Bildende Kunst
Franz Horny: Blick auf Olevano und die Volkserberge (Detail), um 1821, Öl auf Karton. Hessisches Landesmuseum. Gemeinfrei

Olevano ist ein italienisches Städtchen östlich von Rom, das zu Beginn des 19. Jahrhunderts große Anziehungskraft auf deutsche Künstler ausübte. Golo Maurer erzählt die Geschichte dieser ersten deutschen Künstlerkolonie.

 

Es treten zwar auch einige der Großen im Buch auf, etwa Ludwig Richter (1803–1884) oder Julius Schnorr von Carolsfeld (1794–1872), aber im Zentrum der Erzählung steht ein nur Fachleuten und Kennern geläufiger Name. Denn vor allem geht es um den Zeichner und Maler Franz Theobald Horny (1798–1826) und damit um einen zweifellos sehr begabten Künstler, der jedoch bereits als Mittzwanziger starb, viel zu jung, um sein Talent voll zu entwickeln.

 

Maurer schildert Hornys Kindheit, Jugend und seine erste, noch sehr rudimentäre Ausbildung. Horny genoss sie in Weimar, bis er dann an der Seite des vielleicht ersten deutschen Kunsthistorikers überhaupt nach Rom und Olevano reisen durfte, nämlich Carl Friedrich von Rumohr. In Olevano ist er dann geblieben…

Warum steht Horny im Mittelpunkt dieses Buches? Zunächst aus Sympathie für den Menschen, den der Autor immer wieder durchblicken lässt – „hier liegt er begraben, unser Held, der arme, unglückliche Franz Theobald Horny“ –, sodann, weil Maurer als Fachmann für Landschaftsmalerei eben dieses Talent an Horny besonders schätzt, endlich, weil „sich in dieser kleinen Lebenspfütze der weite Himmel der Romantik“ spiegelt. Über den Landschaftsmaler – es geht um das auf den ersten Blick schlichte Bild eines Hohlwegs – schreibt Maurer: „Nur ein großer Künstler vermag aus diesem buchstäblich am Wegesrand liegenden Detail den Wahnsinn zu erfassen, den unser irdisches Dasein als ahnungsloser Ritt auf der Oberfläche einer finster-verschlossenen Erdkugel bedeutet. So wie auch der Tod überall ist und scheint die Sonne noch so freundlich in das Eichenparadies.“

 

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Den deutschen Künstlern dieser Zeit – auch den Großen – steht Maurer ebenso skeptisch gegenüber wie überhaupt der ganzen Romantik (auch der literarischen!) oder Goethe. Hat er recht, oder ist es ein klein wenig frech, von der „Überpräsenz des klassischen Jupiters“ zu sprechen? Ist es vielleicht noch zutreffender (oder frecher…), den Dichterfürsten den alten „Gockel von Weimar“ zu nennen? Den Künstlern dagegen hält er ihre mangelhafte technische Ausbildung vor und spricht in dem Abschnitt mit der Überschrift „Maler, die nicht malen können“ von Künstlern, bei denen es „wahrscheinlich wichtiger gewesen [wäre] zu lernen, wie man einen Pinsel hält.“

 

Es sind also nicht die ganz Großen unter den Malern, deren Werdegang Maurer darstellt und die Olevano als ihren Standort aussuchten, sondern eher Künstler der zweiten, wenn nicht gar der dritten Reihe. Die Schwächen dieser Maler – die Unabgeschlossenheit ihrer Ausbildung und, daraus folgend, das Unzureichende ihrer Technik – werden von Maurer immer wieder herausgestellt. Wie aber konnten solche unfertigen Künstler die deutsche Kunst erfinden, wie es im Untertitel des Buches heißt? Zunächst, weil sie ins Ausland reisen mussten, um sich dort – gemeinsam! – ihres Deutschseins zu vergewissern. „Nur in Rom konnten sich die Deutschen in der Fülle ihrer regionalen Ausführungen erleben und erkennen, was sie über diese Unterschiede hinweg verband.“

 

Nach Maurer gab es nach Dürer und Grünwald zwar deutsche Künstler, aber keine deutsche Kunst, so wie es eine englische, französische oder niederländische gab. „Kunstmäßig“, schreibt er, „war Deutschland ein Entwicklungsland im Herzen Europas“. Er meint damit die wenig ausgeprägten technischen Fähigkeiten, die sich sowohl im Zeichnerischen als auch beim Umgang mit den Farben offenbarten. Denn für diesen Kunsthistoriker kommt, wie er uns erklärt, die Kunst vom Können.

 

01 Cover Golo Maurer

Buchumschlag und Golo Maurer, 2024. Foto (bearbeitet): Arturo Benedetti Michelangelo

 

Maurer ist der Direktor der Bibliothek des Max-Planck-Instituts für Kunstgeschichte in Rom, der Bibliotheca Hertziana. Kann es für einen Kunsthistoriker – und noch dazu für einen, der dieses Thema seit Jahren bearbeitet – einen besseren Arbeitsplatz bieten? Seinem Buch kommt das auf jeder Seite zugute, denn der Autor schöpft aus den Quellen, indem er weniger aus der wissenschaftlichen Literatur als vielmehr aus Tagebüchern und Briefwechseln zitiert; und zusätzlich kann er seinen Lesern das alltägliche Leben im Rom dieser Jahre und die vielfältigen Probleme der Künstler nahebringen. Eine besondere Rolle spielt dabei das berühmte Caffé Greco, in dem sich die deutschen Maler trafen, und ebenso wichtig sollte dann Olevano werden – aber eben nur für die Deutschen, nicht für die Kollegen aus Frankreich oder England.

