Musik
Michael Schade (Idomeneo), Chor Foto: Isabel Machado Rios

Beglückender Saisonstart in Lübeck

Lübeck krönt seinen Saisonauftakt mit einer intensiv schönen Premiere von Idomeneo, die Mozart selbst als seine Lieblingsoper bezeichnet hat. Die Oper präsentierte sich im lebendigen, intelligenten Bühnengeschehen musikalisch meisterlich unter Leitung von Stefan Vladar.

 

Meisterliches Musizieren eines brillanten Orchesters

Im kraftvollen, unheimlichen Glanz des Orchesters eröffnen Mozart und Vladar den Abend. Schon hier, in der Ouvertüre, kontrastieren Ängste auf dynamisch engstem Raum. Schon hier werden die Konflikte zwischen Vater und Sohn und die Rivalität zwischen den beiden Frauen ausmusiziert. Dabei ist die Artikulationsfähigkeit der Lübecker Philharmoniker herausragend. Das alles hat Vladar in intensiver Probenarbeit herausgearbeitet: Organisch ausschwingende Bögen, musikalisch herausgeschleuderte Skalenblitze mit rhythmisch klar gestalteter Schwerkraft. Atmende Tempogestaltung des periodischen Aufbaus. Gedehnte oder geraffte Tempoübergänge. Vieles aber kommt auch vom Orchester selbst: rhythmisch präzise, dennoch locker hingeworfene Spielfiguren der Holzbläser, dynamisch feingestufter Blechbläserklang, strahlende Spitzentöne, federnde Synkopen, und vollendete vibrato- und non vibrato-Behandlung in den ersten Violinen, bewegte Basslinien. Und eine äußerst fantasievolle Gestaltung von Takahiro Nagasaki am Hammerflügel. Elegant. Einfühlsam.

 

Große Konflikte, seelische Zustände

Thematisch geht es in dieser Oper um zwei große Konflikte: Der Mensch und sein zwiespältiges Verhältnis zur Natur (Himmelmann: „Immer wieder versucht der Mensch, die Natur auszutricksen“), der Kampf zwischen den Generationen („Das Verhältnis von Idomeneo und Idamante ist Sinnbild für diesen Konflikt“). „Wann nur enden meine bitteren Leiden?“ singt die trojanische Prinzessin Ilia, als Kriegsgefangene von Idomeneo nach Kreta verschleppt, zu Beginn der Oper. Sie liebt und wird geliebt von Idamante, dem Sohn Idomeneos. Der wiederum soll und muss aufgrund Idomeneos Versprechen an den Meeresgott Neptun vom Vater getötet werden – ein tragischer Familienkonflikt nimmt seinen Lauf…

 

Dschungel als Bühnen- und Seelenbild

Wie hatte doch Philipp Himmelmann (Inszenierung) im Gespräch mit David Silberbach (Regieassistenz) bei der öffentlichen Einführung gesagt? Mozarts Idomeneo - immerhin ein dramma per musica - sei ein Stück „wo fast gar nichts passiert“. Stimmt das? Natürlich nicht! Immerhin geht es hier um große Konflikte, um seelische Zustände. Um Ausnahmesituationen also, die auf der Lübecker Bühne ausgetragen und sichtbar gemacht werden wollen und sollen. Himmelmanns Aussage ist also eine Untertreibung, die neugierig macht auf die Inszenierung… Kein einziges Requisit ist auf der Bühne zu sehen. Der Dschungel, der sich gleich zeigen wird, dient einzig und allein als Bühnenbild. Farne und wuchernde Bäume sind demnach also keine Requisiten. Zurück zum Anfang: Zu Beginn der Aufführung sehen wir ein kleines offenes Quadrat im schwarz-visualisierten Vorhang. Allmählich vergrößert sich dieses „Fenster“, aus dem Ilia (Andrea Stadel) in die Ferne blickt, vielleicht sucht sie ihre Heimat, vielleicht wartet sie auf Idamante, auf Idomeneo, auf Frieden, auf Freiheit. Das Fenster verwandelt sich. Wir sehen einen Dschungel. Und mittendrin ein Mensch. Es ist Idomeneo, der verzweifelt umherirrt. Verzweifelt, weil er verflucht ist, den ersten Mensch, der ihm begegnet, töten zu müssen. Die Tragik ist, es wird sein Sohn Idamante sein...

