Literatur
Buchumschlag. Jaroslav Rudis. Foto: © Vojtěch Veškrna

Mit seinem Roman „Wo die Toten sprechen“ hat der Schriftsteller Jaroslav Rudiš das diesjährige Gastland Tschechien auf der Frankfurter Buchmesse würdig vertreten. Das Buch ist eine Hommage an Tschechien, eine Hommage an das Böhmische Paradies, das allerdings auch die Hölle sein kann.

 

Wer sich auf Rudiš Road-Trip, auf seine Road-Novel einlässt, erlebt trotz enthaltener Melancholie und Tragik pure Lesefreude. Wir werden während der Lektüre zudem erinnert an große Namen der Literatur und an Pop-Musik der 80er Jahre.

 

Dieser Roman ist auch ein Buch über die heilende Kraft der Literatur, über ihre Macht. Es liest sich leicht trotz problematischer Themen. Es macht Lust auf Literatur, die man wieder – oder endlich – lesen sollte, und auf Musik, die man wieder hören möchte. Man darf das Buch als Familiengeschichte, als Literaturgeschichte, als Geschichte Europas lesen. Auch ein Verbrechen kommt vor. Es ist ein vielschichtiges, auf mehreren Ebenen changierendes, ausbalanciertes Werk, eine phantasievolle Erzählung, die viel Realität enthält. Drei Menschen begegnen sich zufällig auf einem Friedhof. Schon das allein ist skurril. Doch es kommt noch skurriler: Miss Detroit, Lorenzo und Caspar machen sich nun gemeinsam auf den Weg zu den Friedhöfen Mitteleuropas, zu den sprechenden Toten, zu den großen Literaten der Vergangenheit. Das Auto, in dem sie reisen, ist ein weißer Saab. Miss Detroit hat das Vehikel geerbt und mit ihm viele (Musik-)Kassetten, die sie im Sarg ihres Vaters gefunden hat. Sie nennt das in die Jahre gekommene Fortbewegungsmittel den „Sarg“, und so wird das Auto fortan auch von ihren beiden Begleitern so genannt.

 

Die drei neuen Freunde befinden sich irgendwo zwischen Lebensmitte und Lebensmüdigkeit, heißt es seitens des Luchterhand Verlages auf der Umschlagseite. Die drei haben Angst vor den Lebenden. Die drei gehören nicht in diese Welt. Sie tragen Wunden und Geschehnisse in sich. Auf ihrer gemeinsamen Reise übernachten Miss Detroit, Lorenzo und Caspar in ihren Särgen auf Friedhöfen. Hier herrschen (normalerweise) Ruhe und Frieden. Hier fühlen sie sich sicher. Sie hören die toten Dichter, sie hören deren Geschichten. Lorenzo kann die Stimmen der Toten sogar aus einem Schneesturm heraus hören.

 

Lorenzo verschlingt im wahrsten Sinne des Wortes alle gelesenen Bücher und ist dementsprechend dick. Er heult wie ein Wolf, ist von oben und unten mit blauen, schwarzen und roten Buchstaben und Wörtern tätowiert. Er redet und zitiert viel und hat an der Freien Universität zu Stein studiert (die sich später als ganz etwas anderes entpuppt). Er will eine Doktorarbeit über die toten europäischen Dichter schreiben und hat sogar selbst – offenbar aber nur den einen – lyrischen Text verfasst, der da lautet: „Mehr Liebe. Oder nichts.“ So steht es auf seinen Augenlidern geschrieben. Lorenzo denkt oft an seine Großmutter Dora, wie sie am Fenster steht, schweigend hinausschaut auf den Bahnhof Praha-Bubny, auf die Züge. An einem Tag im August überfielen die Sowjets die Tschechoslowakei, und die Großmutter von Lorenzo schaute aus ihrem Fenster nicht mehr auf die Züge, sondern auf die sowjetischen Panzer. Dann zog sie für mehrere Tage die Vorhänge zu.

 

Auch Caspars Eltern zogen an jenem Tag im August 1968 die Vorhänge zu. Als sie am nächsten Tag aufwachten, waren die Sowjets immer noch im Böhmischen Paradies. […] Dann wurden die Heiligen Drei Könige geboren, und bald kauften die Eltern ihren Königen drei Brillen. In der Schule wurden sie ausgelacht, nannte man sie die Blinden Drei Könige. Caspar ist also fast blind, hat unglücklicherweise seine Brille und seine Ehefrau Hana, die aus dem Erzgebirge kam, verloren. Denn die beiden hatten einander nichts mehr zu sagen. Mit einer Reise nach Venedig unternahmen sie einen letzten, leider vergeblichen Versöhnungsversuch. Caspar blieb allein zurück in Venedig. Seitdem sieht er die Welt nur noch verschwommen.

