Im 6. Sinfoniekonzert 2026 bot das Philharmonische Orchester der Hansestadt Lübeck unter der Leitung seines GMD Stefan Vladar zwei sinfonische Schwergewichte im großen Konzertsaal der Musik- und Kongresshalle.
Das Doppelkonzert für Violine, Violoncello und Orchester A-Moll op. 102 von Johannes Brahms (1887) mit den Geschwistern Tanja und Christian Tetzlaff (Cello/Violine) und die 9. Sinfonie D-Moll, WAB 109, von Anton Bruckner (1896).
Weltliche Überwältigung
Die geradezu trotzig wirkende Eröffnung des Orchesters im Doppelkonzert Brahms’ mit der überraschend folgenden Solokadenz des Cellos erinnert an das Zerwürfnis zwischen den Freunden Joseph Joachim und Johannes Brahms. Im folgenden kompositorischen Geschehen glaubt man, dem (gelungenen) Versuch beizuwohnen, eine verlorengegangene Freundschaft mit musikalischen Mitteln wiederherzustellen. Zum Beispiel, wenn statt des üblicherweise kontrastreichen Haupt- und Seitenthemas beide Themen eher aus einer Grundsubstanz hervorgehen. Oder wenn Gegensatzpaare wie Triole/Duole oder Dreiklang/Tonleiter die ansonsten stärker wirkenden Gegensätze abschwächen. Der Finalsatz betont die Vereinigung, indem er Elemente aus dem Kopfsatz mit einem Schlussgedanken zusammenführt. Überhaupt wird das aus der Barockzeit stammende concertare bei Brahms/Tetzlaf/Vladar weniger als Wettstreit, mehr als Zusammenwirken aufgefasst.
Die Geschwister musizieren wie eineiige Zwillinge
Für dieses anspruchsvolle Werk bedarf es nicht nur zwei hervorragender Solisten: Die beiden müssen darüber hinaus hervorragend aufeinander eingespielt sein. Das war in diesem Lübecker Konzert mit den Geschwistern Tetzlaff der Fall. Selten haben wir so hohe Übereinstimmung im Unisono-Spiel, in der imitierenden Motivübernahme, im virtuosen Zusammenspiel, vor allem aber in der gleichatmenden Gestaltung bis hin zum übereinstimmenden Vibratospiel erlebt. Die beiden Instrumente erschienen im Zusammenspiel wie ein einziges überdimensioniert großes Streichinstrument aus Violine und Violoncello in einheitlichem Lagen- und Registerklang. Vladar wählte hierfür euphorische Tempi herbeisehnender Versöhnung. Das klang nie gehetzt, immer intensiv, lebendig und sinnstiftend, hier widersprechend und dort bejahend. Solisten und Dirigent musizierten in gänzlicher Übereinstimmung. Wie ungemein eindringlich die Interpretation gelang, zeigte sich auch in der absoluten Stille zwischen den Sätzen. Kein Räuspern, kein Hüsteln, nur Stille. Im Andante gelangen Vladar melodische Spannungsbögen in aufblühender Klangentfaltung und zarteste Schlüsse voller sehnsüchtig-melancholischer Stimmung. Das vorher so stille Publikum applaudierte lautstark-begeistert. Großer Applaus auch für die Zugabe der beiden Solisten: Letzter Satz aus Zoltán Kodály`s Duo für Violine und Violincello. Die tiefe Musikalität der Solisten und deren hohe Virtuosität wurden hier nochmals jubelnd gefeiert.

Tanja Tetzlaff. Foto: Neda Navaee. Christian Tetzlaff. Foto: Giorgia Bertazzi
Sinfonisches Hochamt
Auf den Ton D reduziert, auf leise tremolierender Streicherfläche und mit kurzen, sehr einfachen, eher suchenden Motiveinwürfen der Hörner - so beginnt der zweite Teil des Konzerts mit der 9. Sinfonie von Anton Bruckner, bevor der Grundton dann halbtönig gespalten und in weit entfernte Galaxien gesprengt wird. Mit dieser tonartlichen „Entgleisung“ startet eine Odyssee ins Weltall. Auf der Suche nach Gott scheint sich die Annahme eines entgrenzten Weltalls musikalisch zu bestätigen. Wir werden zu immer neu beleuchteten himmlischen Klanginseln geführt, in den Sog überirdischer Modulationen gezogen. Im zweiten Satz (lebhaft) setzt sich diese Spannung fort, bis nach der Generalpause das Scherzo-Thema einfällt, an „Sacre“ erinnernd mit vorausahnender Strawinskyscher Wucht. Die Skizzen, die Bruckner bereits für den 4. Satz gefertigt hatte, stellen außer Frage, dass er seine letzte Sinfonie mit einem überragenden Finale beenden wollte. Durch seinen Tod (1896) kam dieses Vorhaben jedoch nicht mehr zur Ausführung, sodass das Adagio zum Schlusssatz der Sinfonie wurde.
Dem Himmel so nah
Harmonisch wirkt hier alles ambivalent. Die Grundtonart E-Dur setzt sich nirgendwo durch. Die angeblich „dem lieben Gott“ gewidmete Sinfonie mutiert zur „Suche nach Gott“. Hörner und Wagner-Tuben mit Zitaten aus Tristan und Parsifal, aber auch ein kontrapunktisch verstecktes B-A-C-H führen zum ergreifenden „Abgesang an die Welt“, der in einer weiteren Schlusssteigerung in einen stark dissonanten Akkord mit den zusammengeballten sieben Tönen einer Skala ohne Auflösung mündet. Mit dem Wiedereinsetzen des Orchesters bestätigt sich die Richtigkeit von Vladars mutig entschleunigter Tempowahl. Mit motivischen Erinnerungsbrocken endet die Sinfonie feierlich in versöhnlichem E-Dur. Sacrale Stille. Dann donnernder Applaus für den „Dombaumeister“ und sein Orchester.
6. Sinfoniekonzert des Theater Lübeck
Das Konzert fand am 22. und 23. März 2026 in der Musik- und Kongresshalle, Willy-Brandt-Allee 10, 23554 Lübeck statt.
Besetzung:
Dirigent: Stefan Vladar | Violine: Christian Tetzlaff | Violoncello: Tanja Tetzlaff | Philharmonisches Orchester der Hansestadt Lübeck
Programm:
Johannes Brahms (1833–1897)
Doppelkonzert für Violine, Violoncello und Orchester a-Moll op. 102
Anton Bruckner (1824-1896)
Sinfonie Nr. 9 d-Moll WAB 109
Weitere Informationen (Theater Lübeck)
Bildnachweis:
Stefan Vladar. Foto: Jan Philip Welchering

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