Anastasia Kobekina und das NDR Elbphilharmonie Orchester unter der Leitung von Karina Canellakis eröffneten mit dem Cellokonzert in h-Moll op. 104 von Antonin Dvorak das SHMF in der Lübecker Musik- und Kongresshalle (MuK).
Jung, unbeschwert und gleichzeitig kraftvoll-entschlossen.
Klangkultur in vollendeter Schönheit
Mit bloßen Füßen betrat Anastasia Kobekina das Podium und schuf damit augenblicklich eine Atmosphäre der Einfachheit, Bodenständigkeit und Abkehr vom Star- und Glamourkult. Stattdessen für das Publikum deutlich spürbar: Reife Ernsthaftigkeit bei gleichzeitig jugendlich-heiterer Ausgelassenheit. Intensität gepaart mit frischer Losgelöstheit. Technisch selbstverständliche Meisterschaft als Grundlage feinsinnigster musikalischer Gestaltung. Die Tongebung ist vielschichtig, immer vollendet: Hier lässt Kobekina mit kraftvollstem Ansatz des Bogens Töne explodieren. Dort blüht ein zunächst „gerader“ Ton im crescendo auf, wird von edlem vibrato belebt, wechselt in hoher Lebendigkeit Farbe und Charakter. Die Intonationssicherheit – auch in virtuos-hohen Lagen – ist Grundlage einer vielseitig wechselnden, stets eleganten Gestaltung. Die Bogenführung begeistert. Die Geläufigkeit der linken Hand wird von rhythmischer Klarheit geführt. Die Legato-Dichte bis hin zu geschmackvollem Portamento öffnet lyrische Räume.

Anastasia Kobekina: Violoncello, NDR Elbphilharmonie Orchester, Dirigentin: Karina Canellakis © Agentur 54° Felix König
Brahms als Förderer und Bewunderer Dvoraks
Antonin Dvorak komponierte sein Cellokonzert 1896 mit 55 Jahren. Zu dieser Zeit war er künstlerischer Direktor des New York National Conservatory of Music. Nach den Worten des frühen Dvorak-Biografen Otakar Sourek drückt dieses Konzert Dvoraks „verzehrendes Heimverlangen“ musikalisch aus. Brahms soll gesagt haben: „Wenn er (Brahms) gewusst hätte, dass man solche Effekte herausholen könne, würde auch er ein Cellokonzert komponiert haben“. Es waren aber sicher nicht nur die Effekte, die Brahms beeindruckt haben, sondern auch die sinfonische Machart der Komposition. Denn bereits im Kopfsatz wird ja die motivisch-thematische Substanz der Cellostimme mit dem sinfonischen Prozess des Orchesters derart eng verflochten, dass das Werk wie eine Sinfonie mit obligatem Soloinstrument klingt. Im zweiten Satz hat Dvorak „Lasst mich allein“ (Lieblingsmelodie seiner schwer erkrankten Schwägerin und Schauspielerin Josefina Čermáková, in die er sich Jahre zuvor verliebt hatte) eingesetzt, um ihr ein musikalisches Denkmal zu setzen. Dieses Motiv und andere musikalisch geäußerte Gedanken greift er im dritten Satz noch einmal auf. Mit der dynamisch zugespitzten, die ganze Klangbreite des Orchesters ausreizenden Stretta beendet Dirigentin Karina Canellakis das Werk schwung-und glanzvoll.
Komposition vom Vater als Zugabe
Die Zugabe leitete Anastasia Kobekina mit schelmischem Vergnügen etwa so ein: „Ich habe einen Lieblingskomponisten. Das ist zugegeben etwas subjektiv, denn es ist mein Vater. Er ist Komponist und hat mir diese Galliarda komponiert. Das ist ein mittelalterlicher schneller Tanz, begleitet von einem Tambourin.“ Nochmals bewies Cellistin Kobekina ihre technische und musikalische Größe mit der Interpretation dieses entzückenden Schnelltanzes. Das Publikum applaudierte begeistert. Übrigens: Dieses Cellokonzert können Sie ein weiteres Mal in anderer Besetzung mit Yo-Yo Ma und Barenboim am 15. August im Konzerthaus am Schloss in Kiel erleben.
Mahler und die „Neue Welt“
Nach der Pause dann der Durchbruch mit Mahlers Sinfonie Nr. 1 in D-Dur „Titan“. Diese Sinfonie ist ein musikalisch erkämpfter Kompositionsdurchbruch nach drei Sätzen des geheimnisvollen Erwachens. Überall auch hier Naturlaute, Volksliedhaftes, in dem Punkt durchaus verwandt mit Dvoraks Konzert. Gustav Mahler schrieb seine erste Sinfonie allerdings schon 1888 mit 28 Jahren, acht Jahre vor Dvoraks Werk, das dieser mit 55 Jahren schrieb. Während Dvorak in der „Neuen Welt“ weilte und sich in die alte Welt zurücksehnte, wird Mahler in den Jahren 1908–1911 viermal mit seiner in Europa komponierten Musik in die USA reisen. Er steht nur noch mit einem musikalischen Bein in der Tradition des 19. Jahrhunderts, mit dem anderen bereits im Ton des 20. Jahrhunderts.
Präzis entschlossene Schlagtechnik
Karina Canellakis dirigiert äußerst präzise auf Grundlage deutlich erkennbarer Konzeption. Ihre Schlagtechnik ist eindeutig, dabei elegant und fordernd zugleich. Die Streichergruppe scheint noch rhythmischer und klangvoller als gewohnt zu spielen. Die hohe dynamische Bandbreite ist bei gleichzeitig gestiegener Tempowahl in beide Richtungen beeindruckend. Nach dem sehr feierlich interpretierten Kanon „Bruder Jakob“ und den parodistischen Wandlungen zu col legno geschlagenen Streicherakkorden, gestützt von Becken- und Trommelschlägen, kommt der „Titan“ im Finale dann zum Durchbruch. In strahlendem D-Dur führen musikalische Gedanken aus dem ersten Satz in neuer Gestalt zu einer hymnisch-ekstatischen Krönung! Ein gelungener, von jugendlicher Aufbruchsstimmung geprägter, zuversichtlich stimmender Auftakt des SHMF 2026.

Anastasia Kobekina: Violoncello, NDR Elbphilharmonie Orchester, Dirigentin: Karina Canellakis © Agentur 54° Felix König
Schleswig-Holstein Musikfestival 2026
Eröffnungskonzert am 4.7.2026 in der Musik- und Kongresshalle Lübeck.
Anastasia Kobekina: Violoncello
NDR Elbphilharmonie Orchester, Dirigentin: Karina Canellakis
Dvořák: Cellokonzert h-Moll op. 104
Mahler: Sinfonie Nr. 1 D-Dur „Titan“
Weitere Informationen (SHMF)

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