Dramma per musica(l) an der Deutschen Oper Berlin
Schon nach seinem Operndebüt mit „Rinaldo“ in London wurde G.F. Händel zum führenden Musikdramatiker Englands. Sein furioses Bühnenspektakel wurde sogar als Vorwegnahme der Gattung Musical gehandelt. Diesem Ruf wird auch die Inszenierung von „Giulio Cesare in Egitto“ an der Deutschen Oper Berlin umfänglich gerecht.
Glyndebourne-Festival-Produktion
Zu hören und zu sehen ist dieses Dramma per musica in drei Akten von Händel an der Deutschen Oper Berlin in der Glyndebourne Festival-Produktion von David Mc Vicars (2005). Bis ins kleinste Detail wird dieser Fassung in der aktuellen Berliner Aufführung szenisch gefolgt. Unter der musikalischen Leitung von Alessandro Quarta ist ein prunkvolles Bühnengeschehen mit großartigen Stimmen zu erleben. Erzählt wird die Geschichte der leidenschaftlichen Liebe zwischen dem römischen Feldherrn Julius Caesar und der Pharaonin Cleopatra. Eine Liebe, die von politischen und familiären Intrigen umschattet wird. Diese Geschichte und das raffinierte Libretto inspirierten Händel zu wunderschönen Arien und einprägsamen Figuren. Schon zu Lebzeiten war „Guilio Cesare in Egitto“ einer der größten Erfolge Händels und ist auch heute noch seine meistgespielte Oper. Der andauernde Erfolg dieser Oper wird nun in Berlin fortgesetzt. Denn die zwanzig Jahre alte Inszenierung von Mc Vivars zeigt keine Alterserscheinungen. Zu erleben ist prunkvolles Theater mit glitzernden Wellen, segelnden Schiffen und prächtigen Kostümen. Vorhang auf und das Spiel um Liebe, Macht und Schicksal beginnt…
Das Schiefrunde in der Perlmuschel
Schon der Vorhang, in Muschelweiß gehalten und kunstvoll asymmetrisch gerafft, scheint sagen zu wollen: Die Macher des Abends sind historisch orientiert und werden uns eine unterhaltsam, stilvolle, aber auch vielschichtig bunte Bühnenshow präsentieren. Denn der Terminus Barock bezieht sich entstehungsgeschichtlich auf barucco (das Schiefrunde der Perlmuschel) und wurde, wie alle nichtklassizistischen Termini, zunächst in einem geringschätzigen Sinn gebraucht: Ausladend, im Gegensatz zu ausgewogenem Ebenmaß. Und ausladend geht es an diesem Abend auf der Bühne zu. Zunächst wird die Bühne von Fes-behütetem Personal gefegt, ergo von verstaubten Vorbildern befreit. Dies geschieht ironisierend in Zeitlupe, zusammen mit dem (während der gesamten Aufführung immer wieder auftauchenden und stets gleichen) Meereswellen-Video auf der Hinterbühne als Hinweis auf alles historisch Gewesene. Die barockartig angelegte Bühne mit perspektivisch gesetzten Bögen und farbig wechselndem Vorhangspektakel ist wechselnder Ort für Hafenvorplatz, Kriegsstätte, Liebesnest. Mitunter wird hier und dort gleichzeitig munter gesungen und getanzt. Die Sängerinnen beherrschen Brake-Dance-Figuren ebenso wie Ballett-Tanzfiguren auf hohem Niveau. Äußerst unterhaltsam und sehr lebendig!
Kabinettstücke des Koloraturgesangs
Die technische Stimmbeherrschung und die emotionale Ausdrucksbreite aller Sänger und Sängerinnen sind beeindruckend. Giulio Cesare (Christophe Dumax) gelingt beides besonders köstlich im Zwiegesang mit der Solovioline (an diesem Abend: Nathan Giem) auf der Bühne. Ein betörendes Kabinettsstück der Koloraturtechnik. Cleopatra (Elena Tsallagova) gelingen nicht nur perlende Koloraturen großen Stimmumfangs, sie besticht auch in ihrem seelisch-klanglichen Farbwechsel und ihrer schauspielerischen, tänzerischen Raffinesse. Musikalischer Höhepunkt ist ihre emotional gegensätzliche Da capo-Arie „Piangero la sorte mia“. Ihr in vielem gleichgestellt ist Cornelia (Stephanie Wake-Edwards). Neben den verbreitet hohen Stimmenlagen dieses Abends sind deren phänomenale Alt-Registerfarben in ausdrucksmächtigem Forte ein ausbalancierender Klanganker: leidenschaftlich und charakterstark. Edu Rojas (Nireno) glänzt wie seine Countertenor-Kollegen Francis Gush (Tolomeo), Michael Sumuel (Achilla) und Jared Werlein (Curio) – trotz seines großen, warmen, tiefen Basses – mit höchst beweglicher Stimmführung. Kurioserweise führt uns Martina Baroni (Sesto) mit ihrer großvolumigen, vollen, geschmeidigen Stimme am ehesten in die Klangwelt der Kastraten. Großer Applaus!
