Musik
Omer Meir Wellber. Foto: Hilde van Mas

Der vollständige Titel dieses Theaterstücks über Glauben, Zweifel und die Zerbrechlichkeit unserer Überzeugungen lautet: „MASS: A Theatre Piece for Singers, Players and Dancers“.

Eigentlich ist es ein Bühnenweihfestspiel, bei dem Leonard Bernstein (1918–1990) in einer bewusst vollzogenen Stilmischung, in musikalisch gefasster Festlichkeit, eine Gemeinschaft herstellt. Und das gelingt Omer Meir Wellber und seinen Mitstreitern an diesem Pfingstsonntag in beeindruckender Weise.

 

Leonard Bernstein 1987Lauda Moin

Das hat es so noch nicht gegeben: Statt eines Programmheftes erhielten die Besucher ein lilafarbenes, mit kleinem Goldkreuz bedrucktes Heft, betitelt mit „My Mass“. Neben einer kurzen Einführung vom Musikalischen Leiter der Aufführung Omer Meir Wellber, Generalmusikdirektor und Chefdirigent der Hamburgischen Staatsoper, bot das Heft neben Informationen, Textauszügen und Erläuterungen zahlreiche Anregungen zum Mitdenken. Auf den einseitigen Text(hinweis) „The MASS is ended“ folgen vom Heftbesitzer auszufüllende Leerseiten, sie machen die zweite Hälfte des Heftes aus. Eingeführt wird dieser Part mit den Worten „Gehen hin in Frieden.“ Eine andere schöne Idee: Mitmachaktionen wie wandelnde Notizwände, die vor und nach dem Konzert dem Publikum die Möglichkeit boten, sich zu äußern zu Themen wie „Was bedeutet Liebe für Dich?“ oder „Woran zweifelst Du?“. Als Vor- und Nachbereitung gedacht, aber auch als wohlmeinend-mahnende Erinnerung: in und durch MASS aufgeworfene Fragen und mögliche Antworten – auch nach dem Konzertbesuch, nach dem Nachhauseweg – nicht aus dem Blickfeld zu verlieren. Eine Einladung, „das Buch als Resonanzraum und Refugium zu nutzen“, warb Omer Meir Wellber im Vorwort.

 

Dona nobis pacem

MASS ist ein von Jaqueline Kennedy, der Witwe John. F. Kennedys, in Auftrag gegebenes Werk für die Eröffnung des - nach dem ermordeten Präsidenten benannten - Konzertsaals des Kennedy-Centers in Washington D.C., das 1971 uraufgeführt wurde. Es ist ein Theaterstück über Glauben und Zweifel, über die Zerbrechlichkeit von Überzeugungen. Es ist auch „eine Feier des Lebens, widersprüchlich, laut, verletzlich“ (Zitat: O.M. Wellber). Im großen Saal der Elbphilharmonie gab es zwei Aufführungen dieses spektakulären Musikfest-Sonderkonzerts der Hamburger Staatsoper. Angesiedelt zwischen Ritus und Rebellion, entstand ein gewaltiges Klangmosaik.

 

Ein junger Mann (Celebrant) von geradezu mysteriöser Naivität zelebriert das Ritual der Kommunion. In dem Maß, in dem in seiner Glaubensgemeinschaft der Widerstand gegen zunehmenden Formalismus wächst, lässt sein eigener Glaube nach. In seiner ausgedehnten Vertonung „Dona nobis pacem“ wird der Celebrant durch seine Unfähigkeit, die in der Menge herrschende Gewalt in Liebe umzuwandeln, zur Verzweiflung getrieben. Auf das Wort „pacem“ schmettert er die Monstranz, das Behältnis mit der geweihten Hostie, zu Boden.