 

Miss Detroit trägt, seit sie fünfzehn ist, schwarze Kleidung, selbst ihre Haare und lackierten Fingernägel sind schwarz. Seitdem übernachtet sie in einem Sarg, den sie sich bestellte. Sie ist Friedhofsgärtnerin, verliebte sich einst in einen Totengräber und heißt wie ihre lungenkranke Tante, die im Alter von nur neunzehn Jahren in Berlin starb. Fräulein Detroit war die erste Tote, die zu ihr sprach. Seither wollt sie, dass niemand mehr Susanne zu ihr sagte. Nur noch Detroit. Miss Detroit. An allen Gräbern, die sie besucht, denkt sie nun an Fräulein Detroit, an ihren Vater und umarmt die Toten. Als ihr Vater starb, hörten für sie alle Menschen auf zu sprechen. Fortan sprachen nur noch die Toten durch die (Grab)Blumen zu ihr. Sie erzählten ihre Lebensgeschichten und Liebesgeschichten. Manchmal weinten sie. Manchmal fluchten sie. Manchmal lachten sie auch.

So ergeht es auch uns Lesern mit diesem Buch, in dem es neben den vielen Toten viele lebendige gute und schlechte Menschen gibt. Die schlechten Menschen, das sind im Roman die Kreuzspinnen. Es sind die Ewiggestrigen, solche, die Reinhard Heydrich ausgraben wollen, um dem Schlächter  von Prag ein ehrendes Denkmal zu setzen. Hätten die Kreuzspinnen doch nur ein einziges Buch gelesen, vielleicht wären sie anders… Einmal, da sagt Lorenzo zu Caspar, der nämlich bisher tatsächlich nur ein einziges Buch gelesen hat - Storms Schimmelreiter: Wenn jeder Mensch auf der Erde nur ein einziges Buch lesen würde, wäre die ganze Menschheit belesen und vielleicht vor dem Untergang sicher. Diese These wird allerdings schon im nächsten Satz angezweifelt: An jeder Ecke ein belesener Mensch, der sich mit einem anderen Menschen nur über Literatur unterhält und dann vielleicht auch noch darüber streitet? Das kann nicht gut enden. Vielleicht ist es doch gut, dass heute so wenig gelesen wird. So philosophiert unser Lorenzo und trinkt einen Schluck Friedhofswasser aus der Bierflasche. Friedhofswasser ist das neue Lebenselixier der Drei. Früher, da haben sie gerne und viel Bier getrunken.

 

All das ist in kurzen Sätzen geschrieben, in kurze Absätze aufgeteilt. Nur einmal, da wählt Jaroslav Rudiš eine andere Form: Als Lorenzo Miss Detroit seine eigene Geschichte erzählt. Da sprudelt alles in langen Sätzen ohne Absatz über viereinhalb Seiten aus ihm heraus. Miss Detroit hört zu. Nur ab und an fließt eine Träne über ihre Wange. Zum Glück sprechen unsere drei Antihelden über all ihr erlittenes, ertragenes Leid miteinander. Zum Glück hören sie einander zu. Man möchte lachen, und dann muss man weinen. Man möchte weinen, und muss dann doch lachen, sagt einmal Lorenzos Vater, der Radiovampir. Ihm, der früher Biertrinker und jetzt Biergenießer ist, sind Menschen nicht geheuer, die kein Bier trinken, den Švejk nicht gelesen haben, Humor nicht verstehen und nicht lachen können. Wer Humor nicht versteht, kann Trauer nicht verstehen. So ist es… In diesem Buch gibt es viel Kluges zu entdecken, auch seitens des Professors, der immer wieder von Lorenzo zitiert wird. Man kann die Welt nicht verstehen und die Geschichte schon gar nicht, sagte der Professor immer. Aber man sollte es versuchen und deshalb Bücher lesen.

 

Jaroslav Rudiš  ist Schriftsteller, Dramatiker und Musiker. Er lebt in Berlin und in Lomnice nad Popelkou im Böhmischen Paradies, wo er auch aufgewachsen ist. Die Erzählungen hat Jaroslav Rudiš auf Tschechisch veröffentlicht. Inzwischen erscheinen seine Bücher in deutscher Sprache. Am 25. November wird Jaroslav Rudiš „als eine der wirkmächtigsten Stimmen der Aussöhnung zwischen Tschechien, Polen und Deutschen“ (Zitat Brückepreis-Gesellschaft) mit dem Brückepreis 2026 der Europastadt Görlitz-Zgorzelec ausgezeichnet. In der Jurybegründung heißt es u.a.: „Mit seinem literarischen Werk greift Rudiš immer wieder die gemeinsamen, dramatischen und oft schmerzhaften Veränderungen des 20. und 21. Jahrhunderts auf und schafft einen Raum für die Reflexion der Vergangenheit.“ Sein neuer Roman „Wo die Toten sprechen“ kann auch als Buch über den Kampf zwischen Gut und Böse gelesen werden. Es gibt – wie immer bei guter Literatur – für dieses Buch viele Lesarten. Unbedingt erwähnt werden muss an dieser Stelle noch der kurze Part am Ende des Buches mit Anmerkungen, Richtigstellungen und Dementi. Hier dürfen wir ungestört schmunzeln, hier können und sollen wir uns einfach amüsieren!


Jaroslav Rudiš: Wo die Toten sprechen

Roman

Luchterhand Literaturverlag

Gebundenes Buch, 176 Seiten

ISBN 978-3-630-87739-6

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