Musik
Bo Skovhus (Wozzeck), Noah Schaul (Andres), Chor des Theater Lübeck. Foto: Olaf Malzahn

Die Sensation der amerikanischen Erstaufführung von Alban Bergs Oper „Wozzeck“ 1931 in Philadelphia – nur sechs Jahre nach der erfolgreichen Uraufführung in Berlin: die Anwesenheit George Gershwins.

 

Gershwin war ein leidenschaftlicher Verehrer Bergs und dessen Opern. Er besaß sogar die Partitur von Wozzeck. Sie galt als eines seiner wertvollsten Besitztümer. Die Sensation in Lübeck 2026: die glückliche Verpflichtung von Brigitte Fassbaender (Regie) und Bo Skovhus (Wozzeck).

 

Es wird mir ganz Angst um die Welt

1914 entdeckte Alban Berg Georg Büchners 1836/37 entstandenes fragmentarisches Drama über den armen, ausgebeuteten Soldaten Woyzeck, der schlussendlich aus Eifersucht seine Verlobte mit neun Messerstichen tötet und sich selbst in Raserei im See ertränkt. Großartig berührend ist zu erleben, wie Büchner dem gequälten, entmenschlichten Woyzeck mitfühlende Gerechtigkeit widerfahren lässt. Dies geschieht in einer Sprache schockierender Direktheit. Hierfür müsste man ihm posthum den viel später ins Leben gerufenen Georg-Büchner-Preis verleihen, der heute der renommierteste deutschsprachige Literaturpreis ist.

 

Langsam Wozzeck, langsam! Jawohl, Herr Hauptmann

Berg entwarf das Textbuch ohne Librettisten mit nur geringen Änderungen. Und seine Komposition fügt nichts hinzu. Sie illustriert nicht, sie scheint die musikalisch-tröstende Schwester der Dichterworte zu sein. Musiziert wird kammermusikalisch, solistisch. Und das auf hohem Niveau. Tutti sind für wenige Ausbrüche reserviert. Dirigent Stefan Vladar streicht hier mit sanfter Hand, dort rhythmisch äußerst präzis, dann wieder schroff und fordernd über die Partitur, generiert den Klang aus der kompositorischen Struktur. Die strenge instrumentale Form und die motivisch dicht gewebte Partitur verhindern erfolgreich das Eindringen lauernder Larmoyanz in den Schnürboden unseres Gehirns.

 

TL Wozzeck Hauptmann F Olaf Malzahn

Bo Skovhus (Wozzeck), Peter Lodahl (Hauptmann). Foto: Olaf Malzahn

 

Der Mensch ist ein Abgrund…

Die musikalischen Formen sind passend zur Handlung gewählt. So erklingt im ersten Akt, mit fünf Charakterstücken zum Wiegenlied, ein zugleich greller und betrübter Marsch hinter der Szene. Im zweiten Akt repräsentiert eine Fuge über drei Themen das Aneinandervorbeireden von Hauptmann, Doktor und Wozzeck. Und im Andante affettuoso gibt sich Marie dem Tambourmajor hin. Vladar und dem Philharmonischen Orchester Lübeck gelingt es, außergewöhnlich überzeugend in einem langen Spannungsbogen den Zusammenhang der Komposition in zunehmender Intensität zu garantieren.

 

Wie der Mond rot aufgeht

Das Lübecker Theater kann sich glücklich schätzen, über ein hochmotiviertes, engagiertes, kompetentes Fachpersonal zu verfügen. So Bettina Munzer (Bühne & Kostüme), die wie gewohnt auch bei Wozzeck eine geschickte Hand bei der Gestaltung des Bühnenbildes zeigt. Die Bühne präsentiert sich hier als surrealer Raum mit realen Elementen: Tisch, Stühle und die vielen Türen (die gleich am Anfang klug bespielt werden, mit dem Hauptpersonal farbig gekleidet bestückt) sind real, die variable Raumgestaltung lässt beim Zuschauer viel Raum für Phantasie. Ob Flugzeughangar oder Militärgelände, Dorfplatz, Wirtshaus, Maries Zuhause – all das wird bei offener Bühne ohne Vorhang in allen drei Akten mit je fünf Szenen je nach Bedarf überzeugend verändert. (Vorweg gesagt: Auch am Ende der Vorstellung fällt kein Vorhang. Das mag manchen Zuschauer irritiert haben; so setzte der Schlussapplaus zunächst zögerlich ein, steigerte sich dann aber immens). Wie wichtig und gut wieder einmal das Licht (Falk Hampel) mitspielt, eingesetzt wird, ist eine weitere positive, beglückende Sichtweise.

