Literatur
Ingvar Ambjørnsen. Foto: Tine Poppe / Buchumschlag

Eigentlich hatte die „Edition Nautilus“ geplant, anlässlich von Ingvar Ambjørnsens 70. Geburtstag am 20. Mai 2026 dessen neues Buch zu veröffentlichen. Doch dann verstarb der Autor im Juli 2025 nach langer Krankheit in Norwegen.

 

Das Buch ist nun – vorgezogen – bereits im März dieses Jahres erschienen. In „Niemand da“ leuchtet noch einmal die große Erzählkunst des norwegischen Schriftstellers auf, der seit vielen Jahren mit seiner Ehefrau und seiner Übersetzerin Gabriele Haefs in Hamburg lebte. Es ist wahrscheinlich das letzte Buch dieses Autors – es sei denn, im Nachlass tauchen noch weitere schwarze Perlen auf, wie eine norwegische Rezensentin schrieb, die für die Leserschaft aufgereiht werden wollen.

 

Traumhafte Erzählungen – harte Realität

Die ersten sieben Geschichten im Buch sind die letzten, die Ingvar Ambjørnsen in seinem Leben vollenden konnte, erfahren wir im Vorwort von Gabriele Haefs. In der Originalausgabe, die unter dem Titel „Sorgen i St. Peter Ording“ Ende Juli 2025 nur zwei Wochen nach seinem Tod bei Cappelen Damm erschien, ist es bei diesen sieben Geschichten geblieben. Die deutsche Ausgabe in der Edition Nautilus wurde um fünf Geschichten aus dem Nachlass erweitert. Warum hat das Buch im Original einen Titel, der Verbindung zum norddeutschen Ort St. Peter-Ording schafft? Und warum ist dies in der deutschen Fassung nicht so? „Das liegt zum einen daran, dass der Ort St. Peter-Ording – einer von Ingvars absoluten Lieblingsorten – in Norwegen total unbekannt ist und keinerlei Assoziationen zu Nordseestrand und Stelzenhäusern abruft“, so Gabriele Haefs. Zum anderen, weil die deutsche Ausgabe fünf weitere Geschichten enthält. Eine davon trägt den Titel „Toter Hund“. Diese Erzählung wurde nicht abgeschlossen, ist unvollendet geblieben, obwohl immer wieder Fragmente vom Autor hinzugefügt wurden: „Vielleicht hat irgendwann ein Freund oder eine Kollegin eine Idee, wie es ausgehen könnte…“, so Gabriele Haefs.

 

St Peter Ording F claus heinrich carstens

St. Peter-Ording, Stelzenhaus. Foto: Claus-Heinrich Carstens

 

Wer schon Romane und Erzählungen von Ingvar Ambjørnsen gelesen hat, ist auf seinen Stil eingegroovt. Der weiß, was ihn erwartet. Was nicht heißen soll, es gäbe keine Überraschungen. Ganz im Gegenteil. Die gibt es zuhauf. Und das ist gut so. Darauf sollten sich Leser und Leserinnen einstellen, die jetzt erst in den süchtig machenden literarischen Kosmos von Ingvar Ambjørnsen einsteigen: Es ist das Unvorhersehbare, was seine literarische Welt kennzeichnet und auszeichnet. Es ist der harte und dennoch weiche Blick des Autors auf seine Helden, die eher Antihelden und Außenseiter sind. Wie ein scharfes Messer seziert der Autor Gedanken und Gefühle seiner Protagonisten, die oft genug am helllichten Tage wie Sternschnuppen des Nachts unhaltbar und unaufhaltsam in alle Richtungen sausen. Nichts ist hier eindeutig, alles ist mehrdeutig. Ein genaues Hinschauen, Lesen unsererseits ist notwendig, nur dann erschließt sich uns der Sound seiner Sprache, die Stimmung dieser einen Geschichte, in die wir gerade eintauchen, nur so entfaltet sich deren Schönheit und Tragik vor unseren Augen und in unseren Herzen voll und ganz.

