Der lettische Künstler Jānis Avotiņš wird als zurzeit interessantester Maler aus dem kleinen Land im Baltikum gehandelt.
Zu seiner Einzelausstellung hat sich der Künstler die architektonische Ästhetik der großen ehemaligen Neorenaissance-Börsenhalle in Riga als Ausstellungsort gewünscht. Der Raum ist historisch bereits vordefiniert. Die großen Fenster in Richtung der Jēkaba Straße (iela) lassen nicht nur Tageslicht herein, sondern schaffen auch ein stimmungsvolles Stadtbild und einen Ausblick auf die Altstadt. Gegenüberliegend zeigen die großen Fenster in den glasüberdachten Innenhof.
Die großen dunklen Säulen und die Deckenbögen strukturieren die Halle, antike Uhren an der Querwand geben den Flair einer alten Bahnhofshalle.

Ausstellungsansicht. Foto: Dagmar Reichardt
Jānis Avotiņš hat einzelne Wandelemente als Blöcke in den Raum setzen lassen, auf denen vierzehn zumeist kleinformatige und aktuelle Bilder hängen. In der Mitte des Raums steht ein Holzobjekt, das mit „Bürokratie“ betitelt ist. Es sieht aus wie ein historisches Möbelstück, an dem mit Glas versehene Rahmen hängen. Darin sind beidseitig sichtbar sechs auf Sternbilder bezogene Schreibmaschinen- und Kohlepapierseiten, die durchstochen die unterschiedlichen Sternkonstellationen ergeben: Stier, Großer und Kleiner Wagen, Orion, Lyra und das Kreuz des Nordens (Cygnus).
Ausgangspunkt für Avotiņš Malerei sind Schwarz-Weiß-Fotografien der 1920er-Jahre. Lettland war seit 1919 unabhängig und erlebte das folgende Jahrzehnt als kulturelle und wirtschaftliche Blüte. Die Minox wurde von Walter Zapp in Riga erfunden und galt als kleinste Spionagekamera.
Der Künstler kondensiert anonyme Einzel- und Doppelfiguren aus diesen alten Fotos und bringt sie auf die Leinwand. Neben der farblichen Reduktion gibt es auch eine räumliche. Oft kann man zwischen Außen- und Innenraum kaum unterscheiden; mal wirken die Figuren wie Wartende, wie Personen, die eine Straße überqueren, oder wie jene, die in Samuel Becketts Stück Waiting for Godot den Raum quasi auflösen.
Fast paradoxerweise entstehen sowohl zeitlose als auch historisch wirkende Figuren. Die Bilder spielen mit Distanz und Einsamkeit; die Personen sind auf sich selbst zurückgeworfen, vergleichbar mit den Bildern von Edward Hopper. Es gibt kein Vorher und kein Nachher, nur einen einzigen Moment. Wir können nicht ermitteln, woher sie kamen und wohin sie gehen werden. Sie kommen aus dem Nichts und gehen womöglich auch dahin. Während der Künstler bei den meisten früheren Bildern mit Titel arbeitete, sind hier alle als o.T. (ohne Titel) versehen und bestärken das Gefühl der Identitätsverschleierung.
Oft sind sie in leichter Aufsicht zu sehen und von hinten, aber wir können weiter nichts dekodieren. Jānis Avotiņš klärt erst im Gespräch auf, was die Fotos ursprünglich zeigten: Pfadfinder, Einkaufende, Soldaten, Spaziergänger und auf den Bus Wartende.
Der Maler verwendet eine grobe Leinwand; der Farbauftrag ist dünn, manchmal leicht transparent.
Als ob uns ein gemeinsames Gedächtnis verbinden würde, setzt der Künstler die Figuren frei, entlässt sie und mystifiziert sie zugleich. Sie sind entkontextualisiert, als ob sie aus einem großen Ganzen stammen würden, jedoch extrahiert wurden.
Über den Künstler
Jānis Avotiņš erwarb seinen Bachelor- und Masterabschluss (2003) an der Kunstakademie Lettlands in Riga und absolvierte ein Gaststudium an der Universität Manchester (2002). Seit 2004 veranstaltet er regelmäßig internationale Einzelausstellungen und arbeitet dabei mit der IBID Gallery in London und Los Angeles, der Galerie Rüdiger Schöttle in München, der Galerie Vera Munro in Hamburg und der AKINCI Gallery in Amsterdam zusammen; zudem nimmt er an zahlreichen internationalen Gruppenausstellungen teil.
Werke von Jānis Avotiņš befinden sich in der Sammlung des Lettischen Nationalmuseums für Kunst sowie in bedeutenden Privatsammlungen in ganz Europa, den Vereinigten Staaten und Japan, darunter in den Sammlungen der prominenten Sammler François Pinault, Charles Saatchi, Sandretto Re Rebaudengo und der Rubell Family Collection. Der Künstler wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet, darunter mit dem Jean-François-Prat-Kunstpreis in Paris.
Jānis Avotiņš. Distances
Zu sehen bis zum 23. August 2026 im Mākslas muzejs RĪGAS BIRŽA (Kunstmuseum Rigaer Börse, Große Ausstellungshalle), Doma laukums 6, LV-1050 Riga, Lettland
Geöffnet: Di.–Do., Sa. und So. 10.00–18.00 Uhr, Fr. 10.00–20.00 Uhr. Mo. geschlossen
Weitere Informationen (Museum, engl.)

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