„Haiku on a Plum Tree“ (2016/2018) entführt die Zuschauer auf eine fiktionale Reise nach Japan. Die beiden italo-amerikanischen Drehbuchautorinnen Mujah Maraini-Melehi und Deborah Belford de Furia widmen sich in diesem Biopic mit dem malerischen Titel der kosmopolitischen Familiengeschichte rund um die bekannteste lebende italienische Gegenwartsautorin Dacia Maraini, deren Werke auch in zahlreichen Übersetzungen ins Deutsche vorliegen, aus ganz eigener Perspektive.
Zugleich entwirft dieser Arthouse-Film eine stilistisch bemerkenswerte künstlerische Handschrift mit weiblicher Konnotation.
Im Rahmen der zum fünften Mal ausgetragenen US-amerikanischen Internationalen Konferenz über Kino und Medien in Italien (Fifth International Conference of the Journal of Italian Cinema & Media Studies) lief er gerade erst wieder in Rom anlässlich seines zehnjährigen Jubiläums seit der – ursprünglich 2016 ebenfalls in Italiens Hauptstadt stattgefundenen – Premiere. Vor einem nachhaltig beeindruckten Fachpublikum auf dem US-amerikanischen Campus der American University of Rome (AUR) wurde er mit aktiver Beteiligung der Drehbuchautorinnen Mujah Maraini-Melehi und Deborah Belford de Furia vorgeführt und anschließend diskutiert.
Das Besondere: Zwischen den italienisch-japanisch-anglophonen Kultur- und Sprachräumen angesiedelt, kombiniert er dem japanischen sogenannten „Dogugaeshi“-Theater – eine traditionelle japanische Bühnen- und Puppenspieltechnik – entlehnte Stilelemente mit reisedokumentarischen Szenen, subtilen matriarchalen Genealogien sowie in erster Person erzählten Spielfilmebenen.
Topazia Alliata mit ihren drei Töchtern, Dacia, Yuki und Toni, 1945, unmittelbar nach Kriegsende, in Nagoya, Japan. Die Großmutter der Regisseurin Mujah Maraini-Melehi war die einzige Frau und ihre Töchter die einzigen Kinder, die im japanischen Gefangenenlager festgehalten wurden. Foto: Fosco Maraini. © Fondo Fosco Maraini. Lizenz: CC BY-SA 2.5
Die „Geschichte"
Doch zunächst lohnt sich – aus weltgeschichtlicher, aber insbesondere auch aus deutscher Sicht – ein näherer Blick auf die Handlung. Dieser Film rückt nämlich – gerade aufgrund der augenscheinlich nur hintergründig relevanten, kulissenhaft mit abwechselnden, sanften Frauenstimmen berichteten Beteiligung der deutschen oder italienischen Seite – weitreichende transkulturelle Auswirkungen eines jeden Kriegs wie aus der Ferne durch den ästhetischen Filter einer spezifischen Familiengeschichte nicht nur ikonographisch aus ungewohnter Optik ins Bild. Vielmehr nähert er sich dem Zuschauer von der ersten Spielminute an auch emotional, indem er dessen Gefühlsleben für Spuren im menschlichen Miteinander zu Zeiten globaler Kriegsführung sensibilisiert.
1938 reisten der italienische Anthropologe Fosco Maraini (1912–2004) – der heute als ein renommierter Ethnologe und Orientalist gilt – und seine kunstinteressierte Frau Topazia Alliata (1913–2015) nach Japan und ließen ein vom Faschismus unterdrücktes Italien zurück, das für das junge, lebensfrohe und unkonventionelle Paar unerträglich geworden war. Es folgte eine Zeit angenehmer familiärer Ruhe und Stabilität, in der die jungen Eltern – erst einer kleinen Tochter, dann zweier weiterer in Japan geborener Mädchen – neue Sitten und Gebräuche in Japan entdeckten. Doch Krieg und Leid drohten.
