Meinung
Sergei Prokofjew in New York, um 1918. © United States Library of Congress's Prints and Photographs division; digital ID ggbain.28258. Public Domain. Hintergrund: Pixabay

Ich will mich an dieser Stelle lediglich über die Verbier-Variante äußern. Weil ich es dem zum akustischen Vergleich schreitenden Leser überlassen will, die implizierten Schlussfolgerungen im Sinne einer Übertragung auf eigene Faust zu ziehen. Denn sie scheinen mir auf der Hand zu liegen.

 

Es handelt sich, ehe ich’s vergesse zu erwähnen, um das Klavierkonzert Nr. 2 g-Moll, op. 16 von Sergei Prokofjew, das in der zu besprechenden Einspielung, was zu betonen nicht überflüssig und durchaus von Belang ist, ungefähr vier Minuten weniger Zeit ‚in Anspruch genommen‘ hat.  Weil die Gesamtdynamik damit in den Fokus des Interesses rückt.

 

Zunächst zum Dirigenten Charles Dutoit. Ich halte die Beziehung zwischen seinen Bewegungsabläufen – seiner Mimik und Gestik – und dem, was musikalisch jeweils thematisch ist, für symbiotisch. Nimmt man eine Übertreibung in Kauf, so könnte man sagen, dass diese Komposition auch von Gehörlosen auf der Basis seiner so überaus fein nuancierten und der Musik angepassten Körperhaltungen und Armbewegungen ‚gehört‘ werden könnte. Auf jeden Fall hätten die ihres Gehörs nicht (mehr) Mächtigen eine ziemlich genaue Vorstellung davon, was die kompositorische Uhr jeweils gerade geschlagen hat. Und noch dies: Seine Art, das Orchester zu leiten, erinnert an das dem Humor aufgeschlossene Gebaren eines Conférenciers, der über die Fähigkeit verfügt, bei allem nötigen, der Komposition auf das Sensibelste nachspürenden, Ernst für ein behagliches Gekicher Sorge zu tragen. So dass man sich gut unterhalten fühlt. Und zwar, wie weiter auszuführen sein wird, kompositionskonform.

 

Charles Dutoit 1983 Bamberg 19830408 RM 154806

Charles Dutoit bei einer Probe mit den Bamberger Symphonikern im Dominikanerbau in Bamberg. © Reinhold Möller. Lizenz: CC BY-SA 4.0

 

Das Verbier Festival Orchestra: Ein Jugendorchester sozusagen. Ausnahmslos vergleichsweise junge Menschen tragen über sämtliche Instrumentengruppen das Ihre dazu bei, dass die vor allem dynamisch-rhythmische Intensität und damit die musikalische Struktur dieses Klavierkonzerts hörbar sind. Weil sie sich gleichfalls in einer, wenn man will, symbiotischen Beziehung sowohl zum Dirigenten, zur Pianistin und, last but not least, zur Komposition befinden. Die Art, wie die drei beteiligten Parteien sich mit einer ungeheuren Treffsicherheit die musikalischen ‚Bälle‘ zuwerfen, lässt diese Komposition in einer selten erreichten Klarheit und nachvollziehbaren Durchsichtigkeit erstrahlen.

 

Die Pianistin, die im Zentrum steht; und auch wieder nicht. Weil sie nicht die wäre, die sie ist, wenn nicht die beiden anderen in das musikalische Geschehen involvierten Parteien des Nehmens und Gebens mächtig wären. Wie sie es ganz zweifellos sind. Aber doch ist letztlich sie es, die mit ihrer furchtlos-draufgängerischen Vehemenz und ihrem, wenn man so will, Verschmolzen- und Einssein mit dem Instrument sich, nicht bloß in diesem Fall, auf eine musikalische Spurensuche begeben hat, die einen daran glauben lässt, dass dieses Klavierkonzert an diesem schon etwas länger zurückliegenden Abend – es sind seitdem ziemlich genau 11 Jahre ins Land gegangen – so erklungen ist, dass der Komponist seine Intention realisiert gefunden und folglich auch seine Freude gehabt hätte.

 

Yuja Wang gelingt es mit ihrem Spiel auch hinsichtlich der jeweils einzuschlagenden Tempi die musikalische Struktur dieses Konzerts in all seinen wie immer differierenden Bewegungsabläufen klar und deutlich erklingen zu lassen. Das liegt in der Summe an ihrem nuanciert akzentuierten und akzentuierenden Spiel.

 

Spannungsbögen wie auch dem Fluss Einhalt gebietende Brüche – ein punktuelles, sich kleimachendes Innehalten – sind problemlos und vor allem in ihrer der Komposition einbeschriebenen Notwendigkeit nachvollziehbar. Das dezente Anklingen, das sich steigernde Herbeifluten, das schließliche Explodieren, der wüst-furiose Tumult, wie schließlich das mähliche Abfluten und zarteste, sich abduckende Verklingen sind als zwingend auseinander hervorgehende Momente einer Ein- und Ganzheit, in der alles auf das Bestimmteste zueinander gehört und aneinander anschließt, hörbar. Das Lebhafte erklingt lebhaft, das Furiose furios, das Zarte hauchzart, das Spinnenwebfeine spinnenwebfein, das elfenhaft verschwebende diatonische Glissando elfenhaft verschwebend, das Flirrende flirrend, das Beschwingte beschwingt, das Jazzartige jazzartig, das hektisch pulsierende Leben der Metropole pulsiert tatsächlich so, dass man es nicht bloß erspürt, sondern vor Augen zu haben meint. Und so weiter.

 

Yuja Wang F Julia Wesely

Yuja Wang. Foto: Julia Wesely

 

Und über allem liegt eine Freude, Hingabe, ein begeisternd-begeisterter Enthusiasmus, und ein Selbstverlust in Ekstase, die in all ihren diversen Tönungen diese Komposition selbst zu einem mitreißenden musikalischen Ereignis macht. Wozu es unbedingt erforderlich ist, dass all die, die ihren Beitrag zum Gelingen leisten wollen, dies auch wirklich können. Wie es, siehe oben, in diesem glückhaften Fall geschehen ist.

 

Man/frau vergleiche und ziehe seine/ihre Schlüsse. Ich bin halbwegs zuversichtlich, dass man mir mit Blick auf das Gelungene und nicht ganz so Gelungene der zweiten verlinkten Variante Folge leisten wird.

 

Das Einzige freilich, was der hingebungsvollen Aufnahme seitens des Rezipienten im Wege steht, sind die fünf- oder sechsmaligen Werbeunterbrechungen, denen man sich jedenfalls dadurch akustisch entziehen kann, dass der Finger auf das große M der Tastatur schnellt. Allerdings sind diese überaus ärgerlichen Momente eben doch dazu geeignet, dass sie einen abrupt aus dem Zustand der selbstvergessenen, beseligten Hingabe naturgemäß in das Jammertal aufdringlichster Marktschreierei versetzen. Wäre diese Komposition in dieser Darbietung nicht das Ereignis, das es ist, ich würde zweifelsohne davon abraten, sich diesen emotionalen Schlingerkurs zuzumuten.


Sergei Prokofjew

 

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- Yuja Wang plays Prokofiev : Piano Concerto No. 2 in G minor, Opus 16 (31:08 Min.)

- Prokofjew: 2. Klavierkonzert ∙ hr-Sinfonieorchester ∙ Anna Tsybuleva ∙ Alain Altinoglu (35:21 Min.)

 

Hinweis: Die Inhalte der Kolumne geben die Meinung der jeweiligen Autoren wieder. Diese muss nicht im Einklang mit der Meinung der Redaktion stehen.

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