In ihrem neuen Buch „Schule der Elefanten“ rekonstruiert die englische Journalistin und Publizistin Sophy Roberts eine vergessene Afrika-Expedition aus dem Jahre 1879.
Damals leitete der irische Abenteurer Frederick Falkner Carter im Auftrag des belgischen Königs Leopold II. eine Karawane, die vier indische Arbeitselefanten von Sansibar über Dar-es-Saalam quer durch Afrika zum Tanganjika-See und bis in den Kongo bringen sollte.
Auf Grundlage einer gründlichen historischen Recherche reist Roberts mit zwei Begleitern auf den Spuren Carters durch das heutige Tansania, befragt die Menschen nach ihren Erinnerungen und vermittelt anschaulich den schillernden Irrsinn dieser kolonialen Unternehmung.
Auf der Suche nach den Fußspuren des Kolonialismus
Sophy Roberts schreibt in Ich-Form und lässt ihre subjektiven Empfindungen einfließen. Sie benennt ihre Skrupel, wenn sie ihre Liebe zu Afrika thematisiert und zu den Elefanten, denen sie mit Ehrfurcht begegnet. Bereits 2015 auf einer früheren Reportagereise in den Kongo hatte sie in Gangala-na Bodio eine verfallene Trainingsstation für Elefanten aus der Zeit der belgischen Kolonialherrschaft entdeckt. Damals und noch bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts war die Gegend voller wilder Elefantenherden. Ihre Jungen wurden gejagt und zum Arbeitseinsatz auf dem Feld, beim Bau von Straßen und Eisenbahnen abgerichtet. Doch die zunehmende Wilderei nach 1960 hat die Elefantenpopulation auf wenige Herden reduziert, die scheu und verschreckt vor den Menschen fliehen. Sophy Roberts begann, in den Archiven zu recherchieren, zuerst in London, später in Brüssel: „Ich wollte hinterfragen, wie und warum wir dahin gekommen sind, Tiere so zu behandeln, wie wir es tun – und wie viel Grausamkeit man uns hat durchgehen lassen.“ (S. 36) In der Vielzahl der Berichte und Aufzeichnungen von Missionaren, Konsuln, politischen Beamten und Reisenden fand sie immer wieder Hinweise auf die Pläne und Intrigen des belgischen Königs Leopold II., sich der Gebiete rund um den Kongo-Fluss zu bemächtigen. Die Expedition von 1879, an der „schottische Schiffsbaumagnaten, Anti-Sklaverei-Aktivisten, deutsche Zoo-Wärter und amerikanische Geschäftsleute“ (S. 36) beteiligt waren, spielte dabei eine zentrale Rolle.

Buchumschlag und Sophy Roberts. Foto: © Michael Turek
Im 19. Jahrhundert ließen die Entwicklung der Dampfschifffahrt, die Eröffnung des Suez-Kanals 1869 und die Verlegung erster Unterseekabel Europa und Afrika näher zusammenrücken. Schon vor der Berliner Konferenz von 1884/85, auf der die europäischen Mächte Afrika in Einflusszonen aufteilten, tummelten sich auf dem afrikanischen Kontinent europäische Forscher, Missionare und Kaufleute. Sie gründeten Handelsniederlassungen und Missionsstationen, schlossen Verträge mit lokalen Herrschern und erforschten die Flussläufe von Nil, Niger und Kongo, um die weißen Flecken auf ihren Landkarten zu füllen.
In Ostafrika blühte seit Jahrhunderten der Elfenbein- und Sklavenhandel. Die Europäer gaben vor, letzteren bekämpfen zu wollen, doch er war von den Arabern dominiert, den wirtschaftlichen Konkurrenten und religiösen Feinden. Allerdings stellte sich das christlich-humane Bekenntnis in der Realität als fadenscheinig dar. Gier und Eitelkeit waren die vorherrschenden Triebfedern der europäischen Kolonisierung Afrikas. Sophy Roberts liefert dafür viele Belege, die sie insbesondere bei ihren Recherchen in den Brüsseler Archiven zutage gefördert hat. Von 1885 bis 1908 herrschte Leopold II. im Kongo über ein Gebiet, das achtzigmal so groß war wie Belgien. Der Kautschukexport stieg um 1000%, befördert von der königlichen Force Publique, einer Terrortruppe von Gendarmen, die den kongolesischen Bauern die Hände abhackten, wenn sie die Kautschuk-Quoten nicht erfüllten. Allein in Antwerpen landeten von 1889 bis 1908 die Stoßzähne von rund 94.000 Elefanten. 1914 war Belgien schließlich zur fünftgrößten Wirtschaftsmacht Europas aufgestiegen.
