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Daniil Trifonov. Foto: Marion Hinz

Nach vier Wochen Spielzeit – zur Halbzeit – hat das SHMF sich und den Zuhörern einen weiteren musikalischen Höhepunkt geschenkt.

Danill Trifonov spielte höchst intensiv das Klavierkonzert Nr. 1 d-Moll op. 15 von Johannes Brahms mit dem Mahler Chamber Orchestra unter der Leitung von Daniel Harding.

 

Majestätisch, jedoch mit lebhafter Expressivität

Das Paukentremolo zu Beginn im Fortissimo mit vier Hörnern, Bratschen und Kontrabässen machte schon ein enormes Getöse. Für einen besonders akzentuierten Einsatz hatten die Kontrabässe ihren Bogenansatz beim Einspielen sogar nochmals kolophoniert. Dann ist er da, der Einsatz des Eröffnungsthemas: stürmisch, gehämmert und völlig unerwartet in B-Dur über „fremdem“ Grundton. Gefolgt von gefühlt nicht aufhören wollenden Trillerkaskaden, bedrohlich-energisch herausgemeißelt. Harding scheint die schroffe Seite Brahms’ entschlossen zum Klingen bringen zu wollen. Es ist der Brahms, der einmal eine Gesellschaft verließ, sich in der Tür umdrehte und sagte: „Wenn ich jemand zu beschimpfen vergessen habe, dann bitte ich um Entschuldigung.“

 

Das Eröffnungsthema wird fortan ständig variiert, durchläuft die Atmosphäre verschleiernd unerwartete Tonarten, bis endlich das schon vergessen geglaubte Klavier einsetzt. Trifonov selbst wiederum scheint in gebeugter Körperhaltung tief in sich hineinzuhorchen und die für Brahms typische Motivverknüpfung und die daraus resultierende Partiturdichte verstärken zu wollen. Die Soloexposition zeigt dann den anderen Brahms: den besonders zärtlich veranlagten. Es existiert ein anrührender Brief an Clara Schumann, in dem Brahms den letzten Nachmittag beschreibt, den er bei Robert Schumann in der Heilanstalt verbrachte. Im nun einsetzenden Klaviersolo bringt Trifonov dies tröstend zum Ausdruck. Expressive Dreiklangswärme mit beruhigender Bassbetonung, bei geringem Pedaleinsatz erstaunlich dicht legato gespielt. Begleitet von sextenseligem Klarinettenklang, einer Solooboe und den beiden Flöten steht hier das erste dolce (zart, sanft) in der Partitur.

 

Adagio, behutsam und sanft

Die Spielanweisung dolce, gemeinsam mit molto Adagio (sehr behutsam) und sordino (gedämpft) erscheint im zweiten Satz sechsmal. Drei Jahre vor der Uraufführung des Klavierkonzerts Nr. 1 hatte Brahms Clara in einem Brief mitgeteilt: „Auch male ich an einem sanften Porträt von dir, das das Adagio werden soll.“

Hatte Trifonov noch im ersten Satz die vorher innerlich verdichtete Energie impulsiv nach außen geschleudert, so strömt jetzt diese gespeicherte Kraft sanft, triolisch gedehnt, von einer schließlich dahinsinkenden Solobratsche, Violoncelli und Kontrabässen expressiv zum Ende.

 

Rondo, Allegro

Im Schlusssatz erlebten wir das Orchester, Harding und Trifonov in vollem Übermut, die versetzten Schwerpunkte mit Nachdruck ausstellend, als wollten sie überdeutlich das vielschichtige Denken Brahms hörbar machen. Genauso viel Spaß hatten sie offensichtlich an plötzlichen Tonartverirrungen, die unter anderem den fortschrittlichen Brahms kennzeichnen. Mit einer sehr starken Temposteigerung endete das Konzert furios unter dem Applaus eines euphorisierten Publikums.

 

Selbst Trifonovs klug ausgewählte jazzige Zugaben verrieten in ihren zarten Mittelteilen noch Brahms-Kolorit. Allein hier schien der ansonsten introvertierte Trifonov extrovertierter, in seiner Körperhaltung und im Klangergebnis uns überraschend. Das Publikum reagierte mit einem nochmals gesteigerten Applaus.

 

Dvořák, von Brahms sehr geschätzt

Mit dem warm klingenden Celloeinsatz in hoher Lage nach der Pause kündigte sich mit der Sinfonie Nr. 8 G-Dur op. 88 von Antonín Dvořák eine Atmosphäre heiterer Gelöstheit an. Zunächst noch ähnlich zupackend wie beim schroffen Brahms-Beginn, aber schon jugendlich ungebrochen, kammermusikalisch in gegenseitiger Aufmerksamkeit, mit strahlenden Streichern, exzellenten Holzbläsern und akzentuiertem Schlagwerk gelangen Harding kraftvolle Bögen. Unter seinem ausdrucksstarken Dirigat blühten die vortrefflichen musikalischen Einfälle Dvořáks in prächtigen Farben auf. Die böhmisch-slawische Rhythmik, die Melodien und die nicht immer „funktionale“ Harmonik gelangen schwungvoll-jubelnd, bevor im zunächst kantablen Adagio sich ein imposantes rhythmisch-dynamisch delikat angelegtes dramatisches Wechselspiel der Orchestergruppen entfaltete. Das Allegretto grazioso machte bei ausgelassener Spielfreude Lust mitzutanzen. Äußert präzis dirigiert, dynamisch feinstufig, sehr lebendig gestaltend, von einer Fanfarentrompete eingeleitet, endete das rondoartig angelegte Finale in einer für Dvořák typischen rhythmischen Schlussverve äußerst wirkungsvoll. Das Publikum bejubelte einen außergewöhnlich kammermusikalisch-symphonischen Abend.


Daniil Trifonov

Das Konzert fand am 1. August in der Musik- und Kongresshalle Lübeck im Rahmen des Schleswig-Holstein Musik Festivals (bis 30.08.2026) statt.

Besetzung:

Daniil Trifonov, Klavier | Mahler Chamber Orchestra | Daniel Harding, Dirigent

Programm:

Johannes Brahms: Klavierkonzert Nr. 1 d-Moll op. 15
Antonín Dvořák: Sinfonie Nr. 8 G-Dur op. 88

Weitere Informationen (SHMF)

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