Man kann behaupten, es sei eine Tradition: Zum wiederholten Mal fand im Marmorsaal des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg am Sonntag, den 18. Januar 2026, der Neujahrsempfang der Hamburger Autorenvereinigung statt.
Über die Jahre – mit einem Aussetzer durch die Corona-Pandemie – werden von der 1977 gegründeten Hamburger Autorenvereinigung (HAV) Ehrengäste eingeladen, die sich durch Vortrag, Gespräch oder Interview zu unterschiedlichen Themen der Kultur, Literatur, Kritik und des Arbeitsalltags vorstellen oder vorgestellt werden.
Das waren bislang u.a. der Autor und Journalist Hellmuth Karasek (1934–2015), Michael Göring (Literaturwissenschaftler und Autor), Isabella Vértes-Schütter (Schauspielerin und ehemalige Intendantin des Ernst Deutsch-Theaters sowie Politikerin), Carsten Brosda (Politiker, Senator der Hamburger Behörde für Kultur und Medien und Autor), Lutz Marmor (der an dem Neujahrsempfang seinen letzten Arbeitstag als NDR-Intendant verbrachte), Claus Friede (Autor, Kurator und Chefredakteur von KulturPort.De, der 2022 zum Neujahrsempfang mit dem „Prix Erica“ der Fondation Erica Sauter aus Genf für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde, mit einer wunderbaren Laudatio von Schauspieler Stephan Schad) sowie Tilman Krause (Literaturkritiker und Feuilletonredakteur von Die WELT).
Die Vorsitzende der HAV, Sabine Witt, eröffnete den Empfang im mit nahezu einhundert Gästen vollbesetzten Marmorsaal, begrüßte den Ehrengast Roswitha Quadflieg, die auf Vermittlung von Claus Friede, der leider nicht teilnehmen konnte, eingeladen wurde, und bedankte sich einleitend bei ihm. Friede ist seit vielen Jahren mit Roswitha Quadflieg bekannt.
Im vollbesetzten Saal gab es am Ende einen anhaltenden Beifall für den Vortrag von Roswitha Quadflieg, die – seit 2012 in Berlin ansässig – nun in ihre alte Heimat Hamburg wiederkehrte. Bis zu ihrem Wohnortwechsel war sie HAV-Mitglied.
Sie stellte zwei ihrer Bücher vor, die sich mit der Zeit des Nationalsozialismus befassten.
Das 2003 veröffentlichte Buch Beckett was here, das sich mit dem Kapitel „Hamburg im Tagebuch Samuel Becketts von 1936“ befasst, beschreibt das Erlebnis des Schriftstellers zu Beginn der Nationalsozialistischen Herrschaft.
Das andere im letzten Jahr veröffentlichte Werk, Will und Roswitha Quadflieg: Ich will lieber schweigen, befasst sich mit dem Verhalten des Vaters gegenüber Deutschland am Ende der nationalsozialistischen Führung.
Zum ersten Werk: Roswitha Quadflieg entnahm das Kapitel Hamburg in ihrem 2003 veröffentlichten Werk dem erst spät entdeckten Tagebuch des Samuel Beckett, eines weltweit bekannten und bedeutenden Autors des 20. Jahrhunderts.
Sie beschreibt Termine seiner Deutschlandreise vor nunmehr 90 Jahren, als Beckett die ersten neun Wochen in Hamburg verbrachte, wo er Theater, Konzerte, die Universität, die fünf Hauptkirchen und vor allem die Hamburger Kunsthalle besuchte.
Neben der für die Öffentlichkeit zugänglichen Sammlung interessierten ihn auch die bereits von der nationalsozialistischen Kulturverwaltung ins Depot 200 verbannten Bilder, die er dank einer besonderen Erlaubnis zu sehen bekam. Roswitha Quadflieg stellt mit Beckett einen Iren mit beträchtlichen Deutschkenntnissen heraus, der Hamburg und seine Kultur interessant findet, aber auch ein Gespür für die beginnende Unart des Nazitums hat.
Sie betont, dass die Arbeit an der Veröffentlichung ihres Buchs nicht einfach war. Jeder zitierte Satz aus dem Beckett-Tagebuch bedurfte einer besonderen Genehmigung.
Quadflieg beschreibt in ihrem Vortrag auch das besondere Interesse des Autors an Kneipen und ihren Toiletten, im Stadtteil St. Georg, an der Wahrnehmung des damals so benannten „Hitler-Platzes“ und des nationalsozialistischen Bürgermeisters.
