Bei Julia Ducournaus neuem Film nicht auf eine Fortsetzung von „Titane“ oder „Raw“ spekulieren, sonst ist Enttäuschung vorprogrammiert. Die visionäre französische Regisseurin hat ihr Universum radikal entkernt von der schützenden Distanz der Genrekonventionen wie dem Body-Horror. Ducournau will Realität, Nähe schaffen zu uns, zu den Gefühlen, zur Vergangenheit.
Le Havre, in den 1980ern. Die 13-jährige Alpha (grandios Mélissa Boros) kommt von einer nächtlich wilden Party heim, auf ihrem Arm ein selbst geritztes Tattoo – der Buchstabe A. Sie erinnert kaum etwas, zu viel Alkohol, zu viel Rebellion. Ihre Mutter (Golshifteh Farahani), Ärztin und alleinerziehend, packt kaltes Entsetzen; sie fürchtet, die Tochter könnte sich durch die schmutzige Nadel einer Spritze mit dem überall grassierenden tödlichen Virus infiziert haben.
Mittendrin zwischen den Sterbenden im Krankenhaus arbeitet die Mutter. Eine Welt der Machtlosigkeit, in Auflösung begriffen. Panik auch in der Schule: Während des Schwimmunterrichts bricht das verschorfte Tattoo auf; das Wasser des riesigen Beckens färbt sich rot, und Alpha, als Enkelin von Emigranten, ist eine Ausgestoßene, unabhängig von den Testergebnissen. Die Kranken erstarren langsam zu weißem marmorähnlichem Stein, das Blut mutiert am Ende zu rotem Wüstensand, den die Stürme in jeden Winkel der Hafenstadt tragen. Der Regisseurin geht es weniger um das Virus als um die Stigmatisierung, den Schwulenhass, die Infizierung mit der Angst, ein Trauma von einer Generation zur nächsten weitergegeben. Marmor als Referenz zu religiösen Skulpturen, Ducournau versucht so den Erkrankten ihre Würde zurückzugeben, die Sterblichkeit ihrer Figuren auf eine sakrale Ebene zu heben, das Kino als Kathedrale, Tempel des Erinnerns.
Unerwartet taucht nach jahrelanger Abwesenheit Amin (überragend: Tahar Rahim), der drogensüchtige, zum Skelett abgemagerte Bruder der Mutter, auf und quartiert sich in Alphas Zimmer ein. Zunächst reagiert die 13-Jährige mit Abwehr auf den Eindringling, der sie als Fünfjährige betreut hatte. Das Kind damals kannte noch keine Scheu vor den Einstichstellen, für die Kleine waren es lustige Punkte, die sie mit Filzstift spielerisch verband. Ganz langsam kommen die beiden einander wieder näher, sind am Ende mehr Seelen- als Blutsverwandte. Amin will sterben – Erlösung von den Qualen –, doch seine Schwester, die namenlose, sich für alle aufopfernde Mutter, will ihn nicht loslassen. Ein Drama von verstörender, mutiger Eindringlichkeit bewegt sich zwischen Realität, Fantasie, Erinnerung, Halluzination und verschiedenen Zeitebenen, emotional und metaphorisch überbordend. Beunruhigend und doch voller Zärtlichkeit, artikuliert es Unaussprechliches, erzählt von der (Un-)Möglichkeit, geliebte Menschen loszulassen: ein Survival-Trip in den eigenen vier Wänden.
