Bildende Kunst
Min Yoon: A Pronoun of B , 2026, Installationsansicht, Kestner Gesellschaft. Foto: Mareike Tocha

Die Kestner Gesellschaft in Hannover präsentiert mit „A Pronoun of B“ die erste umfassende Einzelausstellung von Min Yoon. Der in Südkorea geborene Künstler lebt und arbeitet in Wien. Er studierte von 2011 bis 2018 an der Universität für angewandte Kunst und an der Akademie der bildenden Künste in Wien.

 

In Zeichnungen, Malereien und Skulpturen setzt er sich mit den Prozessen des Kunstschaffens sowie mit den institutionellen Strukturen auseinander, die die Kunst und ihre Produktion bestimmen. Seine Arbeiten entfalten sich oft in raumgreifenden, vielteiligen Installationen, deren spielerische Strukturen eine Vielzahl von Themen, Kontexten und Materialien miteinander verweben.

 

Der Buchstabe „B“ im Titel der Ausstellung hat sich ursprünglich aus einer altägyptischen Hieroglyphe und einem proto-sinaitischen Schriftzeichen entwickelt, die dem Grundriss eines Hauses ähneln. Für Min Yoon steht „B“ für eine sprachliche und räumliche Abstraktion des Konzepts eines eigenen, privaten Raums. Ausgehend von „B“ nimmt er eine Neukonfiguration der Räumlichkeiten der Kestner Gesellschaft vor, die an der Fassade des Gebäudes beginnt: Über dem Haupteingang verändert er das Namensschild der Institution. Einige Buchstaben scheinen heruntergefallen zu sein, während andere hinzugefügt wurden; zusammen bilden sie die Wortfolge „NA DA UM“.

 

Im Koreanischen kann dies als 나다움 (na-da-um) gelesen werden, was sich mit „man selbst sein“ oder „so sein wie man ist“ übersetzen lässt. Im Deutschen hingegen werden „na“ („nun“), „da“ („dort“) und „um“ („herum“) als eigenständige sprachliche Einheiten wahrgenommen. Dieser spielerische Umgang mit der Sprache zielt auf das ab, was sich im Inneren des Gebäudes weiter entfaltet. Hier werden die sprachlichen, räumlichen und zeitlichen Dimensionen von „B“ durch eine neue ortsspezifische Installation weiter erforscht und neu geschaffene Gemäldeensembles zusammen mit einer Auswahl an Arbeiten Yoons aus den letzten drei Jahren präsentiert.

 

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Beim Betreten trifft man zunächst auf ein bühnenartig inszeniertes Ensemble von Skulpturen, die Figuren darstellen: Other Hand (2025), eine überdimensionale Handpuppe aus Filz, spielt auf künstlerische Prozesse und die Arbeit an, die hinter den Kulissen stattfindet. Exit Snail Enter Snail (2024), eine große graue Schnecke, evoziert eine verlangsamte, verkörperte und individuelle Erfahrung der Zeit. Digest/Wait + ing Time to Emit (2024), eine kopflose Figur, deren Hut auf einer geschwungenen Stahlkonstruktion montiert ist, verbindet Fragen der Zeit und des Wartens mit dem von Produktivitätsstreben und Konsum ausgehenden Druck. „Emit” – „time“ (engl. für Zeit) rückwärts gelesen – steht für aussenden, freisetzen oder entladen. Was hier freigesetzt wird, sind Ketten aus Wolle und Schnüre, die sich zwischen Metallstützen durch den Raum ziehen und so eine physische Distanz zwischen den Betrachtenden und den Skulpturen schaffen.

 

Gegenüber diesem Ensemble zeigt 1B Time bis 8B Time (2026), eine neue Serie von acht Gemälden, Sanduhren, die mit dem Buchstaben B gefüllt sind. „B“ wird so selbst zu einer Zeiteinheit, die zugleich die „B-Seite“ der Zeit festhält.

