Das Stadtmuseum in Kaufbeuren widmet sich in einer Ausstellung noch bis Mitte April 2026 den Anfängen der Fotografie mit „Allgäuer Fotopioniere. Auguste Städele und die Heimhuber-Brüder“.
Die in Kooperation mit dem Haus der Bayerischen Geschichte, dem Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst und der Stadt Kaufbeuren entstandene Präsentation vereint Vintage-Abzüge und mittelformatige, vergrößerte, naturholzgerahmte Drucke aus der Zeit um die Jahrhundertwende 1900.
Auch wenn sich Experten noch immer über das genaue Datum der Erfindung der modernen Fotografie streiten, feiern wir den 200. Geburtstag der Fotografie. Joseph Nicéphore Niépce (1765–1833) entwickelte die Heliografie, die weltweit erste fotografische Technik. Von ihm stammt die erste bis heute erhaltene Fotografie, der Blick aus dem Arbeitszimmer von Le Gras.
Damit beginnt auch die Ausstellung in den abgedunkelten Räumen: „Die Geschichte der Fotografie“.

Ausstellungsansicht. Foto: Claus Friede
In mehreren Themenschwerpunkten analysieren, erläutern und dokumentieren Fotografien, Texte, Abbildungen und Objekte die Anfänge des damals neuen Mediums, das eine ganz andere Sicht auf die Welt ermöglicht. Es ist die Welt im Kleinen: die Heimat, die Landschaft, die Bewohner, die Nachbarn, die Vereine und die verbindenden Ereignisse. Es ist aber auch die Welt im Großen mit ihren Erfindungen neuer Maschinen, von Fluggeräten bis hin zu Automobilen und Grammophonen.
In der Ausstellung wird von den „Fotografen der ersten Stunde“ in Kaufbeuren berichtet: „Das neue Medium der Fotografie kommt bereits Mitte des 19. Jahrhunderts in die Stadt mit Wanderfotografen, die im Kaufbeurer Wochenblatt ihre Dienste anbieten. Schon 1846 wirbt Joseph Herzog für die Anfertigung von Lichtbildern oder Daguerotypen" mit und ohne Farben.
1851 empfiehlt sich der Fotograf W. Hottmann im Gasthaus zur Wies für „Lichtbilder-Portrait, eine halbe Minute Sitzung".
Schon bald gibt es aber auch ortsansässige Fotografen, die neben der Fotografie oft weitere Berufe ausüben. So arbeitet beispielsweise Willibald Filser ab 1855 als Maler, Vergolder, Kunsthändler und Fotograf.
Anfang der 1870er Jahre ist Camill Baumgärtner als Zahnarzt, Zahntechniker und Fotograf in Kaufbeuren tätig. 1873 heiratet er die Frau des Fotografen Ferdinand Dopfer und übernimmt dessen Atelier. Ein Jahr später verpachtet er es an Johann Nepomuk Kreutzer, der als „Königlich Bayerischer Hofphotograph" zu den Hoflieferanten gehört. […]“
Vom bis heute bekanntesten Fotografen, Carl Goldmann (1882–1976), der seit 1904 in Kaufbeuren tätig war und über 70 Jahre lang lichtbildnerisch arbeitete, werden in der Ausstellung auffallend bemerkenswerte und motivisch vielseitige Fotografien gezeigt. Dazu später mehr.
Es scheint, als ob die Fotografie in der Lage sei, die Realität abzubilden. Heute wissen wir längst, dass auch dieses Medium von Beginn an manipulativ war: Man inszenierte, adaptierte, posierte, setzte die Dinge – auch im metaphorischen Sinne – in ein besonderes Licht und kreierte eine Wirklichkeit, die von Wirkung und individueller Wahrnehmung abhängig ist. Fotografie war oftmals eben noch nicht im Alltäglichen und Selbstverständlichen angekommen. Der Akt des Fotografierens dauerte lange durch den Aufbau großer Kameras, das Hantieren mit Glasplatten und die Belichtungszeiten. Die Bewegung musste eingefroren werden, weil es sonst Unschärfen und Verschwommenheit gegeben hätte.
