Film

„Das Neue Evangelium” inszeniert Milo Rau als Manifest der Solidarität, eine radikale Neuinterpretation der Kreuzigung Christi: Hybrid aus Dokumentar- und Spielfilm, politischer Aktionskunst und zornig emotionalem Aufschrei.

Der Schweizer Theatermacher, Autor und Filmregisseur zeigt den Entstehungsprozess seines Passionsspiels als Spiegelbild westlichen Kapitalismus. Jesus, den Sozialrevolutionär, verkörpert der schwarze Politaktivist Yvan Sagnet, in Süditalien Symbolfigur des wachsenden Widerstands von Migranten gegen Ausbeutung und Mafia.

 

In Matera, Region Basilicata, jenem magischen Ort, der an ein Jerusalem vor 2000 Jahren erinnert, drehte 1964 schon Pier Paolo Pasolini sein legendäres Leinwandepos „Das 1. Evangelium - Matthäus“, hier entstand auch Mel Gibsons „Die Passion Christi“ (2004). Die UNESCO erklärte Matera 1993 zum Weltkulturerbe. Die berühmten „Sassi”, in Felswände geschlagene Höhlensiedlungen waren 1952 auf Grund ihrer unzumutbaren Lebensbedingungen geräumt worden, es gab weder Strom noch fließendes Wasser, heute beherbergen die Stadtviertel Museen, Hotels, Lokale und Souvenirläden. Touristen drängen sich auf den engen steilen Straßen, und auch sie werden miteinbezogen in Milo Raus Filmarbeit. Die Darsteller der Jünger Jesu stammen aus den Elendsquartieren des Umlands, sie verdingen sich als Tomaten- und Orangenpflücker für wenige Euros am Tag auf den Feldern. Flüchtlinge, Exprostituierte und Kleinbauern, von mächtigen Agrarunternehmen und den steigenden Getreideimporten in den Ruin getrieben. Andere Rollen besetzte der Regisseur mit professionellen Schauspielern. So übernahm Enrique Irazoqui, der jüngst verstorbene Jesus-Darsteller Pasolinis hier den Part von Johannes dem Täufer. Maia Morgenstern, Intendantin des jüdischen Theaters in Bukarest, spielt, wie auch bei Mel Gibson, die Mutter des Messias. Und der von der Kritik gefeierte Marcello Fonte („Dogman”) spielt Pontius Pilatus.

 

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Seit fast 20 Jahren setzt sich Milo Rau mit den Widersprüchen der Weltwirtschaft auseinander. In der „Europa-Trilogie“ (2014-16) stellte er die Geschichten von Schauspielern aus 13 Ländern zusammen. Für den Film „Das Kongo-Tribunal“ (2017) richtete er ein globales Wirtschaftstribunal im ostkongolesischen Bürgerkriegsgebiet ein, europäische und kanadische Rohstoffunternehmen hatten dort Hunderttausende Menschen unter den Augen der Vereinten Nationen vertrieben. Bergleute und Manager Rebellen und Regierungspolitiker beantworten die Fragen einer Jury, die aus nationalen und internationalen Anwälten besteht. Das Projekt, nominiert für den Schweizer als auch den Deutschen Filmpreis, führte zur Entlassung zweier Minister und des Gouverneurs der kongolesischen Bergbauprovinz Sud-Kivu. Die Bildsprache der Bibel ist längst schon essenzieller Bestandteil von Milo Raus Oeuvre wie in der Pasolini-Adaption „Die 120 Tage von Sodom“ (2017, Schauspielhaus Zürich) oder dem groß angelegten Glaubensprojekt „Das Genter Altarbild“ (2018, Nationaltheater Gent), „Das Neue Evangelium” war ein Auftrag anlässlich der Ernennung Materas zur „Kulturhauptstadt Europas 2019“. Der „außergewöhnliche antike Frieden“ des Ortes faszinierte den Regisseur: „Ziel war es, den ursprünglichen Geist der Passionsgeschichte der sozial Benachteiligten, der Armen, der Arbeitslosen, der Ausgestoßenen, der Ausgegrenzten und der Flüchtlinge zu bewahren.“ Allein in Italien leben mehr als 500.000 Flüchtlinge im Untergrund.

 

Sieben Jahre ist es her, dass Papst Franziskus in Lampedusa die „Globalisierung der Gleichgültigkeit”, angeprangert hat: „Das kapitalistische System tötet”. Italien kriminalisiert die Rettung Ertrinkender. Milo insistiert: Was verlangt die Bibel wirklich von uns? Was war mit dem radikalen Nein des christlichen Propheten zum römischen System von Imperialismus gemeint? Für wen würde Jesus heute kämpfen und wer stünde dabei an seiner Seite? Was ist von der Heilsbotschaft im 21. Jahrhundert geblieben? Wer sind die Vertriebenen, Ausgestoßenen, die Gedemütigten der heutigen Weltordnung? Ivan Sagnet kam 2008 aus dem Kamerun nach Italien, 2013 machte er seinen Abschluss im Fachbereich Telekommunikationstechnik am Politecnico di Torino. Er hat selbst auf den Tomatenfeldern gearbeitet, bevor er sich 2011 als Anführer des ersten Landarbeiterstreiks gegen die Ausbeutung auflehnte. Dieser Streik schaffte nicht nur ein Bewusstsein in der Bevölkerung für die Missstände, es ermöglichte, dass „Caporalato”, jenes Aufsehersystem der Mafia, endlich als Verbrechen eingestuft wurde und führte schließlich zum ersten Gerichtsprozess wegen Sklaverei und der Verurteilung von zwölf Unternehmen. „Rivolta della Dignità“, Revolte der Würde, heißt die Emanzipationsbewegung der Entrechteten. Der Politaktivist hat seine Jünger in den erbärmlichen Camps der Erntehelfer gefunden, manche der Apostel sind weiblich, die Mehrzahl muslimisch. Biblische Erzählung und reale Revolte verschmelzen miteinander. Wenn Sagnet und seine Mitstreiter auf den Straßen von Matera demonstrieren, die Faust kämpferisch erhoben, tragen er und seine Apostel die historische Tunika, auf ihren Plakaten prangt das Jesusantlitz mit der Dornenkrone. Sagnet wirkt bescheiden, fast unsicher, aber er besitzt die Entschlossenheit sowohl des Rebellen wie des Erlösers. „Sprich mit den Pharisäern wie ein Marxist, der auf bürgerliche Bürokraten einredet,” empfahl ihm Enrique Irazoqui, ein Ratschlag, der ihm einst Pasolini gegeben hatte.