 

Ringel, Ringel Rosenkranz

Und was für eine große emotionale Energie steckt in den Verwandlungsmusiken dieser Oper! Sie reflektieren Vorangegangenes, verweisen vorausschauend auf Kommendes, sind musikalisches Bindemittel für den Zusammenhalt des Werks. Es ist eine Freude, den vielfältigen, zum Teil leitmotivischen Verknüpfungen zu folgen. Besonders ergreifend ist das Zwischenspiel vor der letzten Szene, das, im Adagio beginnend, sich in einen Zwölf-Ton-Akkord im vierfachen f entlädt, um sich dann hörbar tonal in einer G-Moll-Klangfläche zu stabilisieren, bevor das „Ringel, Ringel Rosenkranz“ der Kinder einsetzt. Durch die Chöre (Leitung Chor: Jan-Michael Krüger) ist Wozzeck in unterschiedlich soziales musikalisches Umfeld gebettet. Klanglich besonders gelungen: der „Chor der schlafenden Soldaten“ und der Chor der spielenden Kinder (Leitung des Kinderchors: Gudrun Schröder).

 

Wenn wir in den Himmel kämen, so müssten wir donnern helfen

Bo Skovhus ist die ideale Besetzung des Wozzeck. Paradoxerweise sind edle Stimme und gräfliche Körpergröße, kontrastierend zur Figur des gebeutelten und gedemütigten Wozzeck Grund dieser Qualifikation. Der Ausgebeutete des Abends hat die wärmste Stimme. Sein tiefste Menschlichkeit verströmender wohltemperierter Bariton wird zum unantastbaren Schutz von Wozzecks Menschenwürde. Büchner unterstützt dies, indem er ihm als einzigem Menschen auf der Bühne einen vollständigen Namen gibt: Franz Woyzeck. Die Regie steckt (Bergs) Wozzeck überdies in eine Latzhose, mit roten Rangstreifen versehen, die an hohe Militärs denken lassen.

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Ich bin doch ein schlecht Mensch

Marie (Adrienn Miksch) besticht durch eine technisch perfekt geführte Stimme mit großem Umfang. Berührend ist die C-Dur-Stelle „Gott vergelts, Franz!“ Der Tambourmajor (Roman Payer) überzeugt in gewollter Überzeichnung als Heldentenor. Der Doktor (Changjun Lee) als Buffo mit kräftigem Bass ironisiert gekonnt seine wissenschaftliche Eitelkeit. Der Hauptmann (Peter Lodahl) kennzeichnet das Buffoneske seiner Rolle in parodierender Schärfe. Die Figur des Narren (Thomas Stückemann) weitet Brigitte Fassbaender aus. Das frühe Erscheinen des Narren nimmt die Naivität des Kindes vorweg und sorgt für eine spielerisch-dramatische Klammer.

 

Sogar das Geld geht in Verwesung über

Aber nicht bei diesem Wozzeck. Im Vergleich zu seinem relativ geringen Etat stellt das Theater Lübeck eine Produktion mit Rendite auf die Bühne des Großen Hauses. Möglich gemacht wird dies auch durch die großzügige 15.000 Euro-Spende der Lübecker Theaterstiftung. Kern dieses „Großen Theaters“ auf mittlerer Bühne ist hier GMD Stefan Vladar. Dank seines künstlerischen Renommees und der dadurch möglichen Verbindungen sind Verpflichtungen von Künstlern wie Brigitte Fassbaender und Bo Skovhus erst möglich. Glückliches Lübeck!

 

Hopp, hopp! Hopp, hopp! Hopp, hopp!

