Lidia Jorge zählt seit vielen Jahren zu den bedeutendsten literarischen Stimmen Portugals. Jetzt wurde sie mit dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur 2026 ausgezeichnet.
Ihr Roman „Die Stunde der Nelken“ (Originaltitel: „Os Memoráveis“) ist aktuell im Secession Verlag in der Übersetzung von Marianne Gareis erschienen.
In fast fünfzig Jahren veröffentlichte Lidia Jorge dreizehn Romane, Kinderbücher, Erzählungen, Essays, Theaterstücke und Gedichte. Ihre Werke wurden ins Spanische, Französische, Englische und ins Deutsche übersetzt. Schon mit den ersten beiden 1980 und 1986 erschienenen Romanen „O Die dos Prodigios“ (Der Tag der Wunder) und „A Costa dos Murmùrios“ (Die Küste des Raunens) stieg sie in die Elite der portugiesischen Literatur auf, wurde seitdem mit zahlreichen Preisen geehrt. Mit der Auszeichnung des Österreichischen Staatspreises für Europäische Literatur hat Lidia Jorge nun einen weiteren Höhepunkt ihrer Karriere erreicht. Die Auszeichnung wird seit 1965 für das Gesamtwerk einer europäischen Autorin bzw. eines Autors vergeben, das international besondere Beachtung gefunden hat und auch in deutschsprachiger Übersetzung vorliegt.
Die in den USA lebende Ich-Erzählerin Ana Maria Machado ist Tochter eines einst berühmten Journalisten, den ein Geheimnis umgibt. Dieses Geheimnis ist Teil des ohnehin schwierigen Verhältnisses zwischen Tochter und Vater und bildet die Grundlage für einen der beiden Erzählstränge des Romans. Die zweite Ebene, der zweite Erzählstrang, betrifft die „Helden“ der Nelkenrevolution, mit deren Hilfe, Erinnerungen und Erzählungen Ana gemeinsam mit ihren beiden ehemaligen Kommilitonen Margarida Lita und Miguel Angelo eine Fernsehreportage über die damaligen Ereignisse machen soll. Diese Reportage über die Nelkenrevolution ist als Auftakt gedacht für eine BBC-Reihe über „Die entfesselte Geschichte“.
Ana kehrt aus den USA nach Hause zurück, nach Lissabon, in die Wohnung ihres Vaters. Hier sucht und findet sie ein Foto, aufgenommen während eines Abendessens im August 1975. Es zeigt eine Gruppe Aufständischer. Dieses sogenannte Memories-Foto begleitet Ana seit ihrer Kindheit. Das Foto hat auch mit dem Mythos um Rosie Honoré zu tun, eine belgische Theaterschauspielerin, die dreizehn Jahre mit Anas Vater zusammengelebt hatte, ständig auf dem Sprung war und irgendwann zurückmusste. […] später würden sie sich wiedersehen, das war versprochen. Am letzten gemeinsamen Abend gingen sie in ein Restaurant, das sie Memories nannten, und stießen dort auf eine Gruppe, die dort zu Abend aß. Freunde von António Machado, die eine Mission zu erfüllen hatten...
Zu Beginn des Romans liegt die Revolution vom 25. April 1974 bereits dreißig Jahre zurück, ist Vergangenheit, ist Geschichte. Die junge Generation will nichts mehr davon wissen. Die Helden von damals sind für sie eher Verräter an Idealen. Lidia Jorge geht es in und mit ihrem Buch um Erinnerungsarbeit, um die Aufarbeitung der Revolution, um die heutige politische und gesellschaftliche Sichtweise. Wir erinnern uns: Ein altes, vergilbtes Foto mit den Protagonisten des Umsturzes (einige davon sind real, andere erfunden) bildet im Roman den Ausgangspunkt für die Recherche, für die Suche nach den einstigen Helden, für die Suche nach der Wahrheit…
Die Wahrheit suchen und finden, das passt zu den Grundthemen Lidia Jorges. Ein Problem, das sie literarisch bearbeitet, ist der europäische Kolonialismus. Weitere Themen der portugiesischen Schriftstellerin, die einige Jahre als Lehrerin in Angola und Mosambik gearbeitet hat, sind soziale Ungleichheit und Armut, Diskriminierung von Frauen, Rassismus und die Nelkenrevolution von 1974. Dieser unblutige Aufstand, der ein neues politisches Zeitalter in Portugal einleitete, steht – wie bereits in ihrem ersten Roman O Dia dos Prodígios (Der Tag der Wunder) - im Zentrum von „Die Stunde der Nelken“.
Einmal, da sagt Anas Vater zu seiner Tochter: Jetzt hat das Jahrzehnt begonnen, in dem die Komiker an der Macht sind, auf jeder Tribüne haben sie, um sich zu vergnügen, einen Komiker mit seinem Gefolge aus Satyrn eingesetzt. Aber ich gebe dir keine zehn Jahre, dann sind wieder die Tragiker dran, gefolgt von einem Trauerchor. Das ist das allgemeine Gesetz, Ana Maria, das ist das Gesetz und ich weiß nicht, wohin das noch führt. Nein, wir wissen nie und nimmer, zu keiner Zeit und Stunde, wohin etwas führt. Wohin wir geführt werden. Auch deshalb ist „Die Stunde der Nelken“ ein wichtiges Buch.
Lidia Jorge: Die Stunde der Nelken
Aus dem Portugiesischen von Marianne Gareis
Roman
Secession Verlag 2026
Hardcover und eBook
ISBN Harcover: 978-3-96639-143-6
ISBN eBook: 978-3-96639-144-3
- Weitere Informationen (Verlag)
- Weitere Informationen. Beitrag vom SWR: Ein Denkmal für die Revolution: Lídia Jorges Roman „Die Stunde der Nelken“ vom 17.4.2026. Holger Heimann

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