Die 13-jährige Alpha verschmilzt mit ihrem Ich als Fünfjährige (Ambrine Trigo Quaked). Das Genre und sein kathartisches Potenzial sind immer noch da, verborgen in den dramatischsten, verletzlichsten, unaussprechlichsten und gefährlichsten Momenten. „Wenn man sich mit dem Körper eines Menschen beschäftigt“, erklärte Julia Durcournau, „beschäftigt man sich mit seinem intimsten Teil. Je näher man ihm kommt, desto näher kommt man seiner Verletzlichkeit. Und je mehr man sich damit auseinandersetzt, desto mehr übernehmen die Emotionen die Oberhand. Das ist etwas, das ich ganz bewusst anstrebe. Bei jedem Film, den ich mache, sagte ich mir, dass ich noch weitergehen kann, dass ich etwas noch Aufrichtigeres ausdrücken kann, etwas, das noch näher an dem liegt, was ich tief in meinem Innersten wirklich fühle. Das treibt mich an, meine Ängste so präzise wie möglich auf die Leinwand zu bringen.“
Die jugendliche Protagonistin reißt uns mit hinein in ihre Angstvisionen; sie will abhauen. Die Panik, die Kontrolle der Mutter, jene unheilvollen Tests nehmen ihr die Luft zum Atmen. Sie ist zum ersten Mal verliebt, taugt nicht zur Rebellin, eher zurückhaltend, burschikos, aber nun erträgt sie das wohlbehütete Nest keine Sekunde mehr, nimmt nur das Nötigste mit, klettert aus dem Fenster auf das Baugerüst davor. Draußen wütet ein fast apokalyptischer Sturm; die losen Plastikplanen knallen gegen die Metallstreben; unbarmherzig der Sound, nirgendwo Schutz vor der tödlichen Tiefe. Alpha ruft verzweifelt nach Hilfe, nach der Mutter. Stand in „Raw“ und „Titane“ die Vaterfigur im Mittelpunkt, ist „Alpha“ dagegen ein Psychogramm einer Mutter-Tochter-Beziehung, fundamental wie traumatisch. Die Regisseurin: „Es geht um mehr als nur darum, sich von den Erwartungen der Eltern zu befreien oder ihre Anerkennung zu suchen. Es geht darum, sich aus einer symbiotischen Beziehung, einer Verschmelzung, zu befreien…Die Figur ist nicht nur die Mutter von Alpha. Sie ist eine Mutter für ihre Patienten, für Amin, für die gesamte Menschheit. Ihr mütterlicher Instinkt reicht über die ganze Welt. Sich davon zu lösen ist unglaublich schwer.“ Wir erleben diese Welt aus der Sicht der 13-Jährigen, selbst wenn sie physisch nicht anwesend oder, wie in der Tattoo-Szene, bewusstlos ist. Ihr Geist verlässt den Körper, schwebt über den Partygästen, signalisiert, dass sie einer Hellseherin gleich Dinge wahrnehmen kann. Das hochemotionale Sounddesign vermischt sich mit den beängstigend lauten Hintergrundgeräuschen. Tame Impalas „Let It Happen“ ist wie ein Aufschrei. Uns gelingt manchmal nicht zwischen Albtraum oder Realität zu unterscheiden, wir begreifen aber die innere Verunsicherung in einer Zeit, die ihre Bürger permanent mit Ablenkung bombardiert, keinen Raum lässt für Trauer, sie ungefiltert an die nächste Generation weitergibt.
Julia Ducournau gelingt es in jeder Phase, die Auswirkungen der Krankheit auf die Gesellschaft visuell umzusetzen – etwa durch den Kontrast zwischen vorher und nachher. Zusammen mit ihrem Kameramann Ruben Impens hat sie daran gearbeitet, der Vergangenheit das Aussehen der Fotos von Kodak-Einwegkameras zu verleihen: warm, dicht, übersättigt, mit einem Hauch von Nostalgie. „Und wir versuchten, dies mit der Gegenwart des Films zu kontrastieren, in der alles extrem entsättigt ist. Die Idee war, zu zeigen, wie die Angst innerhalb weniger Jahre alles verändert hat, von einer einheitlichen Gesellschaft zu einer fragmentierten, kälteren, industrielleren, fast metallischen Gesellschaft, einer Gesellschaft, in der fast jede Figur eine Gefangene ihrer eigenen Einsamkeit ist.“ Das ist das bedrohliche Spannungsfeld, in dem Alpha heranwächst, Kind, Teenager, junges Mädchen. In allen Filmen der Regisseurin geht es um jemanden, der eine Verwandlung durchmacht. „Oder, genauer gesagt, eine Mutation“, so Ducournau. „Ich bevorzuge das Wort, weil ich mich sehr auf die Körper meiner Figuren konzentriere. Ich studiere sie genau. Verwandlung klingt, als wäre es nur eine vorübergehende Phase, während Mutation etwas Dauerhaftes ist.“ Ähnlich dem Tod. Körper als Ort der Wahrheit: Er lügt nicht. Wir sind es, die versuchen, ihn unter Kleidung und Make-up zu verbergen, ihn zu manipulieren, ihm keine Schwäche zu verzeihen; dabei ist gerade seine Verletzlichkeit, die uns Menschen miteinander verbindet.