Die Bauernfamilie, die vor ihrem Gehöft in Sonntagskleidung nebeneinander aufgereiht steht, zeigt nicht den Alltag, sondern ein Selbstverständnis. Knecht und Hausmagd bilden die jeweiligen Ränder der 5-köpfigen Familie; das Vieh läuft umher und sorgt für Bewegungsunschärfe.

Familie vor dem Bauernhaus Vögel, 1903. Foto: Auguste Städele (Ausstellungsfoto: Claus Friede)
Auguste Städele (1879–1966) hat dieses Foto aufgenommen. Es ist eines aus einem Konvolut von etwa 530, das von ihr stammt. Sie kommt selbst aus einer Bauernfamilie aus dem Oberallgäu, erhielt vom örtlichen Kaplan eine Kamera geschenkt und wurde von ihm auch in die Kunst des Fotografierens einweiht. Gut 24 Jahre lang fotografierte sie, bevor sie ihre Fotoleidenschaft aufgab und als Bäuerin weiterarbeitete.
Man kann die Pionierin durchaus als Chronistin titulieren, da sie über einen längeren Zeitraum ihre Kinder, ihr Umfeld, ihre Arbeit, ihre Festivitäten und ihre Anschaffungen (Fahrrad, Grammophon etc.) sowie das heimatliche Brauchtum ablichtete.
Dass es sich um Inszenierungen handelt, ist gar nicht so kritisch gemeint, wie es klingen mag, denn neben den technischen Gegebenheiten waren gesellschaftliche, regionale und kirchliche Konventionen in jener Zeit stärker verwurzelt als heute. Insofern war auch die Fotografie in diese eingebettet.
Auch die Heimhuber-Brüder, Fritz und Eugen, aus Sonthofen, zählen zu den Pionieren. Schon der Vater, Joseph Heimhuber (1853–1923), hatte die Fotografie zum Beruf gemacht; er war ab 1899 „Königlich Bayerischer Hofphotograph“ und arbeitete bereits 1877 in seinem Tageslichtatelier.
Die Fotografen, die diesen Titel führten, hatten feste oder mobile Ateliers und waren bis 1918 offiziell ernannt. Sie belieferten oder fotografierten das bayerische Königshaus und durften das königliche Wappen führen. Dieser Titel zeichnete höchste Qualität und Exklusivität aus.
Deren Kunden sind wohlhabende Schichten, die sich die teure Ablichtung leisten können. „Für ein einziges Foto muss ein Handwerker um diese Zeit noch drei bis sechs Tage arbeiten“, heißt es auf einer Texttafel.
Das Heimhuber-Archiv umfasst mittlerweile an die 300 000 Aufnahmen aus der Zeit zwischen 1872 und 1950. Eine Auswahl wurde bereits in verschiedenen Ausstellungen gezeigt.
Fritz (1877–1963) und Eugen Heimhuber (1879–1966) fokussieren die Landschaft unabhängig von der Jahreszeit. Sie fotografieren nicht nur die Bergwelt, die Arbeit auf den Höfen und an den steilen Hängen, sondern auch den aufkommenden Tourismus, den Wintersport – ob Ski, Rodeln oder Eishockey – sowie Wintersportmessen und -ausstellungen.
Ihr Postkartenverlag mit den schönen Motiven brachte zusätzliche Einnahmen ein. Heute ist ein selbstverlegter Bildband – im Museumsshop erhältlich –: „Pioniere im Allgäu – Die ersten 30 Jahre Wintersportfotografie“.
Nach dem Ersten Weltkrieg werden Fotografien des Fortschritts aufgenommen. Eine Flugschau, der neue Postmotorwagen, die Veränderung der Orte, das Auftürmen der Reste von Doppeldeckerflugzeugen und das neueste Skigerät. Ein Foto zeigt das Turbinenhaus des Elektrizitätswerkes in Leinau. Carl Goldmann hat es um 1924 fotografisch dokumentiert. Kaufbeuren wurde in den Jahren 1918 bis 1922 elektrifiziert, das heißt, Kabelverlegung und Stromzufuhr, zunächst an Unternehmen wie der Spinnerei, den Kunstanstalten und der Rosenbrauerei. Erst 1924 ging das E-Werk ans Netz.

