach oben:
Obwohl es noch nicht Nacht ist, ist der ganze Himmel erst schwarz und dann rot. Blutrot. […]
Die Bes schlägt sich an die Brust, der Himmel ist wund!
Kein Laut ist im Dorf. Kein Hund bellt. […]
Der Vater schluckt, verschluckt sich an seinem Speichel.
Wird das Wetter schlecht, fragt Sophie.
Die Zeit, sagt der Vater.
Die Nacht löscht das Feuer wieder.
Wochen gehen vorbei.
Der Krieg wird erklärt.
Mit diesen lyrischen Zeilen mitten im Prosatext kommen wir zu einer weiteren, kunstvollen Ebene, die Kerstin Specht für uns bereithält: Sie bietet uns zwischen den einzelnen Kapiteln lyrische Impressionen an. Das schafft eine inhaltliche Verbindung, eine textliche Umarmung, die zum Wert des Leseerlebnisses in Gänze beiträgt. Eines dieser Gedichte heißt „Das Glück“, nachdem im vorherigen Kapitel „Das Unglück“ (in der Schule) Sophie peinigt. In diesem Gedicht steht geschrieben:
Jeder Buchstabe entblättert
eine Geschichte
auf jedem Blatt
entlaubt sich die Zeit
sie schöpft Wörter ab
wie Rahm
schmeckt an den Bedeutungen
die sind unerschöpflich
Man merkt – wenn man es denn weiß: Kerstin Spiek ist Theaterstückeschreiberin. Sie schreibt in Bildern, in Bühnenbildern. Wir Leser tauchen in diese Bilder ein und erleben eine ganze Welt. Es ist eine arme Welt. Wirklich reich ist hier allein die Natur. Doch auch die kann böse sein, hat Unheil zu bieten, meist menschengemacht. Wie wir wissen…
Kerstin Specht: „Mittelberge“
Roman.
Stroux edition, München 2026
244 Seiten, Hardcover, Fadenheftung
ISBN: 978-3-948065-50-8
Leseprobe (Verlag)
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