1926 wurden mit einem großen Festzug die 700 Jahre „Reichsfreiheit“ der Stadt Lübeck gefeiert, die nur noch wenige Jahre andauern sollten – bis 1937. Und heute? In einer interessanten Ausstellung wird nicht an die verlorene Reichsfreiheit, sondern allein an den Festzug gedacht.
Und seines Regisseurs. Inszeniert worden war der Festzug von Alfred Mahlau (1894–1967), der bis zu diesem Zeitpunkt am Theater in Breslau beschäftigt war. Er war in Lübeck bekannt, nachdem er schon 1921 für die Stadt gearbeitet hatte, und durfte deshalb den Festzug planen, der in eindrücklichen Bildern und mit Hilfe von mehr als 1000 Teilnehmern, die zumindest anfänglich prachtvolle und bis zum Schluss anekdotenreiche Geschichte der Stadt darstellten. Geplant oder entworfen wurde der Festzug von ihm in Form von Aquarellen auf 36 Papierbögen, die zusammengeklebt eine Rolle von 18 Metern ergaben, die jetzt erstmals im Obergeschoss des Behnhauses präsentiert wird.
Nach Abschluss der Jubiläumsfeierlichkeiten hatte der Künstler diese Rolle dem legendären Direktor des Behnhauses, Carl Georg Heise, geschenkt, von dessen klugen Anschaffungen das Haus bis heute profitiert; aber irgendwann verschwand es in irgendeinem Schrank, erschien nicht einmal mehr in Mahlaus Werkverzeichnis und wurde schon deshalb nicht mehr gezeigt.
Das Behnhaus, beheimatet in einem klassizistischen Wohnhaus, zeigt in seiner Dauerausstellung eine Reihe bedeutender Werke des frühen 19. Jahrhundert bis zur klassischen Moderne. Von Mahlau stammt unter anderem ein – leider sehr dunkles – Selbstporträt in Öl, das unten in der Diele hängt; dazu schuf er sowohl dekorative Kerzenleuchter als auch eine schwarze Stiftertafel mit goldenen Buchstaben. Präsent ist er deshalb sowohl im Haus als auch in der Kunstgeschichte weniger als freier Künstler, der er gerne gewesen wäre, als vielmehr als hochbegabter und sehr eigenständiger Gebrauchsgraphiker, wie ihn die Welt bis heute kennt.
Bei den Arbeiten in dieser Ausstellung (hoffentlich nicht die letzte zu diesem Künstler!) handelt es sich in der Regel um Aquarelle. Das ist ein Problem, denn sie sind ja viel lichtempfindlicher als Arbeiten in Öl und dürfen deshalb nicht so lange ausgestellt werden. Von der Rolle wird jetzt nur die erste Hälfte vorgestellt, und eine zweite folgt nach der Halbzeit.
Mahlaus getuschte Zeichnungen sind ja Entwürfe und deshalb nicht sehr akkurat ausgeführt, aber er besaß einen sehr sicheren Strich, mit dem er die Bewegungen und Umrisse der Figuren wie auch deren Umgebung anzudeuten wusste. Zeigt ein Entwurf eine große Gruppe von Personen, dann ist allein die erste ausgeführt, und von den anderen sieht man kaum mehr als Umrisse. Auch die Kostümentwürfe stammen von ihm.
Selbstverständlich war der Festzug chronologisch geordnet – es geht los mit der Überreichung des Reichsfreiheitsbriefes, und es folgt die große Zeit als „Haupt der Hanse“. Die Pest gehört natürlich zu den Tiefpunkten, ebenso die Freiheitskriege gegen die napoleonischen Truppen; aber schon bald ging es wieder aufwärts mit der Lübeck-Büchener-Eisenbahn und dem Elbe-Lübeck-Kanal. Dann sind wir, während wir an den Aquarellen vorbeiwandern, auch fast schon in der Gegenwart angekommen.
Wir könnten während unserer Wanderung an den Teppich von Bayeux denken, der ja in ähnlicher Form eine Geschichte erzählt, aber in Lübeck steht uns ein anderes, leider im 2. Weltkrieg zerstörtes Kunstwerk vor Augen. Damals hing noch der „Totentanz“ des großen Bernt Notke, in einer Kopie von 1701, in einer Seitenkapelle von St. Marien – bis zu seiner Zerstörung in einer Bombennacht Lübecks bedeutendstes Kunstwerk und heute (wohl in einer fragmentarischen Kopie, vielleicht aus des Meisters Hand) in der Nikolaikirche des estnischen Tallinns anzuschauen. Auch seine Motive finden sich in der Rolle ganz selbstverständlich wieder.
Außerhalb Lübecks ist Mahlau zweifellos weniger bekannt – und doch werden ihn viele, wenn nicht fast alle, kennen, denn im Anschluss an den Festzug erhielt er den Auftrag, die Verpackungen von Niederegger zu gestalten. Und das gelang ihm so vorzüglich, dass sein Entwurf bis heute mit den Treppengiebelhäusern und den sieben Türmen die Marzipanverpackungen schmückt; Ähnliches gelang ihm beim Signet des Verlags Hoffmann & Campe und noch bei anderen Gelegenheiten, so bei der Schwartauer Marmelade. Den Keim für seinen Personalstil, der besonders deutlich bei Niederegger hervortritt (man denke nur an die Kombination von Rot und Gold), konnte er bereits 1921 für Lübeck entwickeln, als er ein Plakat für die „Nordische Woche“ entwarf. Bei seinem Entwurf für den Festzug hatte er allerdings ursprünglich die Silhouetten der Häuser weggelassen und sie erst auf Bitten seiner Auftraggeber aufgenommen. Dazu finden Sie sie in der für ihn charakteristischen Form auf dem Plakat der Feier.
Eine besonders große Leistung war Mahlaus Design des während der Hyperinflation eingeführten Notgeldes, gelegentlich „Eiergeld“ genannt, weil es die Geschichte des lübschen Doppeladlers erzählt, der aus dem Ei kriecht und dessen zwei Köpfe sich furchtbar erschrecken, als sie einander zu Gesicht bekommen… Lübeck – Reichsfreiheitsbrief! – war ja damals noch ein eigener Staat mit Münzrecht und in den Zeiten seiner schwindenden, wenn nicht gar bereits verschwundenen Bedeutung zu einer gewissen ironischen Selbstdistanz fähig. Ich will ja nicht hoffen, dass es zu meinen Lebzeiten Notgeld gibt, aber falls doch, möge ein zweiter Alfred Mahlau auferstehen und es gestalten!
Kuratiert wurde die Ausstellung vom Historiker Jan Zimmermann, einem Fachmann für Fotografie, der sich künftig um die im Lübecker Besitz befindlichen Arbeiten Mahlaus kümmern und diese hoffentlich in weiteren Ausstellungen präsentieren wird. Diese erste Probe ist auf jeden Fall einen Besuch wert – sie bietet ästhetisch reizvolle Arbeiten eines Hochbegabten und dazu reichlich kulturgeschichtliches Material.
Alfred Mahlau. Festzug 1926
Zu sehen bis Sonntag, 22. November 2026 im Museum Behnhaus Drägerhaus, Königstraße 9 – 11, 23552 Lübeck
Öffnungszeiten: Dienstag, 10 –17 Uhr
Weitere Informationen (Drägerhaus)
Es ist ein Katalog erschienen: Alfred Mahlau. Festzug 1926 (erhältlich im Museum)
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Film vom Bundesarchiv über den Festzug: 700 Jahre freie Reichsstadt Lübeck (1926) (1:09 Min.)

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