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Theo Zasche: Karikatur Gustav Mahler (Detail), 1906. Gemeinfrei

Der erste, kräftig und entschieden zu spielende Satz der 3., also der zwischen 1892 und 1896 komponierten d-Moll-Sinfonie Gustav Mahlers (1860–1911) für großes Orchester, Altsolo, Frauen- und Knabenchor, mag Robert Musil (1880–1942) den Gedanken eingegeben haben, seinen seit den 20er Jahren in Angriff genommenen „Fragment-Roman“ Der Mann ohne Eigenschaften zu komponieren, um damit letztlich zu … scheitern.

Nicht zuletzt auch deswegen zu scheitern, weil – ich werde es gleich vor dem Hintergrund der Haupt- und Staatsaktion, also der berüchtigten Parallelaktion, zu verifizieren versuchen – ein alles überwältigender militärisch-gewalttätiger Bombast sich zwangsläufig selbst ad absurdum führt, bzw. unwillkürlich der lächerlichsten, grotesk aufgeblasenen Lächerlichkeit überführt.

 

Und/oder sich in eine trostlos-einsame Trauer verliert. Wenn man will, ein Roman des alles überwältigenden Umsonst, der abstrakt-negativen, alle infrage kommenden Alternativen desavouierenden Selbstvernichtung.

 

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Der erste, bezeichnenderweise zuletzt komponierte Satz – eine Art verzweifelter Abgesang – mit dem enormen Ausmaß von annähernd 40 Minuten gibt mit seinem marschartigen Hauptthema die Richtung vor. Oder auch wiederum nicht. Weil es Mahler, wie auch sonst in seinem kompositorischen Schaffen, sich angelegen sein ließ, das lärmend Penetrante des Marschrhythmus seiner hohl-aufgeblasenen Nichtigkeit zu überführen. Und zu diesem Zweck hat er musikalische Mittel ersonnen, die auch Musil, ins Schriftstellerische gewendet, zur Anwendung gebracht hat, insofern es ihm darum gegangen ist, gewaltträchtig exaltierten Größenwahn, wenn nicht verhöhnend zu konterkarieren, so doch in seiner nichtssagenden Belanglosigkeit sich selbst ins Nichts der bedeutungsfreien Eigenschaftslosigkeit auflösen zu lassen. Wobei allerdings schon jetzt betont werden soll, dass Mahlers kompositorische Verarbeitung des gewaltträchtig-Marschmäßigen immer wieder – und wie auch nicht – ins unsäglich Traurige oder – was für ein unglaublich abgefeimter, grotesker Kontrast – ins tänzelnd Liebliche und Beschwingte umschlägt.

 

Das Hauptthema des Adagios entwickelt sich aus einem Marschthema, das von Anfang an den Grundton der Trauer, um den, um nur die Bedeutendsten zu nennen, bereits Beethoven und Brahms gewusst haben, in sich trägt. Allerdings geht es in diesem Fall nicht um einen bedächtig-gebeugt sich vortastenden Marsch der Trauer, sondern um einen durch und durch gewaltträchtigen Marsch, dem die Trauer als das ganz und gar Wesensfremde und folglich lediglich geheuchelte in entlarvender, konterkarierender Absicht fratzenhaft-gekünstelt hinzugefügt ist. Das von den acht Hörnern unisono und ausdauernd vorgetragene Thema scheint entwicklungslos in sich selbst zu ruhen.  Ganz so, als ob mit dem Tod bereits das Ende erreicht wäre.  Nur äußerst langsam, fast mühsam und tastend setzt dieser impulslose, im vorweggenommenen Finale ruhende Impuls eine musikalische Entwicklung in Gang.