Nachdem am 8. September 1943 Italien einen Waffenstillstand mit den Alliierten verkündet hatte, der König den „Duce“ Benito Mussolini (1883–1945) absetzte, deutsche Truppen Italien bis Neapel besetzten und Mussolini zum Führer der vom Deutschen Reich abhängigen und unter dessen militärischer Protektion stehenden Repubblica Sociale Italiana (der sog. Repubblica di Salò) ernannt hatten, lehnten es sowohl Fosco als auch Topazia als Antifaschisten und Auslandsitaliener in Japan unabhängig voneinander ab, die Rechtmäßigkeit des von Mussolini in Norditalien errichteten faschistischen Marionettenstaats zu unterschreiben. Das durch die Achse Rom-Berlin-Tokio mit Italien und dem Deutschen Reich verbündete japanische Regime deportierte daraufhin das junge Ehepaar mit seinen drei Töchtern, Dacia, Yuki und Toni, in ein Gefangenenlager in Nagoya, wo sie die einzigen Kinder und – mit ihrer Mutter – auch einzigen weiblichen Gefangenen waren. Die Familie durchlebte schwere Monate, bevor sie im August 1945 befreit wurde: Erbarmungslose Härte, Todesängste, Kälte, Hunger, Not und Demütigungen prägten ihren Alltag.

Topazia Alliatas Kriegstagebuch 1943–44. © Haiku Films
Im dritten Jahrtausend begibt sich Toni Marainis Tochter Mujah Maraini-Melehi auf Spurensuche nach Japan, um die tiefsitzenden Erinnerungen an die Gefangenschaft und Internierungserfahrung ihrer Großeltern- und Elterngeneration nachzuempfinden und zu verarbeiten. Die Besichtigung der Erinnerungsorte ihrer Familienangehörigen verwandelt Maraini-Melehi in eine außergewöhnlich bildstarke und künstlerisch anspruchsvolle Filmsprache, um deren Ergebnisse für sich festzuhalten und gleichzeitig mit der Nachwelt teilen zu können. Dadurch, dass die Regisseurin den Zuschauer Zeuge ihrer Reise werden lässt, berührt ihn der Film auf eine ganz direkte, spontane Art. Zehn Jahre nach der englischsprachigen Originalfassung von 2016, der 2018 die italienischsprachige Fassung folgte (italienischer Titel: Haiku sull’albero del prugno), haben dieses mit wunderschönen Synergien von musikalischen, visuellen und Voice-over-Effekten arbeitende zwischen Dokumentar- und Arthouse-Genre anzusiedelnde Filmwerk sowie dessen ebenso raffiniert wie aufwändig gestalteten – mal theatralischen, mal realen, mal westlich, mal fernöstlich anmutenden – Aufnahmen angesichts der aktuell herrschenden Kriegs- und Krisenlage (etwa in der Ukraine und Russland, im Iran, in Israel und Nahost) – leider – nichts von ihrer Aktualität eingebüßt.
Film und Literatur
Dass es sich bei Haiku on a Plum Tree – ähnlich wie im ebenfalls während des Kongresses an der AUR in Rom präsentierten Dokumentarfilm Das Handwerk des Lebens (Il mestiere di vivere, 2024) der italienischen Regisseurin Giovanna Gagliardo oder in Emanuela Piovanos rezenten Spielfilm Finale allegro (2026) – um einen authentischen, subkulturell durchzogenen, veritablen Autorinnenfilm neuer Prägung handeln könnte, dafür liefert Mujah Maraini-Melehis feinsinnige, ebenso vielschichtige und technisch abwechslungsreiche wie perspektivenreiche, transkulturell offene filmische Erzählung durchaus auffällige Eckdaten. Trotz des autobiographischen Hintergrunds und der narrativen Ich-Perspektive geht es in dem Film zuvorderst um künstlerische Ansprüche und ganz offensichtlich um keine vermeintliche Bedienung des „Publikumsgeschmacks“ oder Aspiration auf einen Blockbuster.
Vielmehr ist Haiku on a Plum Tree spürbar – wie auch die Filme von Gagliardo und Piovano – auf dem Humus literarischer Vorlagen entstanden und vermittelt dem Publikum eine explizite Nähe zu narrativen Komponenten, die am erzählenden Sprechakt und an dessen kreativer Fixierung orientiert sind. Im Fall von Maraini-Melehi beruhen diese vor allem auf den Publikationen ihrer 1941 in Tokio geborenen Mutter, Toni Maraini, die 2003 ein Buch mit den Tagebucheinträgen und Erinnerungen ihrer Mutter Topazia an deren Gefangenschaft in Japan, an die danach im Rom der 1950er-Jahre von Topazia gegründete Kunstgalerie sowie an ihre italienischen Künstlerfreunde verfasst hat (Ricordi d’arte e prigionia di Topazia Alliata). Ihm folgte 2022 ein – freilich erst nach Haiku on a Plum Tree erschienener – weiterer Band von Toni Maraini über Maraini-Melehis Großmutter Topazia (Topazia Alliata. Una galleria d’arte con vista sul mondo). Zuvor hatte Toni Maraini außerdem zwei Bände über ihre Beziehung zu ihrem Vater, dem bereits zu Lebzeiten in Italien namhaften Forscher, Fotografen und Autor Fosco Maraini, veröffentlicht (La lettera da Benares, 2007; Da Ricòrboli alla luna. Brevi saggi sulla vita di Fosco Maraini, 2012).

