CDs KlassikKompass
Foto: Maximilian König

Das Konzert ist zu Ende, der Saal leer, das Publikum längst auf dem Heimweg. Dann ist er plötzlich da: dieser Augenblick, in dem sich der nächtliche Charakter einer fremden Stadt offenbart – mit all ihrer Stille, ihrer Energie, ihrer Eigenart.

 

Für den Leipziger Pianisten und Komponisten Clemens Christian Poetzsch ist genau dieser nächtliche Zwischenraum – nach der letzten Note und vor dem Schlafengehen – zur Inspirationsquelle für sein neues Album geworden.

 

Es ist das sechste Soloalbum von Poetzsch und versammelt elf Klavierminitaturen, die nach Orten benannt sind, an denen er in den vergangenen Jahren konzertiert hat: Porto, Amman, Beirut, Athen, Prag – und eine kleine autofreie Nordseeinsel, auf der nach Konzertschluss der Sternenhimmel beginnt und die Stille tatsächlich hörbar wird. „Die wenigen Momente, in denen man runterkommt und den Ort kennenlernt, beschränken sich auf die Zeit nach dem Konzert – und dann ist es Nacht", sagt Poetzsch. „Man irrt auf eine positive Art in diesem unbekannten Terrain herum."

 

Nocturnes COVERIm Zwielicht der Nacht
Alles begann mit einem Konzertabend in Porto – einer Stadt, in der das melancholische Saudade-Gefühl allgegenwärtig ist. Der Impuls, diese Erfahrung in Musik zu übersetzen, war plötzlich unüberhörbar. So entstand das erste NOCTUNE dieses Albums. Was folgte, war das Sammeln weiterer Erinnerungen: Audionotizen, Fotos, Skizzen auf Papier – Momente aus vielen Konzertreisen, die Poetzsch über Monate hinweg zu einem stimmigen Ganzen zusammenfügte.

 

Das Klavier ist seine Sprache, seit er sechs Jahre alt ist. Er verfeinerte sie durch ein Klavierstudium an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber in Dresden und erweiterte seinen Horizont durch ein Kompositionsstudium bei Thomas Zoller. Jazz und klassische Musik haben ihn gleichermaßen geprägt, und wenn er nach einer Formel für seine Musik sucht, findet er sie mit einem Schmunzeln: „Impressionismus mit Jazzattitüde" – irgendwo zwischen dem Fluss der Nocturnes Chopins und John Fields, dem Atem von Keith Jarrett und den Klangräumen Brian Enos.

Bei seinen früheren Alben entstanden die Aufnahmen in großen Studios, an Steinway-Konzertflügeln, unter dem Druck knapp bemessener Studiozeit.

 

NOCTUNES ist anders: Das Album entstand vollständig in seinem eigenen Studio, an seinem eigenen Klavier. Diese Vertrautheit mit dem Instrument und dem Raum schuf eine Atmosphäre, in der Ideen spontan entstehen und sofort festgehalten werden konnten. Viele Stücke sind direkt aufgenommene Improvisationen, die die Freiheit und den Fluss des Moments bewahren. Warm im Klang, offen in der Form.

 

An ausgewählten Stellen treten analoge Synthesizer und ein Wurlitzer-Piano hinzu – Klänge, die gemeinsam mit dem Pianisten und Produzenten Marius Leicht erarbeitet wurden. „Jedes Mal, wenn ich dort bin, ist es wie ein Süßigkeitenladen", beschreibt Poetzsch das vollbesetzte Analogstudio seines Kollegen. Die elektronischen Texturen bleiben bewusst im Hintergrund, bereichern den Raum, ohne ihn zu dominieren. Sie passen, wie er sagt, „wunderbar in diesen gedeckten, nächtlichen Kontext."

 

NOCTUNES ist kein Album über die Nacht als Kulisse. Es ist ein Album über die Zeit zwischen dem Ende eines Tages und dem Beginn des nächsten – jene Stunden, in denen man mit sich allein ist, die Eindrücke des Abends noch nachhallen und die Stille anfängt zu sprechen. „Der Fluss der Nacht", sagt Poetzsch, „er ist anders als der Tag. Freier, ruhiger, dunkler."


Clemens Christian Poetzsch: Nocturnes

Clemens Christian Poetzsch: Klavier & Komposition

Label: Neue Meister

CD, Booklet, Vinyl

VÖ: 09.10.2026

- Weitere Informationen (Label)

- Weitere Informationen (Clemens Christian Poetzsch)

 

Konzerte:

08. Oktober: Weltecho, Chemnitz

08. November: Theater am Rand, Zollbrücke

13. November: Kulturzentrum Rathenow, „Schöne Töne Special“

22. November: Elblandia Festival, Dresden

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