Das Ende der Oper gehört zum Schönsten und Frappierendsten, was uns Oper geschenkt hat. Die Schuldfrage des Dramas wird – ohne musikalische Verhandlung – eingeschmolzen in das ritterlich-unschuldige „Hopp, hopp“ von Mariens Knaben: In dreimalig fallender Quart, überdies hoffnungsvoll sekundschrittig gesteigert, mit dem tappenden Triolenmotiv Wozzecks unterlegt, schließlich in chromatisch umflorten G-Dur-Klang in weiter Lage mündend, rhythmisch sich dehnend, im Dreifach-Piano der Welt abhanden kommend.

 

Sie sind schon alle `naus!

Leere Bühne – Dunkelheit. Das Premierenpublikum ist Gershwin-gleich begeistert…

Der ganze Komplex Wozzeck fasziniere sie, hatte Regisseurin Brigitte Fassbaender im Vorfeld der Premiere bei einer öffentlichen Probe gesagt. Es sei ein schreckliches Stück, das einem zutiefst nahegehe. Jeder Satz werde musikalisch durchleuchtet, musikalisch empfunden. „Man wird nicht müde, das zu versuchen zu verstehen.“ Für Brigitte Fassbaender ist dieser Wozzeck ein intelligenter, interessierter Mann, der seine Umgebung beobachtet und analysiert, von seinen Mitmenschen aber verhöhnt und in die Verzweiflung getrieben wird. Und genauso hat sie „ihren“ Wozzeck inszeniert.

 

Plädoyer für die Menschlichkeit

Das Stück werde immer als ein Plädoyer für die Menschlichkeit gehandelt. Das sieht die Regisseurin nicht unbedingt so: „Wo ist hier die Menschlichkeit?“ Vielleicht aber liege diese Menschlichkeit in der Musik, die „uns versöhnt mit dem, was dort (auf der Bühne) geschieht“. Was auf der Bühne geschieht, liegt in Lübeck in ihren Händen. Ja, Brigitte Fassbaender hat Gutes daraus gemacht. Und ja, es ist Menschlichkeit in diesem Stück. Denn auch das Versagen von Menschlichkeit ist menschlich. Leider. So gesehen ist Wozzeck natürlich ein Plädoyer für Menschlichkeit, genauer gesagt: für mehr Menschlichkeit und für mehr Sonne im Leben eines jeden Menschen!

Unsere dringende Empfehlung: Nix wie hin! Brigitte Fassbaenders Empfehlung: „Immerzu, immerzu, immerzu.“


„Wozzeck“

Oper von Alban Berg

Text vom Komponisten nach dem Dramenfragment »Woyzeck« von Georg Büchner

In deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln.

Zu erleben im Theater Lübeck, Großes Haus, Beckergrube 16, in 23552 Lübeck

Die nächsten Termine: 02/05, 19.30 Uhr, 17/05, 16.00 Uhr, 24/05, 18.00 Uhr, 30/05, 19.30 Uhr, 19/06, 19.30 Uhr, 25/06, 19.30 Uhr (zum letzten Mal in dieser Spielzeit)

Musikalische Leitung: Stefan Vladar | Inszenierung: Brigitte Fassbaender | Bühne und Kostüme: Bettina Munzer | Chor: Jan-Michael Krüger | Kinderchor: Gudrun Schröder | Licht: Falk Hempel | Dramaturgie: Michael Sangkuhl

Mit: Bo Skovhus, Roman Payer, Noah Schaul, Peter Lodahl, Changjun Lee, Robin Frindt, Steffen Kubach, Adrienn Miksch, Frederike Schulten, Mark McConnell; Chor des Theater Lübeck; Kinder- und Jugendchor Vocalino des Theater Lübeck und der Musik- und Kunstschule Lübeck; Statisterie des Theater, Lübeck; Philharmonisches Orchester der Hansestadt Lübeck

Weitere Informationen (Theater Lübeck)

 

Ergänzt wird die Inszenierung durch ein Begleitprogramm, zu dem unter anderem das 7. Sinfoniekonzert am 03.05. und 04.05. gehört. Auf dem Programm steht Alexander von Zemlinskys »Lyrische Sinfonie« für Sopran, Bariton und Orchester – gesungen von Bo Skovhus und Sopranistin Adrienn Miksch, die in „Wozzeck“ als Marie zu erleben ist.

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