Mujah Maraini-Melehi während der Dreharbeiten zu ihrem Filmdebüt Haiku on a Plum Tree auf dem Set in Japan. Foto: © Haiku Film
International bekannter als die Autorin, Übersetzerin und Expertin maghrebinischer Literatur Toni Maraini ist im literarischen Zusammenhang Maraini-Melehis Tante und Tonis ältere Schwester, Dacia Maraini, die als die weltweit meistübersetzte zeitgenössische Schriftstellerin Italiens gilt und regelmäßig als prominente Kandidatin für den Literaturnobelpreis gehandelt wird. Mit Bagheria. Eine Kindheit auf Sizilien (1993; dt. 1994), Ein Schiff nach Kobe. Das japanische Tagebuch meiner Mutter (2001; dt. 2001) und, neuestens, Ein halber Löffel Reis. Eine Kindheit im Internierungslager (2023; dt. 2025) hat die in Fiesole bei Florenz 1936 geborene Dacia Maraini drei autobiographische Romane vorgelegt, die Mujah Maraini-Melehi in ihrer Arbeit nicht unberührt gelassen haben.
Sowohl Mujahs Großmutter Topazia, als auch Mujahs Mutter Toni, als auch ihre Tante Dacia treten als Zeitzeuginnen in Haiku on a Plum Tree gleichberechtigt – jede für sich, live und in Farbe – nebeneinander auf. Zudem hat Dacia Maraini selbst ausgiebige Filmerfahrung: als Drehbuchautorin unter anderem an der Seite von Margarethe von Trotta, Pier Paolo Pasolini oder Alberto Moravia, aber auch als sich selbstspielende Hauptperson in Filmen über ihr Leben und Wirken, darunter – außer in Haiku on a Plum Tree – auch in einem Biopic davor (I Was Born Traveling, Regie von Irish Braschi, 2013) und bereits einem weiteren danach (Dacia, Vita Mia – Dialoghi Giapponesi, Regie von Izumi Chiaraluce, 2025).

Interviewszene aus Haiku on a Plum Tree mit der Schriftstellerin Dacia Maraini (mittig), der ebenfalls im Licht stehenden Co-Drehbuchautorin Deborah Belford de Furia (links) und der Kamerafrau Maura Morales Bergmann (rechts). Foto: ©️ Haiku Film
Transkulturelles Kino
Mujah Maraini-Melehis Weltoffenheit zeigt sich allein schon an ihrer Zusammenarbeit mit so außerordentlichen Künstlern wie dem polyedrischen, filmaffinen japanischen Komponisten, Pianisten, Produzenten und Schauspieler Ryūichi Sakamoto (1952–2023) – der 1988 den Oscar für die „Beste Filmmusik“ vom Film Der letzte Kaiser (1987) von Bernardo Bertolucci (1941–2018) gewonnen hat – oder auch wie dem New Yorker Puppenspieler und 2015 mit dem MacArthur-Genius Award ausgezeichneten Künstler Basil Twist (geb. 1969). Er hat für Haiku on a Plum Tree die vom japanischen Dogugaeshi-Schattentheater des 17. Jahrhunderts inspirierten Bühnenbilder sowie die im Film gezeigten Marionettenfiguren beigesteuert. Seine Dogugaeshi-Theaterkulissen transportierte Twist für den Film Haiku on a Plum Tree aus der Schweiz nach Rom, wo sämtliche Filmaufnahmen, die diese traditionelle Schachteltechnik als Bühnenbild zeigen, unter der Regie von Mujah Maraini-Melehi abgedreht wurden, bevor der Künstler mit ihnen zur nächsten Theateraufführung nach San Francisco weiterreiste.
