Es gibt Fotografen, die ihre Zeit dokumentieren. Und es gibt welche, die das visuelle Gedächtnis ihrer Zeit prägen. F.C. Gundlach (16. Juli 1926 – 23. Juli 2021) gehörte zur zweiten Sorte.
Seine atmosphärischen, stilistisch reduzierten Modefotografien revolutionierten die Optik der jungen, prüden Bundesrepublik lange bevor Mode als Kulturgeschichte begriffen wurde. Sie erzählen vom Aufbruch der Nachkriegszeit, von Eleganz als Haltung, von weiblicher Emanzipation und dem Optimismus der Wirtschaftswunderjahre. Sie waren stilbildend – und sind es auch heute noch.
Gundlachs Bedeutung reicht jedoch weit über sein fotografisches Werk hinaus. Ein Leben für die Fotografie – es klingt pathetisch, aber es trifft den Kern. Kaum ein anderer in Deutschland hat sich um dieses Medium so verdient gemacht. Ob als Fotograf, Unternehmer, Galerist, Sammler, Hochschullehrer, Kurator oder Stifter – kein anderer hat so vehement dafür gekämpft, dass die Fotografie in Deutschland als eigenständige Kunstform anerkannt wurde. Mit dem Haus der Photographie in den Deichtorhallen und der Triennale der Photographie Hamburg begründete er Institutionen von internationalem Rang. Generationen von Fotografen, Kuratoren und Sammlern verdanken ihm entscheidende Impulse.
Der Mann, der Hamburg zur Fotostadt machte
Am 16.7.2026 hätte F.C. Gundlach seinen 100. Geburtstag gefeiert – ein besonderer Anlass, sein beeindruckendes Werk neu zu entdecken. Dazu laden das Bucerius Kunst Forum gemeinsam mit der Hapag-Lloyd Stiftung ein: Dank der Förderung durch die Hapag-Lloyd Stiftung erhalten alle Besucher an diesem Tag freien Eintritt in die Ausstellung. Gleiches gilt für die Deichtorhallen.

F.C. Gundlach: „Jet Age“, Hamburg, 1963 und Op Art-Badeanzug, Brigitte Bauer, Sinz Bademoden, Vouliagmeni, 1966. © F.C. Gundlach / Stiftung F.C. Gundlach
Die Deichtorhallen richten mit einem „Gundlach Special“ im Rahmen der 9. Triennale der Photographie Hamburg den Blick auf den Sammler, Visionär und Kulturstifter, dessen Einfluss weit über das eigene Werk hinausreichte. Beide Ausstellungen zusammen zeigen die ganze Persönlichkeit Gundlachs: den Künstler, den Sammler und den leidenschaftlichen Vermittler, der die Geschichte der Fotografie nicht nur dokumentierte, sondern entscheidend mitgeschrieben hat.
Als ich F.C. Gundlach 2008 vor seiner „ultimativen“ Retrospektive in den Deichtorhallen traf, blickte er bereits auf ein außergewöhnliches Lebenswerk zurück. Die Ausstellung war damals die erste umfassende Werkschau, die nicht unter seiner kuratorischen Regie entstand. Vier renommierte Fotografieexperten – Klaus Honnef, Hans-Michael Koetzle, Sebastian Lux und Ulrich Rüter – hatten sein Œuvre neu gesichtet und interpretiert.
Im Gespräch verriet Gundlach, was ihn dabei überrascht hat, und sprach ungewöhnlich offen über das Loslassen, die Anfänge seiner Karriere, seine Leidenschaft fürs Sammeln, die Mechanismen des Kunstmarktes und die Zukunft der Fotografie. Vieles davon liest sich heute beinahe prophetisch. Seine Überzeugung, dass Fotografie den Rang der bildenden Kunst erreicht habe, ist mittlerweile selbstverständlich. Seine Warnungen vor den Herausforderungen der digitalen Archivierung sind noch keineswegs obsolet. Und seine Haltung zum Sammeln – Leidenschaft vor Spekulation – wirkt aktueller denn je.

F.C. Gundlach: Massenauflauf beim Besuch der Models, Santiago de Chile, 1963. © F.C. Gundlach / Stiftung F.C. Gundlach
Das folgende Interview erschien erstmals 2008 in der Weltkunst:
Für die Weltkunst, Isabelle Hofmann (IH): Herr Gundlach, Sie geben die Zügel sonst nur ungern aus der Hand. Warum haben Sie die Aufarbeitung Ihres Werks einem Kuratorenteam überlassen?
F.C. Gundlach (FCG): Weil ich den Blick von außen gesucht habe. Die passive Rolle war allerdings ungewohnt. Zunächst fühlte ich mich als Objekt, dann fast als Opfer. Ich möchte nicht sagen, dass ich mich missverstanden fühlte, aber ich habe natürlich eine sehr genaue Vorstellung davon, wie Modefotografie präsentiert werden sollte. Nun musste ich akzeptieren, dass die vier Kuratoren eine andere Auswahl getroffen haben, als ich sie getroffen hätte. Genau darin liegt aber auch der Reiz.
