Meinung
„Don’t Kill For Me“, Foto: Maria Oswald, unsplash (bearbeitet)

Erschießung per Livestream: Die Entscheidung der USA wirkt wie ein Rückschritt – selbst im Vergleich zu Cesare Beccarias Traktat Über Verbrechen und Strafen.

 

Was ist von diesem Anstieg und dieser Legitimierung von sozialem Hass, staatlicher Rache, dem brutalen und ungezügelten Sprachgebrauch sowie der Billigung der Herabwürdigung des Gegners zu halten? Wie lässt sich das verstehen?

 

Der Höhepunkt dieses öffentlichen Rückschritts manifestiert sich heute symbolisch in einer besonders spektakulären Form der Todesstrafe. Präsident Trump hat die per Livestream übertragene Erschießung des ehemaligen Majors Nidal Malik Hasan genehmigt und begrüßt: Hasan ist für das Massaker von 2009 auf dem Militärstützpunkt Fort Hood in Texas verantwortlich. Die Hinrichtung ist für den 3. Dezember 2026 angesetzt.

 

Dabei hatte die UNO vor gar nicht allzu langer Zeit – genauer gesagt im Jahr 2007 – mit Mehrheit ein weltweites Moratorium für die Todesstrafe vorgeschlagen. Doch viele Staaten, darunter die USA, haben es nicht ratifiziert. Tatsächlich halten in den USA nach wie vor 23 der 50 Bundesstaaten an der Todesstrafe fest. In diesem speziellen Fall ist jedoch nicht nur die archaische Anwendung der Todesstrafe frappierend, sondern auch deren öffentliche Zurschaustellung im Netz. Eine öffentliche Erschießung setzt unter anderem die Beteiligung der Armee voraus – was heißt, dass eine staatliche Institution eine Aufgabe übernimmt, für die sie eigentlich nicht zur Bestrafung befugt ist.

 

Cesare BeccariaWir hatten das Glück, einen bedeutenden Aufklärer und Rechtsphilosophen zu haben, der 1764 ein grundlegendes Werk gegen die Todesstrafe verfasst hat: Über Verbrechen und Strafen[1] (Original: Dei delitti e delle pene, 1764).

Cesare Beccaria (1738–1794) reflektiert und sucht nach Verständnis. Er betrachtet das Thema nicht aus sentimentaler oder mitleidsvoller Perspektive, sondern rational. Wie, fragt er sich, kann ein Staat, der das Verbrechen des Mordes verurteilt, eben jenes Verbrechen missbrauchen, um seine eigenen Bürger zu bestrafen? Zudem belegt er anhand historischer Beispiele, dass diese grausame Praxis Morde niemals verhindert hat. Es treffe nicht zu, so seine Feststellung, dass das Erhängen oder Enthaupten abschreckend wirke, denn das instinktive Bedürfnis nach Rache an einem Schuldigen ist stärker als jedwede Auffassung von Gerechtigkeit.

 

An dieser Stelle lohnt sich eine kurze Betrachtung des Übergangs von der Rache zur Gerechtigkeit. Rache ist persönlicher Natur: Sie ist an den Instinkt des Augenblicks gebunden und endet stets mit dem Sieg des Stärkeren über den Schwächeren. Gerechtigkeit hingegen beruht auf einem Gesetz, das alle Bürger gleichstellt und dem Schuldigen die Möglichkeit gibt, sich zu rechtfertigen. Über das Strafmaß entscheiden unabhängige Richter auf der Grundlage von Gesetzen, die sich an menschlichen Werten orientieren, statt an egoistischen oder privaten Interessen.

 

Selbst die Religion hat sich gewandelt: vom rachsüchtigen Gott hin zu einem liebevollen Christus, der von Vergebung und Verständnis spricht. Und wir halten uns für Christen – doch inwieweit sind wir das wirklich?