 

Milo Rau versteht zu überzeugen, in dem Mysterienspiel über Armut, Glaube und Würde treffen christlicher Mythos und die touristische Realität aufeinander: „Verliert der Mensch seine Würde, wird er zum Tier, zum Objekt. Die Revolte der Würde umfasst also die Bemühungen der Menschen, menschlich zu bleiben. Wer für die eigene Würde und das eigene Wohlergehen eintritt, kämpft damit für die Würde und das Wohlergehen aller Menschen. Diese Lehre können wir aus den Evangelien ziehen. Aber wir können sogar noch einen Schritt weiter gehen und sagen: Wir dürfen nicht aufhören, die Ungerechtigkeit der Welt zu verurteilen. Denn diese Fähigkeit zu verlieren, bedeutet den Abstieg in die Barbarei. Wir müssen uns zusammen schließen, um mit vereinten Kräften das Böse zurückzudrängen, das, was die Bibel „Teufel“ nennt.“ Die Touristen bleiben meist das, was sie überall sind, neugierige Zuschauer, eher unbeteiligt am Schicksal des Erlösers, mehr genossen hätten sie die Dreharbeiten mit James Bond Darsteller Daniel Craig. Anders die Einheimischen beim Casting, bizarr manchmal ihre Analyse des biblischen Stoffes und der eigenen Rolle. Verstörend ein junger muskulöser Italiener, der seine schauspielerischen Qualitäten als Folterer in der Kirche vor dem Altar unter Beweis stellt. Er prügelt, peitscht erschreckend überzeugend auf einen braunen Plastikstuhl ein, der Hass auf alles Fremde scheint so grenzenlos, seine rassistischen Tiraden, die Lust darauf, „den heiligen Gott zu massakrieren“, lassen den Atem stocken. Realität trifft auf Fiktion. Der Bürgermeister von Matera sagt vor laufender Kamera, er würde gern das Kreuz Jesu tragen, es klingt verkehrt, absurd, ein unfreiwilliger Moment der Komik, der Lokalpolitiker meint es ernst und die Rolle des Simon von Zyrene.

 

Die Emotionen der Flüchtlinge sind oft verhalten, ihr Schmerz, ihre Verzweiflung, ihre Wut aber um so deutlicher spürbar. Kein stürmischer revolutionärer Kampfgeist packt die Außenseiter, zu lange wurden sie unterdrückt, sie müssen den Widerstand erst lernen. Angst vor der Hoffnung, Angst vor neuen Enttäuschungen, vielleicht auch Angst vor der Kamera. Die Szenen der verschiedenen Ebenen, das Making-of des Passionsspiels und das Making-of der Rebellion kommentieren und ergänzen einander. Das unerwartete gewaltsame Räumen der Camps gehört wie überall in Italien zum Alltag, die Bürger ignorieren oder begrüßen es. Kameramann Thomas Eirich Schneider kreiert mitreißende Bilder zwischen tristen Steinwüsten, extremster Armut und betörender Schönheit, verbindet kinematographische Tradition mit moderner Interpretation . Wo die Worte fehlen, erzählen Gesichter von Tod, Verlust und Hoffnung. Milo Rau gilt als umstrittener wie auch genialer Regisseur, nicht überraschend wenn die rechte Presse sich gehässig mokiert: „Ein schwarzer Jesus lockt die Migranten zu uns“, schrieb die rechte Tageszeitung „La Verità“. „Könnten Migranten tatsächlich über Wasser gehen, hätten wir ein echtes Problem.“ „Das Neue Evangelium” ist ein kraftvoller, beeindruckender Film und universelles Gleichnis. Was immer die Menschen sonst ob ihrer Herkunft oder Religion trennt, hier kämpfen Christen, Muslime, Juden, Atheisten, Geflüchtete und Europäer Seite an Seite um ihre Würde.

 

 


Originaltitel: The New Gospel

Produktionsland: Deutschland, Schweiz, Italien 2020
Regie & Drehbuch: Milo Rau
Darsteller: Yvan Sagnet, Enrique Irazoqui, Marcello Fonte, Maia Morgenstern
Länge: 107 Minuten
Kinostart: ursprünglich am 17. Dezember, nun Video-on-Demand
Verleih: Port au Prince Pictures GmbH

Fotos, Pressematerial & Trailer: Copyright: Fruitmarket;  Port au Prince Pictures GmbH

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