Das neue, ihrem Vater gewidmete Werk entnahm sie 2011 nach dem Tod ihrer schwedischen Mutter, die in Hamburg lebte, der im Keller gelagerten ungeöffneten Kisten, die sie 2012 bei ihrem Umzug mit nach Berlin brachte und dort erst neun Jahre später in Augenschein nahm. Darunter über 400 Briefe, die ihr Vater an die Mutter schrieb, und besonders ein kleines Tagebuch über 103 Tage vor und nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Ein kleiner Zeitausschnitt, der u.a. die Haltung ihres Vaters zum Nationalsozialismus in diesen Tagen offenlegte, der jedoch beim Entnazifizierungsprozess keine Rolle spielte. Er wurde nie als Mitläufer eingestuft. (Anm. der Red.: Dieser Prozess fand in der britischen Zone statt) Neben den Briefen an seine Frau, die mittlerweile die deutsche Staatsbürgerschaft hatte, deshalb nicht ausreisen durfte, mit den Kindern aber über einem Geheimtransport nach Schweden entkam – man hatte sich auf eine Trennung auf Zeit verständigt – trägt Roswitha Quadflieg auch einige Termine aus dem Tagebuch hervor, der 1944 nach Schließung der Theater als Schauspieler wie auch Mathias Wiemann und Bernhard Minetti zu Vorträgen bei Soldaten eingeteilt wurde.
Roswitha Quadflieg beschreibt das schwierige Verhältnis zu ihrem Vater in dessen Lebzeiten. Als Kind hatte sie ihn nicht wahrgenommen, der sich sehr früh nach dem Krieg scheiden ließ. Später gab es Treffen mit Will Quadflieg, bei denen sie sich wie ein „Fremder“ fühlte, obwohl sie sich auch als Tochter fühlte. Man aß zusammen, doch es gab keinen tiefgehenden Gedankenaustausch.
Aufgrund des nun entdeckten Tagebuchs stellt sie im beschriebenen Zeitraum eine recht unkritische Haltung ihres Vaters gegenüber dem Regime, auch in den letzten Tagen und kurz nach der Kapitulation, fest und tritt in dem Buch in einen fiktiven Dialog mit dem verstorbenen Vater ein.
Er hatte nach dem Krieg behauptet, ein unpolitisches Privatleben zu führen. Sein größter Fehler während der Zeit des Nationalsozialismus wäre gewesen, sich nicht hinreichend um das Geschehen und die politischen Entwicklungen um sich herum zu kümmern. Seine Tochter zog nun aus dem Tagebuch andere Schlüsse.
Sabine Witt betonte als Vorsitzende der HAV: „Hamburg ist eine Stadt der Literatur UND des Theaters. Gerade an einem Ort wie dem Deutschen Schauspielhaus wird sichtbar, wie eng literarisches Schreiben und Theaterspiel miteinander verbunden sind: im Bewusstsein für Stimme und Gegenüber. Beide leben vom Dialog – mit Texten, mit anderen, mit sich selbst. Und vom produktiven Streit. Manchmal auch mit sich selbst. Man probt lange, zweifelt viel – und am Ende hofft man, dass jemand zuhört.“
Roswitha Quadflieg und ihre Familie verbinden beide Bereiche, sie schreibt Prosa und Theaterstücke. Im Mittelpunkt stünden also natürlicherweise Literatur und Theater: Samuel Beckett und Vater Will Quadflieg, der im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg 1957 seinen legendären „Faust“ gab.
„Roswitha Quadflieg, geboren in Zürich, aufgewachsen und lange in Hamburg ansässig, seit 2012 in Berlin lebend, ist vor allem als Schriftstellerin bekannt, doch sie hat Malerei, Grafik, Illustration und Typografie studiert und Michael Endes Die unendliche Geschichte illustriert. In ihrer Schenefelder Werkstatt „Raamin-Presse“ hat sie 30 Jahre lang Bücher gestaltet. 2003 löste sie ihre Bücherwerkstatt auf, um sich ganz ihrer Arbeit als Schriftstellerin zu widmen. 2008 wurden zwei Theaterstücke von ihr uraufgeführt: „Handy“ am Schlosstheater Celle und Atschüüß, mien Leev am Hamburger Ohnsorg-Theater, eine plattdeutsche Übersetzung ihres Theaterstücks Bis dann, entwickelt aus ihrem gleichnamigen Roman. Dieser wurde auch unter dem Titel Eine Herzensangelegenheit verfilmt. 2009 wurde ihr erstes Hörspiel, Die Angst hat keine Augen, im SWR gesendet. Weitere folgten.“
10. Neujahrsempfang der Hamburger Autorenvereinigung
Marmorsaal des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg, Kirchenallee 39, 20099 Hamburg
Weitere Informationen zur Hamburger Autorenvereinigung
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Roswitha Quadfliegs Buchpremiere 2025: „Will und Roswitha Quadflieg – Ich will lieber schweigen“ im Literaturhaus Berlin (1 Std. 33 Min.)
Beitrag bei KulturPort.De: Will und Roswitha Quadflieg: Ich will lieber schweigen. Geschrieben von: Ruth Asseyer - Dienstag, 10. Juni 2025

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