 

All das gilt natürlich für Völker, die sich als demokratisch verstehen. Eine Demokratie, die mühsam errungen wurde – nach Jahrtausenden von Missbrauch und sozialer Ungerechtigkeit. Die Innovationskraft der Demokratie liegt in der Autonomie und der kritischen Freiheit aller öffentlichen Institutionen: von der Justiz über die Medien, das Bildungswesen und die Forschung bis hin zur Polizei. Sie alle sind unabhängig und urteilsfähig, statt einem von oben diktierten, einseitigen Interesse unterworfen zu sein. Eine solche Demokratie setzt sich für den Schutz der Schwachen und Wehrlosen ein und distanziert sich vom archaischen Konzept der Rache.

 

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Fort Smith II, erbaut 1838, ehemalige Kaserne, Bundesgericht, Gefängnis und Hinrichtungsort im Vorratshaus in Arkansas, USA. Foto: Mike Goad[2]

 

Doch in der gegenwärtigen historischen Phase scheint die Demokratie in Misskredit geraten zu sein. Selbst namhafte Politikwissenschaftler stellen die Wirksamkeit ihrer politischen Kraft infrage. Gewiss hat die Demokratie aufgrund ihrer Komplexität und der Notwendigkeit, auf eine Vielzahl unterschiedlicher Bedürfnisse und Anforderungen einzugehen, mit Funktionsschwierigkeiten zu kämpfen. Sie ist von Zweifeln geprägt, statt apodiktisch aufzutreten – was viele als Schwäche wahrnehmen.

 

Doch was ist die Alternative? Genau hier liegt das Problem. Wer eine richtige und menschenwürdige Alternative zur Demokratie kennt, möge sie nennen – und wir werden alle gerne aufmerksam zuhören.

 

Leider besteht die einzige derzeit vorgeschlagene Alternative in einer Technokratie, die von wenigen Milliardären gesteuert wird; diese kontrollieren den überwiegenden Teil der Massenmedien. Ihre Macht wächst stetig, und ihre Fähigkeit, das öffentliche Denken über die Medien zu beeinflussen, nimmt täglich zu. Das Unheilvolle daran ist, dass sie nicht die gemeinsamen Interessen vertreten, sondern lediglich die eines kleinen Kreises von Personen, wobei sie vor allem ihre eigene Macht auszubauen suchen – eine Macht, die immer allgegenwärtiger, willkürlicher und brutaler wird.


Dacia Maraini (* 13. November 1936 in Fiesole bei Florenz)

ist eine der bedeutendsten zeitgenössischen Schriftstellerinnen und gilt in Italien als führende Dramatikerin und feministische Pionierin. Ihr vielseitiges literarisches Schaffen umfasst preisgekrönte Romane, Lyrik, Theaterstücke sowie Filmdrehbücher und Zeitungsbeiträge. Im Mittelpunkt ihrer Arbeiten stehen fast immer die Lebensbedingungen von Frauen, gesellschaftliche Unterdrückung sowie der Kampf gegen Gewalt und patriarchale Strukturen. Für ihr unermüdliches Engagement im Zeichen der Menschenwürde und Völkerverständigung wird ihr am 22. November 2026 im Rahmen der Europäischen Literaturtage in Krems/Stein der Ehrenpreis des Österreichischen Buchhandels für Toleranz in Denken und Handeln überreicht. Maraini ist bis heute als Publizistin aktiv, unter anderem als Herausgeberin der traditionsreichen Literaturzeitschrift Nuovi Argomenti, und trägt regelmäßig mit pointierten Wortbeiträgen zu aktuellen kultur- und gesellschaftspolitischen Debatten bei.

 

Das italienische Original des vorliegenden Artikels ist am 9. Oktober 2026 unter dem Titel „La vendetta non è giustizia“ in der Tageszeitung Corriere della Sera erschienen.

 

Fußnoten:

[1] Cesare Beccaria: Über Verbrechen und Strafen, nach der Ausgabe von 1766 übersetzt und herausgegeben von Wilhelm Alff, (Insel-Taschenbuch, Nr. 2166), Frankfurt am Main u.a., Insel-Verlag, 1998.

[2] Auf dem Galgen in Fort Smith wurden zwischen 1873 und 1896 insgesamt 86 Männer hingerichtet. Heute ist es eine nationale historische Stätte („National Historic Site“). Im Vorratshaus ist heute ein Nachbau des Galgens zu sehen.

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