Musik
Johann Carl Wilhelm Aarland (1822–1906): Felix Mendelssohn Bartholdy mit seinem Lehrer, Carl Friedrich Zelter, bei Johann Wolfgang von Goethe im Weimarer Wohnhaus am Frauenplan, Junozimmer. Gemeinfrei

Carl Friedrich Zelter (1758–1832), der Berliner Freund Johann Wolfgang Goethes, der mehr als einmal den Versuch unternommen hatte, ihn an die Spree zu locken, war bis ins hohe Alter hinein – sein letzter Besuch in Weimar fand im Juli 1831 statt – dessen musikalisch gut unterrichteter Gesprächspartner.

 

Vor allem entsprach er Goethes Wunsch, ihm über das Berliner Musikleben ausführlich Bericht zu erstatten. Was sie einte: Den neuesten kompositorischen Entwicklungen gegenüber nicht unbedingt aufgeschlossen zu sein. Für Zelter mag das ohne Einschränkung zutreffen.

 

Zelter und Goethe

Briefwechsel zwischen Goethe und Zelter in den Jahren 1796 bis 1832, 3. Jahre 1819 bis 1824 und Bildnis des C. F. Zelter. Quelle: Europeana. Gemeinfrei

 

Hinsichtlich Goethes sind Zweifel angebracht, auch wenn bekannt ist, dass er den Liedkompositionen Franz Schuberts – also beispielsweise des Erlkönigs – nicht unbedingt gewogen war oder sie de facto als inexistent betrachtete.

 

Dass der gut siebzigjährige Goethe zu Felix Mendelssohn Bartholdy (1809–1847), den Zelter im Jahr 1821 als das in Mozarts Spuren wandelnde zwölfjährige Musikgenie in Weimar eingeführt hatte, ein als väterlich zu apostrophierendes Verhältnis entwickelte, lag vermutlich zum einen daran, dass er, unterlegt durch das Pianofortespiel des aufstrebenden Tonsetzers, seine bereits früh unter Zelters ‚Aufsicht‘ begonnenen musikhistorischen Studien fortsetzen und intensivieren konnte. Zum anderen wird ihm das an Mozart geschulte und folglich noch dem späten 18. Jahrhundert zuzurechnende Komponieren einen sozusagen unvermittelteren Zugang ermöglicht haben.

 

Aus dem Mund Mendelssohns ist überliefert, dass Goethe „an den Beethoven gar nicht heran wollte“. Was in zweifacher Hinsicht interessant ist. Weil es einerseits das im vorigen Absatz Gesagte fragwürdig erscheinen lässt. Jedenfalls in der Hinsicht, dass Mendelssohn, nicht anders als alle anderen ernst zu nehmenden Komponisten nicht allein dieser Zeit, um den Ausnahmestatus des gebürtigen Bonners gewusst hat. An Beethoven führte und führt kein Weg vorbei. Was selbst der Eigenbrötler Wagner so gesehen hat.

 

Und das hat Mendelssohn Goethe am 25. Mai 1830 auch unmissverständlich zu verstehen gegeben. „Ich sagte ihm aber, ich könne ihm nicht helfen“, womit exakt das gemeint war, dass es schlechterdings ausgeschlossen sei, sich um den Meister herumzudrücken, es sei denn, man sei, aus Unwissenheit, gewillt, sich musikalisch auf minderem Niveau zu bewegen und einzurichten. Also spielte er ihm „das erste Stück der c-moll-Symphonie vor.“

 

Wie fiel die Reaktion des zunächst Widerspenstigen aus. Auch das ist glücklicherweise durch Mendelssohn überliefert. „Das berührte ihn ganz seltsam. Er sagte erst: ‚Das bewegt aber gar nichts‘“ – weil das musikalisch Neue und Revolutionäre allen Hörgewohnheiten ins Gesicht schlägt – und macht – die Annäherung an das Unerhörte hat trotz allem schon stattgefunden – „nur staunen.“ Da das Staunen fraglos bereits von dem aufgeschlossenen und aufnahmebereiten Rezipienten Zeugnis ablegt, überrascht es nicht, dass Mendelssohn uns wissen lässt, dass Goethe gleich im Anschluss ausgerufen hat: „‚das ist grandios!‘“ Und dann übermannte ihn endgültig die Begeisterung, indem er in sich hinein ‚brummend‘ das in seiner schlichten Einfachheit sich hochkomplex entfaltende da-da-da-Da sich auf eigene Faust vergegenwärtigte, um anschließend seine betroffene Fassungslosigkeit erneut in tastend-suchende Worte zu fassen: „‚Das ist sehr groß, ganz toll!“ (Wüsste man nicht, dass es Goethe ist, der spricht, man könnte auf den Gedanken kommen, dass ein heutiger Konzertgänger im Anschluss an ein Stones-Konzert seiner Begeisterung Ausdruck gibt). „Man möchte sich fürchten, das Haus fiele ein. Und wenn das nun alle die Menschen (also ein Orchester, F.-P.H.) zusammen spielen!‘“