 

Schwarze Wand als Schatten

Mit Idomeneos Auftreten verfinstert sich der Dschungel. Ausdruck jener Schuld und Depression, die Idomeneo tragen und ertragen muss und in deren Dunkelheit er gefangen bleibt. Der Dschungel wird nach und nach abgetragen, löst sich allmählich auf. Eine weiße Leere entsteht. Aus dem Hintergrund, aus dem Untergrund taucht der Chor auf: Volk, Schiffbrüchige, Heimkehrer, Gefangene, allesamt ganz in Weiß gekleidet. Eine schwarze fahrbare Wand, die auch als Quadrat gesehen werden kann, wird sichtbar. Sie begleitet Idomeneo fortan wie ein Schatten. Überhaupt: Das schwarze Quadrat spielt eine große Rolle beim Bühnenbild. Einmal, da wird ein Quadrat zum Spiegelraum für den verzweifelt herumirrenden Idomeneo. Klug gestaltet, szenisch stimmig ist dieses (für uns Zuschauer augenscheinlich problemlos) wandelbare Bühnenbild, das mit der fortschreitenden Entwurzelung und Orientierungslosigkeit der Figuren ebenso korrespondiert wie die Kostüme.

 

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Rokoko gegen modernes Outfit

Die Form des Rokoko bleibt bei den Kostümen (Kostüme: Carola Volles) erhalten. Abstufungen gibt es bei den Solisten. In deren Kostümen wird der Konflikt zwischen den Generationen verdeutlicht: Rokoko-Kostüme konkurrieren mit modernem Outfit. Wert wurde zudem auf farbige Gestaltung der Kostüme gelegt. Jede Figur hat eine eigene Kostümfarbe: Idomeneo trägt Schwarz, Idamante Flieder, Ilia Blau und Elettra Apricot. Vor allem der Chor verliert im Verlauf der Oper immer mehr an Kleidung: Das hübsche Rokokokleid, den schicken Anzug, die Perücken. Letztlich stehen alle fast nackt da, nur noch bekleidet mit einem schmutzigen Hemd. Diese Art der Kostümierung steht für die wechselnden emotionalen und situativen Zustände. Gleiches gilt für die Musik: Innerhalb der Rezitative werden die Entwicklungen der Figuren gezeigt, in den Arien die Zustände.

 

Jugendlich-schlank-kraftvoller Chor

Jan-Michael Krüger hat Chor und Extrachor des Theaters Lübeck exzellent vorbereitet. Überwältigend: Die Darstellung des Schiffsbruchs mit seinen kontrastierenden Chören. Der Chor agiert lebendig-expressiv und ist gleichzeitig klangvoll, verängstigt, angriffslustig, zart und rhythmisch immer präzis. Der äußerst kunstvolle Chorsatz klingt durchsichtig, gleichzeitig aber auch intensiv dicht und klangschön. Ein starker musikalischer Anker des Abends.

 