In dem melancholischen Familien-Epos kämpfen drei Menschen um die Durchsetzung ihres Verständnisses von Leben, oder besser um die Freiheit zu gehen, wenn das Ende naht. Dürfen wir andere dazu verurteilen zu bleiben? Vielleicht nur, weil wir selbst noch nicht bereit sind, loszulassen, uns dem Unvermeidlichen zu beugen, den Schmerz der Trennung nicht ertragen wollen? Immer wieder zerrt die Schwester ihren Bruder gegen seinen Willen zurück ins Leben. Jede der Szenen ist metaphorisch meisterhaft in Szene gesetzt. Alpha hat lange genug auf engstem Raum mit dem Onkel zusammen gehaust schlimmer als in einem Gefängnis. Sie versteht ihn; sein Schmerz ist ihrer, lange bevor sie eines Tages sterben wird. Umso mitreißender der bildgewaltige Ausbruch der beiden aus ihrer Isolation.
„Alpha“ und „Titane", das Erlöser-Epos getarnt als feministischer Body-Horror, ergänzen sich in ihrer Gegensätzlichkeit zu einem Weltbild: Autoshows sind ihre Bühne, wenn Erotik-Tänzerin Alexia (phantastisch Agathe Rousselle) den aufgemotzten Luxusschlitten umarmt, sich ihr Körper aufbäumt und zu vibrieren beginnt, löst sie bei Männern wie Frauen gleichermaßen Begehren aus. Das magere androgyne Wesen ist ein Star; daneben verblassen die anderen Showgirls, so akrobatisch deren Performance auch sein möge. die Handys sind auf Alexia gerichtet, folgsam gibt sie Autogramme, posiert für Selfies. Die mysteriöse Blonde muss sich dazu zwingen, menschliche Nähe ist ihr zuwider, Lust verspürt sie allein bei Metall. Die Obsession begann früh. Wir sehen sie als kleines Mädchen im Fond eines Wagens mit ihrem Vater (Bertrand Bonello) am Steuer. „Wrumm, wrumm“, lautstark imitiert sie das Motorengeräusch, tritt gegen den Vordersitz, Ermahnungen helfen da wenig, sie versucht alles, um den genervten Erwachsenen zur Weißglut zu bringen. Er verliert die Kontrolle über das Fahrzeug. Crash. Der Vater kommt unverletzt davon, der Kleinen wird jene Titanplatte implantiert, deren Narbe überm Ohr sie heute demonstrativ für alle sichtbar trägt wie eine warnende Botschaft. Doch ein aufdringlicher Fan will nicht begreifen, folgt ihr nach draußen und versucht, sie zu küssen. Die wortkarge Antiheldin rammt dem Mann ihre Haarnadel in den Schädel. Hirn fließt als weißer Schleim aus dem Mund. Alexia tötet mit der Beiläufigkeit eines Konsumenten, der überflüssige Maschinenteile entsorgt.
