In Todesnähe entdecken, wer wir wirklich sind: „Sirāt“ ist ein dystopisches Roadmovie, surreal, spirituell und zugleich von radikaler verstörender Authentizität. Der französisch-spanische Regisseur Óliver Laxe („Fire Will Come“, 2019) kreiert Bilder, die uns wie ein Blitz durchbohren.
Die Wüste, ihre gespenstische Erscheinung und Kangding Rays Kompositionen verwandeln sich zu Landschaften unseres Bewusstseins. Ästhetisch wie inhaltlich sperrt sich das Rave-Drama gegen jede Art der Vorhersehbarkeit. Wenn, dann erinnert es uns vielleicht an Millers „Mad Max“-Reihe oder Antonionis „Zabriskie Point“. In Cannes wurde „Sirāt“ mit dem Preis der Jury ausgezeichnet.
Ein abgelegener illegaler Rave in der marokkanischen Wüste unterhalb gewaltiger Bergmassive: Aus aufeinander getürmten Verstärkern dröhnt rauher Techno, die Körper der Tanzenden bewegen sich im Trance scheinbar wie losgelöst von der Realität. Dazwischen zwei Eindringlinge aus einer anderen Welt, ein älterer fülliger Mann im verschwitzen Hemd, Luis (berührend Sergi López), an seiner Seite der zwölfjähriger Sohn Esteban, sie sind auf der Suche nach Mar, der Tochter /Schwester, die vor fünf Monaten nach einer dieser nie enden wollenden nächtlichen Partys spurlos verschwand. Immer wieder zeigen die beiden das Foto der Vermissten, niemand hat das Mädchen gesehen. Die Hoffnung schwindet, aber die Entschlossenheit sie zu finden ist ungebrochen.
Militär rückt an, löst gewaltsam den Rave auf, EU-Bürger werden festgenommen. Radio Nachrichten berichten vom Kriegsausbruch. Luis schließt sich einer Clique an, die mit ihren schweren zerbeulten Geländewagen aus dem Pulk ausbrechen, die gefährliche Route durchs Gebirge wählen Richtung Mauretanien, um dem Militär zu entkommen. Nur langsam weicht das Misstrauen der Raver widerwilliger Hilfsbereitschaft. Der winzige Van von Luis ist eine Belastung in der unwegsamen Gegend, Esteban und sein Hund können sich leichter integrieren, der Junge empfindet die Flucht als aufregendes Abenteuer, er bewundert die neuen exotischen Weggefährten, ihre Freiheit. Es entsteht eine Gemeinschaft der Verstümmelten und Verletzen, entschlossen zum Überleben wenn auch noch mit verschiedenen Zielen. Jeder Meter des unwegsamen steinigen Wegs hinauf in die Berge kann den Tod bedeuten, die unförmigen Gefährte drohen in die Tiefe zu stürzen. ‚Sirāt', jener feine haardünne messerscharfe Übergang zwischen Hölle und Paradies gibt dem metaphysischen Endzeit-Epos seinen Titel.
Regisseur Óliver Laxe versetzt uns in eine Welt unwiderruflicher Auflösung: Natur, Länder, Grenzen, Überzeugungen aber auch die Handlung selbst. Der Druck auf die Beteiligten wächst, ihre Vergangenheit liegt im Dunklen. War es bewusste Flucht vor der westlichen Gesellschaft oder die Sehnsucht nach wahrer Gemeinschaft? Die Gesichter der Raver sind gezeichnet vom Schicksal. Sie spielen sich selbst. Es mehren sich jene Momente von überwältigender schonungsloser Authentizität, sie bleiben aber immer konstruktiv in ihrer Selbstreflexion grade gegenüber dem Tod. Der stark metaphorisch durchsetzte sinnliche Film hebt gegen Schluss immer mehr ab: Gedanken, Übersinnliches, entlädt sich in Schüben, während Kangding Rays zunehmend minimalistischer Soundtrack mit den großkörnigen 16mm Bildern der Schauplätze zur einer hypnotischen Klanglandschaft mutiert.
Die Wüste ist vermint, das pre-apokalyptische Survival-Epos polarisiert, manche verwehren sich der Spannung zwischen Fiktion, Dokumentarischem und Mystik. Radikal, immer wieder taucht der Begriff auf, selbst Óliver Laxe nennt „Sirāt“ seinen offensten und zugleich radikalsten Film. Und doch sind Worte hier nur unzureichender Notbehelf, dieser irrwitzige existenzielle Roadtrip will erlebt sein, die Spannung zwischen Schrecken, Schmerz und Trost, Gefahr und versteckter Zärtlichkeit - nur dann entdecken wir in den Bildern die Magie der Botschaft.