 

Ob als externer oder als Ich-Erzähler – Ingvar Ambjørnsen schafft für uns immer wieder neue Welten, die uns erstaunlicherweise fremd und nah zugleich sind. Das gelingt ihm schon in und mit „Verwüstung“, der ersten Erzählung dieses neuen und wohl auch letzten Buches, perfekt. Die Geschichte „spielt“ in einer Hütte am Meer, wo die Tür im Wind schlägt und gerade noch jemand hier gewesen zu sein scheint… Zwei Männer, beide über fünfzig, sind dort eingebrochen. Wir waren alt genug zum Sterben, heißt es über die beiden, denen die Hütte aus Kindertagen nicht fremd ist... Zeitenwechsel, Möglichkeitsformen, Erinnerungsbilder – die „Tricks“, mit denen der Autor arbeitet, fesseln uns. Immer ist etwas Geheimnisvolles, Rätselhaftes, Unterschwelliges, Unheimliches, Bedrohliches am Werk (des Autors). Neugierig bleiben wir dran… Die Zeit löst sich auf. Wird zu einer anderen, als die, die man kennt. (Aus: „Rotes Totem“). In Ingvar Ambjørnsens Erzählungen spiegelt sich Vergangenes im Gegenwärtigen, sind Menschen auf der Flucht und suchen Zuflucht, wärmen sich am Feuer und manchmal auch aneinander, bevor sie in ihre trostlose Einsamkeit zurückkehren. Die Naturbeschreibungen atmen und pulsieren: […] und dann verschwinden die Farben und wir fahren in eine andere Zeit aus Schwarz und Weiß und grauen Schatten. Es ist wie ein Traum, es ist ein Traum, […] die Sonne versinkt jetzt im Meer, ein oranger Fausthieb in dem blaugrauen Dunst, der über der fast schwarzen Meeresoberfläche hängt.

 

Ingvar Ambjørnsens letztes Buch erschien in Norwegen kurz nach seinem Tod im Sommer 2025. Noch einmal erleben wir Leser in „Niemand da“ seinen außergewöhnlich weiten literarischen Kosmos, schauen mit ihm und seinem empathischen Blick gemeinsam auch und vor allem auf jene Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen. Manchmal ist es mit den Menschen, denen man begegnet, so, wie es sein soll. Fast nie, aber manchmal. (Aus: „Rotes Totem“). Inmitten der ersten Erzählung dieses Buches heißt es: Alles hat ein Ende. Aber mit dieser Nacht ist es so, dass wenn ein Märchen zu Ende ist, ein neues anfängt. So ist es, so ergeht es uns dank all dieser wunderbaren, wundersamen Erzählungen, die uns Ingvar Ambjørnsen in und mit diesem Buch hinterlassen hat und die so einfühlsam und stimmig von seiner Ehefrau Gabriele Haefs ins Deutsche übersetzt – besser: übertragen worden sind.

 

Traurig ist, dass nun leider niemand mehr da ist, der uns neue Geschichten wie diese schreibt. „Niemand da“, der künftig auf genau diese Art und Weise zu uns sprechen wird. Ingvar Ambjørnsens unverwechselbare Stimme ist am 19. Juli 2025 verstummt. Habe Angst vor dem Schlafen. Nicht vor den Träumen, sondern vor dem schwarzen Loch. Ich kann sonst mit der Dunkelheit umgehen. Es wird vorübergehen. Alles geht vorüber. Während man wartet, kann man in den Wald gehen und das Gewicht des Mondes wahrnehmen. Einen Fuß vor den anderen setzen. Wach sein. Sich trocken halten. Einfache Gedanken denken. / Das Rauschen des Flusses. Endlich. (Aus: „Die Nachtwache“).


Ingvar Ambjørnsen: „Niemand da“

Originalausgabe: Sorgen i St. Peter Ording, Cappelen Damm, Oslo 2025, erweitert um fünf noch unveröffentlichte Erzählungen

Edition Nautilus

Erzählungen

Übersetzt aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs

Gebunden. 205 Seiten

ISBN 978-3-96054-475-3

Weitere Informationen (Verlag)

 

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