Erinnerungen kommen viele vor in diesem ersten Lyrikband von Renate Schmidgall, die bisher hierzulande vor allem als Übersetzerin aus dem Polnischen bekannt ist.
Das dürfte sich mit dem Erscheinen ihres ersten Lyrikbandes „Kein Verlass auf Uhren und Gestirne“ in naher Zukunft ändern. So sprachlich gelungen und emotional überzeugend sind diese Erinnerungen an Menschen, Vögel, Bäume und Räume, an innere und äußere Landschaften, an Jahres- und Lebenszeiten, an einst empfundene Liebe, Sehnsucht, Melancholie und Trauer. Um es mit den Worten der Dichterin zu sagen: „Man muss nur weit genug öffnen,/dann kommt ein Gedicht zum Fenster herein.“
Das Buch gehört zu Recht zu den Neuerscheinungen, die in diesem Jahr als besonders lesenswert und lohnend empfohlen werden. Hierzu heißt es seitens der Jury: „ Die Gedichte einer versierten Übersetzerin polnischer Lyrik arbeiten selbst versiert mit Anspielungen auf Alltägliches. Sie überzeugen durch ihre diskreten poetischen Momentaufnahmen, die jedoch von Dauerhaftem wissen. […] Diese Gedichte überzeugen aufgrund ihrer evokativen Diskretheit. Manche von ihnen gleichen einem Hauch aus Wörtern, der eingeatmet sein will.“ Das gilt für die lyrischen Naturbetrachtungen der Autorin ebenso wie für ihre Menschenbetrachtungen. Vögel kommen in Renate Schmidgalls Texten häufig vor, so auch in dem folgenden Gedicht: Damals/pflückte ich Mohn flogen Vögel/fädelten wir Augenblicke auf die Schnur der Zeit/schlug das Meer ans Ufer/bis Flaschenpost ankam/das schwarze Herz bloßlag/die Vögel längst im Süden. Amseln, Eichelhäher, Elstern, Möwen, Schwalben, Spatzen, Stare, Tauben umschwärmen die Gedichte. Sogar Hähne kommen vor: In Horni Plana/krähen morgens die Hähne./Ich öffnete sperrangelweit/und ließ die Kindheit hinein.

Buchumschlag und Portrait Renate Schmidgall © Secession Verlag
Wir folgen der Dichterin vertrauensvoll von Anbeginn an, begleiten sie hier und dort und überall hin. So wie es im Gedicht „Vorwort“ einfach, schön und perfekt formuliert heißt: zeltlos/mit wunder Haut/ohne Netz über dem Abgrund des Himmels/ zitternd ganz innen/wo wir uns suchen/und nur die Sprache uns findet. Wir teilen ihr zärtliches Gedenken an geliebte Menschen wie in „im Laufe des Tages: Morgens dein Geruch von Kaffee und Schlaf./Die Wärme der ersten Umarmung/verliert sich im Laufe des Tages/wir schweigen, reglos wie die Steine auf deinem Fensterbrett. Hier sind Erinnerung, Trauer, Verlust, Sehnsucht in wenigen Worten benannt und vereint. Das gilt auch für die Gedanken an Heimat und fremde Länder. Wir gehen mit der Dichterin durch Haben und Sein. Wir teilen mit der Dichterin Gewinn und Verlust all dessen, was das Leben im Laufe der Jahre für jeden von uns mit sich bringt. Wir durchleben ihre Kindheitserinnerungen gemeinsam und trauern um Verstorbene. Wir folgen Renate Schmidgall durch bereits durchlebte Altersstufen - bis zu jenem Zeitpunkt, wo alle Tage zu Ende gehen, die vergangenen und die zukünftigen./ Aus den hellen Rechtecken wirft mir/die Ewigkeit einen flüchtigen Blick zu.
Warum zieht uns diese Lyrik so an, dass wir gar nicht aufhören mögen, dieser in leisen Tönen verlautbarten Gedankenwelt zu folgen? Weil Renate Schmidgalls Gedichte – jedes für sich und alle zusammen – ein Schönheitsgesang auf all das sind, was unser Leben ausmacht. Weil die lyrischen Erinnerungen dieser Dichterin sowohl persönlich als auch allgemeingültig sind. Weil nichts kitschig ist an und in diesen Texten. Das gilt selbst für die hier versammelten Liebesgedichte (die ja grundsätzlich kitschgefährdet sind). Alle Gedichte in diesem ersten Lyrikband von Renate Schmidgall werden getragen von einem ungekünstelten ehrlichen Gefühl, vom großen Sprachvermögen der Autorin und deren hoher Gestaltungskunst. Diese Mischung überzeugt die Leserschaft.
Und sie überzeugte polnische Kollegen. So haben sich Adam Zagajewski und Tadeusz Dabrowski schon lange dafür eingesetzt, dass Renate Schmidgalls Gedichte endlich in einem Buch vereint in Deutschland erscheinen. Darüber ist auch der Schriftstellerkollege Michael Krüger froh. Er schreibt in seiner „Nachbemerkung“ zu „Kein Verlass auf Uhren und Gestirne“ begeistert: „Endlich! Endlich sind die Gedichte von Renate Schmidgall in einem Band versammelt! Seit einigen Jahren lese ich hier und da in Zeitschriften diese betörend schönen Verse und habe mich schon oft gefragt, welcher Verlag sie endlich zusammenstellt, damit ihre Leuchtspur über das einzelne Gedicht hinaus sichtbar wird.“ Er sei froh, dass der Secession Verlag die Initiative ergriffen habe. Nun könne „jeder, der will, sich mit der großen Kunst von Renate Schmidgall, das Schwere leicht zu formulieren, beschäftigen“.
Bisher ist die gebürtige Heilbronner Dichterin hierzulande vor allem als Übersetzerin aus dem Polnischen bekannt. So hat sie beispielsweise Werke von Wislawa Szymborska, Adam Zagajewski und Zbigniew Herbert ins Deutsche übersetzt. Für ihre Übersetzungen aus dem Polnischen ins Deutsche wurde sie mit zahlreichen Preisen geehrt, so 2009 mit dem Karl-Dedecius-Preis, 2015 mit dem Preis des Polnischen PEN-Clubs und 2017 mit dem Johann-Heinrich-Voß-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Beeinflusst von Dichtern wie Maciej Niemiec oder Adam Zagajewski, sieht Renate Schmidgall ihr Schreiben mehr in der Tradition polnischer als deutscher Lyrik. Ähnlich wie ihre großen Vorbilder glaubt die Lyrikerin an Inspiration und daran, dass das Gedicht klüger ist als sein Autor.
Lebensklug ist das titelgebende Gedicht, das zu guter Letzt für sich und alle in diesem Band versammelten Gedichte sprechen soll:
Stirbst du nicht diesen Tod, wirst du/einen anderen sterben. Indessen/spielen Kinder im Sand, bauen Burgen,/die Möwe hinterlässt ihre Spur: flüchtig/wie deine Hand auf meinem Arm./Bei Vollmond streiten wir uns. Strömung/trägt Land ab, Wind formt Bäume./Am Kirchturm rostet die Zeit. Kein Verlass/auf Uhren und Gestirne.
Renate Schmidgall: „Kein Verlass auf Uhren und Gestirne“
Gedichte
Secession Verlag
Englische Broschur, 143 Seiten
ISBN 978-3-96639-136-8
Weitere Informationen (Verlag)

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