 

Doch dann bekennt sich der Marsch zu seinem Eigentlichen, indem die Bläser und ein wild-wüst herausfahrendes Aufwärtsmotiv der Streicher in den Kern der vernichtend-gewaltschwangeren Atmosphäre der 163 Takte andauernden Einleitung dieses Marschsatzes vor- und durchstoßen. Die, wenn man so will, (selbst-) zerstörerische Kraftentfaltung manifestiert sich unentwegt als innere Zerrissenheit, so dass in der Summe ein chaotisch-dissonantes, in Scherben liegendes Klangbild entsteht.  Das dadurch und deswegen so besonders grotesk wirkt, weil Mahler diese Art wahnwitzig auftrumpfender Musik auf ihren banalen Kern zurückgeführt hat: auf die Lächerlichkeit einer feierlich-stocksteifen, mit Schlagwerk durchsetzten und immer wieder auch, man denke(!), gesanglich-melodisch-schwülstigen Militärkapellensentimentalität.

 

Sinfonie 3 1906 gemeinfrei

3. Sinfonie, Originalausgabe 1906. Gemeinfrei

 

Der Marsch erscheint schließlich – und damit findet er zu sich selbst, also seinem gewaltschwangeren Kern – im Forte-Vortrag des Orchesters als ein monoton einhämmerndes Militärlied, das, der Klamauk bekennt Farbe, nichts weiter als ein Jahrmarkstbudengetöse ist. Mahler wird schon gewusst haben, weswegen er an dieser Stelle sich unentwegt steigernder eindeutiger Selbstentlarvung, bei der die Streicher in eine jagende 16tel-Bewegung ausbrechen und die Bläser quasi zum „Sturmangriff“ blasen, „mit furchtbarer (!) Gewalt (!!)“ vermerkt hat.

 

Doch jetzt kommt’s! Beziehungsweise spätestens an dieser Stelle gewinnt der Musil-Bezug Gewicht und Plausibilität. Denn die doch Gewaltiges und vor allem Gewalttätiges implizierenden Marschlieder sind fortan nichts weiter als zerfetzte, in Selbstauflösung begriffene Fragmente. Die Marschordnung in Reih und Glied bricht völlig zusammen, die Gewalt und Kraftentfaltung verschwinden dort hinein, wo sie sich schon immer befindet: in der Todes-Leere und Nichtigkeit eines totalen Zusammenbruchs – signalisiert durch den Schlag der kleinen Trommel – lähmender Unbeweglichkeit und verstörender Eigenschaftslosigkeit.

 

Doch Mahler dreht im Anschluss noch einmal an der Schraube des Absurden, wenn er in der Reprise den Marsch seines entscheidenden, nämlich martialisch-zerstörerischen Charakters beraubt und ihm – dem ersten Wahnwitz – eine heiter-unverbindliche Gesangsform verleiht. In diesen lieblich-weichen (!) Gesang bricht (die Überhöhung des Wahnwitzes) – ein paradoxer, musikalisch-aufdringlicher Protest gegen diese alles konterkarierende Verharmlosung in Form einer Potenzierung exakt dieses warmen Gesangs – ein Tutti-Des-Dur-Akkord – die, cum grano salis, Tonart romantischen Komponierens schlechthin – und bringt so die der Absurdität überführte tänzelnde Bewegung mit ihren eigenen Mitteln abrupt zum Stehen.

 

In den letzten Takten findet der Marsch wieder zu einem Eigentlichen zurück, nämlich zu einem beispiellos-wüsten Jubel und Triumphgeschrei, das sich im quasi strukturlosen Taumel der Begeisterung zu seinem erbarmungslosen Vernichtungswillen bekennt. Sodass, von Mahler ausdrücklich vermerkt, an dieser Stelle des hohlen Nichts eine „größere Pause“, also das Eigenschaftslose, endgültig innehalten lässt. Weil der – ich wechsle partiell die Ebene – hochgezüchtete Bombast einer musikalischen Parallelaktion nichts weiter als ein sich an sich selbst verschluckendes, ungewollt lächerliches Verenden in einem substanzlosen „Unterhaltungsdelirium“ ist.


Mahlers 3. Sinfonie und Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“

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Mahler - Sinfonie Nr. 3 | Cristian Măcelaru | WDR Sinfonieorchester | WDR Rundfunkchor (1:42:27 Min.)

 

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