Nach den neuesten Kinoerfolgen aus und in Italien – wie das tiefgreifendere fiktionale Drama La Grazia (2025) von Oscar-Preisträger Paolo Sorrentino oder der derzeit umsatzstärkste Kassenerfolg aller Zeiten auf italienischem Boden nach James Camerons Avatar (2009), nämlich die Unterhaltungskomödie Buen Camino (2025) mit Multitalent und Komiker Checco Zalone als Protagonisten – besinnt sich der italienische Autorenfilm auf kreative Kräfte des weiblichen Geschlechts. – Hat damit die Stunde eines noch auszurufenden „Autorinnenfilms“ geschlagen? Und wie könnte dieser aussehen?
Diese und andere Fragen drängten sich dem Publikum im Rahmen der bereits zum fünften Mal ausgetragenen US-amerikanischen Internationalen Konferenz über Kino und Medien in Italien (Fifth International Conference of the Journal of Italian Cinema & Media Studies) unweigerlich auf.
Im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses stand dabei die Erkundung neuer Landschaften im Bereich der Film- und Medienwissenschaft in Italien unter Berücksichtigung von deren Geschichte, Ansätzen und Fragestellungen (Exploring the Landscape of Cinema and Media Studies in Italy: Past and Present, Approaches and Issues).
Weit über 100 Teilnehmer aus vier Kontinenten (Asien, Australien, Europa und Nordamerika) und rund zwanzig Staaten versammelten sich vom 11. bis 13. Juni 2026 an der American University of Rome (AUR) in der italienischen Hauptstadt, um solche und ähnliche Herangehensweisen und Ansätze zu diskutieren. Auf dem Gipfel des antiken Gianicolo-Hügels liegt der weiterhin in gepflegtem Ausbau befindliche und seit 1969 im Herzen Roms operierende US-Campus der AUR, auf dem amerikanische und internationale Studierende, Stipendiaten und Preisträger des institutseigenen Rome Prize sowie Gastwissenschaftler und -künstler für unterschiedlich lange Zeiträume leben und arbeiten. An dieser amerikanischen Privatuniversität im römischen Stadtviertel Trastevere, der seit kurzem die neue Hochschulkanzlerin und Vizepräsidentin für akademische Angelegenheiten, Dr. Sabrina Joseph, vorsteht, wurden innerhalb von drei Tagen insgesamt rund 120 Beiträge in drei nebeneinander parallel geschalteten Sektionen geballt vorgestellt. Sie wurden in den Kaffee- und Mittagspausen im Garten des Campus in individuellen Gruppenkonstellationen oder entspannter Studentenatmosphäre zwischen Buffet und Büchertischen bei einem Espresso oder Risotto eifrig besprochen, im Gespräch abgeglichen und in polyglotte Zusammenhänge eingewoben.
Zu den Schwerpunkten der diesjährigen Austragung dieses Kongressformats, das 2012 zeitgleich zum Start der englischsprachigen Zeitschrift Journal of Italian Cinema & Media Studies (JICMS) aus der Taufe gehoben wurde, seitdem alle zwei Jahre an der American University of Rome stattfindet und dieses Jahr seine fünfte Ausgabe gefeiert hat, zählten Themen wie: Queeres Kino, Film und Sozialpolitik, transmediale Zusammenhänge zwischen Politik, Raum und Ästhetik, Nostalgiediskurse, filmische Literaturadaptationen, italienische Fernsehserien, Streamingplattformen, Messenger Dienste und Gaming-Plattformen, Genderfragen, historische und kulturkritische Analysen, Motive der menschlichen Körperlichkeit, Techniken der Stadtverfilmung, das italienische Nachkriegskino, populäre, zwischen Sport, Melodram und Komödie angesiedelte Narrative, die Rolle der Musik im Film oder die cineastische Verortung des Südens.

Foto: © The American University of Rome
Auffällig waren die hier im bildgenerierenden Wissenschaftsdiskurs eher zurücktretende, zuvor jahrelang zentrale, die Diskussionen oft beherrschende Migrationsfrage und deren implizite, indirekte Integration in ein filmisches Storytelling. Dafür stach das sichtbare, aktive Gestaltungsmoment von Frauen als unabhängige künstlerische Agentinnen der italienischen Filmszene hervor. Zwar boten viele Beiträge weiterhin neue und bereits bekannte Expertisen im Bereich des italienischen (und von Männern dominierten) Autorenkinos an: von Federico Fellini, Roberto Rossellini und Luchino Visconti, über Bernardo & Giuseppe Bertolucci, den jüdisch stämmigen, ehemaligen Partisan und 2006 verstorbenen Regisseur des ergreifenden Kriegsdramas Schlacht um Algier (La Battaglia di Algeri, 1966) Gilberto Pontecorvo – mit dem sich eine eigene Sektion beschäftigte – oder den vielfach prämierten Filmkollegen, Weggefährten und Freund von Wim Wenders, Michelangelo Antonioni, bis hin zum intellektuell und künstlerisch anspruchsvollen Regisseur Luca Guadagnino (Filmpreis Köln, 2008) sowie zum hierzulande ebenfalls bekannten und bereits eingangs erwähnten Paolo Sorrentino (La Grande Bellezza, 2013).