Der hier betriebene Aufwand aller Beteiligten verrät, wie viel Wert die Regisseurin darauf gelegt hat, ihre italienische Familiengeschichte durch Rückgriff auf zugleich innovative und traditionelle japanische Kunst- und Kulturtechniken neu zu erzählen. Maraini-Melehis eigene aus der Ich-Perspektive von ihr zum Film gesprochenen Worte, denen zufolge sich darin „Dokumentarfilm, Puppentheater und Familiengeschichte“ miteinander „mischen“, deuten nicht nur auf eine innovative Qualität eines möglichen „Autorinnenfilms“, sondern auch auf das Etikett eines „Transkulturellen Kinos“ hin. Letzterer Begriff wurde bezeichnenderweise von dem australisch-amerikanischen Dokumentarfilmer, visuellen Anthropologen und Begründer des ethnographischen Films (Ethnographic Cinema) – David MacDougall (geb. 1939) – 1998 durch die Publikation seines Buches mit dem Titel Transcultural Cinema geprägt. Darin beschreibt der durch seine z.T. preisgekrönten Aufnahmen in Afrika, Australien, Europa und Indien in Fachkreisen bekanntgewordene Filmemacher, in welchen Kontexten „Transkulturelles Kino“ Filme bezeichnet, die nationale Grenzen überschreiten, um einen gemeinsamen kulturellen Raum zu schaffen, und dabei verdeutlichen, wie sich Kulturen vermischen, gegenseitig beeinflussen und durch globalen Austausch wandeln.
In Verbindung mit Maraini-Melehis Zusammenarbeit mit Basil Twist trägt im Film Ryūichi Sakamotos musikalische Untermalung von Haiku on a Plum Tree signifikant dazu bei, das über zwei Generationen „vererbte“ Kriegstrauma sowohl der Filmprotagonistin als auch der Regisseurin und Privatperson Maraini-Melehi selbst im poetischen, titelgebenden Bild eines „Haikus auf einem Pflaumenbaum“ zu verdichten und zu visualisieren. Die synergetische Formel, die sie für das Zusammenspiel von persönlicher Familiengeschichte und der japanischen Kunstform des Dogugaeshi – die mit einem raschen Wechsel der Wände in schneller Folge spielt – sowie für die Interaktionen von der westlichen Perspektive der Sinnsuchenden und dem östlich klingenden Filmsoundtrack findet, ist einzigartig. Ebenso erwähnenswert ist der Erfolg ihres Crowdfundings, mit dem sie eine Graswurzelproduktion für Haiku on a Plum Tree ins Leben rief, ermöglicht durch einen Internetaufruf und eine erfolgreiche Crowdfunding-Kampagne auf der Internet-Plattform Kickstarter, die innerhalb eines Monats fast 60.000 US-Dollar einbrachte. So kam durch 193 Unterstützer aus acht Ländern, viele davon aus den USA – neben einer staatlichen Förderung durch das italienische Kulturministerium und der Unterstützung seitens des Italienischen Kulturinstituts in Tokio vor Ort – die Entstehung des Films auf proaktive Weise zustande. Gleichzeitig markiert dessen offizielle Uraufführung auf dem römischen Filmfestival Festa del Cinema di Roma 2016 nicht nur Mujah Maraini-Melehis Regiedebüt, sondern auch ihre Rückkehr aus den USA nach Italien.
Die Aufarbeitung einer verschütteten Vergangenheit
Einem weiblichen Arpenteur (französisch für „Topograf“, „Vermesser“) gleich, nähert sich nicht nur der Zuschauer, sondern auch die Regisseurin Maraini-Melehi im Film ihrer eigenen Geschichte an. Diesen Begriff einer „Topographin“, „Landvermesserin“ oder eben – weiblich deklinierten – Arpenteuse führten 2013 zwei französische Journalisten erstmals in einem richtungsweisenden Fernsehbeitrag ein, um jene Menschen zu bezeichnen, die ihre Freizeit und/oder ihren Urlaub der Spurensuche nach ihren Vorfahren widmen, um zu den wichtigsten Orten ihrer Familiengeschichte zurückzukehren, die von traumatischen Brüchen geprägt ist. Der Ausdruck Arpenteur wurde daraufhin zunächst für den „Erinnerungstourismus“ verwendet, der Nachkommen von Holocaust-Opfern an die Orte zurückführte, an denen ihre Verwandten vor der Deportation gelebt hatten. Später wurde der Begriff auf Nachkommen von Pieds-noir-Familien ausgeweitet, die Nordafrika besuchten, um die Orte ihrer Vorfahren wiederzuentdecken, und schließlich auf alle Kinder von Migranten, die die Geschichte ihrer Eltern oder Großeltern nachempfinden möchten. Genau diese Art der „Reise“ oder „Suche“ unternimmt auch Maraini-Melehi: Als Tochter von Toni sowie Enkelin von Fosco und der von ihr bewunderten Großmutter Topazia begibt sie sich nach Japan, um den Erlebnissen ihrer Familie während des Zweiten Weltkriegs nachzuspüren, und verwandelt die Erinnerung dabei in einen zutiefst persönlichen Akt der Reflexion, des Erzählens und der Weitergabe.