 

An die von der etablierten Zeitordnung abweichende Zeitlichkeit der Sanduhren schließt sich im nächsten Raum eine raumgreifende Installation an. Sie überführt das Messen in den Raum und eröffnet damit eine spielerische Auseinandersetzung mit Raum und Maßsystemen. Die eigens für die Ausstellung produzierte Arbeit wird erstmals in Hannover präsentiert und erstreckt sich als skulpturale Holzkonstruktion entlang der Wände der zweiten Ausstellungshalle über eine Fläche von etwa 400 Quadratmetern. An ihr sind unterschiedliche Objekte angefügt, darunter Tiere, Malereien, Kleiderbügel, Handpuppen und Holzfiguren sowie vor Ort vorgefundene Sockel oder eine Staffelei, die als Träger dienen. Mit Markierungen im Abstand von je 20,5 Zentimetern folgt die Konstruktion einer vom Künstler bestimmten Einheit, die keinem offiziellen Standard entspricht. Die Installation schlägt vielmehr ein persönliches Maßsystem vor und wirft Fragen zur Quantifizierung von Räumen und Körpern auf. Messgeräte wie eine Wachstumstabelle und ein Pantograf zum Kopieren und Vergrößern von Zeichnungen werden Teil des skulpturalen Apparats und führen die abstrakte Idee des Messens zurück auf den physischen, gelebten Körper.

 

Im Dialog dazu wird im selben Raum eine Gruppe von Arbeiten präsentiert, die sich mit Kinderbüchern und staatlich initiierten Formen der Kategorisierung auseinandersetzen. Der Ausdruck „na-da-um“ an der Fassade weist auch auf Nadaum Books hin, ein Bildungsprojekt, das 2018 vom südkoreanischen Ministerium für Geschlechtergleichstellung und Familie ins Leben gerufen wurde. Das Projekt empfahl den öffentlichen Schulen und Bibliotheken Kinderbücher, die sich mit verschiedenen Formen des Familienlebens und der Sexualerziehung befassen, wurde jedoch aufgrund von Beschwerden und Protesten konservativer Gruppen unvermittelt eingestellt. Yoon reagiert auf diese Kontroverse, indem er Bücher präsentiert, die in Südkorea zensiert oder aus öffentlichen Bildungseinrichtungen zurückgezogen wurden – eine Entwicklung, die zunehmend auch in anderen Teilen der Welt zu beobachten ist. In Anlehnung an byeoldakku (별다꾸), eine bei jungen Menschen in Südkorea beliebte Praxis, Alltagsgegenstände spielerisch zu personalisieren, verziert er die Bücher mit Papier, Buntstift, Ton und weiteren Materialien. Diese Form des Verzierens verbotener Bücher wird zu einem kleinen Akt des Ungehorsams, der sich den von der Zensur eingeschränkten Raum erneut aneignet und zugleich marginalisierte Erfahrungen sichtbar macht.

 

Die Bücher werden zusammen mit einer zweiten Serie neuer Malereien präsentiert, die die einzelnen Buchstaben des Titels „A Pronoun of B“ darstellen und sich über beide Ausstellungsräume im Erdgeschoss verteilen. Aus ihrer ursprünglichen Abfolge herausgelöst, bilden die Buchstaben eigenständige Bildelemente und laden dazu ein, sich von A nach B zu bewegen und aus diesen dekonstruierten Fragmenten eigene Assoziationen entstehen zu lassen.

 

Yoons A Pronoun of B bringt räumliche, zeitliche und sprachliche Unschärfen zusammen und erhebt die Dimensionen des Aufstellungsortes – häufig die zentrale Vorgabe für die Gestaltung einer Schau – zu einem eigenständigen Werk.


Min Yoon: A Pronoun of B

Zu sehen bis zum 15. November 2026 in der Kestner Gesellschaft, Goseriede 11, 30159 Hannover

Öffnungszeiten: Mo geschlossen, Di–So, 11–18 Uhr, Do 11–20 Uhr

Öffnungszeiten an Feiertagen: Sa, 3.10.2026, Tag der Deutschen Einheit, 11–18 Uhr und Sa, 31.10.2026, Christi Himmelfahrt, 11–18 Uhr

Weitere Informationen (Kestner Gesellschaft) 

 

Die Ausstellung wurde von Eva Birkenstock kuratiert, mit kuratorischer Assistenz von Leonie Funke. Die Kestner Gesellschaft dankt Min Yoon und der Galerie Lars Friedrich für ihre Unterstützung.

Anlässlich der Ausstellung erscheint eine Publikation in Form eines Künstlerbuches.

Erscheinungstermin: Dezember 2026

 

Min Yoon hat eine limitierte Edition von 14 Ölgemälden geschaffen: Jedes Bild zeigt einen einzelnen Buchstaben oder ein Leerzeichen, die zusammen den Ausstellungstitel „A Pronoun of B“ ergeben. Die Werke sind in allen Bereichen der Ausstellung zu sehen und exklusiv über die Kestner Gesellschaft erhältlich. 

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