IH: Woran zeigen sich diese unterschiedlichen Sichtweisen?
FCG: (zieht ein Bild hervor): Sehen Sie dieses Foto mit den drei Models in Paris? Für mich wirkt es beinahe zu statisch. Die Kuratoren haben es ausgewählt, weil sie daran meinen Umgang mit Weitwinkel, Untersicht und Körpersprache zeigen wollten.
IH: Hat Sie dieser Blick von außen überrascht?
FCG: Ja. Mir wurde erst dadurch bewusst, welche Bedeutung Paris für meine fotografische Entwicklung hatte. Der französische Film ebenso wie die subjektive Fotografie, mit der ich mich schon sehr früh beschäftigt habe. Anfang der fünfziger Jahre fotografierte ich bei zahlreichen Filmproduktionen die Schauspieler und lernte von den Kameraleuten den Umgang mit Licht.
IH: Zeigt die Retrospektive also einen F.C. Gundlach, den man bisher kaum kannte?
FCG: Durchaus. Die Ausstellung reicht fast bis in meine Kindheit zurück. Selbst ich war überrascht, wie viele Reportagen ich gemacht habe – unter anderem für den Stern. Das hatte ich längst vergessen. Ich fotografierte im Zirkus, Charlie Rivel mit Kindern, viele kleine Geschichten. Damals, in der fernsehlosen Zeit, hatten auch solche Themen ihren Platz.
IH: Was wird das Publikum außerdem entdecken?
FCG: Wie sehr sich das Bild der Frau in den Medien verändert hat. Wir zeigen mehr als 150 Originalpublikationen, insbesondere aus Film und Frau. Diese Zeitschrift stand in den fünfziger Jahren für Glamour und Eleganz. Ich war damals der Newcomer und genoss erstaunliche Freiheiten. Besonders spannend finde ich den Vergleich zwischen den Originalfotografien und ihrer Veröffentlichung im Magazin.
IH: Sie haben jahrzehntelang dafür gekämpft, dass die Fotografie denselben Rang erhält wie die bildende Kunst. Ist dieses Ziel erreicht?
FCG: Ja. Dieser Prozess ist abgeschlossen.
IH: Das hat allerdings lange gedauert.
FCG: Die Fotografie hatte darunter zu leiden, dass sie ein Massenmedium war. Der berühmte Kodak-Slogan „You press the button, we do the rest“ hat ihrer Anerkennung als Kunst erheblich geschadet. Dokumentar- und Modefotografie wird bis heute häufig unterstellt, sie seien vor allem kommerziell motiviert. Ich habe nie zwischen angewandter und freier Kunst unterschieden. Wenn ein Bild auch nach zwanzig Jahren noch berührt, spielt es letztlich keine Rolle, aus welchem Anlass es entstanden ist.
IH: Die Preise für Fotografie sind in den vergangenen Jahren geradezu explodiert. Folgt auf die lange Unterschätzung nun die Überbewertung?
FCG: Nein. Die Fotografie erhält endlich die Anerkennung, die sie verdient. Gleichzeitig hat diese Wertschätzung neue Sammlerschichten hervorgebracht. Hinzu kommen Käufer aus Russland und China, die sehr schnell sehr reich geworden sind und sich nun über Kunst Sozialprestige kaufen. Das treibt die Preise.
IH: Allerdings profitieren davon nur wenige Namen – Cindy Sherman, Richard Prince oder die Becher-Schüler.
FCG: Ein Künstler muss eben gefragt sein. Warum aber gerade der eine und nicht der andere in Mode kommt, kann ich Ihnen auch nicht erklären. Es gibt Fotografen derselben Qualität aus derselben Zeit, die heute kaum jemand wahrnimmt.
IH: Wen oder was haben Sie in jüngster Zeit gekauft?
FCG: Nicht mehr viel. Ich gehe gar nicht mehr auf Auktionen – mein Gebot verdirbt nur die Preise. Einmal habe ich auf ein Schlüsselbild von Martin Munkácsi geboten. Es war mit 8.000 Dollar angesetzt, bei 16.000 Dollar bekam ich schließlich den Zuschlag. Danach war nie wieder ein Munkácsi für 8.000 Dollar zu haben. Die Leute beobachteten sehr genau, wer da mitbot.
IH: Sie haben Hamburg mit der „Triennale der Photographie“ und der Gründung des „Hauses der Photographie“ zur Fotostadt gemacht. Aber gehandelt wird Fotografie vor allem in Köln und Berlin…
FCG: Ich habe Anfang der 90er Jahre in einem Hamburger Auktionshaus zwei Fotoauktionen durchgeführt, die Bilder besorgt, die Preise gemacht, für alles gesorgt. Aber das Auktionshaus hat diese Initiative nicht fortgesetzt. Da hat Hamburg wirklich eine Chance verpasst. Es wäre ein idealer Auktionsstandort gewesen.
