Bildende Kunst
Blick in die Ausstellung „Niki de Saint Phalle. Dream Machine“, Foto: Andreas Endermann

Das Werk von Niki de Saint Phalle (1930–2002) kreist um den Traum als radikalen Akt gesellschaftlicher Veränderung. In der groß angelegten Ausstellung „Dream Machine“ beleuchtet der Kunstpalast in Düsseldorf über vier Jahrzehnte hinweg seinen Kampf gegen Strukturen, die Frauen das Recht auf Selbstbestimmung – insbesondere über den eigenen Körper – verwehren

 

Aktion, Skulptur, Bühne und Film sowie Modelle begehbarer Architekturen machen Niki de Saint Phalles autobiografisches Worldbuilding, ihren Entwurf einer weiblich geprägten Welt und ihre gemeinschaftliche Arbeitsweise sichtbar.

 

Aus der gesellschaftlichen Sprengkraft ihrer Kunst und ihrer gleichzeitigen Sehnsucht nach Harmonie ist ein ambivalentes Werk entstanden, das die französisch-amerikanische Künstlerin schon zu Lebzeiten international erfolgreich machte und bis heute an Aktualität gewinnt. 

 

Träumen als kollektive Handlung

Die frühen 1960er-Jahre boten wenig Raum für Unabhängigkeit. Umso entschlossener formte Niki de Saint Phalle inmitten einer männlich dominierten Kunstszene eine Welt, die aus ihrem Inneren erwuchs: In Träumen, magischen Wesen und raumgreifenden Nana-Figuren verhandelt die Künstlerin sehr reale Vorstellungen gesellschaftlicher Veränderung. Vehement und radikal, frei und kompromisslos ebnet sie neuen Rollenbildern den Weg und findet in ihnen ein Korrektiv zu den patriarchalen Strukturen ihrer Zeit.

 

Mit mehr als 100 Werken präsentiert der Kunstpalast in zwölf thematischen Räumen die ganze Bandbreite von Niki de Saint Phalles Schaffen, das Malerei, Assemblage, Performance, Skulptur, Architektur, Film, Grafik, Design und Kunst im öffentlichen Raum umfasst. Die Ausstellung betrachtet ihr Werk auch im Verhältnis zu ihrem künstlerischen Umfeld: Zum einen präsentiert sie Kollaborationen, unter anderem mit Robert Rauschenberg, Jasper Johns, Jean Tinguely und dem Theaterregisseur Rainer von Diez. Zum anderen treten ihre Werke im Rundgang in Dialog mit zahlreichen Arbeiten ihrer Zeitgenossinnen und verorten ihr Schaffen im Kontext zentraler Positionen der feministischen Kunstgeschichte.

 

Per Olof Ultvedt Robert Rauschenberg Martial Raysse Daniel Spoerri Jean Tinguely Niki de Saint Phalle 1962 Foto c Christer Stroemholm

Per Olof Ultvedt, Robert Rauschenberg, Martial Raysse, Daniel Spoerri, Jean Tinguely, Niki de Saint Phalle, 1962, Foto: Christer Strömholm


Neben Werken von Niki de Saint Phalle sind ausgesuchte Arbeiten von Eva Aeppli, Evelyne Axell, Dorothy Iannone, Jasper Johns, Luise Kimme, Yves Klein, Yayoi Kusama, Maria Pinińska-Bereś, Robert Rauschenberg, Martial Raysse, Ulrike

Rosenbach, Daniel Spoerri, Alina Szapocznikow, Jean Tinguely, Per Olof Ultvedt und Jacques Villeglé ausgestellt.

 

Aufbruch in eine eigene Bildsprache

Niki de Saint Phalle wurde am 29. Oktober 1930 in dem Pariser Vorort Neuilly-sur-Seine als Catherine Marie-Agnès Fal de Saint Phalle geboren und wuchs zwischen Frankreich und den USA auf. Nach einer kurzen Laufbahn als Model und

Schauspielerin entdeckte sie Anfang der 1950er-Jahre die Malerei für sich. 1960 beendete sie ihre erste Ehe und widmete sich fortan der Kunst.

 

Mit dem Beginn der 1960er-Jahre in Paris entstandenen Schießbildern (Tirs) entwickelte Saint Phalle eine neue künstlerische Ausdrucksform. Für die Schießaktionen lud sie Künstler und Freunde ein, auf weiße Gipsreliefs zu schießen, die mit Farbbeuteln versehen waren. Durch die Einschüsse ergoss sich die Farbe unkontrolliert über die Oberfläche und verwandelte die Entstehung des Bildes in ein performatives Ereignis. Die Radikalität dieser Arbeiten veranlasste den französischen Kunstkritiker Pierre Restany, Saint Phalle als einzige Frau in den Kreis der Nouveaux Réalistes aufzunehmen, zu dem unter anderem auch Yves Klein, Daniel Spoerri und Jean Tinguely, ihr langjähriger Partner, gehörten.

