Literatur
Marek-Torčík. Foto: Barbora Maršíček. © Anthea Verlag

Tschechien ist diesjähriges Gastland der Frankfurter Buchmesse. Welch glücklicher Zufall: 2026 ist auch das Jahr, in dem Marek Torčíks Romandebüt „Was die Zeit nicht nimmt“ (Originaltitel: Rozložíš paměť) in der Übersetzung von Mirko Kraetsch auf Deutsch im Anthea Verlag erschienen ist.

 

Bei diesem Coming-of-Age- und Coming-out-Roman handelt es sich um den seit Jahrzehnten erfolgreichsten in Tschechien erschienenen Roman. Derzeit wird das Buch in 27 Sprachen übersetzt.

 

Marek Torčík Was die Zeit nicht nimmt WebcoverEs ist eine Geschichte der Erinnerungen. Erinnerungen, die eine eher unbehütete Kindheit und eine ungute Schulzeit widerspiegeln. Eine erinnerte Zeit, die von Misshandlungen und Gewalt dominiert ist. Marek heißt der Junge, den wir im Jahr 2007 kennenlernen und den wir durch seine bruchstückartigen, sprunghaft erzählten Erinnerungen bis ins Jahr 2021 begleiten. Unser Held, der keiner ist, wächst in schwierigen Verhältnissen in einer Plattenbausiedlung in der mährischen Kleinstadt Přerov auf, aus der auch der Autor selbst stammt, der ebenfalls Marek heißt. Die Romanmutter arbeitet in einer (optischen) Linsenfabrik. Die Fabrik ist ihre Welt, auch wenn sie ständig mit Kopfschmerzen heimkommt, ständig Geldsorgen hat und Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren. Mutter Linda hat Mareks Vater - der sich Geld von Freunden und bei der Bank lieh, um alles kaufen zu können, was er haben wollte - verlassen. Zum ersten Mal verließ sie ihn noch vor der Geburt Mareks, zum zweiten Mal dann endgültig. Allein mit dem Kind musste sie als erstes alle Schulden abstottern, die der Vater hinterlassen hatte. Längst hat sich der Vater in die USA abgesetzt, ist Marek nur noch brieflich und telefonisch bekannt.

 

Auch die Großmutter trennte sich von ihrem Mann, einem Alkoholiker und Kettenraucher, der nun schon seit Jahren in einem psychiatrischen Heim lebte. Obwohl Mareks Mutter ihren Vater zeitlebens gehasst hat, war sie die einzige, die bei ihm blieb. Ihre eigene Mutter hat alles hingeknallt, hat sich meinen Bruder und meine Schwester geschnappt und ist einfach weg. Deine Mutter allerdings war geblieben. Schließlich musste sich jemand um ihn (den Großvater) kümmern, und deswegen hatte sie nach der Schule direkt in der Fabrik angefangen. Von seiner Oma hat Marek den Satz verinnerlicht: Wer was kann und das gut macht, der geht nicht einfach verloren. Du musst dir auch was suchen, was dir liegt. Marek allerdings verbrachte den großen Teil der Kindheit damit, immer mehr Sachen zu finden, in denen du definitiv nicht gut warst. […] Wenn du dich heute umdrehst, hast du bloß lauter Krisen hinter dir.

 

Als der Großvater stirbt, kehrt Marek in seine Heimatstadt zurück. Hier holt ihn die Vergangenheit ein, und er erinnert sich an all die Misshandlungen, denen er als homosexuell geprägter Junge in der Schulzeit ausgesetzt war. Er erinnert sich daran, wie er sich bemühte und lernte, sorgfältig auf jeden Schritt zu achten, nicht unnötig mit dem Becken zu kreisen, andere nicht allzu lange anzustarren. […]Du senkst jedes Mal den Kopf, wenn die Jungs über Mädchen reden. Du machst ihnen was vor, lachst mit […] Er erinnert sich daran, wie Mariàn in seine Klasse kam. Damals war Marek zehn. Mariàn ist Roma, seine Haut dunkel und übersät mit winzigen weißen Flecken. Jetzt ist er derjenige, auf den sich die Aufmerksamkeit der Klasse richtet, der gemobbt und gequält wird – und Marek schaut zu. Es gibt Bilder wie diese, zu denen Marek nur ungern zurückkehrt.

 

Er weiß inzwischen, dass auch Worte Waffen sein können: Eine Faust ist oft einfach bloß ein jedem verständlicher Satz. Marek ist kein reiner Sympathieträger in diesem Roman, er lügt, wann immer es ihm richtig und notwendig erscheint. Er drückt sich davor, Haltung zu zeigen, wenn es erforderlich wäre. Nicht zu Unrecht ist dem Roman folgendes Zitat vorangestellt: „Wer hat sich nicht schon einmal gefragt: Bin ich ein Ungeheuer, oder bedeutet genau das, ein Mensch zu sein?“ (Clarice Lispector: Der große Augenblick).

 

Marek hat das Gefühl, er und seine Mutter sprechen jeweils eine andere Sprache. Deine Worte prallen gegen die Tore einer fremden Welt, und zurück kommt nur ein Echo. Mareks Welt war der Mutter immer ein Rätsel, eine abgekapselte Welt. Vielleicht war das auch deshalb so, weil sich die Mutter immer ein Mädchen gewünscht hatte. Ein Mädchen, dem sie lange Kleider anziehen und die Haare kämmen könnte. Und wenn Marek im Schlaf zerbrechlich aussieht, überlegt sie jedes Mal aufs Neue, warum er nicht für immer so bleiben kann. Bevor Mutter und Sohn anfingen, in dieser fremden Sprache aneinander vorbeizusprechen, gab es eine Zeit, in der sie alles miteinander erlebten. Nachts schlüpfte Marek in ihr Bett; Linda flüsterte ihm Geschichten ins Ohr, berührte ihn mit der Stirn. Es gab also auch eine Zeit der Liebe für sie beide, eine Zeit, die ablenkte von Scham und Hass… Am Ende des Romans sagt die Mutter: Aber es ist doch besser, wenn du bloß die schönen Tage im Kopf behältst. Und der Rest? Den vergisst du sowieso irgendwann.

 

Erzählt wird dies alles aus der Du-Perspektive. Und wie das mit Erinnerungen so ist: Sie kommen und gehen, die Erinnerungsbilder, Zeit, Ort und Personen wechseln unversehens und unvermittelt. Das ist faszinierend, erschwert aber den emotionalen Zugang zu den Personen des Romans und stört unsere Möglichkeiten, als Lesende Empathie zu empfinden. Die Du-Perspektive schafft zusätzlich Distanz: Ein Ich-Erzähler hätte es einfacher mit uns Lesern und Leserinnen; ihm würden wir ohne Probleme folgen. Den Lesefluss erschweren auch die häufigen, wenn auch logischen Wechsel der erinnerten Situationen. Da hilft nur eins: dranbleiben, es lohnt sich! Dies ist kein Buch, das man in Häppchen lesen sollte, obwohl man dies wegen der doch recht harten Geschehnisse vielleicht gerne täte. Es ist ein Buch, das man bestenfalls in einem Rutsch liest. Denn dann entfaltet es seine ganze sprachliche Schönheit. Und die ist reichlich vorhanden.


Marek Torčík: Was die Zeit nicht nimmt

Roman. Anthea Verlag

Ins Deutsche übersetzt von Mirko Kraetsch

Gebunden, 320 Seiten

ISBN 9783899984569

Weitere Informationen (Verlag)

 

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