Óliver Laxe, geboren 1982 in Paris als Sohn spanischer Auswanderer, kehrte, als er sechs Jahre alt war, mit seiner Familie nach Galizien zurück. Nach dem Studium der audiovisuellen Kommunikation lässt er sich in Tanger, Marokko, nieder, wo er den Film „You are all Captains“ dreht und selbst produziert, ausgezeichnet 2010 mit dem FIPRESCI-Preis bei der Quinzaine des Cineasten. 2016 gewinnt er mit „Mimosas“, den Großen Preis der Semaine de la Critique. Zurück in Galizien, dreht er „Fire will come“, der 2019 den Preis der Jury in der Sektion Un Certain Regard erhält.
Óliver Laxe über seinen Film „Sirāt“ und die Bereitschaft mit der Ewigkeit zu tanzen
„Wir leben in unsicheren Zeiten. Selbst mit den besten Absichten, selbst wenn die Umstände uns dazu drängen: Die Richtung zu ändern, ist sehr schwierig. Extreme Erfahrungen aber, vor allem solche in Todesnähe, markieren oftmals einen Wendepunkt in unserem Leben und bringen uns dazu, uns in Bewegung zu setzen. Und zwar in eine gute Richtung. Es sind solche Situationen von radikaler Authentizität, in denen das Leben uns packt und uns zeigt, wer wir wirklich sind. Situationen, die uns ohne Netz und doppelten Boden in die Tiefe stürzen. Genau dann, glaube ich, kann sich der Mensch von seiner besten Seite zeigen, dann verfügt er über eine innere Kraft, die tief mit seinem Überleben und dem Wesen seines Daseins verbunden ist.
Wir alle sind ein bisschen wie Luis: gewöhnliche Menschen mit eher anonymen, langweiligen Leben. Aufgewachsen im Westen, umgeben von grenzenlosem Komfort und stets weit entfernt vom Tod - und genau deswegen oft etwas träge, abgetrennt von unserer inneren Wahrheit. … Doch plötzlich gibt es unerwartete Wendungen, die uns wachrütteln und durch die wir uns fragen müssen, ob wir sicher sind, auf dem richtigen Weg zu sein. In diesem Sinne ist „Sirāt“ ein harter Film - aber von einer notwendigen und konstruktiven Härte. Die Ereignisse zwingen die Figuren, Raum für Veränderung zu schaffen und zu wachsen. Am Tiefpunkt angekommen, werden sie gezwungen, sich mit sich selbst zu konfrontieren. Sie haben nichts mehr zu verlieren. Ihr Ego ist zerschmettert. Sie haben keine Angst mehr. Sie sind bereit, durchs Minenfeld zu gehen, bereit mit der Ewigkeit zu tanzen. Wir leben in einer zutiefst todesfeindlichen Gesellschaft, die den Tod aus ihrem Zentrum verbannt hat. Selbst die grundlegendsten Rituale, die uns helfen sollten, ihn zu erfahren und in unser Leben zu integrieren, wurden ausgelagert. Institutionen führen sie automatisch aus. Wie kann man in der heutigen Welt wieder eine Beziehung Zum Tod aufbauen? Wie die harten Lektionen annehmen, die er uns lehrt?
Ich glaube, das Kino ist ein geeigneter Ort, um diese Erfahrungen neu zu durchleben. „Sirāt“ soll uns erschüttern und nach innen blicken lassen. In „Sirāt“ sehen alle Figuren – vor allem Luis – dem Tod direkt in die Augen. Im Kino hat Abbas Kiarostami in seinem Film „Der Geschmack der Kirsche“ (1997) die Konfrontation mit dem Tod so meisterhaft inszeniert, dass er uns am Ende eine Ode an das Leben geschenkt hat. Diese Dialektik hat mich tief inspiriert…
„Sirāt“ ist ein Film über das Überleben. Inmitten des Schmerzes, im Herz dieser Reise in die Dunkelheit, bleibt die Menschlichkeit. Zerbrechliche Figuren, die sich ihrer Unzulänglichkeit bewusst sind, in einer Welt, die größer ist als sie selbst. Männer und Frauen, die sich nach anfänglichem Misstrauen umeinander kümmern – urteilsfrei, in einer Art stiller Gemeinschaft verwundeter Seelen. Eine Gemeinschaft der Versehrten.