  

Niki de Saint Phalle schoss nicht nur auf Bilder. Sie zielte auch auf Männer, auf die Gesellschaft, ihre Familie und sich selbst – „gegen alle“, wie sie 1961 formulierte. Aus diesem radikalen Neuanfang entwickelte sich ihre unverwechselbare Bildsprache: monumentale, architektonisch konzipierte Frauenkörper, die sich einladend entfalten und die Welt buchstäblich auf den Kopf stellen. 

 

Nana Power: Ein neuer Typus von Weiblichkeit

Mitte der 1960er-Jahre löste sich Niki de Saint Phalle zunehmend von ihren Assemblagen aus Alltagsobjekten und Readymades im Kontext der Nouveaux Réalistes. Mit den Nanas, ihren ikonischen, farbenfrohen Frauenfiguren, setzt sie das Thema Weiblichkeit in der Kunst selbstbewusst in Szene. Als Gegenentwürfe zu traditionellen Darstellungen des weiblichen Körpers verweigern die Nanas die Rolle des sexualisierten Objekts. In Form von Skulpturen, Brunnen und Nana-Häusern nehmen sie mit ihren auffälligen Farben und Dimensionen Raum ein und verkörpern Energie, Fruchtbarkeit, Lust und Freiheit. Als Tänzer und Spielende bewegen sie sich frei im Raum; als Schwangere oder Gebärende schenken sie neues Leben.

      

Von Beginn an arbeitete Niki de Saint Phalle nicht nur gemeinschaftlich, sondern bezog auch ihr Umfeld und das Publikum aktiv in ihre Kunst ein. Einige der zum Teil begehbaren Nanas aus bemaltem Polyester stattete sie mit eigenen Interieurs und Möbeln aus und schuf so Rückzugsorte, die zum Verweilen und Träumen einladen. Dabei ließ sie sich insbesondere von den mittelalterlichen Kirchen inspirieren, die sie auf ihren Reisen durch Europa besucht hatte. Die Idee des gemeinschaftlich geschaffenen Gesamtkunstwerks prägte ihre Arbeit nachhaltig: „My Art School was the Cathedral. I had a collective dream inside of me.“

 

1966 realisierte sie gemeinsam mit Jean Tinguely und Per Olof Ultvedt die monumentale Installation „HON – en katedral (SIE – eine Kathedrale)“ im Moderna Museet in Stockholm. Die rund 25 Meter lange begehbare schwangere Nana machte Niki de Saint Phalle international bekannt.

 

Auch ihre erste Einzelausstellung in Deutschland, im Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen in Düsseldorf 1968, konzentrierte sich auf ihre Skulpturen. Zahlreiche Werke, darunter eine Version des Nana-Hauses, können nun in der Ausstellung wiederentdeckt werden. Öffentliche Kontroversen, etwa um die 1974 in Hannover aufgestellten Nana-Skulpturen, zeigten zugleich, wie sehr Saint Phalles Arbeiten gängige Vorstellungen von Weiblichkeit herausforderten und die Position von Frauen und weiblicher Kunst im öffentlichen Raum zur Diskussion stellten. 

 

Das gesellschaftliche Engagement der Künstlerin reicht jedoch weit über feministische Fragestellungen hinaus. So setzte sie sich mit Ausgrenzung auseinander und zeigte bewusst starke und positive Rollenbilder, die gegen jede Form der Unterdrückung rebellierten, auch im Kontext der Black-Power-Bewegung. In den 1990er-Jahren engagierte sich Saint Phalle gegen die Stigmatisierung von AIDS und widmete sich in den 2000er-Jahren in einer Serie von Lithografien weiteren drängenden gesellschaftlichen Themen wie dem Recht auf Abtreibung, der Regulierung der Waffenindustrie und dem Klimawandel.    

   

Zwischen Verletzlichkeit und Widerstandskraft

Neben Fantasie, Humor und Lebensfreude verhandelt Saint Phalles Werk auch Erfahrungen mit Gewalt, Angst und Verletzlichkeit. Autobiografische Elemente, darunter die Erfahrung des Missbrauchs durch ihren Vater, fließen in zahlreiche ihrer Werke ein. Diese Themen finden in magischen oder bedrohlichen Tierwesen wie Vögeln, Schlangen, Spinnen oder Einhörnern Ausdruck. Als Gegenpol zu den lebensbejahenden Nanas entsteht die Werkgruppe der Devouring Mothers, der verschlingenden Mütter, in der Saint Phalle ihre konfliktreiche Beziehung zu ihrer Mutter in grotesk überzeichneten Figuren thematisiert.

