Angesichts des Erfolges rechtspopulistischer Bewegungen und Führungsfiguren wirkt das neue Buch der österreichischen Philosophin, Publizistin und Künstlerin Lisz Hirn höchst aktuell.
Sein Titel lautet „Gehorchen. Über das Wesen der Autorität“. Auf knapp 150 Seiten untersucht Lisz Hirn darin auf kluge, gut nachvollziehbare Weise die Begriffe „Gehorchen“ und „Autorität“ und versucht, Klarheit in deren weiten Bedeutungshorizont zu bringen.
Gleich im ersten Kapitel „Gehorchen“ bringt die Philosophin Überraschendes zutage. Zunächst assoziiert man bei diesem Wort den militärischen Gehorsam, den sie mit einem Zitat des Staatstheoretikers Baron de Montesquieu (1689 – 1755) beschreibt: „Der unbedingte Gehorsam setzt Unwissenheit bei den Gehorchenden voraus; er setzt sie aber auch bei dem Befehlenden voraus; dieser hat nicht zu überlegen, nicht zu zweifeln, noch zu untersuchen; er muss nur wollen.“ (S. 13)
Man kann aber auch seinem Gewissen gehorchen und einem militärischen Befehl widersprechen, also einer inneren Stimme. Und so wendet sich Lisz Hirn der Wurzel des Wortes zu, dem Hören, Hören und Zuhören. Angelehnt an Überlegungen so unterschiedlicher Denker wie Platon, Friedrich Nietzsche und Hannah Arendt entwickelt sie daraus eine Vorstellung von Verstehen, die die Ausbildung und Nutzung aller Sinne voraussetzt, d.h. sie erweitert das Hören zum Wahrnehmen. Eine umfassende Wahrnehmungsfähigkeit ist Voraussetzung für ein funktionierendes Urteilsvermögen. Hannah Arendt hat den Deutschen angesichts der NS-Verbrechen den Verlust des Urteilsvermögens attestiert.
Gegenseitiges Zuhören und Verstehen setzen gemeinsame Erfahrung und persönliche Begegnung voraus. Daher kann im digitalen Raum, in den sozialen Medien zwischen und innerhalb der „digitalen Stämme“, keine wahrhaft demokratische Debatte stattfinden. Das ist im Kern schon mehrfach beschrieben worden. Lisz Hirn ruft es in Erinnerung, weil sie zeigen will, dass im digitalen Raum das vollzogen wird, was im analogen sozialen Raum normalerweise verpönt ist: unhinterfragter Gehorsam. Die Algorithmen steuern Verhalten und Meinungsbildung der Nutzer, ohne dass ihnen das bewusst wird und sie sich dagegen auflehnen. Ist das bei Konsumentscheidungen schon fragwürdig genug, wird es brisant und gefährlich, wenn damit politische Entscheidungsprozesse wie z.B. Wahlen beeinflusst werden. Um diesen Punkt näher zu beleuchten, beginnt Lisz Hirn schrittweise, zur politischen Dimension des Begriffs Autorität vorzudringen und ihn von seinen psychologischen Aspekten zu trennen. Sie skizziert verschiedene Szenerien, in denen die Beziehung zu einer Autorität eine andere Qualität hat als im Bild des militärischen Gehorsams und stattdessen einen Dialog beinhaltet, also eine Qualität von Beziehung erfordert, die nicht auf Gewalt basiert.
Im zweiten Kapitel „Erziehen“ betrachtet die Autorin verschiedene Beziehungsgefüge wie Elternhaus, Schule, Universität und Wissenschaft. Bezugnehmend auf andere Theoretiker wie z.B. Erich Fromm, der zwischen einer „hemmenden“ (Sklave und Sklavenbesitzer) und einer „rationalen“ Autoritätsbeziehung (Lehrer und Schüler) unterscheidet (S. 64), zielt sie darauf ab, die nicht repressiven, die fördernden, fürsorglichen Aspekte von Autorität herauszuschälen. Selbst im (belasteten) deutschen Wort „befehlen“, das heute als „gebieten“ oder bestenfalls „anordnen“ begriffen wird, steckte, etymologisch betrachtet und auf seine germanische Wurzel zurückgeführt, einmal die Bedeutung „anvertrauen“ und „übergeben“.
In Anlehnung an Hannah Arendt verlässt die Autorin den eng gefassten psychologischen Blick auf den Begriff Autorität und konzentriert sich auf seine politisch-ethische Funktion. Innerhalb einer Gesellschaft vermitteln Autoritäten Orientierung und Begrenzung, um den Einzelnen vor der Gemeinschaft und umgekehrt die Gemeinschaft vor dem Einzelnen zu schützen. Dabei kommt echte Autorität ohne Gewalt und Zwang aus, weil sie auf Übereinkunft beruht. Schon zu Anfang ihres Buches schreibt Lisz Hirn im Prolog: „Doch Autorität, egal ob personale, institutionelle oder politische, ist immer eine Frage der Anerkennung, niemals ein Beleg für objektive Wahrheit. Nun wüssten wir das sehr wohl, so Philosoph Slavoj Zizek, aber wir handeln kollektiv schon so, als ob sie es wäre, weil die Alternative Chaos wäre. Autorität ist folglich niemals wahr, sondern lediglich notwendig.“ (S. 11)
Zentral für den politischen Gehalt des Begriffs Autorität ist das dritte Kapitel „Herrschen“. Auch hier nutzt Lisz Hirn die Etymologie. Das Wort Autorität lässt sich auf das lateinische „Augere“ zurückführen, was „vermehren, zum Gedeihen beitragen“ heißt. Im alten Rom war der Senat die wichtigste politische Institution. Obwohl er keinerlei politische Exekutivgewalt hatte, bestimmten seine Empfehlungen über Jahrhunderte die Politik. Er verkörperte die Autorität. Sein Votum war nicht Befehl, sondern Ratschlag, dessen Durchsetzungskraft auf einer Übereinkunft beruhte, die in der römischen Gründungsurkunde festgelegt war. Macht und Autorität sind also nicht dasselbe. Diese Unterscheidung ist der Autorin wichtig, um die aktuellen totalitären Bestrebungen zu fassen. Wenn beispielweise US-Präsidenten Trump verfassungswidrige Entscheidungen trifft, stellt er damit die Autorität der US-Gründungsmoments in Frage. Das tut er nicht, weil er autoritär, sondern totalitär ausgerichtet ist, denn er kappt die Verbindung zu einer Tradition, die er vorgibt, schützen zu wollen.