 

Maurers Buch ist zunächst eine kunsthistorische Studie, aber eine, die erstens ebenso unterhaltsam wie belehrend ist und zweitens eine, die jederzeit in die Kulturgeschichte abschwenkt. Zum Beispiel schildert er die Kleidung der Maler (ich musste immer wieder an die Hippies der sechziger Jahre denken – mit ihren langen Haaren, ihrem Lebensstil und ihrer altmodischen Kleidung hätten diese Künstler hervorragend ins Caffé Greco gepasst!). „Der deutsche Rock war getragener Protest, das aufbegehrende Gegenstück zum Schlafrock.“ Dieses Kleidungsstück „atmete den Geist von Heerlager und Lagerfeuer, von Pferden, Schießpulver, Blut und Flamme, Patriotismus, Brüderlichkeit und Freikorpswesen; es war politisch, war deutscheeH“. Für Maurer waren die „deutschen Maler der Romantik veritable Aussteiger, vielleicht die ersten der Geschichte“.

 

02 Ludwig Passini Künstler im Cafe GrecoLudwig Johann Passini (1832–1903): Künstler im Caffé Greco in Rom, 1856, Aquarell, 49 × 62,5 cm. Hamburger Kunsthalle. Gemeinfrei

 

Es ist nicht allein Horny, dessen Werk der Autor in den Vordergrund stellt, sondern es gibt da noch ein paar andere Künstler, denen wir in seinem Buch begegnen. Für viele Leser interessant mag die Beschäftigung mit Carolsfeld sein, dessen Zeichnungen uns ziemlich fremd geworden sind, der im 19. Jahrhundert jedoch eine enorme Popularität genoss. Maurer gelingt es, den Qualitäten dieses Künstlers gerecht zu werden, indem er uns mit zwei Zeichnungen aus der Umgebung Olevanos bekannt macht, in denen Carolsfeld ein bescheidenes Bauernhaus zeigt. „Gottgefälligkeit“, deutet Maurer das Blatt, sei „das eigentliche Thema“, wohl auch, weil allein das Gärtnerische und Kultivierte, nicht aber die ungezähmte Natur abgebildet wird. Es ist nichts Spektakuläres, das diese Zeichnungen abbilden und das Maurer in der Kunst Carolsfelds sucht, sondern der Autor sieht in ihnen „gewissermaßen Archetypen der menschlichen Kultur des Siedelns“. „Eine stille Würde“, schreibt er, „geht aus von der Beschränkung der Mittel und dem sicheren Mittel um ihre Anwendung. Allein die rings um die Olivenbäume an der Hausmauer aufgeschichteten Steinmauern lassen erkennen, dass hier gewirtschaftet wird, wie es seit Urzeiten bester Brauch und Sitte ist.“

 

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Franz Horny: Blick auf Olevano, 1820, Pinsel in Braun über Bleistift auf Papier. Städel Museum Frankfurt/M. Gemeinfrei

 

Vielleicht ist es deutlich geworden, dass dieses Buch weder eine wissenschaftliche Studie noch ein nettes Sachbuch ist, sondern ein sehr persönlich geprägtes Werk, das einerseits dank der stilistischen Fähigkeiten des Autors – sein Deutsch ist reich, seine Perioden sind schön lang und trotzdem immer fließend und entsprechend gut lesbar –, andererseits wegen der meist zurückhaltenden Ironie, die sein persönliches Engagement begleitet und den Text gelegentlich geradezu funkeln lässt. Besonders im letzten Kapitel, „Postskriptum“ überschrieben, kommen diese Qualitäten zum Tragen. Der Autor besucht Olevano – nicht ganz so, wie es seine Helden tun, also nicht per pedes – und schildert seine Erlebnisse im Dorf in einem ironisch angehauchten Ton und dabei doch immer realistisch. Großartig!

 

Wie orientiert sich ein Kunsthistoriker in einer kunsthistorisch bedeutenden Gegend? Geht er in Rom zum nächsten Kiosk, um sich Material zu besorgen? Studiert er Google Earth? Nein, er fotografiert vorab in der Hamburger Kunsthalle eine Ölskizze Heinrich Reinholds und glaubt, so den Weg finden zu können. Das nenne ich Vertrauen in die Kunst! „Gut, sage ich laut zu mir selbst (denn wer ein großes Haus alleine bewohnt, beginnt genau das zu tun), Nord und West und Süd zersplittern, Throne bersten, Reiche zittern – aber die Topografie bleibt doch immer dieselbe.“ Und so, nachdem er nun doch den alten Gockel von Weimar zitiert hat, wandert er querfeldein, passt nicht auf, stolpert und verletzt sich. Als einem Mann der klassischen Bildung fällt ihm zwar kein Vers, aber doch immerhin der richtige Vergleich ein: „Da liege ich wie Prometheus auf dem glitschigen Fels, presse die Augen zu und denke nur: Lieber Gott, bitte mache, dass nichts gebrochen ist.“ (331)

Solche Schilderungen machen Spaß. Und zusätzlich kann man einiges lernen.


Golo Maurer: Olevano. Als ein paar romantische Aussteiger in Italien die deutsche Kunst erfanden

C.H. Beck 2026

384 Seiten

ISBN 978-3406842894

Weitere Informationen (Verlag)

Leseprobe (PDF)

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