„Ich möchte mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen, uns ein Stück von diesem prächtigen afrikanischen Kuchen zu nehmen“, schrieb Leopold II. 1877 in einem Brief (S.58). Unter dem Vorwand, Wissenschaft und Christentum fördern zu wollen, initiierte und unterstützte er insgesamt vier Expeditionen in Richtung des Kongo. Zwei davon waren von der AIA (Association Internationale Africaine) organsiert. Zwei weitere initiierte der König, um sich persönlich Vorteile zu verschaffen. Eine davon war die Elefantenkarawane von Frederick Falkner Carter. Sie stand unter besonderer Beobachtung der europäischen Zeitungen: würde es gelingen, die vier indischen Arbeitselefanten mit ihren indischen Trainern, den Mahuts, ins Innere Afrikas zu bringen? Könnten sie dort bei der Jagd und Abrichtung afrikanischer Elefanten dienlich sein? Denn das Transportproblem hemmte die Erforschung und Ausbeutung des riesigen Kontinents. Massen von Trägern mussten dafür beschäftigt werden, eine schwer kalkulierbare Größe, denn die Menschen fielen Krankheiten und Erschöpfung zum Opfer oder flohen. Von Elefanten erhoffte man sich mehr Effizienz.

Karte des Kongovrijstaat, um 1880. Rechts: Alexander Bassano: König Leopold II von Belgien, 1889, Fotografie. Gemeinfrei
Parallel zu Carters Expedition, quasi im Windschatten ihrer medialen Aufmerksamkeit, schickte Leopold II. fast unbemerkt den walisisch-amerikanischen Forscher Henry Morton Stanley auf einer anderen Route in Richtung des Kongo-Flusses, wo er erfolgreich mit den lokalen Herrschern und Gemeinschaften Verträge aushandelte. Stanley und Carter wurden beide im selben Jahr 1841 geboren und in elenden Verhältnissen aufgewachsen. Beide hatten Europa als Schiffsjungen verlassen und sich hochgearbeitet, Stanley in Amerika, Carter in Mesopotamien, dem heutigen Irak, wo er mit seinen ausgezeichneten Arabischkenntnissen den Ruf eines „weißen Scheichs“ genoss. „Wie Stanley war Carter ein entschlossener Mann mit einem verletzten Ego“ (S. 64). Carter wusste von Stanleys Expedition und wetteiferte mit ihm um die Gunst des belgischen Königs. Er kämpfte gegen die Zeit und die Unwegsamkeit der afrikanischen Natur, doch um keinen Preis wollte er aufgeben. Mit verzweifeltem Ehrgeiz trieb er die Karawane durch Schlamm und Staub, Berge und Wald und versuchte, die vier indischen Elefanten unversehrt ins Ziel zu bringen, wobei er ihnen in Unkenntnis ihrer Natur zu viele Lasten auflud und sie überstrapazierte.
Sophy Roberts zitiert häufig aus Tagebucheinträgen und Korrespondenzen. So rückt sie die Befindlichkeiten, Freundschaften, Loyalitäten, Konkurrenzen und Animositäten der männlichen Akteure ins Blickfeld. Sie sind zu aufrichtigen Freundschaften fähig, z.B. der englische Missionar Ebenezer Southon zum mächtigen Nyamwezi-Häuptling Mirambo. Doch sie wirken in der Mehrzahl von einem Geltungsdrang getrieben, der vereinzelt an Besessenheit grenzt. Es sind individueller skrupelloser Ehrgeiz und persönliche Leidenschaften, die die Durchsetzung politischer und wirtschaftlicher Hegemonialinteressen tragen. Die frühkapitalistische industrielle Revolution in Europa wäre ohne die Rohstoffausbeutung der Kolonien nicht möglich gewesen.
Damit die Leser sich in den komplexen, detailreichen Erzählsträngen von Vergangenheit und Gegenwart zurechtfinden können, hat die Autorin ihrem Buch historische Karten, eine Liste der wichtigsten genannten ethnischen Gruppen und eine Liste der meisten im Buch genannten historischen Personen angefügt. Letztere sind fast nur Männer. Frauen blieben in der Geschichtsschreibung namenlos, ebenso wie die afrikanischen Herrscher, die sich gegenüber den Europäern lange mit diplomatischem Geschick behaupten konnten.
Sophy Roberts verwebt den Erzählfaden der historischen Elefantenexpedition mit ihren eigenen aktuellen Reiseeindrücken. Sie beschreibt zerstörte und unberührte Landschaften und gibt die Gespräche mit den Menschen, die sie trifft, wieder. Die meisten hat sie fotografiert. So zeichnet sie ein facettenreiches, stellenweise poetisches Bild, das die Trauer spüren lässt angesichts der großen Verluste, die die Kolonialherrschaft verursacht hat - ein spannendes, melancholisches und faszinierendes Buch.
Sophy Roberts: „Schule der Elefanten
Auf der Suche nach den Fußspuren des Kolonialismus
aus dem Englischen Brigitte Hitzensauer,
Paul Zsolney Verlag Wien 2026
zahlreiche Abbildungen, 444 Seiten
Weitere Informationen (Verlag)
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