In einer Demokratie oder in der Wissenschaft beruht das Verhältnis zu den Institutionen und Autoritäten idealerweise auf Übereinkunft, Argumentation, Glaubwürdigkeit und stetigem Dialog. Doch schon in der attischen Demokratie basierte der Austausch zwischen freien Subjekten auf dem Ausschluss von Sklaven und Frauen aus dem politischen Aushandlungsprozess. Sie erledigten stattdessen die gesellschaftlich notwendige Arbeit - ein Hinweis auf die wirtschaftlich-soziale Ungleichheit, die von jeher das Idealbild der Demokratie trübt.
Heutzutage ist ein Teil der notwendigen Arbeit eines „westlichen“ Lebensstils, wie z.B. die Gewinnung von Rohstoffen, überwiegend in undemokratische Länder ausgelagert. Zudem verschwinden sukzessive nicht nur die Bindungskräfte traditioneller Institutionen wie Kirchen oder Gewerkschaften, sondern auch die Arbeitsverhältnisse werden zunehmend unverbindlicher. Die Individuen agieren auf dem Markt isoliert, jede/r für sich und schlimmstenfalls gegeneinander. Unabhängig vom Ausbildungsgrad entwickelt sich ein Prekariat, in dem der/die Einzelne sich als Teil einer Masse isoliert wiederfindet. Wenn sich dazu noch politische Herrschaft technokratisch gebärdet, ihre Entscheidungsfindung hinter angeblich wissenschaftlich fundierten Verfahren wie z. B. einer Kosten-Nutzen-Rechnung versteckt oder im Extremfall einer Technologie überlässt, wie sie die künstliche Intelligenz darstellt, ist die Dystopie perfekt. Im vierten und letzten Kapitel „Widerstehen“ schreibt Lisz Hirn: „Die übermenschliche Technik, mit der wir seit der Erfindung der Atombombe und der ständigen nuklearen Bedrohung konfrontiert sind, steigert ihr Potenzial des „radikal Bösen“ mit der Entwicklung künstlicher Intelligenzen ins Unermessliche. Haben wir im ersten Fall mit dem Potenzial sichtbarer übermenschlicher Gewalt zu tun, wird im zweiten Fall latenter / unsichtbarer nichtmenschlicher Zwang ausgeübt. In beiden Fällen liegt die Beurteilung der Konsequenzen völlig außerhalb unserer Kontrolle sowie auch deren Verantwortbarkeit jenseits unserer Möglichkeiten.“ (S.144/5)
Lisz Hirn gibt keine Ratschläge. Ihr Buch ist ein Plädoyer für vernunftbegabtes Denken und Sprechen. Vor dem Hintergrund der herrschenden emotional aufgeladenen Debattenkultur, die von Ressentiments, Empörung und Erlösungsphantasien geprägt ist, erinnert die Autorin an die aufklärerisch-philosophische Tradition, gesellschaftliche und politische Konflikte in eine klar umrissene Begrifflichkeit zu fassen, um sie angemessen diskutieren zu können. Nur so sind Demokratie und Humanität noch denkbar und möglich.
Lisz Hirn: „Gehorchen. Über das Wesen der Autorität“
Hanser Verlag / Paul Zsolnay Verlag Wien 2026
Hardcover, 172 Seiten, eBook
ISBN 978-3-552-07610-5
Weitere Informationen (Verlag)
Lesetermine in Österreich:
- 2. Oktober in Graz. Literaturfestival OUT OF JOINT
Lesung und Gespräch: Lisz Hirn
Lisz Hirn liest: Gehorchen. Über das Wesen der Autorität.
Veranstalter: Literaturhaus Graz
- 15. Oktober um 19:30 Uhr in Steyr
Lesung und Gespräch: Lisz Hirn
Lisz Hirn liest: Gehorchen. Über das Wesen der Autorität.
Museum Arbeitswelt, Wehrgrabengasse 7, 4400 Steyr
- 22. Oktober in Andorf
Lesung und Gespräch: Lisz Hirn
Lisz Hirn liest: Gehorchen. Über das Wesen der Autorität.
Veranstalter: „Initiative.Literaturschiff“, Verein für literarische Begegnungen in Oberösterreich
- 24. November in Götzis anlässlich des FrauenSalons Vorarlberg
Lesung und Gespräch: Lisz Hirn
Lisz Hirn liest: Gehorchen. Über das Wesen der Autorität.
Jugend- und Bildungshaus St. Arbogast, Montfortstraße 88, 6840 Götzis
Veranstalter: Jugend- und Bildungshaus St. Arbogast GmbH & Co. KG
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