Das Ende der Amtszeit von Mariano De Santis (berührend gespielt von Toni Servillo) als Präsident der italienischen Republik rückt näher. Der katholische Jurist, Witwer und Einzelgänger, muss noch über zwei Gnadengesuche entscheiden. Er grübelt, schiebt die Entscheidungen immer wieder hinaus. Persönliches und Politisches überschneiden sich.
Die Trauer um seine vor acht Jahren verstorbene Frau Aurora quält ihn Tag für Tag, aber mehr noch die Tatsache, dass sie fremd gegangen ist und er nicht weiß, mit wem. Dieser Verrat hat seine Beziehung zu Macht und Vergebung erschüttert. Regisseur Paolo Sorrentino („La Grande Bellezza“ 2013) konzentriert sich auf die Verlorenheit des Protagonisten; die Kamera verwandelt in frostigen Totalen die großen weitläufigen Räume des Amtssitzes in düstren Bastionen der Einsamkeit und formaler Strenge.
Draußen beim offiziellen Empfang vor dem Quirinale-Palazzo beäugt De Santis misstrauisch den betagten portugiesischen Amtskollegen, der aus der Staatslimousine aussteigt, sich bei strömendem Regen und Sturm über einen widerspenstig aufbäumenden roten Teppich schleppt, taumelt und stürzt. Tragik verkommt zur Farce, während der konservative Moralist sich sorgt, ob die Spuren des Alters auch ihn schon der Lächerlichkeit preisgegeben haben. Die Ironie ist dieses Mal scheinbar sanfter, voller Wehmut, spürbar: die respektvolle Zärtlichkeit für den alternden Helden. Ähnlich wie in „Ewige Jugend“ besitzt die poetische Parabel bei aller Tragik eine trügerische Leichtigkeit. Mariano De Santis ist ein fiktiver Charakter, im Gegensatz zu den auf realen Vorbildern basierenden Polit-Satiren wie „Il Divo – der Göttliche“. Kostbar sind dem ehemaligen Richter die Momente der Freiheit, wenn er auf dem Dach des Palazzos mit Blick über die Ewige Stadt ungestört eine seiner geliebten Zigaretten rauchen kann. Abgesehen davon schwärmt er für den Gangsta-Rap von Gué, liebt das Strafrecht wie seine Kinder, und findet am Ende in der Chefredakteurin von Vogue eine wirkliche Vertraute.
In „La Grazia“ dreht es sich immer wieder um Zeit, jene, die unweigerlich verloren ist und jene, über die der Protagonist entscheiden muss, wie das von seiner Tochter Dorotea ausgearbeitete Gesetz über Sterbehilfe, ein für ihn fast unlösbares moralisches Dilemma. Die Frage: Wem gehören unsere Tage, zieht sich wie ein roter Faden durch Sorrentinos 11. Kinofilm. Manche Kritiker taten sich noch etwas schwer mit dieser intimen melancholischen Reflexion über Identität, Verantwortung, Liebe, Vaterschaft und Moral. Für den italienischen Regisseur ist „La Grazia“ nach eigenen Worten „ein Film über Zweifel. Und darüber, wie notwendig es ist, sich auf sie einzulassen. Besonders in der Politik – heute mehr denn je, in einer Welt, in der Politiker allzu oft plumpe Bündel von Gewissheiten präsentieren, die nur Schaden, Reibung und Groll produzieren. Solche Gewissheiten untergraben das kollektive Wohl, den Dialog und die Harmonie.“
Niemandem zuvor gelang es, die strenge Schönheit Roms einzufangen wie Paolo Sorrentino, er entdeckt immer neue verblüffende Perspektiven. Dunkel, Dämmerung und Nebel verdrängen dieses Mal jede Art aufdringlicher Sonnenaufgänge. Die Stadt ist real und unwirklich zugleich; ihre Magnificenza verunsichert gerade den, dem es plötzlich an Sicherheit mangelt, wie Mariano De Santis. Konflikte verbirgt er in seinem tiefsten Inneren. Diskretion wie auch seine unaufdringliche Eleganz sind längst unverzichtbare Teile der Persönlichkeit geworden. Der ehemalige Richter verblüfft uns mit der Raffinesse juristischer Argumentation, seine Gedankengänge können konkurrieren mit der verbal arroganten Wortakrobatik aus „La grande Bellezza“. Das opulente Leinwandepos von 2013 erzählte vom Zeitalter der eifrigen Schwätzer.