Turbinenhaus,1924. Foto: Carl Goldmann, (Ausstellungsfoto: Claus Friede)
Die oft dicht aneinandergehängten Rahmen und Werke zeigen die Aufbruchstimmung vor über 100 Jahren, das Alte ist noch da und soll auch festgehalten werden, doch die Sehnsucht nach dem Neuen, nach Fortschritt, später nach Rückkehr zur Normalität nach dem Ersten Weltkrieg sind spürbar.
Es spannt sich ein zeitlicher Bogen der Porträtfotografien des späten 19. Jahrhunderts bis in die späten 20er-Jahre des 20. Jahrhunderts: Porträtaufnahmen, die um die Jahrhundertwende in Mode kamen, sind zwar Ausdruck der Individualisierung, aber vor allem sind sie konventionell und weltweit verbreitet. Von heute aus betrachtet sind die oft kleinen, hochformatigen Aufnahmen der Porträtierten dennoch anonym und austauschbar, trotz der Rückschlüsse, die Kleidung und Schmuck zulassen. Sie funktionieren – mit wenigen Ausnahmen – eigentlich nur im familiären Zusammenhang, in Kenntnis dessen, wer die jeweilige Person war.
Die Ausnahme ist auch in der Stadtmuseums-Ausstellung zu sehen: Sie zeigt zwei gepflegte Personen, die im Atelier von Wilhelm Meiler in Kaufbeuren fotografiert wurden. Es sind Allgäuer Bürger der Stadt, Theodor Immler, Redakteur bei der Kaufbeurer Volkszeitung – und seine Gattin Maria, aber nicht in regionaler oder europäischer Kleidung, sondern in fernöstlicher – sie, in die Kamera blickend, in einem chinesischen, leicht glänzenden Gewand mit geöffnetem Sonnenschirm über ihrer rechten Schulter, in der anderen Hand ein Buch, und der typischen Haarfrisur einer urbanen Chinesin der 1920er Jahre. Er mit einer chinesischen Kopfbedeckung mit Pfauenfedern des späten 18. Jahrhunderts, einem zusammengefalteten Schirm in den Händen und einem prächtig-verzierten Seidenmantel. Auf der Nasenwurzel sitzt ein modischer Zwicker; sein Blick geht links an seiner Begleiterin vorbei in die Tiefe des Raums.
Sich so fotografieren zu lassen, machte man einerseits, weil man sich gerne für die rauschenden Faschingsbälle des Vereins der „Kunstreiter“ verkleidete und exotisch wirken wollte, andererseits, weil es ein Ausdruck von Interessen, Weltgewandtheit, Kultur und Bildung war.
Auch die Gruppenporträts von Schülerinnen und Schülern, Müttern mit Töchtern, Pilgerteilnehmern, Tanzvergnügen, Ausflugsgesellschaften oder dem örtlichen Stammtisch von Jugendlichen unterliegen den zuvor erwähnten Konventionen des Fotografierens und der ortsunabhängigen Austauschbarkeit. Der Stammtisch der männlichen Teenager mit Bierkrug, Karten und Zigarillos als Utensilien ist draußen und auf dem Hof von Auguste Städele fotografiert worden.
Bei den Gruppen gibt es ebenso einzelne Fotos, die weit mehr sind als nur Konvention und diese sogar zerbrechen können. Beispielsweise eine Bühnenszene, die ein Historienspiel in Tannheim (Tirol) darstellt. Am 17. September 1896 von Heimhuber Senior aufgenommen, widmet es sich mit aller Dramatik einem Moment, an dem 1809 die napoleonischen und bayerischen Truppen auf Andreas Hofer (1767–1810) und die aufständischen Tiroler am Berg Isel treffen. Insurgent Hofer ist auf der gemalten Rückleinwand wegweisend zu sehen.