Ein Weltstar als Gast

Das Lübecker Theater pflegt eine vorbildliche Ensemblekultur, die auch Weltstars wie Michael Schade geräuschlos einbindet. Stefan Vladar: „Wir hatten sechs Wochen einen Weltstar im Haus und haben es nicht gemerkt.“ So standen an diesem Abend Solisten mit wenigen Tönen völlig gleichwertig neben Solisten mit sehr vielen Tönen auf der Bühne. Die Stimme (Changjun Lee) aus dem Off wurde akustisch wirkungsvoll-geschickt eingesetzt. Ein erschauernder Raumklang, der bereits auf düstere Szenen im späteren Don Giovanni hinweist. Oberpriester (Jorge Luis Martinez Zazueta) und Arbace (Noah Schaul) singen in erzählerisch-schönem Ton, im Detail vorbildlich gestaltet. Elettra (Evmorfia Metaxaki) verkörpert Stolz, Eifer und Rachsucht, sowohl in körperlicher Bühnenpräsenz als auch in strahlender Klanggestalt: schlank, gegebenenfalls scharfkantig, immer energisch schön. Ilia (Andrea Stadel) eröffnet den Abend gleich nach der Ouvertüre in intimer Einsamkeit. Zunächst im Passfotoformat, sich stets vergrößernd, optisch und gesanglich, von äußerstem piano über bewegte Koloraturen bis hin zu expressiver Verzweiflung. Idamante (Frederike Schulten) mit flexibel warmem Timbre überzeugt als Sohn und Liebender und im Quartett als ideal-bindende Klangfarbe zwischen Tenor und den beiden Sopranistinnen. Dieses Quartett ist eines der ersten großen Opernensembles und weist auf die berühmten Ensembles im Figaro hin. Michael Schade (Idomeneo) hat diese Rolle nach Aussage von Vladar schon achtzig Mal gesungen. In wohl allen bedeutenden Opernhäusern der Welt von Glyndebourne bis zur Met. Von Routine ist dennoch nichts zu spüren. Aber von großer Erfahrung. Das zeigt sich in einer äußerst farbigen Gestaltung. Ebenso in einer lebhaften schauspielerischen Darstellung. Die fortissimo-Ausbrüche überzeugen ebenso wie die eindringlich intensiv hingehauchten pianissimo-Schlüsse. Selbst vom hinteren Teil der Bühne sind sie verständlich und berührend. Höhepunkte des glanzvollen Abends.

 

Idomeneo F Isabel Machado Rios

Evmorfia Metaxaki (Elettra), Chor. Foto: Isabel Machado Rios

 

Amadeus: von Gott geliebt

Mozart und Vladar. Zur gleichen Zeit lebend. Sie hätten sich gemocht. In dem ganzen Abend steckt bei aller inhaltlichen Düsternis, bei aller menschlichen Verstrickung erstaunlich viel Dur, viel Lebensfreude, großes Mitfühlen für die Nöte der menschlichen Kreatur. Aber auch ganz viel handwerkliches Können. Viel Wissen um Ausgewogenheit und Proportion, Dualismus und Synthese. Um ganz große Leidenschaft und heitere Ernsthaftigkeit. Wir empfehlen wärmstens einen Besuch. Kurzweilig, spannend, unterhaltsam! Dem Intendanten des SHMF (Schleswig-Holstein-Musikfestivals), Christian Kuhnt, brauchen wir diese Empfehlung nicht ans Herz zu legen: Er wurde an diesem Abend in einer der ersten Reihen gesichtet. 2027 ist Wien Städteschwerpunkt beim SHMF… Es war ein traumhafter Abend auf sehr hohem Niveau…


Idomeneo

Dramma per musica in drei Akten von Wolfgang Amadeus Mozart

Libretto von Giambattista Varesco

In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Zu erleben im Theater Lübeck, Großes Haus, Beckergrube 16, in 23552 Lübeck

Weitere Termine: 04/10 und 11/10, jeweils 18.00 Uhr, 24/10, 19.30 Uhr, 01/11, 18.00 Uhr, 27/11, 17/12, 08/01, jeweils 19.30 Uhr, 17/01, 16.00 Uhr, 19/02, 19.30 Uhr

 

Musikalische Leitung: Stefan Vladar | Inszenierung:  Philipp Himmelmann | Bühne: Paul Zoller | Kostüme: Carola Volles | Chor: Jan-Michael Krüger | Licht: Georg Marburg | Dramaturgie: Michael Sangkuhl

Besetzung:

Idomeneo: Michael Schade | Idamante: Frederike Schulten | Ilia: Andrea Stadel | Elettra: Evmorfia Metaxaki | Arbace: Noah Schaul | Oberpriester: Jorge Luis Martinez: Zazueta | Stimme Neptuns: Changjun Lee

Chor und Extrachor des Theater Lübeck; Statisterie des Theater Lübeck; Philharmonisches Orchester der Hansestadt Lübeck

Weitere Informationen (Theater Lübeck)

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