IH: Welche Chancen haben Sie denn als Sammler verpasst?
FCG: Oh, Gott! William Eggleston. Der war mir wohl einfach zu nah. Und dann David Hockney. Daran mag ich gar nicht denken. Ich hatte „The Bigger Splash“, eines seiner berühmtesten Gemälde, bei mir im Atelier und habe es zurückgegeben. 8000 Mark sollte es damals kosten. Es ist doch immer dasselbe: Wenn die Sachen billig sind, kauft keiner. Ich habe in meiner Galerie Anfang der 80er Jahre Bilder von Irving Pen und Mapplethorpe für 350 Dollar angeboten und den Leuten gesagt: „kauft das“, doch keiner hat mir damals geglaubt.
IH: Heute gelten Fotografien als Wandaktien der IT-Gesellschaft.
FCG: Ach was. Wer ausschließlich aus Spekulationsgründen kauft, ist kein richtiger Sammler. Am Anfang sollte man immer aus Leidenschaft sammeln. Ein Bild kaufen, das beeindruckt und das man in sein Schlafzimmer hängen möchte. Dann sollte man versuchen, sich Wissen anzueignen und ein Konzept festzulegen. Dann ist es leichter zu suchen.
IH: Wonach denn? Viele Prints sind weder gestempelt noch signiert.
FCG: Deshalb muss man genau auf die Provenienz achten. Das wird immer wichtiger. Kürzlich wurde ein Foto von Edward Steichen für eine Million Dollar versteigert, das weder signiert noch gestempelt war. Aber man wusste eben, dass es von dieser Aufnahme nur drei Abzüge gab.
IH: Bei diesen Preisen können junge Sammler doch höchstens posthume Editionen erstehen…
FCG: Davon halte ich gar nichts. Die sind ihr Geld nicht wert. Junge Sammler sollten sich auf ihre Zeitgenossen konzentrieren. Es gibt immer wieder neue Talente, neue Ideen für Bilder und neue Techniken. Interessante digitale Bilder, die heute für wenig Geld zu haben sind. Das könnte in zehn Jahren anders aussehen.
IH: Aber wie sieht es dann mit der Haltbarkeit aus? Nicht jeder hat einen Gefrierschrank in einem Bergwerk wie Bill Gates.
FCG: Ein Aquarell bleicht an der Sonne auch aus. Was die analoge Fotografie betrifft, so ist die Haltbarkeit heute kein Thema mehr. Problematisch sind frühe Farbfotos. Es wurde mit neuen Chemikalien experimentiert und die Farben haben sich im Laufe der Zeit verändert. Aber ab Ende der 70er Jahre ist das Material eigentlich stabil. Viel schwieriger wird es bei der digitalen Fotografie. Die brennende Frage, die sich heute stellt, lautet: Wie lange hält ein Datensatz? Die Technik entwickelt sich so rasant. Wenn man nicht ständig umkopiert, drohen riesige Verluste. Es gibt heute ja keinen Computer mehr, der die alten Disketten aus den 90er Jahren lesen kann.
IH: Inhaltlich ist die Entwicklung aber nicht so dramatisch…
FCG: Nein, die Inhalte haben sich anfangs viel weniger verändert, als ich gedacht hatte. Erst jetzt entstehen die ersten genuinen Werke der Digitaltechnik. Andere Strukturen, andere Motive. Von einer Generation, die mit dem Gameboy aufgewachsen ist. Was früher die Magie des Labors war, ist heute die Magie des Bildschirms.
IH: Als die Digitalfotografie aufkam, prognostizierten Sie das Ende der analogen Fotografie binnen zehn Jahren.
FCG: Im Grunde hatte ich damit recht. Versuchen Sie heute einmal, ein Ersatzteil für eine analoge Kamera zu bekommen. Gleichzeitig erleben wir, dass junge Künstler historische Verfahren wie den Platindruck wiederentdecken. Deshalb bin ich optimistisch: Die analoge Fotografie wird als Nische weiterleben.
„F.C. Gundlach. You'll Never Watch Alone“
Zu sehen bis zum 16. August 2026 im Bucerius Kunst Forum, Alter Wall 12, 20457 Hamburg.
Öffnungszeiten: täglich 11:00 – 19:00 Uhr, donnerstags 11:00 – 21:00 Uhr
Weitere Informationen (Bucerius Kunst Forum)
Eine Ausstellung des Bucerius Kunst Forums und der Stiftung F.C. Gundlach, Hamburg. Die Ausstellung ist Teil der 9. Triennale der Photographie Hamburg, die vom 5. Juni bis zum 22. September 2026 unter dem Titel „Alliance, Infinity, Love – in the Face of the Other“ in den Deichtorhallen und in weiteren acht Häusern der Stadt präsentiert wird.
Weitere Informationen (Triennale)
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