In ihrem in Tokio, Nagoya, Rom, Florenz und Bagheria (auf Sizilien) gedrehten 74-Minüter verschmelzen die Kamerafahrten und dabei erzählten Worte mit der Musik und dem Bühnenbild in der Vorstellungswelt des Zuschauers zu einer einprägsamen Ahnung, wenn nicht zu einem tiefgreifenden Verständnis dessen, was individuelle und kollektive (Kriegs-) Traumen in uns bewirken und in unserem Inneren – über Generationen hinweg – hinterlassen. Die Wahl einzelner Faktoren und der Einsatz kongenialer Techniken lassen den Erzählstrang vor dem inneren und äußeren Auge des Publikums zu einem multiperspektivischen Prisma werden, das uns auf suggestive Art vermittelt, wie man das Leben, die Welt und die Weltgeschichte durch Standort- und Standpunktänderungen auch kaleidoskopisch, d.h. immer wieder „anders“ betrachten kann.
Bis zu ihrem Tod im November 2015 im Alter von 102 Jahren – kurz nach Drehschluss – hat Maraini-Melehis Großmutter Topazia Alliata, so heißt es im Film, ihre Entscheidung, den Treueschwur auf Mussolini nicht abzulegen und damit die Verbundenheit von Deutschland, Italien und Japan im Dreimächtepakt vom September 1940 nicht zu unterstützen, nicht nur nie bereut, sondern war darauf ausdrücklich stolz.

Der „Dreimächtepakt“. Reihenfolge der Unterschriften: Kurusu Saburō, Joachim von Ribbentrop, Galeazzo Ciano. (japan. Ausgabe). Quelle: Archiv des Außenministeriums des Kaiserreichs Japan. Lizenz: CC BY-SA 3.0
Vom „Autoren“ zum „Autorinnenfilm“
Angesichts der von Fosco Maraini – Topazias ehemaligem Ehemann – mehrfach geäußerten Einsicht, dass es unter Menschen so etwas wie eine „Rasse“ – respektive „Rassenunterschiede“ – gar nicht gibt, sondern nur den „homo sapiens“ als Spezies, galt das auch für die analoge, folgenreiche Haltung von Mujahs Großvater. Das Leben der Großeltern- und Elterngeneration der Regisseurin – wobei die Angehörigen der zuletzt genannten zu Kriegszeiten unschuldige Kinder, sogenannte „Kriegskinder“, waren – hat alle Familienmitglieder transgenerational gezeichnet, doch Freiheit ist, wie Topazia jenseits ihrer Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg am Filmende resümiert, ein unverzichtbares, existenzielles Lebenselixier. Hinter ihrem knappen Schlusskommentar verbirgt sich, so suggeriert es die gesamte Machart des Films, ein nachdrückliches Beispiel von Zivilcourage und ein starkes Vorbild intellektueller Würde, Integrität und Souveränität. Doch erst ihrer Enkelin gelingt es, die Erzählung dieses wertvollen historischen Zeugnisses so bildmächtig, intensiv und empfindsam in Szene zu setzen, dass dabei auch die außergewöhnliche transkulturelle Geschichte der Familie Maraini aus der Perspektive der nachrückenden Generation ebenso bewegend wie aufwühlend auf der Leinwand durchscheint – ja, ihr regelrecht ein neues Leben einhaucht.
Transgenerational spielt die Geschlechterfrage zwar nur eine untergeordnete Rolle, aber durch den Blick, den Mujah Maraini-Melehi auf die für sie zu klärenden traumatischen Ereignisse wirft, stellt sie sich heute für sie nicht nur als „Mutter“, wie sie im Film darlegt, sondern auch als nach künstlerischen Anknüpfungspunkten suchende Regisseurin durchaus. Inwieweit sich allerdings die Frage bejahen lässt, ob sich der italienische Autorinnenfilm als noch auszurufender Film delle autrici den seit den 1960er- und 1970er-Jahren bekannten Film d’auteur (kurz: Auteur) als Inbegriff für unabhängiges Filmschaffen, bei dem die kreative Vision des Filmemachers im Vordergrund steht – statt eines rein kommerziellen Interesses – durchsetzen kann, wird sich wohl eher vor und hinter der Kamera als auf dem Papier entscheiden.