Es sind nicht die kruden Gewaltausbrüche am Anfang des Films, die uns verunsichern, übrigens auch die oft nur angedeutet, sondern die Intensität der audiovisuellen Sprache, eine Art von überbordende Kreativität, der wir fast hilflos ausgeliefert sind und die manche überfordert. Julia Ducournau und Kameramann Ruben Impens katapultieren uns mit beklemmender Kompromisslosigkeit in die inneren Abgründe ihrer Protagonisten. Als die Kleine nach der Operation endlich aus dem Krankenhaus entlassen wird, ignoriert sie die Eltern, läuft stattdessen auf das Auto zu und umarmt es mit kindlicher Wiedersehensfreude. Voller Abscheu blickt der Vater auf seine Tochter. Ist sie ein frankensteinisches Monster? Regisseur David Paul Cronenberg und Werke wie „Crash” haben die Französin geprägt, aber „Titane“ erinnert mehr an die Gemälde von Caravaggio und „Das Reich der Lichter“ des Surrealisten René Magritte als an den Meister des Body Horrors. Verführerisch blinken die Scheinwerfer des Cadillacs im Dunkel kurz auf. Nackt überquert Alexia den regennassen Parkplatz, verschwindet im Inneren ihres Lieblingswagens. Das intime Encounter mit der Maschine bleibt nicht ohne Folgen. Sie ist schwanger, der Bauch schwillt ungeheuer schnell an, aus den Brüsten tropft Motoröl. Die Antiheldin gleicht vielleicht einer Psychopathin, nur solche Begriffe verlieren bei Julia Ducournau an Bedeutung. Wie viele Morde ihre Protagonistin begangen hat, bleibt offen. Alexia ist zornig, entwurzelt, verunsichert: Triebe oder Getriebe, die stählerne Haarnadel rammt sie sich am Ende selbst in den Unterleib, vergeblich. Was dort wächst, will geboren werden
Ducorneau stört der Hype um die weibliche Perspektive im Filmgeschäft. Sie will nicht durch ihr Geschlecht definiert sein, hasst es, als woman director deklariert zu werden. Es nervt, sie sei „eine Person, ein Regisseur“, erklärt sie in einem Interview mit dem Branchenblatt Variety. Sie mache keine Filme, weil sie eine Frau wäre. „I’m me.” So ein Statement ist ungewöhnlich dieser Tage, und es hat lange gedauert, bis endlich jemand mit dieser Wahrheit rausrückt. Gerade eine Figur wie Alexia soll demonstrieren, wie flexibel Weiblichkeit ist. Die Szenen auf der Autoshow sind eine Art Falle, in die der Zuschauer, auch wie geplant, reintappt: Frauen wie auch Autos als Sexualobjekte. Durcorneau genießt das Spiel mit Stereotypen; sie liebt Monstrosität; rebelliert nicht gegen das Patriarchat; ihr alter weißer Mann beweist, wie ausbaufähig wir moralisch doch eigentlich sind. Vincent verkörpert genau den Vater, der Alexia immer verwehrt war. Ducorneaus Welt basiert auf Genderfluidität und griechischer Mythologie. Titanen sind jene Riesen in Menschengestalt, Nachkommen von Gaia und Uranus. Die Autorenfilmerin würde ihr Drama nie als Body Horror bezeichnen, Body Horror ist hier lediglich Hilfsmittel, Tarnung, um eine Distanz zu kreieren, neue Sichtweisen zu erproben. Menschen und Maschinen taucht sie in ein ständig wechselndes Meer von Licht und Farben, will nicht, dass die Düsternis der Erzählung alles dominiert. Selbstzerstörung als emanzipatorischer Akt, der Kontrast zwischen Hell und Dunkel, Metall und Feuer begleitet die Protagonisten durch den ganzen Film. Der Soundtrack wechselt von animalisch über impulsiv zu sakral. „Die Musik“, sagt Ducournau, „sollte wie das Licht sein, das durch die Schatten bricht.”
Datenschutzhinweis
Diese Webseite verwendet YouTube Videos. Um hier das Video zu sehen, stimmen Sie bitte zu, dass diese vom YouTube-Server geladen wird. Ggf. werden hierbei auch personenbezogene Daten an YouTube übermittelt. Weitere Informationen finden sie HIERAlpha
Regie: Julia Ducournau
Drehbuch: Julia Ducournau
Darsteller: Mélissa Boros, Tahar Rahim, Golshifteh Farahani. Louai El Amrousy
Produktionsland: Frankreich, 2025
Länge: 127 Minuten
Kinostart: 02. April 2026
DVD Start: 02. Juli 2026
Filmverleih: Plaion Pictures
Fotos, Pressematerial & Trailer: © Plaion Pictures

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)
Kommentare powered by CComment