 

ausstellungsansicht niki de saint phalle F andreas endermann

Blick in die Ausstellung „Niki de Saint Phalle. Dream Machine“, Foto: Andreas Endermann

 

Aus diesen Erfahrungen entwickelt Saint Phalle zugleich eine Kunst der Transformation. Ihre Arbeiten verbinden Wut und Heilung, Zerstörung und Neubeginn. Das wiederkehrende Vogelmotiv – mal beschützend, mal triumphierend – verweist häufig auf die Künstlerin selbst und wird zum Sinnbild für Befreiung und Selbstbestimmung.       

 

Bühne und Film

Für zahlreiche Theater- und Filmprojekte der 1960er- und 1970er-Jahre gestaltete Niki de Saint Phalle Bühnenbilder und Kostüme, schrieb Drehbücher und spielte selbst Rollen in ihren Filmen. Auch hier griff sie auf Traumsequenzen zurück und schuf für die Inszenierungen teilweise eigene Werke. Für ihr autobiografisches Theaterstück „ICH. Eine Schlacht“ (1968), das im Rahmen der documenta 4 in Kassel uraufgeführt wurde, entwickelte sie gemeinsam mit Rainer von Diez die Konzeption und die visuelle Gestaltung. Ein Mitschnitt ist im Filmraum der Ausstellung zu sehen. In weiteren Filmen wie „Daddy“ (1974) verarbeitet Niki de Saint Phalle autobiografische Erfahrungen und traumatische Erlebnisse. Ihr Märchen „Unrêve plus long que la nuit“ (Ein Traum, länger als die Nacht, 1976) greift bereits die Symbolik der Tarotkarten auf, die sie wenig später in ihrem monumentalen „Giardino dei Tarocchi“ (1978–1998) in skulpturale Architekturen übersetzt.   

 

Utopische Räume: Der Tarot-Garten

Ein besonderer Schwerpunkt im Œuvre Niki de Saint Phalles ist der Tarot-Garten in der Toskana. Ein eigener Ausstellungsraum widmet sich diesem über Jahrzehnte entstandenen Gesamtkunstwerk, in dem die Künstlerin ihre Sehnsucht nach Geborgenheit als begehbare Utopie erfahrbar macht. Die monumentalen Skulpturen sind von den 22 großen Arkana, den Hauptkarten des Tarots, inspiriert. Als eines der ersten Bauwerke entstand die Figur der Kaiserin, die zwischenzeitlich zum Lebens- und Arbeitsort der Künstlerin wurde.

 

Gemeinsam mit Jean Tinguely, einem Team aus Assistenten und lokalen Beteiligten schuf Saint Phalle einen Ort, an dem Skulptur, Architektur und farbenreiche Mosaike aus Spiegeln, Keramik und Glas mit der Landschaft zu einer fantasievollen Welt verschmelzen. Um die Finanzierung des Gartens zu sichern, entwickelte sie unter anderem ein eigenes Parfum und Editionen, die neben ihren Werken in der Ausstellung zu sehen sind. 1998 wurde der Tarot-Garten nach rund 20 Jahren Bauzeit offiziell für Besucher eröffnet.  

 

Niki de Saint Phalle starb am 21. Mai 2002 in La Jolla, Kalifornien. „Dream Machine“ zeigt Niki de Saint Phalle als Künstlerin, für die Träumen nie einen Rückzug aus der Wirklichkeit bedeutete, sondern eine schöpferische Kraft war, um gesellschaftliche Strukturen zu hinterfragen und neu zu denken. Ihre Auseinandersetzung mit Körper, Identität, Gemeinschaft und Freiheit verleiht ihrem Werk bis heute besondere Aktualität.


Niki de Saint Phalle: „Dream Machine“

Zu sehen bis zum 7. Februar 2027 im Kunstpalast, Ehrenhof 4–5, 40479 Düsseldorf.

Öffnungszeiten: Di.–So.: 11–18 Uhr; Langer Donnerstag: 11–21 Uhr; Mo.: geschlossen.

Weitere Informationen (Kunstpalast)

 

Danach wandert die Ausstellung vom 20. März bis zum 29. August 2027 ins Nationalmuseum in Wrocław und ab dem 24. September 2027 bis zum 5. März 2028 in die Heidi Horten Collection in Wien.

Die Ausstellung entstand in Kooperation mit dem Nationalmuseum in Wrocław, der Heidi Horten Collection in Wien sowie in enger Zusammenarbeit mit der Niki Charitable Art Foundation San Diego und dem Sprengel Museum Hannover.

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