Tief im Innern sind wir alle gebrochene Wesen. Aber die meisten von uns entwickeln Mechanismen, um diese Wunden zu verbergen. Das ist es, was ich an Ravern liebe: Sie zeigen ihre Brüche offen - ungefiltert. Auch für mich war dieser Film eine extreme Reise. Er hat mir erlaubt, mit meinen eigenen Wunden in Beziehung zu treten. Franz von Assisi (verstorben 1226) sagte: „Die Gnade findet man bei den Ausgestoßenen." Rumi (1207–1273) formulierte, dass gebrochene Herzen die schönsten seien, „denn das Licht tritt durch die Risse ein.“ Ich glaube das, was uns bei einem nicht professionellen Schauspieler berührt, ist seine Verletzlichkeit. Diese Energie ist kostbar- und ich erkenne mich darin wieder.
Luis’ Fall ist so tief, dass es einen Schauspieler brauchte, der große Meisterschaft mit großer Einfachheit und Menschlichkeit vereint. Sergi bringt all das mit. Er ist feinfühlig, großzügig mit dem ganzen Team, besonders mit den anderen Schauspielern und Schauspielerinnen, die nie zuvor vor einer Kamera gestanden haben.
Täglich wenn wir die Zeitung aufschlagen, packt uns eine Welle der Angst, die die eigene Welt latent zum Einsturz bringt. Was ist es dieses Mal? Das Ende der Welt, einer Ära oder Schlimmeres? Sind wir bereit? Ich möchte, dass mein Film dieses kollektive Gefühl, diese Dämmerungsstimmung, ausdrückt. Aber Achtung - in dieser Dämmerung steckt viel Licht. Die Welt zwingt uns, in uns hineinzublicken - wie die Figuren im Film. Das ist ein fundamentaler Akt. Eine innere Bewegung, die ich mit „Sirāt“ mitteilen möchte: ein Lichtstrahl, der aus der Dunkelheit hervorbricht.
Mein Film soll das Beste aus Genrekino und populären Kino vereinen, die Magie des Abenteuers verströmen, ohne dabei die sinnliche Dimension des Bildes zu verlieren. Ein Film, der ein Spektakel ist, zugleich eine Erfahrung, die dich erschüttert, dich tief berührt. Merkwürdigerweise ist es mein offenster und zugleich radikalster Film. Dieses Gleichgewicht zu finden, war schwierig. Der Film zerfällt im Laufe seiner Handlung. Filmbilder enthalten Feuer, und wenn sie auf der Leinwand erscheinen, können sie uns wie ein Blitz durchbohren. Aber die Töne entstehen im Inneren eines jeden Zuschauers: Es sind Teilchen, die ihre Körper bewohnen, Moleküle, die durch die Vibration der Musik aktiviert werden und zu tanzen beginnen.
Die Zusammenarbeit mit David Letellier alias Kangding Ray war ein entscheidender Schritt in meiner künstlerischen Arbeit. Noch nie hatte ich Gelegenheit, mich musikalisch so präzise auszudrücken. Mir schwebte eine Klangreise vor: von rohem, mentalem Techno zu einer puristischen, minimalistischen musikalischen Stimmung, die beinah etwas Übersinnliches an sich hat. Eine Reise zu jenem Ort, an dem sich der Klang auflöst.
Ich wollte, dass sich die Erzählung, jede mögliche Melodie, in eine reine Klangtextur auflöst. Dass das grobe Korn des 16mm-Filmbilds mit der Musik, ihrer Verzerrung, zu vibrieren beginnt. Wir wollten die klangliche Materialität des Bildes verstärken, bis zu dem Punkt, an dem man die Musik sehen und das Bild hören kann. Das Ergebnis ist eine Klanglandschaft in Symbiose mit den Orten. Die Wüste, ihre gespenstische Erscheinung und die Musik selbst werden zu Landschaften in unserem Bewusstsein."
Datenschutzhinweis
Diese Webseite verwendet YouTube Videos. Um hier das Video zu sehen, stimmen Sie bitte zu, dass diese vom YouTube-Server geladen wird. Ggf. werden hierbei auch personenbezogene Daten an YouTube übermittelt. Weitere Informationen finden sie HIERSirāt
Regie: Óliver Laxe
Drehbuch: Santiago Fillol, Óliver Laxe
Darsteller Sergi López, Bruno Núñez, Stefania Gadda, Joshua L. Henderson, Tonin Janvier, Jade Oukid, Richard Ballamy
Produktionsland: Frankreich, Spanien, 2025
Länge: 120 Minuten
Kinostart: 14. August 2025
Verleih: Pandora Film Medien GmbH
Hinweis: Die Lebensdaten und Zeitangaben wurden von der Redaktion eingefügt.

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)
Kommentare powered by CComment