Klanghistorische Wirklichkeit
Die Tonaufnahme des letzten Kastraten, Allessandro Moreschi, gibt uns eine vage Klangvorstellung eines primo uomo des 17./18. Jahrhunderts. Allerdings war Moreschi bei der Aufnahme schon ein wenig betagt. Seine Stimme klingt müde, und die Intonation ist nicht immer sicher. Heute ihn vertretende Countertenöre erreichen allerdings selten das legendäre Klangvolumen und die beeindruckende Atemdauer bei gleichzeitig knabenhafter Soprananmutung. Die Zuhörerinnen sollen reihenweise kollabiert sein (Achtung: Man stand damals während der gesamten Vorstellung – nur wenigen waren Sitzplätze vorbehalten – Mann und Frau unterhielten sich und warteten so auf die nächste attraktive Musiknummer!). Um seinen Komponisten-Konkurrenten immer einen Ton voraus zu sein, brauchte Händel neben den besten Kastraten auch die besten Primadonnen seiner Zeit. Das musikalische Geschehen auf der Bühne war wichtiger als das musikalische Geschehen im Graben. Trotz harmonischer Finesse, reicher melodischer Erfindung, großflächig weitgespannter Führung und großer Geste bei gleichzeitiger Innigkeit und expressivem Ausdruck lag und liegt die Aufmerksamkeit auf dem Bühnengeschehen. In der sogenannten historischen Aufführungspraxis werden die oben genannten kompositorischen Raffinements phrasierend, rhythmisch, melodisch, harmonisch akzentuierend verdeutlicht, sind aber immer zur Begleitung verdammt, weil die Koloraturen auf der Bühne alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Diese begleitende Rolle gelingt dem Orchester der Deutschen Oper unter der Leitung von Alessandro Quarta ausgezeichnet.
Nach zahlreichen Zwischenapplaus fällt der Vorhang nach viereinhalb Stunden, aber keine Zuhörerin. Stattdessen: Standing Ovation und euphorische brava-, bravo- und bravi-Rufe eines offensichtlich berauschten Publikums im ausverkauften Haus. Dem Großaktionär Händel hätt’s sicher gefallen.
„Giulio Cesare in Egitto“
Dramma per musica in drei Akten von Georg Friedrich Händel
Libretto von Nicola Francesco Haym nach Giacomo Francesco Bussanis „Giulio Cesare in Egitto“
Weitere Termine: 05/07, 17.00 Uhr, zum letzten Mal in dieser Spielzeit: 08/07, 18.00 Uhr in der Deutschen Oper Berlin, Bismarckstraße 35, 10627 Berlin
Musikalische Leitung: Alessandro Quarta | Inszenierung: David McVicar | Bühne: Robert Jones | Kostüme: Brigitte Reiffenstuel | Licht: Paule Constable | Choreografie: Andrew George | Chöre: Thomas Richter | Dramaturgie: Flavia Wolffgramm
Mit: Christophe Dumaux (Giulio Cesare), Elena Tsallagova (Cleopatra), Stephanie Wake-Edwards (Cornelia), Martina Baroni (Sesto), Cameron Shahbazi/Francis Gush (Tolemeo), Michael Samuel (Achilla), Edu Rojas (Nereno), Jared Werlein (Curio), Chor der Deutschen Oper Berlin; Orchester der Deutschen Oper Berlin; Ballett der Deutschen Oper Berlin
In italienischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln.
Dauer: 4 Stunden 40 Minuten / Zwei Pausen
Weitere Informationen (Deutsche Oper Berlin)

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