Literatur
M.C. Hansen, Zeichnung, gemeinfrei und Bildmotiv des Buchumschlags

Die Rede ist vom Roman „Der Mord an Maschinenführer Roolfsen“ des norwegischen Autors Maurits Christopher Hansen (1794–1842) aus dem Jahre 1839/40.

Wobei sich die Gelehrten streiten: Ist es wirklich der erste Kriminalroman oder vielleicht eher der erste Detektivroman? Der Streit erscheint müßig zu einem Zeitpunkt, zu dem sich das Genre gerade erst herausbildete, und im Buch begegnen uns weder Kriminalpolizei noch Detektive, einfach, weil es das alles noch nicht gab, als Hansen seinen Roman schrieb.

 

Dafür sind alle Zutaten der späteren Kriminalromane bereits vorhanden: Zwei des Mordes Verdächtige, ein Staatsbeamter, der als Ermittler fungiert, eine schöne Frau, um die die Verdächtigen sowie der Ermordete heftigst gebuhlt haben, sowie ein Gelehrter (das Vorbild für die späteren Rechtsmediziner), der mit Hilfe seiner chemischen Kenntnisse feststellen kann, dass ein wichtiges Beweisstück manipuliert worden ist. Dass in unserer Aufzählung die Leiche fehlt, ist kein Zufall: Sie gibt es nicht.

 

Hansen verlegt die Handlung seines Romans in die norwegische Bergwerksstadt Kongsberg, und so ein Bergwerksgelände, im Gebirge gelegen, mit seinen vielen Schächten und Abwasserkanälen, bietet hervorragende Gelegenheiten, einen Toten verschwinden zu lassen. Besagter Roolfsen ist deutscher Herkunft, wie viele im Buch und auch im tatsächlichen Kongsberg: Der Bergbau war damals in Norwegen noch recht jung, und so waren deutsche Ingenieure, Maschinenbauer, Steiger und Hauer importiert worden, um die neue Industrie aufzubauen und norwegische Fachkräfte anzulernen. Auch eine Generation später schlägt sich das in einer kuriosen Lokalsprache nieder: In der Grubenstadt wird eine Mischung aus Deutsch und Norwegisch gesprochen, während die feinen Leute ihr Norwegisch lieber mit Französisch würzen.

 

Maschinenmeister Roolfsen ist also spurlos verschwunden, nachdem er am fraglichen Abend gleich mit zwei Rivalen um die Gunst der schönen Gastwirtsnichte Karine aneinandergeraten war – und alle Beteiligten waren sturzbetrunken; niemand kann sich genau erinnern, was passiert ist, aber Roolfsen ist nicht mehr da, und also muss jemand ihn umgebracht haben. Der Verdacht fällt auf den Hutmachergesellen Kjeld Haidler, dem einfach alle alles Böse zutrauen, zudem hat er ein Motiv: Er war zuerst mit der von allen begehrten Erbin verlobt, aber dann kam der attraktive und charmante Roolfsen des Weges. Und so könnte alles sehr schnell ein Ende nehmen und der unglückselige Kjeld am Galgen enden, wäre da nicht die absolute Obrigkeitsperson im damals von Kopenhagen aus absolutistisch regierten Norwegen, der Oberberghauptmann. Der, wie es sich für einen Kleinstadttyrannen gehört, findet, ein Anrecht auf alle hübschen Frauen in seinem Amtsbereich zu haben. Und der sich die allergrößte Mühe gibt, den Verdacht auf Kjeld Haidler zu lenken. Das erregt natürlich den Argwohn von Assessor Barth, dessen Aufgabe es ist, den Fall zu klären und den Mörder seiner gerechten Strafe zuzuführen. Und wie alle seine späteren Kollegen schreckt Barth nicht davor zurück, sich mit der Obrigkeit anzulegen, wenn es der Wahrheitsfindung dienen könnte.

 

der mord an maschinenmeiser Buchumschlag

Buchumschlag und Schmutztitel der Erstausgabe, 1840; Quelle: Nationalbibliothek Oslo

 

Maurits Christopher Hansen, einem der bedeutendsten norwegischen Autoren seiner Zeit (und Vorbild für die nächste Generation, kein geringerer als Henrik Ibsen erklärte, viel von ihm gelernt zu haben), ist ein spannender, aber auch witziger Roman gelungen, der in einem ganz besonderen Milieu spielt. Um sich nicht zu sehr mit der – nur geringfügig umgänglicher gewordenen – Obrigkeit seiner Zeit anzulegen, verlegte er die Handlung in die Jahre um 1800 – er, der immer gerade genug verdiente, um nicht mit seiner Familie zu verhungern, hoffte auf eine Professur. Die Obrigkeit jedoch durchschaute sein Manöver, die Professur bekam er nicht, und er starb relativ jung, mit nur achtundvierzig Jahren.

 

Die Aufklärung im Roman wird viele beim Lesen überraschen, damit hätte wirklich niemand rechnen können! Aber Hansens norwegischer Biograf Arve Fretheim berichtet von einer ganz anderen Auflösung, die der Autor ursprünglich geplant hatte, die er dann vorsichtshalber – die Professur! – doch nicht in sein Buch aufnahm. In dem auf dem Buch beruhenden Theaterstück, das beim jährlich stattfindenden Krimifestival in Kongsberg aufgeführt wird, ist der ursprüngliche Schluss wieder vorhanden.

 

Der Biograf berichtet übrigens von Hinweisen, dass es eine frühe, längst verschollene Übersetzung von Hansens Roman gegeben habe. Und diese sei Edgar Allan Poe vor Augen gekommen und habe ihn zu seinem „Doppelmord in der Rue Morgue“ (1841) inspiriert, der als erster Kriminalroman der Weltliteratur gilt. Ob Poe das Buch von Hansen aber gekannt hat oder nicht: Hansen ist Poe um zwei Jahre zuvorgekommen.


Maurits Christopher Hansen: Der Mord an Maschinenführer Roolfsen

übersetzt von Evelyn Dahlsrud und Gabriele Haefs.
Norwegische Originalausgabe: Mordet på maskinbygger Roolfsen, 1839, erschienen 1840

Rote Katze Verlag, Lübeck,

Broschur, Softcover

ISBN 978-3-910563-44-5, 128 S.

Weitere Informationen (Verlag)

Leseprobe (PDF)

 

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