Doch insgesamt lief dem „Autorenfilm“ dieses Jahr das Frauenkino in dem von den beiden Italianistik-Professorinnen Dr. Catherine Ramsey-Portolano (The American University of Rome) und Dr. Flavia Laviosa (vom Wellesley College, jener nahe Boston gelegenen renommierten privaten Frauenhochschule in den USA, die u.a. durch den Kinofilm Mona Lisas Lächeln mit Julia Roberts von 2003 bekannt wurde) geschickt zusammengestellten Kongressprogramm realiter den Rang ab. Neuen Input trugen zunächst Studien bei, die von, über und unter Beteiligung von Frauen entstandene Werke untersuchten und somit hervorhoben, wie diese der ästhetisch-geschichtlichen Entwicklung neuer Filmsprachen in Italien Aufwind gegeben haben. Dabei ging es in ganzen Sektionen ebenso wie in einzelnen Beiträgen immer wieder um die Rolle der Frau in der italienischen Kino- und Medienwelt: so etwa um die Präsenz von Frauen in visuellen digitalen Kontexten, Ehrenverbrechen und Gewalt gegen Frauen im Film, das Gesamtwerk oder einzelne Filmanalysen von italienischen Filmemacherinnen, Schauspielerinnen und Regisseurinnen, die Darstellung von Frauenfiguren auf der Kinoleinwand und im Fernsehen sowie die durch die Linse von Frauen betrachtete Repräsentation weiblichen Begehrens und ihrer Sexualität.

Dr. Catherine Ramsey-Portolano (The American University of Rome, Italien) und Dr. Flavia Laviosa (Wellesley College, MA/USA). Foto: © The American University of Rome
Angesichts dieser Dichte weiblicher Themen fühlten sich die römischen Zuschauer unmittelbar an den historischen Überraschungserfolg erinnert, den Paola Cortellesi vor drei Jahren mit Morgen ist auch noch ein Tag (C’è ancora domani, 2023) – auch in deutschsprachigen Kinos – gelandet hat. Ihr Regiedebüt spielte in Italien über 36 Millionen Euro ein, lockte mehr als fünf Millionen Zuschauer in die Kinos und wurde zum landesweiten Phänomen, das sogar internationale Blockbuster wie die US-Komödie Barbie von Greta Gerwig – in ganz Europa ebenfalls 2023 angelaufen – übertraf. Dank des sensationellen Erfolgs von Cortellesis Tragikomödie erlebt Italien – anders als in Deutschland, wo die Folgen der Corona-Zeit die ohnehin schwierige Lage für Kinofilme und -häuser verschärft hat – seitdem „gefühlt“ einen anhaltenden, regelrechten Kino-Boom: Noch 2023 machten italienische Filme im eigenen Land insgesamt einen Marktanteil von 26 Prozent aus. Aus vielfältigen Gründen gestaltet sich die Kinoproduktion dennoch insbesondere für Filmemacherinnen subkultureller Strömungen – genau wie in Deutschland – weiterhin nicht gerade rosig.
Zu diesen die Filmproduktion erschwerenden Gründen zählen etwa die gegenwärtigen vielfältigen Verbreitungsmöglichkeiten über Streamingdienste und der rasante Wandel von Kino und Medien: vom Fernsehen über Videoinstallationen und Filmdigitalisierung bis hin zu sozialen Netzwerken und Webtexten. Auch dass die ästhetischen Grenzen zwischen diesen Kunst- und Kommunikationsformen zunehmend fließend sind und sich im ständigen Wandel befinden, stellt Wissenschaftler vor die Herausforderung, neue theoretische Annahmen zu entwickeln. Aus eben diesem Grund eröffnete die dreitägige Konferenz in Rom die 1. Sektion mit einem 1. Panel, das sich dem „Transkulturellen Film“ (Transcultural Cinema, am 11.6.2026) widmete. Zudem boten die Veranstalterinnen Laviosa und Ramsey-Portolano – neben den quer durch das Kongressprogramm verstreuten Schwerpunkten zum Thema Frauenkino und Autorinnenfilme – den Besuchern auch insgesamt drei spannende, exklusive Filmvorführungen in Anwesenheit der Regisseurinnen an.