 

Kurz zurück zu Goethes musikhistorischem Interesse, dem Mendelssohn bei diesen Gelegenheiten reichlich Nahrung zuführte. Denn er spielte ihm am Piano Kompositionen „von allen verschiedenen großen Komponisten nach der Zeitfolge vor“. Vor allem aber erklärte er ihm, „wie sie die Sache weitergebracht hätten“. Ein Dreiklang wird postuliert: Der Vorgang des Schaffens impliziert technisches Wissen, das auch – und nicht zuletzt – genetisches Wissen ist. Praxis, Theorie und Historie sind in relevanter Kunst – und also nicht bloß der Musik – das in sich unterschiedene Eine.

 

Zelter Es ist ein Schuss gefallen

Carl Friedrich Zelters Vertonung Goethes humoristisches Gedicht „Es ist ein Schuss gefallen“. Die Melodie wurde durch August Heinrich Hoffmann von Fallerslebens Text „Der Kuckuck und der Esel“ bekannt, wobei die Tempoverdoppelung der zweiten Hälfte ausgeglichen wurde. Um 1810. Gemeinfrei

 

Abgesehen davon, dass Goethes Zugang zu bedeutender Musik theoretisch-historisch motiviert war – er soll sogar an einer eigenen Komposition gearbeitet haben –, soll nicht unerwähnt bleiben, wie er sich unter Hinweis auf den emotionalen Aspekt gegenüber Zelter über deren Durchschlagskraft geäußert hat. Die „ungeheure Gewalt der Musik“ ergreife ihn unmittelbar, so dass man gar nicht anders könne, als sich ihr zu überlassen oder auszuliefern. Sie ist ein „Genuß“, der „den Menschen aus und über sich selbst, zugleich auch aus der Welt und über sie hinaus hebt.“

 

Erneut stellt sich bei diesen überschwänglichen Äußerungen eine die Zeiten über- und zusammengreifende Assoziation – freilich von nicht-banalem Gehalt – ein. Denn diese Empfindung ist bis in den Wortlaut hinein diejenige Ingeborg Bachmanns gewesen, für die Musik „der höchste Ausdruck“ ist, „den die Menschheit überhaupt gefunden“ hat. Übertragen auf die Literatur verhält es sich so damit, dass dann, „wenn jemand etwas zu erzählen hat und so wenig Zeit hat, darüber nachzudenken“, dann scheint (!; ich erinnere an den Dreiklang) „es von selbst zu geraten, und der Dringlichkeit“ sind „alle bloßen Kunstfragen untergeordnet“. „Was ist dieser Klang, der dir Heimweh macht? Und was ist diese Musik, die dich zittern macht und dir den Atem nimmt, als wüßtest du deine Geliebte vor der Tür stehen und hörtest den Schlüssel schon sich drehen? Was ist dieser Akkord, mit dem die wunderliche Musik Ernst macht und dich in die tragische Welt führt, und was ist seine Auflösung, mit der sie dich zurückholt in die Welt heiterer Genüsse? Was ist diese Kadenz, die ins Freie führt?! Wovon glänzt dein Wesen, wenn die Musik zu Ende geht, und warum rührst du dich nicht? Was hat dich so gebeugt und was hat dich so erhoben? Was hörst du noch, wenn die Musik zu Ende ist? Was ist es?! Gib Antwort! ‚Still!‘ Das vergesse ich dir nie.“

 

Und wie lautet – ein Anachronismus, fürwahr – Goethes tief fühlende Antwort über eineinhalb Jahrhunderte hinweg? So: Johann Sebastian Bachs Musik kam ihm so vor, „als wenn die ewige Harmonie sich mit sich selbst unterhielte, wie sich’s etwa in Gottes Busen, kurz vor der Weltschöpfung, möchte zugetragen haben“. (Zitat aus einem Briefentwurf an Zelter)


Goethe und die Musik

Die nachfolgende Einspielung wird dem Aufnahmebereiten den Nachvollzug und das Verstehen zwingend plausibel machen!

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Sayaka Shoji plays Bach: Chaconne from Violin Partita No.2 in D minor, BWV 1004 (14:20 Min.)

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