Kultur, Geschichte & Management
Brief vom 30. Januar 1716, französisch, an Monsieur Nouël/Rioul Bellisle vom Absender Veuve Burel. Die Witwe Burel spricht über den möglichen Verkauf von Wäsche und Silberbesteck, über ihre schwer erkrankte Mutter und die Belastungen, die mit deren Pflege verbunden sind, und übermittelt Neuigkeiten aus der Familie sowie Grüße.

Was für ein außergewöhnliches Buch ist „I. Lettres“? Hier sind sechzig authentische Briefe aus den Jahren 1716–1899 versammelt. Herausgeber Michal Neruda hat sie aus mehr als 45.000 gelesenen Briefen ausgewählt.

 

Bevor ich in diesem gerade erschienenen E-Buch blätterte, fragte ich mich: Warum sollte ich, warum sollte jemand diese Briefe lesen, die von uns unbekannten Menschen verfasst wurden? Die Antwort zeigte sich mir schon nach wenigen gelesenen Seiten: Weil dahinter spannende Geschichten stecken.

 

Persönliche Briefe von 1716 bis 1899

Die Originalbriefdokumente werden in den Neruda Archives – mit Sitz in Tschechien – aufbewahrt und sind im Online-Archiv öffentlich zugänglich. „Es handelt sich überwiegend um die Stimmen ganz gewöhnlicher Menschen aus verschiedenen europäischen Ländern. Die Briefe wurden bislang noch nie veröffentlicht“, erklärt Michal Neruda auf Anfrage. Eigentlich hat er ursprünglich verschiedene Auktionsangebote durchgesehen und nach Briefen für seine Sammlungen gesucht. Dabei stieß er gelegentlich auf einen „gewöhnlichen“ Brief. „Anfangs hatte ich überhaupt nicht vor, solche Briefe gezielt zu sammeln. Einige gingen mir aber so sehr nach, dass ich später erneut nach ihnen suchte und sie einfach kaufen musste.“ Die Frage nach Sinn und Sinnhaftigkeit, nach Bedeutung seines Unterfangens, diese Briefe zu sammeln, zu sichten und in einem E-Buch festzuhalten und in den Neruda-Archives digital im Original zugänglich zu machen, ergibt sich bei der Lektüre wie von selbst.

 

Vielleicht auch und gerade deshalb: Diese Briefe wurden nicht für die Geschichte geschrieben. Sie waren an ganz bestimmte Menschen gerichtet, wie es im Ankündigungstext heißt. Vorgelegt werden uns sämtliche Briefe ohne Deutung und ohne Glättung ihrer Stimmen. Transkriptionen und Übersetzungen bewahren Wiederholungen, Ungeschicklichkeiten, Widersprüche, Streichungen und beschädigte Stellen der Originale so getreu wie möglich. Jeder Brief verweist auf die zugehörigen Scans und den vollständigen Archivdatensatz im Neruda Archiv, ein unabhängiges Kulturarchiv, das sich historischen Briefen, Dokumenten und Korrespondenzspuren - hauptsächlich aus dem 18. und 19. Jahrhundert - widmet.

 

In I. Lettres sprechen Menschen mitten aus ihrem Leben heraus – ohne zu ahnen, dass wir dies eines Tages hören könnten, dass wir ihre Briefe lesen werden. Gerade weil es persönliche Äußerungen mitten aus dem Leben heraus sind, sind diese Briefe für uns Heutige so faszinierend und fantasieanregend. Da bittet beispielsweise eine Frau aus Paris den Bürgermeister von Marseille um Hilfe bei der Suche nach einem gewissen Friseur Meunier und zugleich um Neuigkeiten über ihre schwangere Tochter, die mit einem neunundzwanzig Monate alten Kind zu ihm gereist sei und sich seit zwei Monaten nicht mehr gemeldet habe. Ach, wie gerne wüssten wir, was dort geschah und wie diese wahre Geschichte weiterging! Lesbar ist hier und in allen anderen Briefen auch, wie eng verknüpft alles miteinander ist, wie dicht beieinander Schuld und Sühne, Liebe und Hass, Glück und Unglück, Hoffnung und Enttäuschung, Vertrauen und Misstrauen und alle anderen oft so scheinbar gegensätzlichen menschlichen Gefühle liegen!

 

Unter dem Motto „Gewöhnliche Leben“ sind diese sechzig neugierig machenden Briefe nicht nur im E-Book lesbar, sondern auch im gescannten handschriftlichen Original. Es sind persönliche Briefe zu Themen wie Krankheit, Arbeit, Humor, Trauer, Abhängigkeit und alltäglichen menschlichen Umständen. Gleich im zweiten Brief beklagt sich eine Frau – nein, eigentlich bedankt sie sich – beim Arbeitgeber ihres Mannes. Wofür? Offenbar war sie erst kürzlich bei diesem Arbeitgeber, einem Hüttenwart in Skoky (Böhmen), vorsprachig, um nach der Höhe des Gehalts ihres Mannes zu fragen. Das hatte Konsequenzen unangenehmer Art… Vergnüglich zu lesen für uns, schwer zu verkraften für die Verfasserin des Briefes vom 10. Mai 1874, für Marie Šoulová aus Buda. Spannend, lustig, tragisch – in jedem Fall unterhaltsam – sind all diese Briefe. Das gilt selbst dann, wenn es um eher trockene, geschäftliche Dinge geht, wie die Teuerung des Getreides und der darauffolgende Aufruhr in La Rochelle – Thema eines Briefes, der 1839 geschrieben wurde.