53 Jahre waren damals vergangen seit Frederico Fellinis „Dolce Vita". Regisseur Sorrentino nahm den Zuschauer mit auf eine bildgewaltige imaginäre Reise, offenbarte uns die verborgenen Schätze der ewigen Stadt und der klassischen Literatur. Vorneweg immer Toni Servillo als Jep Garbardella, der sich selbst zum Re, dem König der schillernden mondänen Welt, ernannt hat. Er genießt es, mit seinen eloquenten ironischen Diskursen die Feste der Reichen und Möchte-Gerne-Schwätzer zu torpedieren. Mit seinem Debütroman erlangte er einst für einen Moment Berühmtheit; es genügte, um sich in der High Society zu etablieren. Seitdem arbeitete Jep mit geringem Enthusiasmus, aber mit dem allseits geschätzten Charme als Journalist. Der 65-Jährige besitzt keinerlei Ambitionen, sein eigentliches Metier erschöpfte sich darin, Kunst und Leben zu genießen, den unverwechselbaren brillanten Zynismus zu kultivieren. Habitus und Gestik sind die eines leicht clownesken alternden Verführers aus Neapel. Ennui, eine Spur von Langweile, in der Tradition Baudelaires prägt sein bequemes Leben. „La noia" lautet auch der Titel des Romans von Alberto Moravia, den Jep so gern zitiert. Gustave Flaubert aus dem 19. Jahrhundert steht dem Protagonisten näher als sein bester etwas trotteliger Freund (Carlo Verdone). Seine Amici gehen ihm alle auf die Nerven, er begegnet ihnen mit milder Herablassung, manchmal auch echter Wärme. Die menschlichen Schwächen, er vergibt sie vielleicht nicht, aber toleriert sie. Als seine Jugendliebe stirbt, holt ihn die Vergangenheit ein.
Mariano De Santis ist das absolute Gegenteil von Jep, diesem clownesken selbst ernannten König der mondänen italienischen Schickeria. Das Minenspiel von Schauspieler Toni Servillo erstarrt zur Maske des kultiviert kontrollierten Politikers (ein Phänomen, heute kaum noch vorstellbar). Die inneren Kämpfe, Zerrissenheit und Zweifel spiegeln sich nichtsdestotrotz in dem Gesicht des Protagonisten. Er, der so gerne träumen würde und es nie kann, trägt schwer an der Bürde seiner Vergangenheit; eine Zukunft scheint unvorstellbar. Sechs Monate bleiben ihm noch, um Lösungen zu finden, die vielleicht sein gesamtes Lebenswerk in Nachhinein zerstören. Seine Tochter, eine leidenschaftliche Juristin, wirft ihm vor, er habe keinen Mut, und doch wissen wir, er besitzt den Mut eines Mannes, der bereits bereit ist, alles zu riskieren – nur eben fern der ostentativen autokratischen Exzesse unserer Zeit. Für diese Rolle wurde Toni Servillo bei den Filmfestspielen in Venedig als bester Schauspieler ausgezeichnet.
Im Kosmos von Sorrentino tauchen sie immer wieder auf, jene Töchter, die recht autoritär über die Gesundheit der Väter wachen, was ihnen nicht unbedingt gedankt wird. Dorotea wohnt mit ihrem Vater im Quirinale, skrupellos beraubt sie den Speiseplan seiner Highlights. De Santis’ einziges Zugeständnis an ein Privatleben sind die Besuche zum Abendessen von Coco Valori (Silvia Marigliano), bitterböse Kunstkritikerin und langjährige Freundin der Familie; sie taucht wie ein Wirbelwind auf und verschwindet ebenso schnell wieder. Welche Rolle sie in seinem Leben spielte, ahnt der Protagonist nicht. Nähe entsteht selten, vielleicht am ehesten bei einer Live-Schalte ins All. Die Verbindung ist gestört, kein Ton. Der Astronaut schwebt über den Fernsehbildschirm, beginnt unvermittelt zu weinen, dann lächelt er. Eine Träne schwebt schwerelos durch den Raum; De Santis greift danach.
„La Grazia“ ist auch ein Film über Vaterschaft, erklärt Paolo Sorrentino in seinem Directors’s Statement: „Politiker verdienen diesen Titel nur dann, wenn sie die edlen und verlässlichen Eigenschaften guter Eltern verkörpern – nicht, wenn sie in die Rolle des launischen Kindes schlüpfen, wie es heute allzu verbreitet ist. Mariano ist ein nobler Vater. Und als intelligenter, zweifelnder Mensch weiß er auch, wann es an der Zeit ist, wieder Sohn zu sein. Wenn das Alter voranschreitet und die Gegenwart verständlich wird, begegnet er ihr nicht mit Verachtung oder sinnloser Nostalgie, sondern öffnet sich ihr durch seine Kinder, die die Welt besser begreifen. Und er vertraut ihnen.“
„La Grazia“ ist eine Exkursion in die Vergangenheit und in ein Italien, das den meisten verschlossen bleibt. Und es ist eine Hommage an Krzytof Kieslowskis zehnteiligen Filmzyklus „Dekalog“ (1988–1998). Als "der Plot aller Plots“ bezeichnet ihn Sorrentino. „Die einzig fesselnder Geschichte. Mehr noch als jeder Thriller. Ich glaube nicht, auch nur annähernd an Kieslowskis Genie heranzureichen oder die Tiefe zu erreichen, mit der er moralische Fragen ergründete. Doch ich fühle mich verpflichtet, es zu versuchen – in einer historischen Zeit, in der die Ethik oft optional, schwer fassbar, undurchsichtig oder lediglich aus instrumentalen Gründen bemüht wird. Ethik ist eine ernste Angelegenheit. Sie hält die Welt zusammen. Und Mariano De Santis ist ein ernsthafter Mann."
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Regie: Paolo Sorrentino
Drehbuch: Paolo Sorrentino
Darsteller: Toni Servillo, Anna Ferzetti, Orlando Cinque, Milvia Marigliano, Massimo Venturiello
Produktionsland: Italien, 2025
Länge: 133 Minuten
Kinostart: 19. März 2026
Verleih: MUBI Deutschland GmbH
Fotos, Pressematerial & Trailer: © MUBI

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