Die Gesichter der Männer sind entschlossen; der Widerstand wird glaubhaft dargestellt. Der Illusionsraum schafft eine eigene Wirklichkeit. Wie Jeanne d’Arc steht nämlich eine Frau mit einem Fass und einem Trinkbecher bereit, inmitten der kämpfenden Männer und Jungen in Tracht, um sie zu unterstützen. Ihre Bühnenpose ist aufrecht, ihr Gesichtsausdruck kennt nur Verachtung gegenüber dem uniformierten Feind.

Volksschauspiel in Tannheim (Tirol). Schlacht am Berg „Isel“. 1896, Foto: Heimhuber
Carl Goldmann, Leiter des Fotoateliers Meiler, hat die Familie des bereits erwähnten Theodor Immler auf einem Holzkahn am idyllischen Ufer eines Sees fotografiert. Das Foto ist auf 1915/1920 datiert. Vor allem in England, Frankreich und Nordeuropa war dieses Kahn-Motiv als Fotoporträt von Familien, Verliebten oder Freundinnen beliebt.
Es wirkt auf den ersten Blick sehr spontan und natürlich; der Fotograf hat die Personen jedoch wohlüberlegt platziert. An den Rudern sitzt das Familienoberhaupt Theodor Immler, ihm gegenüber seine Frau Marla mit ihrem Sohn Armin sowie eine weitere Frau, vielleicht seine Schwester. Tochter Gerlinde sitzt am Bug des Bootes mit einem Jungen, der ein Ruder hält; ein weiterer Junge sitzt am Heck. Es ist gestaltet wie ein Gemälde jener Zeit, als ob die Malereien von Antonio Rotta, Anders Zorn oder Franz Marc auch für die Fotografie Vorbild gewesen wären.
Goldmann fotografierte auch ein spektakuläres Programm beim ersten Kaufbeurer Flugtag am 3. Juni 1928. Neben Formations- und Kunstflügen mit Doppeldeckern der Fliegerschule Oberschleißheim hatte die Freiballonspringerin Martha Dröbeljahr aus Leipzig ihren Auftritt vor rund 8.000 staunenden Gästen. Das kleine außerordentliche Foto zeigt Dröbeljahr am Ballon hängend, der beim Aufsteigen mit Seilen dirigiert wird. Das Foto stammt aus dem Stadtarchiv Kaufbeuren.
Die Fallschirmspringerin ließ sich deutschlandweit in den 1920er-Jahren auf Flugschauen von Ballonen oder vom Flugzeug aus bis zu 500 Metern Höhe fallen und öffnete dabei ihren neuen, 1925 von Otto Heinecke entwickelten Rucksack-Fallschirm.
Zwar war die Ausstellung unter ähnlichen Titeln im Kern bereits 2021/2022 in Regensburg und 2023/2024 im Deutschen Hutmuseum in Lindenberg/Allgäu zu sehen, jedoch ist die weitere kleine Ergänzung um die Fotopioniere aus der Kaufbeurer Region von Wert. Es sind historische Zeugnisse, die zwar das Heimatliche dokumentieren und kommentieren, aber über das Regionale hinausweisen. Es zeigt außerdem, dass auch in den ländlichen Gebieten Erfindungen, Fortschritt und Modernisierung Einzug hielten und es Menschen gab, deren Neugier und Interessen dafür sorgten, dass wir heute fotogeschichtliche Archäologie betreiben können.
Allgäuer Fotopioniere. Auguste Städele und die Heimhuber-Brüder
… und eine kleine Kaufbeurer Fotogeschichte
Zu sehen noch bis zum 12. April 2026 im Stadtmuseum Kaufbeuren, Kaisergäßchen 12–14, 87600 Kaufbeuren.
Öffnungszeiten: Mi.–So.: 10–17 Uhr
Samstags freier Eintritt
Gefördert von der Kurt und Felicitas Viermetz Stiftung
- Weitere Informationen (Museum)
- Weitere Informationen (Heimhuber)
„Pioniere im Allgäu - Die ersten 30 Jahre Wintersportfotografie“
Verlag: Heimhuber (Selbstverlag)
143 Seiten
ISBN: 978-3-00-076142-3
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