Zum Kongressauftakt lief der die Zuschauer unmittelbar in ihren Bann ziehende Debütfilm der in Casablanca 1970 geborenen, in Marokko, Italien und den USA aufgewachsenen und in New York nach einem Literaturstudium mit den Schwerpunkten Theater, Filmkritik und Schauspiel ausgebildeten jungen Regisseurin Mujah Maraini-Melehi. Ihr sehenswerter Film Haiku on a Plum Tree (2016/2018) gefiel nicht nur dem Publikum, sondern auch KulturPort.De so gut, dass darüber in Kürze ein eigener Beitrag folgt.
Während dann am Ende des ersten Kongresstags Giovanna Gagliardos Dokumentarfilm Das Handwerk des Lebens (Il mestiere di vivere, 2024) das Leben, Werk und tragische Ende des mit dem angesehenen Strega-Literaturpreis 1950 ausgezeichneten italienischen Nachkriegsschriftstellers und Übersetzers aus dem Englischen ins Italienische Cesare Pavese (1908-1950) kritisch nachzeichnete, stellte sich am zweiten Kongresstag der Spielfilm Finale allegro (2026) zwar auch dem kontrovers diskutierten Konzept des Freitods bzw. der Beihilfe zur Selbsttötung aus Sicht einer betagteren Pianistin im Herbst ihres Lebens. Aber in dieser letzteren Regiearbeit von Emanuela Piovano wurde die (im Pavese-Film eher literaturhistorisch akzentuierte) Vergangenheitsbewältigung der Nachkriegszeit abgelöst von einer unmittelbar in die Gegenwart katapultierten leisen Hymne auf den Umgang mit dem weiblichen Altern (und dessen Diskriminierungsaspekten), die in ein Plädoyer für die Leichtigkeit des Lebens mündet. Auch bei dieser Präsentation war die Regisseurin des Films Emanuela Piovano anwesend und stellte sich den Fragen des Fachpublikums im Anschluss an die Filmvorführung, nachdem sie und ihr neuester Film von der eigens aus Australien angereisten Filmexpertin Bernadette Luciano (Auckland University) vorgestellt worden waren.
In allen drei hier genannten Filmen von Frauen, die auf diesem US-Europäischen Kongress in Rom vorgestellt wurden, geht es nicht nur um Selbstbestimmung und um die Vermittlungsarbeit zwischen Generationen und den Geschlechtern, sondern auch darum, das Eigene im Fremden und das Fremde im Eigene zu finden. Ihre Suche löst sich in allen drei Fällen am Filmende in jeweils unterschiedlichen, auf diverse Weise überraschenden, bei Maraini-Melehi fast wundersam poetischen Erkenntnissen auf. In welchem Ausmaß dies tatsächlich filmhistorisch oder ästhetisch als Anzeichen für einen „Neuen Autorinnenfilm“ gewertet werden könnte, lässt sich eventuell in einer nächsten Ausgabe des eingangs erwähnten Journal of Italian Cinema & Media Studies (JICMS) – das von der Kongressorganisatorin, -initiatorin und -koordinatorin Flavia Laviosa gegründet wurde sowie bis heute von ihr herausgegeben und vom britischen Verlag Intellect verlegt wird – nachlesen. Schließlich wurde auch diese anerkannte englischsprachige Vierteljahreszeitschrift, die sich die theoretische, methodische und kritische Auseinandersetzung mit Produktion, Vertrieb und Rezeption italienischer Filme und Medien zur Aufgabe gemacht hat, von weiblicher Hand ins Leben gerufen und dürfte den filmischen Anliegen der Frauen besondere Aufmerksamkeit schenken.

Foto: © The American University of Rome
Objektiv betrachtet, versteht sich das JICMS als eine Schaltstelle für den Dialog zwischen italieninteressierten Wissenschaftlern, Filmemachern sowie Film- und Medienschaffenden und ist somit nicht nur ein origineller, wichtiger Teil der internationalen akademischen Publikationslandschaft. Vielmehr stellt diese auf dem freien Verlagsmarkt zugängliche Fachzeitschrift auch ein kleines, aber feines Werkzeug für spezialisierte Cineasten, Filmexperten, Italien- und Kinoliebhaber auf dem freien Markt bereit, wobei sie sich seit ihrer Gründung eine genre- und geschlechterübergreifende, Sprach- und Kulturgrenzen überwindende, genuin transkulturell ausgerichtete Zusammenarbeit – stets nah an progressiven aktuellen Entwicklungen und Kontinente verbindenden, gesellschaftsrelevanten und zukunftsweisenden Diskursen – zum Ziel gesetzt hat.
Fifth International Conference of the Journal of Italian Cinema & Media Studies
- Vollständiges Programm des Kongresses auf der Website der American University of Rome (AUR)
- Homepage des Journal of Italian Cinema & Media Studies (JICMS)
Lesen Sie auch die bei KulturPort.De erschienene Rezension zu „La Grazia“. Paolo Sorrentino und die Wiederentdeckung des Zweifels
Geschrieben von: Anna Grillet - Donnerstag, 26. März 2026

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