 

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Seit zwei Tagen haben wir einige Duelle gehabt, aber es ging um Frauen und nicht um politische Angelegenheiten; die Jugend muss sich austoben, unsere jungen Leichtfüße amüsieren sich damit, sich gegenseitig Kugeln auf den Kopf abzufeuern, schreibt ein Franzose 1834 an einen Freund. – Die „Edward Everett“ ist noch nicht eingetroffen, obwohl wir anhaltenden Ostwind hatten. Es scheint, dass sie nicht vor dem 18. April ausgelaufen ist. Ich bedauere diese lange Verzögerung sehr, da der beste Teil der Saison verstreichen wird, in dem unsere Freunde die Brandys absetzen können, bevor uns unter diesem verfluchten Prohibitionsgesetz wirkliche Schwierigkeiten drohen, heißt es in einem Brief aus New York vom 22. Mai 1855.

 

Eine siebenundachtzigjährige Frau, die ihr Gedächtnis verliert und kaum noch die Feder halten kann, schreibt, sie sei zufrieden, und bittet ihre Verwandten, ihre Kinder gut zu erziehen. Ein schwer kranker Vater schickt seinem Sohn einen Truthahn und zwei Kapaune für das Fastnachtsmahl. Vor dem Auslaufen verabschiedet sich ein junger Seemann von seiner Familie; bei dem Gedanken, sie vielleicht für immer zu verlassen, kann er den Brief nicht fortsetzen. Die sechzig privaten Briefe aus den Jahren 1716 bis 1899, die das Buch I. Lettres vereint und deren physische Originale in den Neruda Archives aufbewahrt werden, sind in verschiedenen Ländern, Sprachen und gesellschaftlichen Milieus entstanden. Sie alle erzählen von Erfahrungen, die über die Jahrhunderte hinweg menschlich geblieben sind und menschlich bleiben werden.

 

Das „I.“ im Buchtitel bedeutet übrigens, dass es sich hierbei um den ersten Band einer Reihe über historische Korrespondenz handelt. Geplant sind insgesamt fünf Bände. „Der zweite Band wird bereits stärker in einen thematischen Kontext eingebettet und mit einem konkreten geografischen Raum verknüpft sein.“ Der dritte Band widmet sich einem einzelnen Jahr und zeigt, wie ein bestimmtes historisches Ereignis von Zeitzeugen in ganz Europa wahrgenommen wurde“, so Neruda. Wobei jeder Teil auch konzeptionell und gestalterisch einen eigenen Ansatz verfolgen soll.

 

Im Mittelpunkt des ersten Bandes standen für den Herausgeber nicht in erster Linie historische Briefe als solche, sondern die Menschen, die darin sprechen. „Die Briefe sind bewusst weder chronologisch noch thematisch angeordnet. Auch wenn man es ihnen vielleicht nicht ansieht, habe ich viele Dutzend Stunden mit ihrer Anordnung verbracht. Entscheidend war, wie sie nebeneinander wirken; zugleich wollte ich die Leser nach und nach in das Buch hineinführen und dem Buch auch einen passenden Abschluss geben. Meine Absicht ist außerdem, dass nach der Lektüre des ganzen Buches noch ein weiterer Eindruck zurückbleibt, der über die Wirkung der einzeln gelesenen Briefe hinausgeht“, so der Herausgeber. In meinem Fall als kritische Leserin war das so. Der Herausgeber hat sein Ziel erreicht, zumal ich mich in die jeweilige Zeit direkt hinein- und zurückversetzt fühlte.

 

Dies, obwohl sämtliche Briefe ohne erläuternden Kommentar vorgelegt werden. Transkriptionen und Übersetzungen bleiben den Originaltexten so treu wie möglich. Lesbare Streichungen bleiben als durchgestrichener Text erhalten. Kurze Hinweise in eckigen Klammern kennzeichnen unleserliche, fehlende oder anderweitig beschädigte Stellen in den Originalen. Auch spätere Zusätze und Vermerke auf den Dokumenten sind enthalten. Manchmal verändern wenige solcher Worte das Verständnis des vorangehenden Briefes vollständig. Jeder Brief endet mit einem direkten Link zu seinem vollständigen Archiveintrag: zu den Scans des Originals, zur Transkription, Übersetzung und Metadaten, in manchen Fällen auch zu zusätzlichen Kontextinformationen, die im Buch bewusst nicht erläutert werden und Raum lassen für eigene Gedanken und ggf. weitere eigene Rechercheversuche. Einige Zusammenhänge sind allerdings und immerhin in den Archiveinträgen zu finden, zu denen die Links in den einzelnen Briefen führen.

 

Rundschreiben St Johann

Rundschreiben über Hilfsmaßnahmen für die Brandopfer von St. Johann (Salzburg), 17.07.1855

 

Bei manchen Briefen kann das Wissen um die Umstände ihre Wirkung erheblich verstärken. Das hält unsere Neugierde wach und weckt weiteres Interesse. Die einzelnen Dokumente, die in diesem Buch versammelt sind, wurden von Michal Neruda nach und nach aus verstreuten Auktions-, Antiquariats- und Privatquellen erworben und in den Neruda Archives zusammengeführt. Dokumente, Zeitzeugnisse, die von Familie, Arbeit, Geld, Krankheit, Krieg, Trennung, Hoffnung und Überleben erzählen. Diese Briefe uns Lesern und Leserinnen zugänglich zu machen, ist ein lobenswertes, für uns lohnendes und daher dankenswertes Unterfangen!


„I.Lettres“ – Briefe von 1716–1899

Herausgeber: Michal Neruda

EPUB-ISBN 978-80-910055-7-9

Weitere Informationen und die Briefe digitalisiert (Archiv)

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