 

Half oft he people are drowned and the other half/ are swimming in the wrong direction

Die Anlage der Komposition enthält alle Eigenschaften eines Dramas einschließlich Katastrophe und Katharsis. Gigantisch die Besetzung bei diesem Sonderkonzert  des diesjährigen Hamburger Musikfestes (bis 1. Juni) in der Elbphilharmonie: zahlreiche Vokalsolisten, drei Chöre, Street People, Dancers und das Philharmonische Staatsorchester Hamburg. Im Mittelpunkt des Geschehens steht der Celebrant (Will Liverman). In diesem Fall mit genau der Stimmgestaltung, wie sie sich Leonard Bernstein immer gewünscht hat. Will Liverman verfügt über alle Eigenschaften eines hochqualifiziert ausgebildeten Opernsängers, gepaart mit der mikrofongeeigneten Eigenschaft einer falsettierenden Musicalstimme. Und das ohne Brüche durch alle Register! Hochflexibel, dynamisch extrem variabel, von stiller Introvertiertheit bis zum verzweifelten Aufschrei, schauspielerisch ebenso glaubhaft, berührend und mitreißend. Bravo! Die zahlreichen Solisten der Street People agieren absolut ebenbürtig, schauspielerisch hochbeweglich, musikalisch expressiv. Der Knabensolist des Hamburger Knabenchores ist intonationsstark, gestalterisch musikalisch aufblühend. Die Chöre  (Audi Jugendchorakademie: Einstudierung: Martin Steidler und Sonja Lachenmayr / Alsterspatzen: Einstudierung: Priscilla Prueter / Hamburger Knabenchor: Einstudierung: Luiz de Godoy / Einstudierung Street People und Gesamtleitung: Pascal Adoumbou) sind präsent, präzis und bühnenstark. Die Dancers-Choreographie entwickelt sich überzeugend aus der Musik heraus (Gesamtchoreographie: Constantin Trommlitz), mit Soloeinlagen, die genügend Kraft besitzen, zum Glauben zurückführen zu können.

 

Seht das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt

Das Konzert lebt nicht nur von den hervorragend singenden, swingenden, tanzenden und spielenden Mitwirkenden. Es lebt auch und vor allem von der ganzheitlichen Bespielung des großen Saals. Da tritt zum Beispiel plötzlich eine Blaskapelle von der Seite kommend auf und marschiert durch das Publikum auf die Bühne (Idee und Musik entstammen aus Bernsteins Plänen zu „Wir sind noch einmal davon gekommen“). Dabei wird nicht nur live musiziert, es wird auch Musik zugespielt. Die so entstehenden unterschiedlichen Sounds unterstreichen den von L.B. angestrebten Stilpluralismus. O.M. Wellber leitet das alles im wahrsten Sinn umsichtig: Es wird von ihm eine Zeichengebung im 360-Grad-Radius verlangt. Handwerklich und künstlerisch beglückend!

 

Mass Dancers.Street Peeple Solisten F Marion Hinz

Schlussapplaus zu MASS. Solisten in der Elbphilharmonie. Foto: Marion Hinz

 

Gib uns Frieden

Auf dem Höhepunkt der Kommunion nimmt die Zeremonie ein jähes Ende. Nun bleibt es jedem einzelnen auf der Bühne und auch uns im Saal überlassen, in der schmerzlichen Mediation letztendlich in sich selbst einen neuen Keim des Glaubens zu finden. Am Ende der Aufführung gelingt der Inszenierung eine weltumspannende Geste, indem sich der gesamte Chor auf alle Ränge des Raumes verteilt. Es entsteht ein erstaunlich geschlossener, homogener, warmer, allumschließender Chorklang. Mit diesem letzten Choral und dem Knabensolo „Lauda, lauda“ endet die Aufführung. Einer atemlosen Stille folgt langanhaltender enthusiastischer Beifall.


Leonard Bernstein; „MASS: A Theatre Piece for Singers, Players and Dancers“

Das Sonderkonzert Musikfest Hamburg 2026 fand am Sonntag, 24. Mai, und Montag, 25. Mai, in der Elbphilharmonie (Großer Saal) statt.

 

Text nach der römischen Messliturgie, zusätzliche Texte von Stephen Schwartz und Leonard Bernstein.

In englischer Sprache mit deutschen Übertiteln.

Dauer ca. 120 Minuten

- Weitere Informationen (Elbphilharmonie)

- Weitere Informationen (Hamburgische Staatsoper)

 

Abbildung Leonard Bernstein, Amsterdam 1987. Foto: Bart Molendijk / Anefo. Lizenz: CC BY 4.0

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