Riesige Gesichter in Schwarzweiß. Gesichter, nur halb erkennbar, aber von magischer Intensität. Wer sie einmal gesehen hat, vergisst sie nicht. Kaum zu glauben, dass die erste Einzelausstellung von Valentin van der Meulen in der Hamburger Galerie Hengevoss-Dürkop, seine erste in Deutschland damals, schon zehn Jahre her ist.
Seitdem ist der Pariser Künstler eine feste Größe in der Galerie am Klosterwall 13; eine zweite Soloschau ließ jedoch lange auf sich warten. Aber nun: „Birds. Zeichnungen“ lautet der schlichte Titel der gegenwärtigen Präsentation, die noch bis zum 25. Juli zu sehen ist. Und wieder ist es ein Erlebnis von umwerfender Eindringlichkeit.
Der Titel „Birds“ ist im Grunde irreführend. Nur ein Werk hat Vögel zum Thema, dieses Werk nimmt eine zentrale Stellung ein, gehört es doch zu einer Serie von Arbeiten, mit denen der begnadete Franzose einmal mehr eine neue Dimension eroberte. Hier verwischt van der Meulen nicht nur die Grenzen zwischen Fotografie, Zeichnung, Malerei und Installation – hier geht er ins Relief, also in die Dreidimensionalität: Drei der fünf Schwalben, die durch einen Nebelwald zu fliegen scheinen, sind nur in ihren Konturen erkennbar – und heben als ausgesägtes Negativ die Materialität der dicken Trägerplatte deutlich hervor.
Anwesenheit und Abwesenheit, Sichtbarkeit und Verschwinden, Erinnerung und Verlust – seit Anbeginn seiner künstlerischen Laufbahn beschäftigt sich Valentin van der Meulen mit diesen großen, sinnsuchenden Themenkomplexen, die nach dem Sein an sich, nach dem Augenblick der Erscheinung und nach ihrer Vergänglichkeit fragen. Sie sind die bestimmenden Parameter, die seine ebenso poetische wie kritische Bildsprache unablässig durchziehen. Ausgehend von vorgefundenen Fotografien (aus Internet, Zeitungen oder Zeitschriften – ein Bild bezieht sich zum Beispiel auf das Feuerwerk, das die „Gelbwesten“ bei einer ihrer Demonstrationen zündeten) vergrößert er die Motive (ohne Projektionen!) und schafft zunächst virtuose, in altmeisterlicher Technik auf das Papier gebrachte Kohlezeichnungen – seien es Porträts, Figurenfragmente oder Landschaftsstücke. Nach ihrer Vollendung jedoch bearbeitet er sie mit großen Radierern, Steinen oder Ölfarben derart, dass ein Großteil der Darstellungen unter Kohlestaub und malerischen Gesten wieder verschwindet. Wir kennen die Unschärfe und Auslöschung von Gerhard Richters berühmten „Foto-Bilder“ aus den 1960er- und 1970er-Jahren. Und ganz sicher ist Van der Meulen von ihnen inspiriert.
Doch während Richter Konturen verwischte, um den fotografischen Charakter zu betonen und aufzuzeigen, dass Wahrnehmung und Erinnerung keineswegs eindeutig sind, geht es dem Pariser aus uralter Künstlerdynastie um die Flüchtigkeit des Momentes, das Verrinnen der Zeit, das er in dem – sicher auch schmerzhaften – Prozess von Entstehung und Auflösung sichtbar macht. Eine Ausnahme in der Galerie von Kerstin Hengevoss-Dürkop ist jetzt eine hinreißend schöne Wasseroberfläche „Sea View“. Diese Zeichnung besteht aus vielen Schichen Kohlestaub und haben einen überraschenden Effekt: Von weitem wirkt das Bild wie eine scharfe Fotografie, doch je näher man herankommt, um so unschärfer – und abstrakter – erscheint die Zeichnung.
Raumgreifend und höchst eindrucksvoll präsentieren sich hingegen die informellen Übermalungen im großformatigen Werk „Nuage“. Dieses Bild wirkt wie eine klassische Wolkenlandschaft, bezieht sich jedoch auf ein Foto, das bei dem tragischen Unglück der Raumfähre Challenger 1986 entstand. Van der Meulen hat das Foto der gigantischen Rauchentwicklung bei der Explosion mit großen „gestes“ übermalt, mit abstrakt wirkenden Gesten in schwarzer Ölfarbe, die tatsächlich vergrößerte Schriftzeichen seiner Tagebucheintragungen sind. Diese „gestes“ spielen auch bei einer erschreckend aktuellen Arbeit eine zentrale Rolle – nur haben sie hier eine völlig andere Form angenommen. Bunte Rasterpunkte á la Sigmar Polke überziehen hier eine Kohlezeichnung mit dem Titel „Irina“. Es ist kein Porträt, vielmehr ein „Stellvertreter-Bild“, das auf das Schicksal der russischen Lehrerin Irina anspielt, die ihren Schülern verbotenerweise Details über den Ukraine-Krieg erzählte, verhaftet wurde und danach spurlos verschwand. Die Russen wollten die engagierte Lehrerin und ihren Mut gegen das Unrecht ausradieren – Valentin van der Meulen hat sie wieder sichtbar gemacht.
Valentin van der Meulen: „Birds, Zeichnung“
Zu sehen bis 25. Juli 2026, in der Galerie Hengevoss-Dürkop, Klosterwall 13, 20095 Hamburg.
Geöffnet: Mi–Fr 14–18 Uhr, Sa 12–15 Uhr und nach Vereinbarung.
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