Musik
Berliner Philharmoniker; Kirill Petrenko, Dirigent und Gautier Capuçon, Violoncello. Foto: Marion Hinz

In diesem Jahr haben die Berliner Philharmoniker am 1. Mai ihr 144-jähriges Bestehen und 35 Jahre Europakonzert gefeiert. Ein Auftritt fand im Schloss Esterhazy in Eisenstadt (Burgenland) statt und drei weitere Abende in Berlin.

 

In der Bundeshauptstadt spielte das Orchester am 9. Mai das um Joseph Haydn reduzierte Konzert.

 

Konzertante Spielfreude

Das klug zusammengestellte Programm strahlt Lebensfreude sowie den Wunsch nach internationalen Begegnungen und friedlichem Zusammenleben der Nationen aus. Mit der Pulcinella-Suite von Strawinsky, den Rokoko-Variationen von Tschaikowsky, der Zugabe einer Pablo Casals-Komposition und der 2. Symphonie von Ludwig van Beethoven treffen Italien, Spanien, Russland, Frankreich, Deutschland und Österreich in animierender Spielfreude aufeinander.

 

Erhabene Einfachheit

Den bestens aufgelegten Berliner Philharmonikern mit ihrem Chefdirigenten Kirill Petrenko gelingt dabei mit der Sinfonia aus der Pulcinella-Suite ein berührender Auftakt. Das – nach dem letzten Wissensstand von Domenico Gallo stammende – Pulcinella eröffnende Thema, in seiner harmonisch-melodisch-rhythmischen Schlichtheit, einfach vorgetragen, erreicht sofort das Innere der Zuhörer. Was dann in den weiteren acht Sätzen folgt, wird in der erfindungsreichen Instrumentation und der sich überraschend steigernden Rhythmisierung von glänzend spielenden Solisten der Philharmoniker liebevoll ausgestaltet. Kirill Petrenko gelingen chirurgisch präzis gesetzte Tempo-Schnitte und eine äußerst lebendige Gestaltung. Die bizarren Soli für Kontrabass und Posaune erinnern in ihrer geschärften Artikulation an Haydens Humor. Ein meisterlich gelungener Spaß von Komponist und Ausführenden!

 

Seltene Gleichzeitigkeit von Virtuosität und Innigkeit

Im zweiten Teil erreichen die Berliner und Goutier Capuçon (Violoncello) eine weitere Steigerung in der Darstellung des Schweren in Leichtigkeit. Geläufigkeit, dynamische Verinnerlichung, gehauchte, wunderschöne Flageolett-Töne vom Solocello, vollendetes Zusammenspiel zwischen Solist und Orchester, feinfühliges, aber entschiedenes Dirigat beleuchten eindrücklich die eigenwillig glänzende Komposition.

 

Berliner Philharmoniker F BP

Berliner Philharmoniker. Foto: Stephan Rabold ©  Berliner Philharmoniker

 

Mit Wut und Witz für Menschlichkeit

Die langsame Einleitung zu Beethovens 2. Symphonie erklingt von Beginn an kämpferisch entschlossen. Überall gurgelt und wühlt es. Danach charakterisieren rasche Tempi eine überschäumende Lebensbejahung. Deutlich betonte Akzente, widerständige Phrasierungen, dynamische Eindeutigkeit wechseln mit groß angelegten Legatobögen. Ein gut gelauntes Orchester mit sympathisch wechselseitigem Blickkontakt zum Chefdirigenten führt zu einem harmonisch heiteren Klangerlebnis.

 

Sehnsucht nach Frieden und Freiheit

Stiller Mittelpunkt des Abends war die Zugabe von Goutier Capuçon „El cant dels ocells“ („Der Gesang der Vögel“). Eine Komposition des großen spanischen Cellisten Pau Casals nach einem katalanischen Volkslied. Pau Casals soll seine Komposition selbst gerne als Zugabe gespielt haben. Berühmtheit erfuhr diese Komposition durch eine Darbietung für John F. Kennedy im Weißen Haus. Seitdem ist sie Symbol der Friedensbewegung und verkörpert die Sehnsucht nach Frieden und Freiheit. Das harmonische Zusammenspiel von Kontrabass und fünf Cellisten der Philharmoniker mit Goutier Capuçon entspricht ganz dem Glaubenssatz von Casals: „Kunst und Menschlichkeit sind untrennbar“. Und das hätte auch das Motto dieses Konzerts sein können. Großer Applaus für einen großen Abend.


35 Jahre Europakonzert

Seit 1991 findet das Europakonzert jährlich am 1. Mai statt. Das jeweils an einem kulturgeschichtlich bedeutsamen Ort Europas aufgeführte Konzert ist eine Hommage an die Vielfalt der Länder und Kulturen des Kontinents und erinnert zugleich an die Gründung der Berliner Philharmoniker am 1. Mai 1882. 2026 begeht das Orchester das 35-jährige Jubiläum dieses Formats, das sich zu einem kulturellen Symbol der europäischen Gemeinschaft entwickelt hat. Die Berliner Philharmoniker verstehen sich hier als musikalische Botschafter für ein friedliches Miteinander in Europa. Dieses Jahr gastierte das Orchester in Österreich auf Schloss Esterházy.

Gemeinsam mit Chefdirigent Kirill Petrenko wanderten sie hier auf den Spuren Joseph Haydns. Das Schloss Esterházy in Eisenstadt war im 18. Jahrhundert unter Fürst Nikolaus I. ein strahlender gesellschaftlicher Mittelpunkt – und zugleich die langjährige Wirkungsstätte des Komponisten. Als Hofkapellmeister formte er hier neue musikalische Gattungen wie die Symphonie. Beim Europakonzert präsentierten Kirill Petrenko und die Berliner Philharmoniker neben einer Ouvertüre von Haydn Werke von Beethoven, Tschaikowsky und Strawinsky, die Haydns Erbe aufgegriffen, weiterentwickelt und neu interpretiert haben. Wie in jedem Jahr wurde das Europakonzert in zahlreiche Länder übertragen. In der arte-Mediathek ist das Konzert derzeit abrufbar.

 

Konzert in der Berliner Philharmonie, Herbert-von-Karajan-Straße 1, 10785 Berlin

Berliner Philharmoniker, Leitung: Kirill Petrenko | Solist: Gautier Capuçon, Violoncello

Programm:

- Igor Strawinsky: Pulcinella, Suite (revidierte Fassung von 1949)

- Peter Tschaikowsky: Variationen über ein Rokoko-Thema für Violoncello und Orchester A-Dur op. 33 (Gautier Capuçon: Violoncello)

- Ludwig van Beethoven Symphonie Nr. 2 D-Dur op. 36

jeweils mit Werkeinführung.
Dauer ca. 2 Stunden (inkl. 20 Minuten Pause)

Weitere Informationen (Berliner Philharmoniker)

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