Doch in Stein gemeißelt ist auch das nicht: Eine solche neue Strömung könnte sich schon auf schriftlichem Weg Bahn brechen, sobald nur eine – vielleicht italienische oder europäische? – Regisseurin sich dafür entscheidet, intellektuell in die Fußstapfen von François Truffaut (1932–1984) zu treten. Dieser hatte nämlich die Politique des Auteurs (deutsch wörtlich: „Politik der Autoren“) in den 1950er Jahren in der französischen Fachzeitschrift Cahier du cinéma ausgerufen, um die Idee in die Welt zu setzen, dass „der“ Regisseur (wie etwa im Fall von Alfred Hitchcocks unverkennbarer Handschrift) der wahre „Autor“ – wohlgemerkt Auteur, nicht Autrice – eines Films sei. Mujah Maraini-Melehi ist in dieser Hinsicht nicht nur die aufgeschlossene, kollaboratives Arbeiten bevorzugende uneingeschränkte „Autorin“ ihres Films Haiku on a Plum Tree. Vielmehr ist sie durch ihn auch deutlich sichtbar zur selbstermächtigten Akteurin, Gestalterin und “Regisseurin“ ihres eigenen Lebens und Werdegangs geworden.
Haiku on a Plum Tree
Regie: Mujah Maraini-Melehi
Skript: Mujah Maraini-Melehi, Deborah Belford de Furia | Kamera: Maura Morales Bergmann | Schnitt: Letizia Caudullo
Mitwirkende: Topazia Alliata, Fosco Maraini, Toni Maraini, Dacia Maraini, Mujah Maraini-Melehi, Keiko Kano, Norio Kumamoto
Puppenspieltheater: Basil Twist | Musik (Shamisen): Yumiko Tanaka
Produktion: Haiku Film, Interlinea Films
Italien 2016
- Weitere Informationen (Haiku on a Plum Tree, engl.)
- Videoarbeit des Künstlers und Marionettenspielers Basil Twist (mit eigener Videoarbeit in Japan und weiteren Informationen zu seiner Kooperation mit Mujah Maraini-Melehi.
Die Autorinnen
Mujah Maraini-Melehi (Regie, Produktion, Drehbuch)
Aufgewachsen in Marokko, Italien und den USA, absolvierte Mujah ein Literaturstudium am Sarah Lawrence College in New York mit den Schwerpunkten Theater bei Shirley Kaplan und Filmkritik bei Gilberto Perez. Sie studierte Film an der Boston University, Schauspiel an der Royal Academy of Dramatic Arts in London, am Actors Studio in New York sowie privat bei John Strasberg und Allen Savage.
Sie trat am Teatro La Mama in New York unter der Regie von Ellen Stewart auf. Sie arbeitete weiterhin im Theater und Fernsehen in den Vereinigten Staaten, wo sie über zwanzig Jahre lebte.
Der Dokumentarfilm „Haiku on a Plum Tree“ markierte ihr Regiedebüt und ihre Rückkehr nach Italien.
Deborah Belford de Furia (Drehbuchautorin – Künstlerische Produzentin)
Die in New York geborene und aufgewachsene Deborah schloss ihr Literaturstudium an der Brown University ab. Sie arbeitete als Bühnenschauspielerin in den Vereinigten Staaten, bevor sie nach Rom zog, wo sie am Centro Sperimentale di Cinematografia einen Abschluss in Drehbuchschreiben erwarb.
Sie absolvierte eine Ausbildung zur Assistentin der amerikanischen Story Editors Dara Marks und Linda Seger und war über sechzehn Jahre als Story Editorin und Beraterin für Medusa Film tätig. Sie arbeitet außerdem mit RAI und Mediaset, zahlreichen unabhängigen Produzenten in Italien und den Vereinigten Staaten sowie aufstrebenden und etablierten Regisseuren und Autoren zusammen, darunter Marco Bellocchio.
Derzeit ist sie als Drehbuchautorin, Drehbuchberaterin, Ghostwriterin und Übersetzerin tätig.
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Geschrieben von: Dagmar Reichardt - Dienstag, 23. Juni 2026

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